Seit zehn Minuten kreise ich mit meinem mintgrünen Ford Mustang auf den Parkdeck und finde keine Lücke. Es ist elf Uhr und die Sonne brennt mir unbarmherzig ins Gesicht. Warum müssen diese verd...... Studenten schon so früh im Institut sein?! Wenn ich dann komme, ist natürlich nicht mal mehr Platz für eine motorisierte Sardinenbüchse, geschweige denn mein mintgrünes Schlachtschiff!
Ich stelle mich ins absolute Halteverbot, haue den Warnblinker rein und renne hinauf in mein Büro. Rasch hacke ich einen Broadcast in meinen Rechner:
'An alle Labs!
Das CS Department hat sich entschlossen, seine veralteten DEC Alpha Maschinen zu erneuern. Ausrangierte DEC Alphas werden derzeit für eine 'flat rate' von $ 199 am Ausgang B7 von CS Gebäude abgegeben.
Nur an Studenten mit gültigem CS Ausweis und Photo ID. First come, first serve!'
Dann warte ich eine Minute und sende folgendes hinterher:
'Die vorherige Meldung bezog sich auf die University of Washawonga in Montana, NICHT auf die University of Berkeley!'
Als ich wieder aufs Parkdeck hinunterkomme, ist es praktisch leer.
Einige Nachzügler rasen gerade mit kreischenden Reifen die Exit- Rampe hinunter.
Endlich himmlische Ruhe! Ich verbringe einige glückliche Minuten mit der Home-Page des Instituts. Ein kleines Java-Script im Header fordert alle paar Sekunden ein paar Kilobyte Speicher an - ohne sie wieder freizugeben. Jeder Browser, der auf unseren Seiten herumlungert, wird mit der Zeit immer grösser, bis er schliesslich (hoffentlich) den Rechner des Users zum Abstürzen bringt. Eine todsichere Methode, um eine Überlastung unseres Servers von vorne herein auszuschliessen!
Dann wird die Idylle vom Telefon unterbrochen. An der Caller-ID sehe ich, dass es die Chefin ist.
"Hallo?"
"Leisch!" weht es eiskalt aus der Hörmuschel, und ich schalte lieber den Lautsprecher ein und lege den Hörer möglichst weit weg. Einmal hatte ich nach einem zehnminütigen Telefongespräch mit der Chefin drei Tage Ohrenreissen. "Leisch, wissen Sie, wo die ganzen Studenten stecken?"
"In Washawonga", antworte ich wahrheitsgemäss.
"Machen Sie keine Witze!" faucht Prof. Icewater. Ich beobachte fasziniert, wie sich auf den Plastikrippen der Lautsprecherabdeckung grosse, blaue Eiskristalle bilden. "Wieso ist kein Mensch im Gebäude? Auch die Mitarbeiter sind alle verschwunden..."
"Verzeihung", sage ich und mime baffes Erstaunen, "ich dachte, Sie machten nur einen Scherz. Haben Sie denn die Erdbebenwarnung vorhin nicht mitbekommen? Innerhalb der nächsten drei Stunden, Stärke 6 plus auf der 'Hayward Fold', alle öffentlichen Gebäude müssen evakuiert werden."
Die Chefin braucht nur zweieinhalb Sekunden, um zielsicher die Schwachstelle in meiner Aussage aufzuspüren. Deshalb ist sie ja schliesslich auch die Chefin und nicht die Aushilfe in der Cafeteria, nicht wahr?
(Disclaimer: Die vorangegangene Aussage ist in keiner Weise, weder indirekt noch intentional, in der Weise zu interpretieren, dass weibliche Cafeteria-Aushilfskräfte in irgendeiner nur denklichen oder annehmbaren Disposition als minderwertiger oder sonstwie benachteiligt gegenüber weiblichen Hochschulprofessoren anzusehen sind. Ende des Disclaimers.)
"Wie kommt es dann, dass SIE noch in Ihrem Büro sind?" Ein kleiner glitzernder Eiszapfen beginnt an der Telefonleitung zu spriessen.
Ich sage:
"Ich habe meinen Anschluss auf mein Handy umgeleitet, damit wenigstens einer im Institut erreichbar bleibt.... Ich will Sie ja nicht drängen, aber ich glaube, Sie sollten jetzt wirklich..."
"Ok", faucht Prof. Icewater und hängt auf. Wenige Sekunden später höre ich ihre eisklirrenden Schritte im Treppenhaus.
Die Sache beginnt mir Spass zu machen. Ich schaue nach, ob noch ein paar Workstations aktiv sind, und schicke einen entsprechenden Broadcast auf die Konsolen. Mehr oder weniger das gleiche, was ich der Chefin verklickert hatte. Dann gehe ich ins Labor hinüber und lasse ein paar Kartons mit altem Rechnerschrott vom Tisch fallen. Das alte Pappe- und Sperrholz-Gebäude zittert. Ein paar Minuten später ist es absolut still im Gebäude.
Ich bastele in aller Ruhe noch eine kleine Random-Funktion in die Home-Page, die alle paar Minuten ein kryptisches Java-Script-Alert auslöst. Es behauptet mehr oder weniger deutlich, dass der jeweilige Net-Browser des Users eine Ansammlung von verfucktem Spaghetti- Code sei und er besser diesen heiligen Server verlassen solle.
Zufrieden mit dem Ergebnis aktiviere ich meine Voice-Clock.
"Ahhh quahhhrtahhh to twelffff ahhhh", stöhnt es lustvoll aus den Lautsprechern. Naja, vielleicht ein bisschen zuviel Schlafzimmer-Effekt dabei! Muss das bei Gelegenheit mal korrigieren. Aber jetzt ist Lunch- Time; und ich werde doch nicht meine wertvolle Mittagspause mit ernsthafter Arbeit vergeuden!
Die Pförtnerloge im Erdgeschoss ist so leer wie eine Autobahn während einem Fussball-Länderspiel. Vielleicht braucht unser Pförtner auch eine DEC Alpha? Ich gehe hinaus auf die Strasse. Kein Schwein weit und breit, keine blökenden Autos, die sich an den Ampeln drängeln, keine qualmenden Busse, nicht mal die Penner liegen an ihren üblichen Plätzen und gröhlen. Ich gehe hinüber zu meiner angestammten Sandwich-Bude. 'Der Umstände halber geschlossen' steht hastig hingekritzelt auf einem Zettel hinter der Scheibe. Ich will gerade weiter zu 'Blondie's Pizza' gehen, als hinter mir mit quietschenden Reifen ein schwarzweisser Polizeiwagen hält. Der Cop kurbelt hastig das Fenster herunter:
"Was machen Sie hier?!" fragt er unfreundlich.
Von den Cops bin ich hier ja schon einiges gewöhnt; also wundere ich mich weiter. Einmal hat mich einer auf offener Strasse angehalten und gefragt, wo ich meinen Pullover gekauft hätte und ob ich noch den Kaufbeleg vorweisen könne. Man kann den Cops erzählen, was man will, aber niemals plötzliche Bewegungen machen. Sonst hat man schneller die Pfoten in Eisen, als man 'Piep' sagen kann.
Ich erkläre also ganz ruhig, dass ich auf der Suche nach einem kleinen, bescheidenen Sandwich sei, dass ich durchaus in der Lage und willens sei, eben dieses Sandwich auch zu bezahlen und ob er meine Social Security Card, meine Driver Licence, meine Mitgliedskarte im 'Platinum Gym' oder vielleicht meinen Passport sehen möchte.
Der Cop starrt mich ungläubig an:
"Mann, haben Sie nicht mitbekommen, dass die Stadt evakuiert wurde! Mann, schauen sie, dass Sie Ihren Arsch hier herausbekommen, sonst nehme ich Sie hopp wegen Nicht-Befolgung öffentlicher Anordnungen im Katastrophenfall!"
Ich blinzele zweimal, bevor ich kapiere. Dann versichere ich, dass ich schon auf den Weg sei, und er düst um die nächste Strassenecke.
Ich schleiche zurück ins Büro und lösche sicherheitshalber sämtliche Netzwerk-Logs. Dann fahre ich mit meinem Mustang nach Hause.
Wer bin ich, dass ich Anordnungen der Polizei in Frage stellen würde?
© Copyright Florian Schiel 1997