WARNUNGWARNUNGWARNUNGWARNUNGWARNUNGWARNUNG Der folgende Text ist NICHT geeignet für Tierfreunde, Besitzer von realen und virtuellen Tieren jeglicher Gattung, Mitglieder von Tierschutzvereinen etc., etc. pp. Sollten Sie einer der oben genannten demographischen Gruppen angehören, drücken Sie JETZT die Löschtaste an Ihrem Mail-Programm.
Es ist zehn Uhr und das Telefon klingelt.
Daraus kann man folgendes schlussfolgern:
1. Ein Student oder Mitarbeiter will mir sein Problem aufhalsen (nur zum Plaudern - mit Ausnahme von Ginger - ruft mich niemand freiwillig an!).
2. Es ist Montag morgen (das ist eine statistische Inferenz: Rechnerprobleme treten gehäuft am Montag morgen auf!)
3. Es muss ein verzweifelter Mensch sein, der da anruft (jemand anderes würde a) nicht annehmen, dass ich schon so früh im Büro bin, und b) nicht wagen, mich so früh zu stören!).
Alles schön und gut. Die Sache hat nur einen kleinen Haken: nachdem ich nun das alles messerscharf herausgefunden habe, möchte ich natürlich zu gerne wissen, ob ich auch richtig liege. Dazu müsste ich aber abheben, und das wiederum wäre absolut gegen meine Gewohnheiten.
Nach kurzem Zaudern lege ich meine Lektüre, 'Applied Logic for SysOps', zur Seite und hebe ab.
"Hallo."
Die weibliche Stimme am anderen Ende klingt gehetzt und abgespannt, aber nicht uninteressant. Generell habe ich Frauenstimmen lieber ausser Atem, als kurz vor dem Einschlafen.
"Ist dort jemand von der Systemverwaltung. Ich hab' ein Riesenproblem mit Walter, und wenn ich nicht ganz schnell Hilfe bekomme, gibt es eine Katastrophe..."
Das ist nicht gerade das, was man an einem ruhigen Montagmorgen hören möchte, denke ich und laut sage ich, dass sie doch bitte bei der Partnerschaftsberatung im dritten Stock anrufen solle.
"Nein, nein", sagt sie, "es ist nämlich so: ich habe heute ein brandwichtiges Vorstellungsgespräch..."
Aha, denke ich, und jetzt ist ihr CV plötzlich nicht mehr im Rechner. Komisch, ich kann mich gar nicht erinnern, gestern was gelöscht zu haben!
"... und ich kann Walter unmöglich einfach mitnehmen. Andererseits ist er gerade in einer sehr kritischen Phase. Er hat heute morgen erste Ansätze zu einem Schwanz gezeigt."
Meine schläfrigen Neuronen brauchen ein paar Sekunden um das zu verdauen:
"Hab' ich das richtig verstanden: Walter - wer immer das ist - zeigt seit heute morgen erste Ansätze zu einem... Schwanz? Das heisst also, bis gestern war er quasi noch schwanzlos?"
"Walter ist mein Tamagotchi", fügt sie erläuternd hinzu.
Das erklärt einiges! Ein Tamagotchi ist - wie jedes Kind heutzutage weiss - ein virtuelles Haustier. Es besteht im Wesentlichen aus einem eiförmigen Plastikgehäuse mit einem LCD-Display, ein paar Chips und ein paar Knöpfen. Auf dem Display sieht man das Geschöpf (was immer es ist; die Bandbreite reicht vom Küken zum Tyrannosaurus Rex) herumhüpfen und mit Hilfe der Knöpfe kann man es füttern, tränken, streicheln, erziehen, mit ihm Spielen, sein Gewicht, Alter und Körpertemperatur abfragen, etc. etc. Es entspringt gewöhnlich einem Ei, wächst ziemlich rasch heran und entwickelt mit der Zeit je nach Pflege verschiedene distinktive Extremitäten wie Beine, Schwanz, Flügel, Hörner und so weiter. Wenn es etwas braucht (z.B. eine Spritze, weil es krank ist), quiekt es periodisch. Wenn ihm langweilig ist, will es 'Papier, Schere, Stein' spielen bis man umfällt, und wenn man es statt dessen mit Eiscreme füttert, wird es fett, übellaunig und stirbt vorzeitig. Das zugrundeliegende Programm hat einige überraschende Merkmale; zum Beispiel wird das Tamagotchi zum Vegetarier, wenn man es in seiner frühen Kindheit konsequent nur mit Möhren, Äpfeln und Nudelsuppe füttert. Die Tamagotchis wurden in Japan erfunden und sofort in China nachgebaut; die Nachfrage war so gross, dass die erste Serie von Orginal-Tamagotchis innerhalb weniger Wochen vergriffen war. Eine Lieferung nach San Francisco war nach eineinhalb Stunden ausverkauft. Mittlererweile bezahlt man auf dem Schwarzmarkt für ein Orginal-Tamagotchi über hundert Dollar. In Japan bekommt man sie nur noch über Beziehungen. Dennoch greift die Sucht rapide um sich; jeder rennt mit seinem 'Egg' um den Hals oder diskret in der Hosentasche verborgen herum, weil alle Angst haben, dass das Ding unbemerkt verendet, wenn man es ein paar Stunden unbeaufsichtigt lässt. Die Kids nehmen ihre Tamagotchis mit in die Schule (was die Lehrer zur Verzweiflung treibt), die Youngster mit ins Kino (so dass es an allen Ecken und Enden quiekt und pfeift) und die Hausfrauen mit in den Supermarkt. Hardliner im Pentagon mutmassen inzwischen, dass das Tamagotchi ein erfolgreicher Versuch der Asiaten sei, die westliche Kultur zu Fall zu bringen (nach der gelben Gefahr, nunmehr die eiförmige Gefahr!). Kulturpolitiker sorgen sich um das Sozialverhalten der kommenden Generation, und das Gerücht, dass Bill Clinton mit einem Plastik-Ei in der Hand gesehen worden sei, hat die Wall Street bedrohlich ins Schleudern gebracht .(Es stellte sich später heraus, dass es sich nur um einen harmlosen Schlüsselanhänger gehandelt hat!)
Die nächste Generation von Tamagotchis kann bereits bis zu zwölf verschiedene Tiere simulieren. Ausserdem gibt es jetzt männliche und weibliche Tamagotchis (in himmelblauen und rosaroten Plastikgehäusen!), die miteinander 'Papier, Schere, Stein' spielen können. Die männlichen haben zu diesem Zweck einen Stecker und die weiblichen eine Buchse... (kein Kommentar!).
(Ok, das wisst ihr ja alles sowieso. Ich vergesse immer wieder, dass meine Leserschaft wahrscheinlich zu den elektronisch aufgeklärtesten der Welt zählt.)
Natürlich hatte sich der B.A.f.H. auch sofort einen Tamagotchi besorgt - schliesslich muss ich auf dem Laufenden bleiben! Das Ding ist schon nach drei Tagen jämmerlich verendet, weil ich es ausschliesslich mit einer Hacker-Diät von Hamburgern und Icecream gefüttert habe!
Nicht sehr anpassungsfähig, diese Lebensform!
Die Tamagotchi-Mama beginnt sich in Fahrt zu reden:
"...und er hat 32 Kilo, und ich ernähre ihn ausschliesslich vegetarisch, damit er später hoffentlich Flügel entwickelt."
"Haben Sie für den Kleinen schon ein Sparbuch angelegt?" frage ich.
"Wie bitte?"
"Vergessen Sie's. Was hab' ich mit der ganzen Sache zu tun?"
"Ich brauche jemanden, der auf Walter aufpasst", sagt sie ungeniert,
"nur für die Zeit, die ich bei meinem Vorstellungsgespräch bin..."
So ist das also: sie braucht einen Tamagotchi-Sitter!
"Warum schalten Sie nicht auf 'Clock-Modus' um ", frage ich, "dann sind alle Lebens-Prozesse ausgesetzt."
Sie klärt mich mit stolzer Stimme auf, dass SIE ein Orginal-Tamagotchi hat - nicht so ein billiges Nachbaumodell - und die lassen sich nicht pausieren.
Weil ich ausnahmsweise nichts zu tun habe (da war endlich wieder mal ein Witz, Leute!), sage ich ihr, sie solle das Ding vorbeibringen. Zehn Minuten später liegt es neben meinem Maus-Pad und quiekt periodisch. Ausserdem hat sie mir eine hastig hingekritzelte Anleitung dagelassen, was und wann ich dem Ding füttern darf ("Um Gottes Willen, keine Eiscreme! Nicht vor dem Abendessen!"). Ich frage noch beiläufig, wo sie sich bewerben wird, und SIE SAGT ES MIR!
Ich suche die Nummer ihres potentiellen zukünftigen Arbeitgebers heraus und warte bis zur Halbzeit. Dann rufe ich an. Eine Vorzimmer- Mieze meldet sich.
"Firma-Moisenburger-Krautwickler-Menzendorfer-am-Apparat-Guten- Tag?"
"Äh... hallo. Äh... heisst das jetzt, Sie heissen Krautwickler- Menzendorfer oder heisst Ihre Firma Moisenburger-Krautwickler?"
"Die Firma heisst Moisenburger-Krautwickler", klärt sie mich indigniert auf.
"Aha", sage ich und frage nach der Tamagotchi-Mutter. "Es ist sehr dringend!"
Frau Menzendorfer zögert:
"Ich weiss wirklich nicht... sie ist gerade in einer Besprechung beim Chef und ich..."
"Ich bin der Babysitter von Walter", sage ich wahrheitsgemäss, "ich möchte wirklich nichts dramatisieren, aber ich glaube es ist ziemlich kritisch..."
Frau Menzenburger bittet mich, dran zu bleiben. Ein paar Minuten später meldet sich atemlos die Tamagotchi-Mama:
"Ja?"
Ich berichte ihr, dass Walter merkwürdige Grimassen schneidet und brüllt. Sie gibt mir hastig Anweisung, die Klimaanlage herunterzudrehen und legt auf.
Zehn Minuten später rufe ich wieder an.
"Hallo, Frau Menzenberger..."
"Menzendorfer!"
"...dorfer, richtig. Ich bin es wieder. Können Sie mir noch einmal die Dame von vorhin ans Telefon holen?"
"Also..."
"Es geht um Leben oder Tod!"
Sie tut es. Die Tamagotchi-Mutter ist mit den Nerven zu Ende:
"WAS IST?"
"Tja, also: Walter hat plötzlich Beine bekommen. Ich dachte, Sie sollten das wissen..."
"ABER DOCH NICHT JETZT! ICH BIN MITTEN IN EINEM VORSTELLUNGSGESPRÄCH!"
"Ach so", sage ich beleidigt. "Na gut. Dann werde ich eben nicht mehr anrufen..."
Bevor sie auflegt, höre ich im Hintergrund noch eine männliche Stimme etwas sagen, das wie 'Vielleicht zu einen späteren Termin' und 'Sie hören ganz bestimmt von uns' klingt.
Als die Tamagotchi-Mama eine Stunde später bleich und mit erloschenem Blick mein Büro betritt, habe ich Walter von seiner unseligen vegetarischen Diät befreit und er hat bereits 25 Kilo zugelegt.
Komischerweise freut sie das kein bisschen!
© Copyright Florian Schiel 1997