'PR', wie jeder weiss, steht für 'public relations' und ist neben der Gesellschaftsdefinition-Nummer-Eins die wichtigste Sache im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
(Gesellschaftsdefinition-Nummer-Eins in den USA - für alle, die es noch nicht wissen sollten - ist der einfache Satz: 'More Money!')
Alles, naja, fast alles wird der PR untergeordnet: Das Wetter, die ganze Politik und das Balzverhalten amerikanischer Männer. Im engeren Sinne gibt es ausser der normalen Werbung auch noch so Dinge wie Anti-Werbung (in Deutschland verboten, also zerbrecht euch nicht den Kopf darüber), Imagepflege, Infomercials, Meta-Werbung und Meta- Meta-Werbung.
Anti-Werbung ist, wenn ein Mercedes E 500 unter der Last einer fünfköpfigen Familie mit zwei Hunden zusammenbricht, weil alle Familienmitglieder krankhaft übergewichtig sind und der 500er in der höchsten Ausstattung soviel Schnickschnack (amerikanisch: 'snigsnags') an Bord hat, dass nur noch 200 kg Zuladung möglich sind.
Andererseits dann der kleinste Mazda mit der gleichen Ladung mirakulöserweise einen Kavaliersstart hinlegen kann.
Ein Infomercial ist eine verkappte Werbung, die subversiv so tut, als wäre sie keine - also so ziemlich dasselbe wie bei uns die Stiftung Warentest.
Das ist in USA nicht besonders schwierig, weil gleichzeitig die Nachrichtensendungen sich alle Mühe geben, wie Werbung auszusehen. Man trifft sich also irgendwo im selben Info-Sumpf!
Ein prima Beispiel für ein Infomercial ist der folgende Text auf einer Milchtüte (Kommentare von mir in Klammern):
"What Makes a Dairy Cow Contented?
To a dairy cow, contentment means feeling comfortable, being healthy, and eating well... and Berkeley Farms Holstein cows (!) are among the most contented cows around!"
(Als gute Bayern wissen wir, dass das gelogen sein muss: nur bayerische Kühe sind bekanntlich glückliche Kühe! Ausgenommen vielleicht noch die Milka-Kuh!)
"They live on the finest farms in Northern California, from the rolling Hills of Marin and Sonoma Counties to the lush San Joaqim Valley!"
(Marin liegt direkt am Pazifik und dort ist es normalerweise so windig, dass es eine Kuh von den Hufen hebt. Das San Joaqim Valley ist im Sommer eine einzige Wüste mit Temperaturen über 40 Grad!)
"Calves lucky enough to be born on the Berkeley Farms dairy farm are watched over by a special attendant for several weeks to make sure they get the best possible start in life."
(Der Züchter entscheidet innerhalb der ersten 4 Wochen, ob das Vieh zur Milchkuh taugt oder gleich in Hamburger weiterverarbeitet wird.)
"After that time, Berkeley Farms cows have their own nutritionist, who make sure they continue to enjoy the best of health!"
(Zu deutsch: sie bekommen täglich eine milchfördernde Hormonspritze verpasst!)
"Because Berkeley Farms' healthy, contented cows produce the best milk, Berkeley Farms delivers the freshest and best-tasting dairy products available anywhere!"
(Man beachte die absolut unaufdringliche Erwähnung des Markennamens!)
Meta-Werbung ist, wenn die normale Werbung schon so abgedroschen ist, dass nur noch massive Eigenverarschung die Aufmerksamkeit des Beworbenen erregen kann. Beispiel: ein Fatty stopft so lange Frühstücksflocken in sich hinein, bis er platzt und die Umgebung im Umkreis von 300 Metern mit Milch, Flocken, Schleim und blutigen Fleischfetzen bepflastert.
Meta-Meta-Werbung geht noch einen Schritt weiter (oder zurück) und ist gedacht für die Leute, denen die vorangegangene Meta-Werbung so an die Nieren gegangen ist, dass sie jede normale Werbung ohne Blut und Gemetzel als Labsal für die Seele betrachten. Meta-Meta-Werbung ist also genaugenommen nichts anderes als altmodische Werbung a la Klementine - nur geschieht es in innerhalb eines ganz anderen Paradigmas. (Bitte keine emails mehr: Was ist ein 'Paradigma'!).
Meta-Meta-Werbung ist zur Zeit bei den Werbeagenturen ganz besonders beliebt, weil man die alten Schinken der 60iger und 70iger Jahre aus den Archiven holen und neu vergolden kann...
Jedenfalls, weil PR hier so wichtig ist, kann auch der BAfH es nicht einfach so tolerieren, wenn hinter seinem Rücken über die Qualität der Systemverwaltung gestänkert wird!
Die betreffende Kollegin, Marcia, ist eine von der ganz vorsichtigen Sorte und hat für ihre Beschwerdemail an Prof. Icewater ein anonymes Mail-Relay in Finnland verwendet. Dummerweise hat sie nicht bedacht, dass auch jede ausgehende Mail zürst mal im System ge-queued wird und somit meinen speziellen Mail-Filter zugänglich wird, das alle Mails, die meinen Namen enthalten, automatisch an mich abzweigt.
Unter anderem beschwert sie sich bei der Chefin darüber, dass mein Telefonanschluss entweder ständig belegt sei oder ich nicht 'rangehen und gleichzeitig nicht auf email reagieren würde. Ausserdem, so Marcia weiter, hielte ich mich nicht an die 'first-come-first-serve'-Methode, sondern würde gewisse namentlich nicht genannte Kolleginnen (sic!) ausser der Reihe bevorzugen!
Da hier in Berkeley offiziell immer noch die Meinung vertreten wird, dass email eine sichere Kommunikationsform (Lach!) sei, bei der die Privatsphäre uneingeschränkt geschützt werde (Lach-Wieher!), kann ich mit der abgefangenen Mail nicht direkt gegen Marcia vorgehen.
Aber ich werde dafür sorgen, dass sie meine Dienste in Zukunft besser zu schätzen weiss...
Um die Lunchzeit albere ich mit Ginger im Flur herum und warte, bis Marcia ihr Büro verlässt. Kaum ist sie weg, gehe ich an ihre Workstation und fahre mit dem Root-Passwort ihre X-Oberfläche hoch. Ich mache rasch einen screen shot von der gesamten Oberfläche und speichere ihn als ihr Hintergrundbild ab. Dann lösche ich alle Applikationen, die sonst beim Hochfahren gestartet werden und ersetze in allen Popup-Menus die Programm-Aufrufe durch Beeps.
(Könnt ihr mir noch folgen? Nein? Kann man nix machen..)
Keine halbe Stunde später ruft sie an.
"Hallo", sage ich.
"Ähm... hi! Hier ist Marcia. Ich habe ein Problem mit..."
"Schicken Sie mir eine Email", unterbreche ich sie.
"Aber..."
"Ich habe strikte Anweisung bekommen, Anfragen nur noch in der Reihenfolge des Email-Eingangs zu bearbeiten", sage ich, lege auf und beginne zu zählen. Bei 5 klingelt es wieder.
"Hallo", sage ich.
"Ähm... ich kann keine email schicken, weil ich nicht in meine Maschine komme..."
"Können Sie sich nicht mehr einloggen?" frage ich scheinheilig.
"Doch, aber..."
"Dann gehen Sie an eine andere Maschine, loggen sich ein und schicken mir von dort eine ausführliches Trouble-Ticket", sage ich und lege auf.
Sie braucht nur 3 Minuten, um herauszufinden, dass auch das nicht geht.
Das Telefon klingelt.
"Hallo", sage ich.
"Ich..."
Ich simuliere den gestressten, überarbeiteten System-Engel:
"Sie schon wieder! Ich habe gerade erst von der Chefin einen Anschiss bekommen, weil ich dauernd an der Strippe hänge, anstatt meine Trouble-Tickets zu bearbeiten. Ich habe keine Lust, mir noch einen einzuhandeln!"
Das stimmt zwar nicht, weil ich Marcias Mail an Icewater selbstredend nach /dev/null kopiert habe, aber das kann sie ja nicht wissen.
Ein paar Sekunden ist es still in der Leitung.
Dann erklärt sie hastig, dass auch auf allen anderen Maschinen es nur piepst, wenn sie etwas auf ihrer Oberfläche anklicken will.
"Na schön", sage ich seufzend, "ausnahmsweise. Aber dass mir ja niemand davon erfährt, dass ich Sie vorgezogen habe..."
Sie versichert mir hastig, dass sie absolut verschwiegen sei. Die Reue trieft aus allen Vokalen.
Ich gehe in ihren Account und verwische rasch alle meine Spuren. Das kann man normalerweise ganz einfach und elegant mit dem Kommando 'rm -rf $HOME' erledigen (Das war ein TIP, Leute! Schreibt ihn euch auf!). Diesmal allerdings verzichte ich aus gewissen Gründen darauf und lösche tatsächlich nur, was nötig ist.
Dann sage ich:
"Hmm, tja. Sieht ganz so aus, als der Lunchy-Punchy-Virus wieder zugeschlagen hätte..."
"Lunchy-Punchy?"
"Ja, Sie wissen schon... der neue Retro-Virus aus Transilvanien, der immer dann zuschlägt, wenn zwischen 12 und 1 Uhr die Aktivität auf der Workstation nachlässt..."
"Ach ja?" sagt sie tapfer, "davon habe ich auch schon gehört..."
Logisch! Wenn man zu ihnen sagt 'Sie wissen schon...' können die Leute gar nicht mehr anders, als 'schon davon gehört zu haben'!
"So, alles erledigt", sage ich. "Der Virus ist neutralisiert, und Sie sollten wieder normal arbeiten können."
"Ah! Danke!" sagt sie erleichtert und will schon auflegen. Aber so leicht lasse ich sie nicht vom Haken!
"Wissen Sie eigentlich, dass nächste Woche an der Uni die 'SysAdmin Awareness Week' stattfindet? Nach dem, was heute passiert ist, könnten Sie doch so freundlich sein, und bei der Festveranstaltung ein paar nette Worte über den hervorragenden Service hier sagen...?"
Marcia schluckt hörbar. Man hört die Schweisstropfen auf die Sprechmuschel plätschern. Schliesslich würgt sie: "Aber... äh... ja, natürlich... GERNE!"
Ich bin so ein Sadist!
© Copyright Florian Schiel 1997