Einer der ganz grossen Vorteile, in den USA ein 'system guy' zu sein, ist die Tatsache, dass man zwar an der Uni arbeitet, aber niemand ernsthaft erwartet, dass man irgendwelche wissenschaftlichen Veröffentlichungen macht. Auf diese Weise hat man die Möglichkeit, Studenten zu triezen, ohne wirklich wissenschaftlich arbeiten zu müssen. Andererseits kann man sich trotzdem als 'scientist' bezeichnen - zum Beispiel, wenn man einen neuen Kredit braucht oder ein Mädchen beeindrucken will!
Während also die Kollegen nach der Devise 'Publish or Perish' wie die gebissenen Affen Paper schreiben, weil sie genau wissen, dass ihr Arbeitsvertrag nur verlängert wird, wenn sie pro Jahr mindestens 5 Veröffentlichungen nachweisen können, kann ich in aller Ruhe durch die Email der Studentinnen browsen.
Ab und zu habe ich das Glück, dass mir einer sein Paper zum 'review' gibt. Warum das ein Glück ist? Weil es mir die Chance gibt, ungestraft die Arbeit eines anderen in den Dreck zu zerren!
Natürlich mache ich mir nicht die Mühe, das Paper tatsächlich zu verstehen! Das könnte ja in geistige Arbeit ausarten - und ich brauche alle meine mentalen Kapazitäten, um die User im System in Schach zu halten!
Nein, ich fetze nur so durch die Spalten und suche nach einfachen Wörtern, die ich durch andere, schwerer verständliche Ausdrücke ersetze.
Z.B. ersetze ich 'bedenken' durch 'ernsthaft in die innere Wahl von potentiellen Erwägungen ziehen' oder 'daraus folgt' durch 'unter Berücksichtigung aller hypothetischen Prämissen könnte daraus evident werden' oder 'Untersuchung' durch 'breit angelegte, empirisch gestützte Analyse' usw.
Sollte der Text danach immer noch zu leserlich sein, verteile ich per Zufall kryptische rote Krakel an der Rand und unterstreiche beliebige Textstellen. Wenn dann später der verzweifelte Autor zu mir zurückkommt, weil er die Kritzel nicht interpretieren kann, gebe ich zu, dass auch ich mich nicht mehr erinnern kann. Dann runzele ich sorgenvoll die Stirn und sage:
"Aber irgendwie... ich weiss nicht... war das eine ziemlich wichtige Bemerkung. Wenn ich mich bloss erinnern könnte..."
Nach drei, vier solchen 'Hinweisen' ist der Kollege reif für die Klapsmühle und nahe daran, das Paper komplett neu zu schreiben.
Wenn das Paper sowieso schon unleserlich bei abgeliefert wird (was ziemlich häufig vorkommt), beschränke ich mich darauf, am Layout herumzudoktern. Zum Beispiel empfehle ich, die Zahl der Spalten auf fünf zu erhöhen und den Font der Überschriften auf Grösse 8pt zu reduzieren. Oder ich behaupte, dass die Graphiken 'nicht instruktiv genug' seien und das ästhetische Empfinden des Leser beleidigten.
Aber am liebten übersetze ich Dokumente ins Deutsche. Ab und zu machen Leute den Fehler, mich um Hilfe zu bitten, wenn sie etwas nach Deutschland schicken müssen. Teilweise geschieht dies auch deshalb, weil ich das Gerücht verbreiten liess, dass deutsche Behörden alle Anschreiben, die nicht im korrekten Amtsdeutsch verfasst seien, sofort in den Reisswolf werfen. Am besten sind Zeugnisse von Studenten, die sich bei einer deutschen Uni bewerben wollen. Jeder weiss, dass Zeugnisse immer zwischen den Zeilen gelesen werden. Es ist überhaupt kein Problem, all die bekannten Zeugnis-Killerphrasen unterzubringen, zum Beispiel:
"Sie hat sich bemüht, die ihr übertragenen Arbeiten zu unserer Zufriedenheit zu erledigen..." (bekommt überhaupt nichts auf die Reihe, egal wie oft man es auch erklärt)
"Durch seine Geselligkeit trug er zur Verbesserung des Betriebsklimas bei..." (notorischer Alkoholiker)
"Für die Belange der Belegschaft bewies er ein umfassendes Einfühlungsvermögen..." (Vorsicht: schwul!)
Manchmal habe ich sogar das Glück, die Orginaldokumente in die Finger zu bekommen. Dann verlängere ich vorsichtig die Unterschrift mit einen Haken nach RECHTS. Das bedeutet:
"Achtung! Der Typ ist Mitglied in einer LINKS gerichteten Partei! Rufen Sie mich auf jeden Fall an!"
(Kein Scheiss! Wer's nicht glaubt, kann nachsehen. Wo, hab ich vergessen...)
Zusätzlich füge ich in die Anrede des Begleitschreibens irgendwelche fiktiven Titel ein.
Statt 'Sehr geehrter Herr Sowieso' schreibe ich:
'Hochgeehrtester und grossmächtigster Auslandsbehörden-Gross-Mufti- Pascha Dr.-phil. von Sowieso'.
Im allgemeinen finden das die Studenten hier ganz in Ordnung, weil irgendwann in den zwanziger Jahren jemand in den USA das Gerücht verbreitet hat, in Deutschland hätte jeder einen Titel und wehe, man vergisst diesen bei der Anrede! (Wobei nicht ganz von der Hand zu weisen ist, dass an dem Gerücht was dran ist!)
Es klopft und 'Barbie' streckt ihren Blondschopf herein.
Natürlich heisst sie nicht wirklich Barbie! Und jeder, der es wagen würde, sie so zu nennen, würde wegen 'sexual harassments' öffentlich gevierteilt! Aber sie ist nun mal der seltene Fall des Traums vom 'American Girl', mit blauen Bambi-Augen, langem blonden Haar, etc. etc. pp. (Wenn ich's mir recht überlege, hatte Bambi glaube ich braune Augen; egal ihr wisst, was ich meine!)
Barbie haucht, ob ich eine Sekunde Zeit für sie hätte, und klimpert verheissungsvoll mit den überfrachteten Augenlidern. Natürlich habe ich IMMER Zeit für Barbie! Damit wir uns ungestörter unterhalten können, kille ich rasch sämtliche User-Batches auf dem Server und fahre die sirrenden Festplatten herunter.
Dann eröffnet mir Barbie leicht errötend, dass sie einen deutschen Brieffreund (!) habe und sie möchte sooooo gerne ein paar deutsche Zeilen an ihren Brief anhängen, aber leider habe sie nur Spanisch in der Highschool gehabt, und ob ich vielleicht so freundlich sein könnte, undsoweiter tataatataatataa...
Es ist wirklich eine Unsitte, dass manche Leute immer noch mit gebleichter Zellulose kommunizieren! Man denke nur an die ganzen abgeholzten Urwälder!! Und ausserdem bekomme ich auf diese Weise ja gar nichts mit!!!
Mist! Sie zeigt mir sogar ein Foto von dem Gecken - ein fürchterlich gut aussehender, braungebrannter Spunt, der sich gerade an einer Reckstange hochzieht, so dass alle Muskelpakete herauszuknallen drohen - und es dabei auch noch fertigbringt zu lachen!
Ich nehme zähneknirschend Papier und Bleistift zur Hand, und Barbie liest mir ihren Entwurf für die angefügten deutschen Zeilen vor - und wird dabei womöglich noch röter! Dabei ist es bloss harmloses romantisches Gefasel:
Barbie: "I'm looking forward to walk with you hand in hand down a wonderful beach next summer."
Ich schreibe: "Ich bin schauend nach vorne, dich kräftig durchzuwalken mit wundervoller Unterhand am Strand im nächsten Sommer."
Barbie: "We'll swim in the clear blue water and gaze in the stars at night."
Ich schreibe: "Willst schwimmen mit einem Klaren bis deiner ganz blau und nachts wickle ich ihn in Gaze."
Barbie: "We'll roam around like free and happy birds and go back to our cozy little nest at night."
Ich schreibe: "Wir werden rammeln mehrere Runden, lecken Freud (am A.....) und einige glückliche Vögeleien, und der gottverdammte Bäcker kotzt ein kleines Nest vor Neid."
Barbie: "The time will fly, but last in our memories forever." Ich schreibe: "Die wilden Zeitfliegen buttern unsere Memoiren ein im Fieber."
Barbie: "So long, my friend!"
Ich schreibe: "So lang ist er, mein Freundchen!"
Mal sehen, ob die Brieffreundschaft anhält....
© Copyright Florian Schiel 1997