Das entsetzlich dünne Gebräu, das sich die Mitarbeiter hier literweise intravenös 'reinziehen, und was trotz aller Scheusslichkeit immer noch als 'Coffee' bezeichnet wird, geht mir so gegen den Strich, dass ich mich kategorisch weigere, meinen Luxuskörper damit zu verseuchen.
Eine Woche lang träufele ich jeden morgen Tippex-Verdünner in den Kaffee. Als aber keiner der geschmacksamputierten Kollegen darauf reagiert, beschliesse ich ganz gegen meine sonstige Veranlagung altruistisch aktiv zu werden. Ich ziehe also los und kaufe die teuerste Espresso- und Kaffeemaschine (Marke 'Executive's Delight'), 20 Pfund besten italienischen Kaffee und eine Mini-Video-Kamera.
Die Rechnung lasse ich ans Büro des Deans faxen; und schon nach wenigen Stunden kann ich mich entspannt mit einer Tasse frischen Cappuccinos in die Hängematte legen.
In absoluter Rekordzeit von nur 2 Stunden, 36 Minuten und 12 Sekunden ruft das Sekretariat des Deans bei mir an und beschwert sich über die Rechnung. Sie sagen, dass ich... und überhaupt... keinerlei Befugnis... mit Konsequenzen sei zu rechnen... und überhaupt... unglaublich... skandalös... und überhaupt... noch nie dagewesen... und könnte ja jeder kommen... und überhaupt...
Ich warte, bis ihnen die Luft ausgeht; dann verlange ich ganz cool den Dean selber zu sprechen. Nach kurzem Zögern - immerhin habe ich keinen Gesprächstermin - stellen sie mich durch. Die Durchstellung dauert fast eine Minute; also haben sie den Dean im Telegrammstil über die Situation aufgeklärt, und ich muss mich nicht mit langen Erklärungen aufhalten.
"Haben sie einen Web-Browser auf Ihrer Maschine?" frage ich, bevor der Dean überhaupt Luft holen kann.
"Äh... ja?"
"Geben Sie bitte folgende Adresse ein..."
Ich diktiere ihm eine URL an der Stanford University, der Erz-Rivalin von Berkeley am anderen Ende der Bay.
"Was Sie da sehen", sage ich ernst, "ist ein Online-Bild der weltberühmten Kaffee-Maschine im CS Lab der Stanford University.
Über diese Web-Page können die Mitarbeiter des Labs jederzeit sehen, wie hoch der momentane Kaffeespiegel in der Kaffeemaschine ist."
"Ja, aber..."
"Dieses Bild ging um die Welt", lasse ich ihn nicht zu Wort kommen, "als revolutionäres und zugleich glorreich sinnloses Beispiel von vernetzter Multimedia-Technologie. Und damit verbunden war immer der Name STANFORD!"
"Ich weiss", sagt der Dean, "aber..."
"UND WAS IST MIT BERKELEY?" fahre ich unerbittlich fort. "WAS HABEN WIR DEM ENTGEGENZUSETZEN? NICHTS!!!"
Der Dean schweigt betroffen.
Das komplizierte Wettbewerbssystem der amerikanischen Spitzen- Universitäten ist eine ernste Sache. Ein gutes Image kann sich in klingende Münze verwandeln: wenn eine Universität als renommiert gilt, kann sie ihre Semestergebühren hinaufschrauben (Berkeley derzeit $15.000 pro Jahr (für Nicht-Kalifornier, Kalifornier zahlen nur etwa $6000), Stanford je nach Studienzweig zwischen $12.000 bis $25.000 pro Jahr, an der Ostküste gibt es Medical Schools, die bis zu 25.000 Dollar verlangen).
Bevor sich der Dean erholen kann, gebe ich ihm die URL eines unserer uralten Macs durch, den ich zu diesem Zweck extra wieder ans Netz gehängt habe.
"Auf diesem Bild", erläutere ich mit verhaltenem Pathos in der Stimme, "können Sie nicht nur den Kaffeestand ablesen, sondern zudem noch den momentanen Dampfdruck der Espresso-Maschine ermitteln, per HTML-Formular die Temperatur der Heizplatte regeln, und bekommen zudem noch eine Sound-Übertragung der letzten fünf Milch-Schäum- Vorgänge geliefert..."
In der Tat höre ich im Hintergrund das infernalische Gestöhne der neuen Espresso-Maschine; der Dean weiss also zumindest, wie man auf einem HTML-Dokument einen Button drückt. Deshalb ist er wahrscheinlich auch Dean, und nicht nur Professor!
"Und wissen Sie, wo dieses ergreifende Beispiel bis zur absoluten Sinnlosigkeit vorangetriebener High-Tech installiert ist?
IN UNSEREM DEPARTMENT!!!"
Was übrigens nicht zu übersehen ist, weil ich die ganzen Pages mit dem Logo des Computer Science Departments von Berkeley gepflastert habe!
Zehn Sekunden ist Schweigen in der Leitung. Der Dean muss sich blitzschnell eine gute Ausrede einfallen lassen, wie er die unvorhergesehene Ausgabe vor dem financial department rechtfertigen kann. Aber sowas findet sich immer...
Schliesslich sagt er:
"Nun, gut. Aber..."
"Nein", unterbreche ich, "gar nicht gut!"
"Äh... was?"
"Können Sie sich vorstellen, wieviele Zugriffe auf diese Page stattfinden werden, wenn sich die Sache erstmal herumgesprochen hat? Zigtausende! Wie soll das unsere Domäne verkraften, wenn sie nur an einer lächerlichen 10 MBit-Leitung hängt? Und was für ein Eindruck wird das sein, wenn man 10 Minuten warten muss, bis sich die Page aufbaut?"
"Aber..."
"Berkeley kann sich keine vernünftige Netztechnologie leisten, wird es heissen. Brillante Ideen, aber nichts dahinter! Big hat, no cattle! Der einzige vernünftige Ausweg ist eine solide FDDI-Verbindung vom Backbone zu unserer Domaine. Die war sowieso früher oder später fällig. Kostenpunkt lächerliche 7.000 Dollar."
Der Dean schnappt nach Luft. Sein Blutdruck steigt bekannterweise proportional zu den genannten Summen.
"Unmöglich!" japst er. "Schalten Sie das Ding sofort ab!"
"Zu spät!" kontere ich. "Einige unserer Studenten haben die URL bereits im USENET ge-postet. Wenn wir es jetzt wieder herausnehmen, ist die Blamage für Berkeley zu gross; das können Sie nicht verantworten, oder?"
Genaugenommen wissen die betreffenden Studenten gar nichts davon, dass sie etwas im USENET gepostet haben. Das ist der Vorteil, wenn man Zugang zu allen Mailboxen hat!
Der Dean windet sich wie ein elektrischer Aal, der aus Versehen in die Kanalisation eines Kernkraftwerks geraten ist. Aber schliesslich gibt er mir eine mündliche Zusage, dass er sich bei der nächsten Haushaltssitzung für einen Netzausbau einsetzen wird. Von der Kaffeemaschine ist auf einmal nicht mehr die Rede!
Nachdem ich aufgelegt habe, liege ich in der Hängematte, schlürfe meinen Cappuccino und sinniere darüber nach, ob ich mich nicht doch einmal als Bundesfinanzminister bewerben sollte...
© Copyright Florian Schiel 1997