Ich bin gerade mitten in einer schwierigen Versuchsreihe und versuche, die optimale Höhe meiner Hängematte durch das empirische HIAT- Verfahren ('hang in and try') herauszubekommen, als ich plötzlich durch ein merkwürdiges, unbekanntes Geräusch abgelenkt werde.
Zuerst untersuche ich meinen 4 x 120 Watt Verstärker, ob da vielleicht eine Störung vorliegt; dann merke ich, dass das Telefon klingelt.
Ich lasse es eine Weile vor sich hin düdeln, damit die eingerosteten Piezos wieder in Schwung kommen; schliesslich hebe ich ab.
"Hallo", sage ich.
"Hi. Ist das die Computer-Unterstützung?"
Die unbekannte Stimme klingt sexy; also bleibe ich dran.
"Am Apparat. Gibt es ein Problem?"
"Ähm... ja, ich komme mit der Installation von WinWord auf meinem PC nicht weiter..."
Grosser Core-Dump! Ich unterdrücke meinen ersten Reflex, sofort wieder aufzulegen. Die Stimme klingt ja, wie gesagt, sexy.
"Ja?" sage ich.
"Ja... hmm... also, irgendwie weiss ich nicht, was ich jetzt machen soll... Da steht auf dem Bildschirm: 'press any key to continue'..."
"Und?" frage ich. Die Sache beginnt mich zu interessieren.
"Ja... äh...", lispelt sie hilflos, "ich kann auf meinem Keyboard die ANY-Taste nicht finden..."
VOLLTREFFER -- UND HIER SIND WIR WIEDER: IM TIEFEN TAL DER SUPERDEPPEN!
BULLSHIT MODE ON!
"Tja, hmm", sage ich und versuche, meine zuckenden Mundwinkel in den Griff zu bekommen. "Das ist allerdings merkwürdig. Gewöhnlich ist die ANY-Taste links oberhalb vom Nummern-Pad. Vielleicht hat man Ihnen aus Versehen ein europäisches Modell geliefert? Aber das ist überhaupt kein Problem. Glücklicherweise können Sie ja immer noch durch die richtige Tastenkombination alle möglichen ASCII-Codes auf Ihrem Keyboard erzeugen, nicht wahr?"
Kurzes Schweigen. Dann:
"Äh... was?"
"Passen Sie auf", sage ich ganz der liebe Onkel von der freundlichen Hotline. "Jedesmal, wenn Sie die ANY-Taste brauchen, drücken Sie einfach die folgenden drei Tasten gleichzeitig: die Taste, wo 'ALT' draufsteht, die Taste, wo 'CTRL' draufsteht, und die Taste über der RETURN-Taste. Das ist nämlich die ANY-Kombination. Sie wissen doch hoffentlich, welches die RETURN-Taste ist?"
Sie beeilt sich, mir zu versichern, dass sie die RETURN-Taste sehr gut kenne. Schliesslich will man nicht ganz blöd dastehen.
"Na schön", sage ich. "Durch diese Tastenkombination wird der ASCII-Code der ANY-Taste simuliert, verstehen Sie? Ganz einfach immer diese drei Tasten drücken."
"Ach? So einfach ist das?" wundert sie sich.
Sie wird sich gleich noch mehr wundern. Auf alle Fälle notiere ich ihre Caller-ID, damit ich beim nächsten Mal nicht mehr abhebe.
Nach dem Lunch liege ich in meiner Hängematte und verdaue. Das Telefon rührt sich nicht mehr. Eigentlich könnte ich ein bisschen Abwechslung durchaus gebrauchen. Aber seit ein Mitarbeiter einen schweren Stromschlag abgekriegt hat, nachdem er sich durch mich hat beraten lassen, traut sich niemand mehr, meine Dienste in Anspruch zu nehmen.
Ich fummele ein bisschen in der ISDN-Anlage der Uni herum und lenke alle Anrufe der Hotline im PC-Labor auf meinen Anschluss um. Mein Telefon beginnt sofort zu düdeln.
"PC-Hotline. Wie kann ich Ihnen helfen?" melde ich mich.
"Ja, hallo! Hier ist... äh, egal. Ich wollte eigentlich nur fragen, ob ich auf meinem neuen PC noch Garantie habe. Weil... nämlich, der Kaffeetassenhalter ist abgebrochen..."
Das ist sogar für mich etwas Neues! Donnerwetter! Echt fortschrittlich hier an der Westküste - PCs mit eingebautem Kaffeetassenhalter...
"Hab ich das richtig verstanden", sage ich, "der Kaffeetassenhalter an Ihrem neuen PC ist abgebrochen?"
"Genau!"
"Äh, wo ist der denn angebracht? Hat er das gleiche Markenzeichen wie der PC selber?"
Er raschelt etwas im Hintergrund herum, dann nuschelt er:
"Vorne am Gehäuse. Nee, der hat kein Markenzeichen 'drauf..."
"Ist er am Gehäuse angeklebt? So etwa wie die Tassenhalter im Auto?"
"Nee, der war versenkbar. Aber jetzt is' er abgebrochen. '4x' steht vorne 'drauf. Ist das 'ne Marke?"
Ich kapiere endlich, dass der Kerl seinen CDROM-Schlitten als Tassenhalter missbraucht hat und gehe kurz in den Zustand ROTFL.
Als ich wieder zu Atem komme, empfehle ich dem Burschen in Zukunft seinen Kaffee lieber oben auf dem Schirm abzustellen.
"Da bleibt er nämlich länger warm, von wegen der heissen Abluft von der Bildröhre, verstehen Sie?"
Er bedankt sich herzlich für den heissen Tip. Hoffentlich kippt er bald mal den Kaffee in die Innereien seines Displays. Manchen Leuten sollte man wirklich keinen Rechner in die Finger geben! Warum gibt es eigentlich keine Rechner-Führer-Scheine?
Kaum ist der Hörer auf der Gabel, düdelt es schon wieder. Diesmal ist es eine Frau. Zumindest klingt es so. In San Francisco kann man da nie so ganz sicher sein...
"Äh, ich weiss nicht, ob ich da richtig bin. Sie sind doch die PC- Beratung, oder?"
Ich bestätige, dass dem so sein, und frage freundlich nach ihrem Problem. Hier an der Westküste ist ein Computerproblem eine sehr persönliche, ja fast schon peinliche Sache. Manche bringen ihren PC sogar mit zum Therapeuten.
"Hmm, ja also: meine Maus funktioniert einfach nicht so mehr richtig. Auch wenn ich sie nur auf dem Maus-Pad benutze. Kann man da was machen?"
Ich überlege nicht lange:
"Verwenden Sie denn den mitgelieferten Staubschutz?"
"Äh... nein?"
"Sagen Sie bloss, Ihre Maus kam ohne Staubschutz. So eine durchsichtige Plastikhülle, nein?"
"Ähm... ja, doch. Aber..."
"WAS - ABER!"
"Ich dachte, das sei nur die Verpackung...", flüstert sie eingeschüchtert.
"Die Verpackung!" stöhne ich. "Jetzt machen Sie sich mal aber auf die Socken und finden Sie schleunigst den Staubschutz für Ihre Maus! Ist ja kein Wunder, wenn die arme Maus nicht mehr funktioniert!"
Sie verspricht hastig, dass sie sich sofort darum kümmern werde und legt auf.
Schade, dass ich nicht sehen kann, wie sie versucht, mit einer verpackten Maus zurechtzukommen...
Der nächste Anrufer hält sich nicht lange mit unnötigen Vorreden auf: "Mein PC faxt nicht!"
"Aha", sage ich, vorsichtig geworden, "Sie haben nicht zufällig das Dokument zusammengefaltet und in den Schlitten des CDROMs gefüttert?"
"Was? Wie? Ich habe doch gar kein CDROM. Ich sagte, mein PC faxt einfach nicht. Ich verwende die mit dem Moden gelieferte Fax- Software..."
Ich bitte den erregten Anrufer kurz zu beschreiben, was er im Einzelnen macht.
"Ich erstelle ganz normal ein Dokument. Dann gehe ich in die Fax- Software, wähle 'Senden' aus und gebe die Faxnummer ein. Dann hört man ihn wählen und ein hohes Pfeifen, aber beim Empfänger kommt immer nur ein leeres Blatt an..."
"Hmm, klingt ganz normal. Haben Sie es denn schon mit verschiedenen Faxnummern versucht?"
Er bestätigt entrüstet, dass er es jetzt schon fünfmal mit drei verschiedenen Nummern versucht habe.
"Und ausserdem wird das auch allmählich ganz schön anstrengend", fügt er mit beleidigter Stimme hinzu.
"Anstrengend?" frage ich überrascht.
"Naja, immer so lange das Dokument gegen den Schirm halten, meine ich. Man will ja nicht, dass es verwackelt, oder?"
Das ist zuviel! Ich lege auf - und gehe nach Hause!
© Copyright Florian Schiel 1997