Ich installiere gerade meine neueste Errungenschaft, eine echte mexikanische Hängematte, in meinem Büro, als Prof. Icewater an meiner Tür vorbeikommt und voll die Bremsen anzieht.
Ihre eisgrauen Augen streichen missbilligend über das farbenprächtige Muster der Hängematte und sie fragt mich mit vor Kälte klirrender Stimme, ob irgendetwas nicht in Ordnung sei.
Ich mustere sorgfältig mein Büro, und versichere, dass im Gegenteil alles in bester Ordnung sei.
"Und was ist das hier?" haucht Prof. Icewater.
Bilde ich mir das nur ein, oder beschlagen sich plötzlich meine Fensterscheiben? Muss mir unbedingt mal eines von diesen Infrarot- Fern-Thermometern bei den Physikern ausleihen...
"Das?" sage ich überrascht und betrachte erstaunt die Matte, die sich quer durch den Raum erstreckt. "Das ist eine Hängematte, HÄNGE- MATTE, Hänge wie Henker, Matte wie Mathematik. Hängematten bilden ein uraltes Kulturgut der seefahrenden Völker, insbesondere des Mittelmeerraums..."
"Lassen Sie den Quatsch!" faucht Icewater. Offensichtlich ist sie heute nicht in der allerbesten Stimmung. "Was hat das Ding hier zu suchen? Sie sind hier nicht zum Schlafen angestellt..."
Ich schalte um auf seriös-wissenschaftlich.
"Natürlich nicht", versichere ich ernst. "Es handelt sich um ein NSF- finanziertes Experiment. Ich habe mich freiwillig als Versuchsperson der NASA angeboten, und die haben mir postwendend diese Test- Hängematte geschickt. Es geht darum zu klären, ob man mit beeinträchtigtem Gleichgewichtssinn in der bemannten Raumfahrt genauso schnell und zuverlässig tippen kann, wie auf festen Boden. Eine spezielle Software registriert automatisch, wie oft und welche Tasten ich korrigiere, wenn ich in der Hängematte liege..."
Im allgemeinen sollte das genügen. Worte wie 'NASA' und 'NSF' (National Science Foundation) lassen gewöhnlich jeden normal- sterblichen Wissenschaftler in Ehrfurcht erstarren. Aber Icewater ist ein ganz besonderer Fall - und ich weiss das!
Bevor sie auf die Idee kommen kann, irgendwelche schriftlichen Unterlagen, Verträge, etc. einsehen zu wollen, sage ich rasch: "Am besten ich zeige Ihnen rasch die NASA-Web-Seite, wo das Projekt beschrieben wird."
Icewater überfliegt mit zusammengekniffenen Lippen rasch die geschmackvoll gestylte Seite mit dem NASA-Emblem auf meinem Display.
"Na schön", gibt sie schliesslich zögernd ihr Einverständnis, "aber ich möchte nicht hören, dass Ihr Arbeitseinsatz darunter leidet..."
Ich versichere ihr, dass das sicher nicht der Fall sein wird.
Von mir erfährt sie so etwas sowieso nicht; und falls irgendein Mitarbeiter es wagen sollte sich zu beschweren, dann hat er die erste Voraussetzung für seine allzu kurze Hochschulkarriere nicht kapiert:
'Never mess around with the system guys!'
Es ist übrigens erstaunlich, welche Glaubwürdigkeit Web-Seiten selbst bei misstrauischen Professoren geniessen - auch wenn sie von der Platte anstatt aus dem Netz geladen wurden!
Ich installiere einen zweiten Monitor unter der Decke und lege mich zur Probe in die Hängematte. Als erste Fingerübung blockiere ich bei allen Workstations (ausser meiner eigenen) alle eingehenden Netzpakete grösser als 1 KB. Das hat den komischen Effekt, dass die Web-Browser einen Server zwar kontaktieren und die Adresse der gewünschten Page übermitteln können, die Page aber leer zurückkommt. Die lapidare Fehlermeldung des Browsers ist dann 'Document contains no data', und das kann einen echten Web-Surfer reif machen für die nächste Therapie.
Nach dieser Aufwärmphase bemerke ich, dass ich von der Hängematte aus nicht an meine Kühlbox herankomme und behebe diesen Mangel sofort.
Um die Zeit bis zum Lunch zu überbrücken, lese ich die neuesten On- line Hochschulmeldungen:
Ein Frischling, und zwar ein gewisser Howard Stale aus L.A., hat einen Professor der UCB auf 5 Mios verklagt, weil er sich durch die schlechte Note in der Abschlussprüfung 'stigmatisiert fühle'. Bei solchen Prozessen hat der arme Professor normalerweise keine Chance, weil die Jurys in Berkeley in Analogie zur demoskopischen Verteilung zu 60 % aus Studenten bestehen.
Ich poke ein wenig in On-line Verzeichnis der Uni herum - und finde tatsächlich die email Adresse des guten Howard! Der 'Stigmatiker' muss einen miesen Anwalt haben, sonst hätte er längst seine Daten löschen lassen.
Im Verwaltungsrechner der Uni finde ich in der letzten Abrechnung von Howards Gym-Gebühren seine Kreditkarten-Nummer. Ich gehe auf die Web-Seite eines hiesigen Hardware-Stores und bestelle unter seinem Namen fünf solide Kettensägen verschiedener Hersteller. Als Lieferadressen gebe ich das Büro des Professors und seines Anwalts an. Eine solche freundliche kleine Drohung bringt jeden noch so langweiligen Prozess in Schwung!
Nach kurzem Überlegen bestelle ich noch acht laufende Meter 4-Zoll- Balken, einen Zweipfundhammer und vier lange Zimmermannsnägel, lasse das Zeug diesmal an den Studenten liefern und schicke eine Kopie der Rechnung an den Anwalt des Professors.
Wenn schon stigmatisiert, dann richtig!
Ginger kommt mit der Post an meinem Büro vorbei (wobei die Post mehr von ihren hübschen Beinen verdeckt, als ihr neuester Minirock) und sieht mich entspannt in der Hängematte liegen. Sie fragt mit besorgter Stimme, ob es mir etwa nicht gut gehe.
Ich frage mit letzter Kraft, ob sie sich auf Mund-zu-Mund-Beatmung verstehe, aber sie grinst mich nur spöttisch an und stöckelt hüftenschwingend den Gang hinunter. Wie kann man bei dieser ausgebufften kleinen Hexe bloss weiterkommen?
© Copyright Florian Schiel 1997