Mein Liste der zu erledigenden Aufgaben (Task List) ist auf 234 angeschwollen. Also gehe ich auf den Flur und werfe mit einem nassen Lappen nach der runden Deckenlampe, bis Ginger mit der Tagespost vorbeikommt.
Sie beobachtet mich eine Weile aus sicherer Entfernung, wie ich mit stupider Hartnäckigkeit immer wieder den nassen Lappen aufnehme und nach der Lampe schleudere.
Nach dem zehnten Wurf überwältigt ihre angeborene weibliche Neugierde die anerzogene amerikanische Zurückhaltung, und sie fragt mich, was ich da tue.
"Ich werfe einen nassen Lappen nach der Deckenlampe", sage ich. Ginger brütete einen Moment über dem Sinn dieser Aussage, ob ihr da vielleicht eine tiefere Bedeutung entgangen sei; dann fragt sie beherzt: "Und wozu soll das bitte gut sein?"
"Ich übe Korbwerfen", antworte ich.
Nun ist Basketball eine der vielen Ball-Manien der Amerikaner. (Ist euch schon mal aufgefallen, dass Amerikaner handorientiert und Europäer fussorientiert sind? Man kann einen sehr einfachen kulturellen Zugehörigkeitstest machen, indem man einem Amerikaner und einem Europäer jeweils einen Ball zuwirft. Derjenige, der den Ball wegtritt, statt in zu fangen, ist der Europäer!)
Deswegen ist es nicht weiter auffällig, wenn ein Amerikaner sogar am Arbeitsplatz Korbwerfen übt - allerdings im allgemeinen mit einer Miniaturversion von Ball und Korb, und nicht mit einem nassen Lappen!
Inzwischen hat sich Ginger zur nächsten Frage durchgearbeitet: "Aber warum übst du Korbwerfen mit einem nassen Lappen, statt mit einem Ball?"
"Weil mit einem Ball die Lampe kaputtginge", erkläre ich und werfe wieder.
Überwältigt von soviel Logik lässt mich Ginger mit meinem Lappen allein, und ich mache noch ein paar Würfe, bis ich ziemlich fit bin.
Dann steige ich aufs Dach hinauf und werfe den Lappen mit einem einzigen eleganten Schwung über die Mikro-Link-Antenne, die unser Subnetz mit dem Internet auf dem Campus verbindet.
Die Feuchtigkeit im Lappen unterbricht die Mikrowellen, und mit einem Schlag sind wir von der grossen weiten Cyberwelt abgeschnitten.
Als ich in mein Büro am ARSCH zurückkomme, klingeln schon die Alarmglocken. Von allen Enden des Instituts kommen emails verzweifelter Mitarbeiter, die es mitten im schönsten Surfen erwischthat.
Ich schicke eine email an alle, in der ich lapidar mitteile, dass unsere Internet-Anbindung aus noch unbekannten Gründen zusammengebrochen sei, dass diese Aufgabe absolute Priorität habe und ich mir deshalb erlaube, sämtliche andere Punkte auf meiner Task-Liste zu streichen. Und falls jemand etwas dagegen hätte, solle er sich bitte öffentlich per email dazu äussern.
Natürlich wagt es keiner, die Priorität der Internet-Anbindung anzuzweifeln - schliesslich möchte niemand gern von einem aufgebrachten Mob Internetsüchtiger gelyncht werden.
Dann füge ich noch hinzu, dass ich bis zum Abschluss der erfolgreichenReparatur unter keinen Umständen gestört werden möchte, und dass die Verbindung noch heute wieder funktionieren werde.
Dann schliesse ich mein Büro ab und gehe hinüber ins Casino des Faculty Clubs.
Nach einem ausgiebigen fünfgängigen Lunch mit einem vollmundigen Coastal Chardonay gehe ich lässig zur Kasse und verlange die Rechnung. In dem Moment, wo die Check-Maus meine Tischnummer eintippt, ziehe ich ganz kurz das Netzkabel aus ihrem Computer. Natürlich stirbt sofort das OS der Kasse, und die Check-Mausbekommt das Ding nicht wieder zum Laufen. Ich schaue auf meine Armbanduhr, trommele mit den Fingern und bemerke dass ich eigentlich weg müsste, und so weiter, und ob ich ihr nicht helfen könnte. Erleichtert lässt sie mich an die Tastatur, und ich fummele ein wenig daran herum.
Dann sage ich, dass ich ohne das Master-Passwort nicht weiterkomme, und dass sie den Manager suchen soll. Sie sprintet los und ich kann in aller Ruhe meine gespeicherte Rechnung auf ein vernünftiges Mass reduzieren. Leider kommt sie schon wieder zurück, gerade als ich die gebuchten Trinkgelder der letzten 6 Monate auf mein Kreditkartenkonto rücküberweisen möchte. Naja, man kann nicht alles haben!
Ich bezahle meine Rechnung über $ 0.95 und gehe zurück zum ARSCH.
Auf dem Flur vor meinem Büro patrouilliert der harte Kern meiner internetabhängigen Kollegen. Erste Entzugserscheinungen (Mausfingerzittern und ähnliches) zeigen sich bereits bei den ganz schweren Fällen. Als sie mich ausserhalb meines Büros sehen, erstarrt der ganze Haufen für einen Moment, dann stürzen sie sich wie eine Meute ausgehungerter Serengeti-Hyänen auf mich.
"Was machst du hier draussen!?"
"Ich dachte, du bist dran die IN-Verbindung zu reparieren!!"
"Weisst du nicht, wieviele Leute darauf warten, Idiot?!"
"Wo warst du!? Etwa beim Lunch?? Er war beim Lunch!!! Ist das zufassen..."
Einer bekommt sogar einen hysterischen Lachkrampf; ein anderer beisst sich mit irrem Blick in die Handknöchel.
Ich hebe beide Arme, damit sie mich zu Wort kommen lassen.
"Ich bin hart an der Sache dran", sage ich ernsthaft.
Höhnisches Gelächter antwortet mir.
"Ich wette einen Zwanziger, dass wir heute nicht mehr on-line gehen",faucht Jerry hetzerisch. "Wie soll denn was vorangehen, wenn der Kerl sich hier draussen 'rumtreibt!"
Kerl? Mein lieber Freund... Ich nehme mir vor, bei nächster Gelegenheit den Paket-Scrambler in Jerrys Workstation wieder zuaktivieren. Ein hübsches kleines Socket-Filter, dass die Adressen aller abgehenden Pakete durcheinanderbringt. Das hat schon manchen Surfer in den Wahnsinn getrieben...
Die Kollegen knurren beifällig.
Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen. Nach meiner Rechnung müsste der Lappen inzwischen fast trocken sein und die Mikrowellen nicht mehr abschirmen.
"Top!" sage ich und halte Jerry eine Zwanzig-Dollar-Note unter die Nase.
Nach amerikanischen Männer-Ehren-Kodex kann er jetzt keinen Rückzieher mehr machen. Mürrisch holt er auch einen Zwanziger heraus und deponiert ihn bei Ginger, die gerade vorbeikommt.
"Das letzte Mal hat es drei Tage gedauert", versucht Ron ihn zu trösten.
In dem Moment stürzt ein Student aus dem PC Labor.
"Das Netz ist wieder da!" kreischt er mit verzücktem Blick.
Ringsherum Jubelschreie und kleine Staubwolken, als die Kollegen zu ihren Workstations sprinten; nur Jerry zieht ein langes Gesicht, während ich mir die zwei Zwanziger schnappe.
© Copyright Florian Schiel 1997