1906, San Francisco, California. Die Brände, die das grosse Erdbeben ausgelöst hatte, sind unter Kontrolle. Ich habe bereits die Wasserversorgung in 95 % der Haushalte wiederhergestellt und der Wiederaufbau der Verkehrsinfrastruktur ist im vollen Gange. Die Finanzlage stabilisiert sich allmählich, und ich lockere ein wenig die Steuerschraube, was mir wiederum ein paar Prozent in den Umfragen einbringt. Wenn jetzt nicht noch ein Monster auftaucht und Golden Gate Park verwüstet, werde ich die nächste Wahl haushoch gewinnen.

Eine kleine Pause kann nicht schaden, denke ich und nehme die Hände von der Tastatur.
Es wird auch höchste Zeit: meine rechte Hand fühlt sich taub an und seit einer Stunde kämpfe ich mit Krämpfen im Unterarm. Vier Stunden City2000 am Stück ist vielleicht doch etwas zuviel!

Kollege Ron trampelt auf seinen überdimensionierten Joggingschuhen an meinem Zimmer vorbei und sieht, wie ich meine Hand massiere.
"Zuviel gearbeitet?" sagt er grinsend. "Du solltest mehr für deine Fitness tun, sonst bist du mit 40 reif für die erste Herzattacke..."
"Harhar", sage ich und lösche rasch alle seine emails in der Mail Spool Area.

Ron gehört der hier weitverbreiteten Gattung der Auto-Masochisten an. Er ist nur glücklich, wenn er sich täglich mindestens eine Stunde lang selbst quälen kann.
Z.B. fährt er nicht, wie alle anderen vernunftbegabten Lebewesen, die es in jahrmillionlanger mühsamer Evolution geschafft haben, Cabriolets zu entwickeln, mit dem Auto ins Büro, sondern mit dem Fahrrad - Verzeihung! - mit dem Mountainbike, wollte ich sagen.
An sich wäre das ja noch relativ harmlos (obwohl die Vollbluthacker unter euch sicher bereits die Stirne runzeln), aber Ron wohnt auf den Berkeley Hills - circa 350 Meter über Normalnull; und der Campus liegt auf Meereshöhe!
Letzte Woche ist er "mal eben so" von Alcatraz nach Angel Island geschwommen. Jeder, der 'Escape from Alcatraz' gesehen hat, weiss, dass das Wasser eiskalt ist, von Haien wimmelt und es nur eine kurze halbe Stunde zwischen den Tiden gibt, während der die gefährlichen Strömungen abflauen.
Natürlich läuft er jedes Wochenende einige Zig Meilen durch die Hitze - am liebsten auf steile Berge, damit es nicht zu langweilig wird.
An den Strand nach Point Reyes fährt Ron mit dem Fahrrad. Wenn er allein ist und ihn keine Langweiler aufhalten, braucht ER dafür eineinhalb Stunden. ICH brauche dazu eine Stunde - mit meinem mintgrünen Mustang auf dem Freeway!
Alle grossen Marathonläufe der westlichen Hemisphäre hat Ron bereits erfolgreich absolviert. Sein grösster Kummer ist, dass er noch niemanden gefunden hat, der mit ihm 'The Big Run' machen möchte.
'The Big Run' führt vom tiefsten zum höchsten Punkt der Vereinigten Staaten (ausser Alaska), also vom Death Valley (282 Fuss unter Null, ca. 46 Grad im Schatten) bis zum Gipfel des Mt. Whitney (14495 Fuss über Null, ewiges Eis), und das Ganze innerhalb von 24 Stunden.

Die Aufzählung liesse sich fortsetzen, aber ich denke, ihr wisst jetzt, was ich unter 'Auto-Masochisten' verstehe. Würde mich gar nicht wundern, wenn Ron demnächst nach Hawaii schwimmen würde...

Trotzdem, vielleicht sollte ich auch mal was für meine Figur tun...
Immerhin fällt mir auf, dass ich letzter Zeit die Arme immer weiter strecken muss, um an die Tastatur zu kommen.

Diät halten? Kommt nicht in Frage! Ausserdem mache ich sowieso schon seit Jahren eine strikte Pizzadiät...
Durch die Hitze joggen? Forget it! Bin ich Arnold Schwarzenegger? Wenn ich schon 'work out' mache, dann mit allen technischen Schikanen!

Ich gehe zwei Block weiter zum 'Platinum Gym', dem teuersten Fitness-Tempel am Ort, und sage dem Blondie-Girl am Empfang, dass um die Ecke ein Pickup meinen Wagen behindert, und ich nicht wegfahren kann, und ob sie nicht vielleicht mal ganz hoppti nachschaün könnte, ob es vielleicht der Pickup von einem ihrer beknackten Kunden sei. Eingeschüchtert verlässt die Kleine ihren Posten, OHNE VORHER IHR TERMINAL ZU SPERREN!
Zehn Minuten später kommt sie ganz verwirrt zurück und entschuldigt sich tausendmal, aber sie könne keinen Pickup sehen, der ein parkendes Auto behindere.
"Oh?" sage ich und lächele mein charmantestes Lächeln,
"wahrscheinlich ist der Kerl schon selber weggefahren. Ich habe noch ein klitzekleines Problem: Ich habe leider meine Mitgliedskarte verloren. Aber ihr habt ja alle meine Daten im Computer..."
Ihr Gesichtchen unter dem blonden Haarschopf hellt sich auf: das ist etwas, wo sie helfen kann!

Bald darauf bin ich im Besitz einer funkelnagelneuen Mitgliedskarte (Gold Plus) für das nächste Jahr und sitze im 'Cardiovascular Training Center' auf einer 'tread mill'. Der Raum ist konstant auf 22 Grad und 78 % Luftfeuchtigkeit klimatisiert, das Licht mit sanfter UVA Strahlung angereichert und sämtliche anwesenden Auto-Masochisten sind an Herzmonitore angeschlossen. Meine 'tread mill' ist eine Art robustes Fahrrad auf Stelzen, das ein sadistisch veranlagter Ingenieur mit einem zufallsgesteuerten Steigungsprofil ausgestattet hat. Direkt vor meiner Nase ist ein grosses 17 Zoll Farbdisplay, auf dem ich wahlweise folgende Informationen abrufen kann:

- die Uhrzeit,
- die verstrichene Trainingszeit,
- meine Pulsrate,
- meine 'burning rate' (Kalorien pro Stunde),
- meine bereits erzeugte Energiemenge,
- meine (virtuelle) Geschwindigkeit,
- die aktuelle Steigung (auf die ich keinen Einfluss habe, weil ich den
Zugangskode zu dem blöden Ding noch nicht 'rausbekommen habe),
- das Steigungsprofile der nächsten 60 Sekunden (damit ich mich schon
mal geistig darauf einstellen kann),
- den Wetterbericht,
- das heutige Menue im Casino,
- die Aussentemperatur, Innentemperatur und Luftfeuchtigkeit,
- den aktuellen Dow Jones Index,
- den Bay Area Traffic Report,
- 46 Fernsehkanäle (einschliesslich HBO und ShowTime),
- meinen letzten Kontostand,
- die letzten Sonderangebote im Supermarkt um die Ecke.

Nachdem ich sämtliche erforderlichen Disclaimer unterschrieben habe, dass ich auf eigenes Risiko trainiere und unter gar keinen Umständen die Leitung des Fitness-Centers für etwaige Verletzungen oder gar ein vorzeitiges Ableben gerichtlich belangen werde, fülle ich zuallererst ein Beschwerdeformular aus, in dem ich beklage, dass von den 'tread mills' aus kein Internet-Zugang möglich ist.

Dann beginne ich mit dem eigentlichen Training:
Fünf Minuten später bin ich im Kontrollprogramm meiner 'tread mill' und ändere das Vorzeichen des Kraftwiderstands. Die Pulsrate stelle ich kontant auf 174. Dann wähle ich die höchste Stufe und die 'tread mill' beginnt von sich aus zu strampeln. Ich muss mich nur noch zurücklehnen und die Beine entspannen.

Neben mir schwitzt eine etwa 40jährige Asiatin, die links und rechts über den Sitz quillt. Ich schiele diskret auf ihr Display: sie ist auf der höchsten Schwierigkeitsstufe, Pulsrate 142 und Trainingszeit bereits 53 Minuten. Auf ihrem schweissbedeckten Gesicht liegt ein entrücktes Lächeln; die Augen sind halb geschlossen. Sie murmelt leise vor sich hin, während sie schnaufend in die Pedale steigt. Ich spitze die Ohren (+20 dB):
"Meine Beine werden stärker und stärker. Ich werde jeden Tag stärker. Meine Leistung steigert sich und steigert sich und steigert sich. Mein Bauch ist flacher und stärker als gestern. Meine Knie sind stark und flexibel. Mein Körper fühlt sich super. Ich brauche keine Süssigkeiten mehr. Ich fühle mich wohl..."
So geht das die ganze Zeit. Ununterbrochen. Psycho-Training. Stand auch in einer der vielen Broschuren, die sie mir bei der Anmeldung in die Hand gedrückt hatten.
Es geht mir auf den Geist! Mal sehen, was man dagegen tun kann...

Ich beginne zu keuchen und zu schnaufen. Dann würge ich kurzatmig kurze Wörter hervor:
"Aarrg... Oh, Gott... Uaaarg... Shit!... Uff!... Oh, Gott..."

Meine Nachbarin kommt aus dem Takt und schaut irritiert zu mir herüber.
"Wissen Sie, an was ich immer denken muss, wenn ich hier bin?" frage ich. Sie schüttelt stumm den Kopf.
"Schokolade", sage ich sehnsüchtig, "Tonnen von Schokolade. Kartoffelchips, ganze Säcke voll. Oder Icecream, am besten Marshmallow Fudge von Baskin Robins mit der leckeren Peanut- Roasted-Almond-Sauce...."
Die Quallen-Frau schluckt hart und guckt wieder auf ihr Display. Ihre 'burning rate' ist bereit um 15 Kalorien pro Stunde gefallen.
Ich seufze so laut, dass sie zusammenzuckt.
"Ist das nicht eine unglaubliche Schinderei hier?" ächze ich. "Da sitzt man nun stundenlang und rackert sich ab, und nimmt trotzdem nicht ab... Da sehen Sie mal: ich bin auf 174 und fühle mich grässlich!
Richtig übel kann es einem werden, wenn man sich so überanstrengt..."
Die Quallenfrau wirft einen verzweifelten Blick auf meine wie rasend wirbelnden Beine und wird selber immer langsamer.
"Schätze, ich werde mich noch ein wenig steigern müssen", seufze ich resigniert. "So hat das ja alles keinen Sinn..."
Kurze Zeit später wirft sie heulend das Handtuch und wabbelt schniefend zum Ausgang.

Erfrischt gucke ich mir das 'Strength Center' an: lauter vollcomputerisierte Kraftmaschinen für jeden nur denkbaren Muskel der menschlichen Anatomie (von einigen Muskeln wusste ich nicht mal, dass sie existieren!).
Ich fummele ein wenig am Control-Panel der 'Pull Down' Maschine herum und erhöhe den 'Negative Resistance Factor' auf 1000 %. Dann suche ich die Trainerin vom Dienst, ein zierliches Persönchen mit Muskelknoten an jeder freien Ecke, und bitte sie, mir die 'Pull Down' Maschine zu erklären.
"Ganz einfach", sagt sie professionell und besteigt das riesige Folterinstrument. "Sie setzen sich hier hin, wählen das aufgelegte Gewicht mit dieser Tastatur und ziehen dann diese beiden Griffe immer bis auf Schulterhöhe herunter. Schön langsam. Diese Maschine produziert wie alle anderen auch ein höheres Gewicht auf dem Weg nach oben als nach unten... Aaaaarrrrrg!!!"
Die 1000% Negativgewicht reissen die Trainerin wie nichts in die Höhe; dort strampelt sie verzweifelt mit den Beinen und schreit um Hilfe. Ich simuliere Panik und reisse den Netzstecker der Maschine aus der Wand. Die Maschine lässt los, und die Trainerin knallt aus 3 Meter Höhe hart auf den Fussboden.
"Ich glaube, ich gehe doch lieber in die Aerobic-Klasse", sage ich und verziehe mich diskret.

Im Aerobic-Studio ist ein muskelbepackter ebenholzschwarzer Sadist mit weissen Tennisschuhen dabei, eine Gruppe von schwitzenden weissen Frauen in papageienhaften Gewändern bis aufs Blut zu malträtieren.
"Yeaah! Feel the burn! Do yah feelit? Are you burning yet? Yeeesss!
That's what you want, huh? Your body is never on vacation..."
Man kann sehen, dass es ihm Spass macht, alle die verweichlichten Weissbrote der gehobenen Mittelklasse auszuwringen. Und gleichzeitig kann er auch noch seine Lieblingsplatten hören. Kein schlechter Job!
Als ich dazukomme, zählt er gerade für Liegestütze den Countdown im Takt der Musik:
"... elf... zehn... neun... acht... sieben... sechs... fünf..."
Er sieht mich in der Tür stehen und grinst glücklich von einem Ohr zum anderen. Die feminimen Weissbrote schnaufen und stöhnen.
Ich lasse meinen kritischen Blick über die schweissnassen, ächzenden Leiber schweifen, schüttele langsam den Kopf und deute mit dem Daumen nach unten..
Der Aerobic-Sadist grinst noch breiter:
"... vier... drei... zwei...... neun... acht... sieben..."
Erstickte Protestrufe aus der Gruppe; einige geben auf und bleiben in einer Pfütze aus Schweiss liegen. Der Aerobic-Sadist springt zu der Frau, die am lautesten protestiert hat, und schreit im Kasernenton:
"Fünf extra! Aber flotty! Fünf... vier... drei..."

Vielleicht sollte ich mich als Trainer bewerben...

© Copyright Florian Schiel 1997