Zum wöchentlichen neo-traditionellen Halb-Vier-Uhr-Tee gibt es warme 'scones'
(Erklärung für Provinzler: traditionelles englisches Teegebäck, das von
der Konsistenz ein wenig an die bayerischen 'Boxer' erinnert -
allerdings ohne den Zuckerguss!
(Jetzt wissen natürlich wieder 90 % von euch nicht, was 'Boxer'
sind!
(Kann ich aber auch nix dafür, wenn ihr im falschen Bundesland
wohnt!!
(I love brackets!!!
(;-)
)
)
)
)
Die 'scones' holt Ginger höchstselbst aus einer dafür spezialisierten Bäckerei - etwa 27 Meilen vom Campus entfernt.
(Benzin ist recht preiswert in Kalifornien!)
Früher, bevor ich am 'ARSCH' eingestellt wurde, hatte es einen traditionellen Fünf-Uhr-Tee gegeben, der mangels Beteiligung der Angestellten praktisch nie stattfand. Welche halbwegs vernünftige humanoide Lebensform ist um fünf Uhr noch im Büro? Allerhöchstens ein paar unverbesserliche Hacker vom Saturn...
Seit allerdings auf meinen Vorschlag der Termin auf 3:30pm vorverlegt wurde und ich zudem den Wartungszyklus für unsere Workstation- Cluster auf diesen Termin verlegt habe, ist die Beteiligung der Belegschaft um mehrere Tausend Prozent gestiegen...
Zu den warmen 'scones' schmeckt am besten frische, salzige Butter.
Also gehe ich in die Teeküche und hole ein frisches Päckchen aus dem Kühlschrank. Als ich es auswickeln möchte, fällt mein Blick auf den Aufdruck:
"FRISCHES PÄCKCHEN! HIER ÖFFNEN!"
Wirklich interessant! Es hätte sich ja auch um völlig verranzte Butter aus dem Freiheitskrieg handeln können! Also muss man den beruhigenden Hinweis 'FRISCHES PÄCKCHEN' wirklich dankbar zur Kenntnis nehmen. Und 'HIER ÖFFNEN' steht praktischerweise auf der einzigen freien Lasche des Pergamentpapiers, damit ich auch nicht aus Versehen mit dem Büchsenöffner 'rangehe!
Sheeeeesh-Aaaargggg!!!
Manchmal übertreiben sie es schon ein bisschen hier - ein bisschen?
Für meinen mintgrünen Ford Mustang habe ich mir einen 'sun screen' besorgt. Das ist im Prinzip nur ein riesiges, farbenfrohes Stück Pappe, das man hinter die Windschutzscheibe klemmt, damit die Sonne nicht den ganzen Tag ins geparkte Auto knallt. Und was steht mit grossen roten Buchstaben auf der Rückseite:
'WARNING: DO NOT DRIVE WITH SCREEN IN PLACE!
Sheeeeesh-Aaaargggg!!!
Nach dem Tee mache ich meine Runde durch die Labs, um zu kontrollieren, ob die Studenten noch ein paar 'scones' mitgehen haben lassen und jetzt die Tastaturen vollbröseln. Wenn ich einen erwische, gibt es eine ernste Verwarnung, 10 Dollar Strafe und ich konfisziere sofort das corpus delicti.
Das Geld kommt in die schwarze Kasse für 'Sonderanschaffungen' (wo auch die Maus-Maut hinfliesst!), und die beschlagnahmten 'scones' kommen in meinen Magen.
Einigermassen gesättigt kehre ich in mein Büro zurück und schaue nach, was heute noch ansteht:
Meine Mailbox? Leer! Ausgezeichnet! Allmählich scheinen meine Erziehungsbemühungen Früchte zu tragen...
Die Mailboxen der Mitarbeiter? Ich überfliege kurz die Titel - Nichts was sich für eine kleine Erpressung lohnen würde...
Ich klicke mich durch die Pages von ein paar lokalen Tageszeitungen. Schliesslich muss man sich mit der fremden Kultur vertraut machen. Und was hilft da besser, als die Klatschspalten der lokalen Presse.
Probleme mit der Sprache? Aber woher denn! Amerikanisches Englisch ist sowieso verkapptes Deutsch...
Wie? Ihr zweifelt? Ok, let's see...
"... and her frumpy Hausfrau look fits more for a Putz-around-the- house than for a gala dinner..."
(kritische Anmerkungen zur Mode der Hollywood-Prominenz)
".. while years ago kids used to spent their free time in the Kinder- Gym, nowadays the only observable movement may be a very cool sneer ..." (kritische Anmerkungen zur heutigen Jugend)
"... and then all suddenly it's there: Wanderlust fills your mind..."
(Hiking tips)
"... pure Schadenfreude on the winner's side and the Angst for the rest of us..."
(sarkastische Bemerkungen zur neuesten Game-Show, bei der es darum geht, möglichst viele Gegner mit blauem Schimmelkäse zu ersticken, während gleichzeitig Verse von Bukowsky rezitiert werden)
"... he cautiously approached his vicious Doppelgänger..."
(Fortsetzungsroman über kartoffelähnliche Aliens, die sich als Menschen replizieren. Wir raten ab!)
"... influenced by an overthrown Weltanschauung that..."
"... however, considering the Zeitgeist in ..."
(Philosophisches Feuilleton - unverkennbar!)
"... again to be said that the politically correct positive thinking regarding the EURO is set über alles..."
(Tendenziöses Editorial zur Europapolitik)
"... walked back to the microphone and continued his Spiel..."
(Schon wieder Feuilleton! Diesmal der Kritiker)
"... but the Green Party - after a few detours - got back to it's fruitless Realpolitik..."
(Politischer Kommentar, republikanisch)
"... Ur-pepper ..."
(Kochrezepte, demokratisch)
Auf dem Nachhauseweg besuche ich noch ein paar öffentliche PC- Labors in unserem Gebäude und packe bei einem halben Dutzend Windoofs-Rechnern die DOS-Box in den Autostart-Ordner. Bei den Macs lenke ich die Drucker-Queues um auf den Laserdrucker im Sekretariat des Deans. Die Sekretärin des Deans ist ein besonders bösartiger wasserstoffgebleichter Drachen mit künstlich verlängerten, dunkelroten Krallen, deren Büro man nicht ohne kugelsichere Weste betreten sollte...
© Copyright Florian Schiel 1997