In meiner Mailbox ist eine Nachricht mit dem Titel:
'Datenverlust - Bitte restaurieren!'
Ich lösche die mail.
Keine Stunde später kommt wieder eine mail vom selben Absender:
'Re: Datenverlust - Brauche dringend die Daten!!!'
Ich lösche die mail.
Gerade als ich zum Lunch gehen will, da schmatzt mein Mailer schon wieder (Ich habe meinen Mailer so konfiguriert, dass er vor dem Lunch schmatzt und nach dem Lunch rülpst):
'Re: Re: Datenverlust - HALLO, HÖRT MICH JEMAND???'
Ich überlege, ob es sich lohnt, in die mail zu gucken - aber dann lösche ich sie doch lieber. Man soll sich so kurz vor dem Mittagessen nicht ablenken lassen. Das könnte die Magensaftproduktion durcheinanderbringen.
Kurz nach dem Lunch - so gegen 3 pm - klingelt mein Telefon. Weil heute die Sicht aufs Golden Gate so gut ist und die gegrillten Austern wirklich ganz ausgezeichnet waren (mit selantro-lemon sauce!), hebe ich ab.
Er ist es wieder:
"Was ist denn los?! Haben Sie meine emails nicht bekommen?!"
Ich frage nach seinem Account und er gibt ihn mir.
"Doch, die emails habe ich bekommen", sage ich, "sie stehen an 346., 347. und 348. Stelle in meiner Task-Liste."
Er schnappt nach Luft. Dann kapiert er, was das bedeutet und er schnappt noch einmal nach Luft.
"Aber ich brauche diese Daten D R I N G E N D ! Ohne die kann ich nicht weitermachen, und übermorgen ist deadline für mein proposal und..."
"Um was für Daten handelt es sich überhaupt?" frage ich. Er berichtet mir aufgeregt, dass er ein ganzes Dir mit brandaktuellen, einzigartigen, phantastischen, nobelpreisverdächtigen Ergebnissen gelöscht hat.
"Tja, herzliches Beileid. Da kann man nichts machen", versuche ich zu trösten, "dafür haben Sie jetzt wieder mehr Platz in Ihrem Account. Und wahrscheinlich haben wir heute was gelernt, hmm?"
Das muss er erst ein paar Sekunden lang verdauen, bis er auf die tieferen Implikationen stösst:
"Äh... was soll das heissen: da kann man nichts machen?" erkundigt er sich mit zitternder Stimme. "Wir haben doch Backup?"
Ich schweige.
"Haben wir doch, oder?" wiederholt er leise.
Ich schweige.
"Oder, haben wir nicht?" fragt er mit ganz heiserer Stimme.
"Nicht mehr", sage ich ruhig.
"WIESO NICHT?!!!"
"Wir hatten doch dieses schnucklige kleine Bandgerät im Rechnerraum, das jede Nacht ein increment von allen Userdaten gemacht hat", erkläre ich. "Sie wissen schon, das Ding, in das man JEDEN ABEND ein neues Band einlegen muss.
"Tja, vorgestern wollten wir den Rechnerraum mit ein paar Blumentöpfen verschönern. Und dabei hat jemand aus Versehen einen ziemlich schweren Pflanzkübel mit blauen kalifornischen Jorgulieren auf das Bandgerät fallen lassen. Und seit dem: keine Backups mehr..."
"Oh, nein!"
Das ewige Bandwechseln ging mir schon nach einer Woche auf den Geist. Zum Glück habe ich in einer dunklen Ecke des Rechnerraums einen handlichen 5-Pfund-Hammer entdeckt (in einer roten Kiste mit der Aufschrift 'EMERCENCY ONLY').
Abgesehen davon gibt es keine 'blauen kalifornischen Jorgulieren'; zumindest kenne ich keine - ihr vielleicht?
"Doch, leider. Aber ich habe uns sofort ein ultramodernes Backup- Gerät bestellt, sogar mit einem Roboter zum automatischen Bänderwechseln. Das Ding steht schon hier bei mir zum Testen", sage ich, um ihn aufzumuntern. (Psychologie ist wichtig bei meinem Job!)
Und da wird es vorerst auch bleiben. Robby kann nämlich auch VCR- Kassetten wechseln. Jetzt muss ich zwischen den Videos nicht mehr aufstehen und zum Recorder gehen...
"Aber wo sind dann meine Daten?!" flüstert er.
"Tja, mein erster Tip wäre: nirgends mehr! Unter UNIX werden freigegebene Blöcke auf der Platte normalerweise sofort wieder überschrieben. Aber..."
"Ja?"
"Naja, manchmal, wenn es sich um ziemlich viele zusammenhängende Daten handelt, sind die Files vielleicht doch noch irgendwo auf der Platte..."
"Jaaah?"
"Haben Sie denn noch die Namen der gelöschten Files?" frage ich.
"Jaaah!!!"
"Es kommt nämlich vor, dass sich die gelinkten Node-Entries auf der VAT gegensynchron aus der gespiegelten Meta-VAT decodieren und über den normalen Fodgers-Robertson-Effekt in den Tunnelbereich der magnetischen Resonanz der Bernoulli-Oberfläche extrapolieren..."
Ich kann's einfach nicht lassen!
"Oh...", sagt er. "natürlich..."
Das heisst also: DUMMY MODE ON!
"Versuchen Sie doch einfach mal folgendes", sage ich. "Sie legen das gelöschte Dir wieder an und erzeugen darin mit dem Befehl 'touch' genau die Files, die gelöscht wurden. Manchmal synchronisieren die Einträge dann an die richtige Stelle in der VAT und die Daten werden wieder sichtbar. Aber wenn überhaupt, dann erst wenn wieder alle Filenamen komplett da sind"
"Aha... aber das waren ja Hunderte von Namen...", sagt er.
"Tja, ich habe ja auch nicht gesagt, dass es einfach ist...", sage ich bedauernd.
Wie gesagt: manchmal kann ich mich selber nicht ausstehen...
Er sagt, dass er es immerhin versuchen werde, und legt auf. Das wird ihn die Nacht über beschäftigen - und hoffentlich morgen davon abhalten, weitere emails an 'admin' zu schicken...
© Copyright Florian Schiel 1997