"Was ist das?" fragte ich verbluefft und betrachtete das
  leichte Geraet. Ich hatte eine Handfeuerwaffe erwartet.
  "Eine elektrische Viehpeitsche."
  "Was?!"

Einer der Wagen hinter uns hupte. Ich konnte nicht ausmachen, ob es von
Peters Wagen kam.
"Wir haben keine Zeit mehr", zischte sie und stieg in ihren Wagen. Ich
steckte das Ding in die Hosentasche und stuetzte mich auf die Wagentuere,
so als ob ich ihr Anweisungen geben wuerde. Sie betaetigte den Anlasser
und der Wagen sprang natuerlich an.
"Am besten wirkt es in der Naehe der Wirbelsaeule", raunte mir das
Maedchen durchs geoeffnete Wagenfenster hastig zu. "Der Schock laehmt
fuer einige Sekunden, ist aber nicht lebensgefaehrlich."
"Schon mal ausprobiert?" fragte ich beeindruckt.
Sie schuettelte den Kopf.
"Heute erst gekauft. Viel Glueck."
Sie fuhr an und ich ging rasch zu Peters Wagen zurueck.
"Was war denn los mit der Schrottkiste?!" fragte Archie aergerlich. Seine
Stimme hatte einen hysterischen Unterton. "Los, fahren Sie schon!"
Ich zuckte mit den Schultern.
"Zuendkabel herausgefallen."
Archie war jetzt sichtlich nervoes. Es gefiel mir gar nicht, wie
er hektisch mit der Walther herumfuchtelte. Ich bemerkte, dass der
Sicherungshebel nicht mehr eingerastet war.
Er dirigierte Peters durch mehrere Nebenstrassen. Ich versuchte, die
Orientierung zu behalten, aber in dem dichter werdenden Nebel und den
ewig gleichtoenig-oeden Strassen war das schwierig. Schliesslich befahl
er Peters, zu halten und den Motor auszuschalten. Wir sassen eine Minute
schweigend im Dunkeln. Der heisse Motor knackte. Gelbe Nebelschwaden zogen
langsam im Licht der einzigen Strassenlaterne auf der gegenueberliegenden
Strassenseite vorbei. Archie schien immer noch nach moeglichen Verfolgern
auszuspaehen. Schliesslich sagte ich:
"Es wird allmaehlich Zeit, dass wir Janet finden. Es ist gleich halb
zwoelf."
Archie lachte nur kurz.
"Mach dir mal keine Sorgen, Georgiboy. Wir kommen schon noch rechtzeitig
zu der Party. Aussteigen! Du zuerst!"
Er liess uns beide vor sich hergehen. Zweimal um die Ecke, dann in eine
Sackgasse, eingerahmt von schulterhohen Bretterzaeunen.
"Hier rechts", sagte Archie mit gedaempfter Stimme.
Zuerst konnte ich rechts nur die Bretterwand des Zaunes erkennen. Dann sah
ich eine primitive Schwingtuere. Peters hielt sie auf und zoegerte. Der
Eingang fuehrte in einen stockdunklen Schuppen.
"Los, rein da!" Archie zog mit der Linken eine Minitaschenlampe aus der
Jackentasche und leuchtete in das leere Lagerhaus. Eine schimmelige
Ziegelwand wurde links sichtbar. An ihr entlang ging es durch die
Dunkelheit bis zu einer Holztreppe, die nach links hinauf fuehrte. Wir
stiegen schweigend die ausgetretenen Stufen hinauf und betraten am
Ende durch eine weitere unverschlossene Holztuere einen stockdunklen
Raum. Etwas klickte vernehmlich und eine einzelne kahle Gluehbirne
leuchtete auf.
Der richtige Ort, um ein paar unbequeme Zeugen ruhig zu stellen, dachte
ich bitter und blickte mich um. Der riesige Raum war voellig leer,
bis auf einen Haufen verrottender Paletten in der hinteren rechten
Ecke und einen neu aussehenden grossen Schalenkoffer gleich neben der
Tuere. Keine Fenster, Wasserflecken an der Decke, grobe Holzdielen. Der
Koffer war aufgeklappt und der Deckel lehnte an der schmierigen Wand. Er
enthielt ein komplettes kleines Elektroniklabor. Loetstation, Werkzeuge,
ein kleines Sortiment von elektronischen Bauteilen und Mikrochips. Damit
also hatte Archie seine totbringenden sprachgesteuerten Bomben gebastelt.
Von Janet natuerlich keine Spur. Trotzdem stellte ich die ueberfluessige
Frage:
"Wo ist Janet?"
Archie lachte. Es klang hysterisch. Wahrscheinlich musste er seiner
andauernden Anspannung Luft machen.
Der Chef sah mich traurig an. Ich wusste, was er dachte. Archie
hatte doch geblufft und ganz einfach Glueck gehabt, dass Janet gerade
nicht im Motelzimmer war, als ich anrief. Waehrend Archie noch lachte,
griff ich mir mit der rechten Hand zur Ablenkung in den Nacken, wie um
mich zu kratzen, und steckte gleichzeitig die Linke unauffaellig in die
Hosentasche. Das kleine Kaestchen aus griffigem Kunststoff glitt wie von
selbst in meine Handflaeche. Ich fuehlte zwei runde Erhebungen unter
Zeigefinger und Daumen, die sich hineindruecken liessen. Ich betete
inbruenstig, dass es die Ausloeser waeren. Langsam drehte ich mich
herum, wie wenn ich den Raum inspizieren wollte, und liess unvermittelt
meine Rechte auf Archies Handgelenk herunterfahren. Ich erwischte es,
aber nicht optimal, und bemuehte mich, die Muendung der Waffe von mir
wegzudruecken. Gleichzeitig drehte ich mich, so dass ich halb hinter
Archie zu stehen kam, und versuchte, den Elektroschocker in die Naehe
seines Halses zu bringen. Nach der ersten Schrecksekunde begann er sich
natuerlich zu wehren.
Dann ging alles sehr schnell. Ich drueckte die beiden Knoepfe an dem
schwarzen Plastikkaestchen und ein doppelter blauer Lichtbogen sprang
zwischen den drei Metallspitzen ueber. Leider voellig wirkungslos, da ich
nicht nahe genug an Archie herankam. Jemand rief etwas im Hintergrund
- wahrscheinlich Peters. Dann loeste sich krachend ein Schuss aus der
Walther und bohrte sich, Holzspaene verspritzend in den Fussboden.
Fuer einen Moment erstarrten wir beide in unserer gegenseitigen
Umklammerung. Alles klang ploetzlich wie durch Watte gedaempft. Ich
wusste, dass ich die naechsten Sekunden kaum noch etwas hoeren
wuerde. Im Schiessklub war mir das schon oefters passiert, dass
jemand unbedachterweise in unmittelbarer Naehe und noch dazu in einem
geschlossenen Raum eine Pistole abgefeuert hatte.
Ich erholte mich den Bruchteil einer Sekunde schneller als Archie von
dem ohrenbetaeubenden Knall, drueckte ihm das Kaestchen in den Nacken
und presste so fest ich konnte auf die beiden Knoepfe. Diesmal zeigte
sich sofort eine Reaktion. Archie riss krampfartig den Kopf weit in
den Nacken und schrie. Ich fuehlte mehr, dass er schrie, als dass ich
es hoerte. Seine linke Hand, die mein rechtes Handgelenk umklammert
hielt, krampfte sich so fest zusammen, dass die Fingernaegel sich tief
in mein Fleisch bohrten. Aber er liess die Waffe nicht fahren. Mit einer
ploetzlichen kraftvollen Bewegung, die ich ihm gar nicht zugetraut haette,
schleuderte er mich von sich wie eine Puppe. Ich stolperte, versuchte
vergeblich mein Gleichgewicht wiederzubekommen und krachte schliesslich
in den Stapel morscher Paletten im Hintergrund des Raums. Holzsplitter
bohrten sich schmerzhaft in mein rechtes Fussgelenk. Als ich mich muehsam
wieder aufgerappelt hatte, blickte ich geradewegs in die Muendung der
Walther. Dahinter Archies graesslich schmerzverzerrtes Gesicht. Er
kauerte keuchend direkt vor der Tuere, die waehrend des Handgemenges
aufgeschwungen war und sich langsam im Luftzug bewegte. Ploetzlich
fuehlte ich, dass meine Haende entsetzlich leer waren: Ich hatte den
Elektroschocker verloren. Der Chef kauert nicht weit von mir an der Wand,
den Kopf eingezogen und schuetzend mit beiden Haenden bedeckt.
Ich sah in die kleine Muendung meiner eigenen Pistole, die gleich,
ein letztes Mal fuer mich, Tod und Feuer spucken wuerde, und ploetzlich
liess alle Anspannung in mir nach. Ich wurde so schlapp wie ein nasser
Mehlsack. Selbst wenn man mir jetzt eine Waffe in die Hand gedrueckt
haette, ich waere nicht mehr in der Lage gewesen, sie zu benutzen. Wie
man sich in einer gefaehrlichen Verkehrssituation, die unausweichlich
zur Kollision fuehren wird, ploetzlich entspannt und den unvermeidlichen
Stoss erwartet, so hatte mein Koerper den Kampf aufgegeben.
"So, George. Das war's dann", keuchte Archie. Er schluckte und richtete
sich etwas auf. "Du glaubst gar nicht, wie ich auf diesen Moment gewartet
habe. Zuerst war es nicht wichtig. Aber inzwischen habe ich es begriffen:
Du bist es gewesen, den ich als allererstes haette beseitigen sollen. Du
bist der Traeger des Gluecks, George. Du bist der Traeger meines
Gluecks. Hast du das gewusst? Du hast es natuerlich nicht gewusst,
nicht wahr? Aber jetzt werde ich es dir sagen, damit du weisst, warum
du und Janet und der Chef und all die anderen sterben mussten!"
Er lachte irr.
"Ist das nicht komisch? Ich haette dich als allererstes erledigen
sollen, und alles waere nicht geschehen; die ganzen anderen wuerden noch
leben. Sie waren nicht wichtig. Die waren nicht die Ursache fuer all mein
Unglueck. Nicht wahr, George? Du bist es! Du bist es immer gewesen. Du
bist der Traeger des Gluecks!"
Er schluckte wieder. Peters bewegte sich vorsichtig; Archie achtete
nicht darauf. Ich war vor Angst stocksteif.
"Du ziehst das Glueck an, George. Wie ein Magnet ziehst du das Glueck an,
ein Gluecksmagnet. Aber jetzt... jetzt habe ich das Glueck auf meiner
Seite. Ich habe deine Waffe. Ich werde dich umbringen, und es wird mich
erloesen, verstehst du? Verstehst du, George?!"
Er lachte noch einmal ganz kurz. Seine Augenlider flatterten nervoes.
"Du musst das doch jetzt verstehen, auch wenn dir nie klar wurde, dass du
mein Glueck auf dich gezogen hast. Verstehst du, George? Ich hatte das
nicht begriffen. Ich habe fuer dich die anderen aus dem Weg geraeumt;
es hat nur dir genuetzt."
Seine Stimme wurde fast bittend.
"Himmel nochmal, verstehst du nicht, George!? Ich haette dich allein
erledigen sollen, und alles waere anders gekommen. Aber jetzt, jetzt
ist es vorbei! Du wirst nie mehr mein Glueck stehlen, George!"
Er kreischte jetzt hemmungslos.
"Nie mehr! Nie, nie mehr!!"
Der Lauf der Waffe senkte sich etwas und ich sah gebannt, wie sich der
Finger um den Abzugshahn kruemmte.
Da flog ploetzlich etwas durch die weit geoeffnete Tuere in den
Raum. Etwas schweres, dunkles, das Archie fuer einen Moment unter sich
begrub. Ich verlor die Waffe aus den Augen und der hypnotische Bann auf
die todbringende Muendung wurde gebrochen. Ich rappelte mich wieder auf.
"Eine tolle Hilfe sind Sie mir vielleicht", schnauzte Becker mich keuchend
an. "So halten Sie doch seinen Arm fest!"
Er hielt Archies Hals mit dem linken Arm umklammert und knackte mit
einem brutalen Schlag Archies Griff um die Waffe. Die Walther schlitterte
polternd ueber den groben Holzfussboden.
Aber nicht weit genug weg. Ich hielt Archie unbeholfen am rechten Arm
fest, als Becker ploetzlich aufstoehnte und in die Knie ging. Irgendwie
hatte Archie es geschafft, ihm kraeftig in die Eier zu treten. Er nutzte
seine Chance und befreite seinen Kopf aus der Umklammerung, gab dem
am Boden liegenden Becker einen harten Tritt und machte einen Satz in
Richtung der Walther.
Ich haette niemals fuer moeglich gehalten, dass Archie soviel Kraft
entwickeln koennte. Ich stemmte mich gegen ihn und wurde trotzdem einfach
umgerissen. Trotzdem liess ich ihn nicht los und fiel auf die Knie. Als
ich mein Gleichgewicht wiedergefunden hatte, war es zu spaet. Er hatte
die Walther und drueckte sie mir an die Kehle. Wir knieten jetzt beide
voreinander, ich hielt immer noch sinnlos mit beiden Haenden seinen
rechten Arm umklammert, und er hatte die Waffe in der Linken. Wir
keuchten beide, wie nach einem Sprint. Unsere Augen waren einander ganz
nahe. Sein Blick flackerte von meinem linken zum rechten Auge und wieder
zurueck. Sein Gesichtsausdruck war - ueberrascht. Wie wenn er sagen
wollte: "Was mache ich hier ueberhaupt? Warum bin ich hier? Was wollt
ihr alle von mir?"
Das alles dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde; dann wurde sein Blick
ploetzlich ruhig und er laechelte.
Die Waffe drueckte sich schmerzhaft in meinen Kehlkopf. Vor Angst schloss
ich die Augen.
Im naechsten Augenblick loeste sich der Schuss wie eine Schockwelle. Etwas
Heisses streifte meine Wange, dann spritzte es warm ueber meinen Hals
und Brust.

Fortsetzung folgt.

Copyright 1996 Florian Schiel