"Und warum sollte ich das tun?" fragte ich mit gepresster
Stimme. Seine Sicherheit irritierte mich.
Archie laechelte wieder grausam. "Du willst doch nicht,
dass Janet etwas zustoesst, oder?"

Der Chef und ich, wir brauchten etwa fuenf Sekunden, bis wir die Neuigkeit verdaut hatten. "Er blufft", sagte der Chef unsicher und sah mich nach Bestaetigung heischend von der Seite an. Ich liess Archie nicht aus den Augen, klemmte mir mit der Linken den Telefonhoerer unters Kinn und waehlte unsere Nummer im Motel 6. Ich liess es zehnmal laeuten. Keine Antwort. Ich biss mir auf die Unterlippe. Dann waehlte ich die Nummer von Janets Haus und anschliessend die von Frank. Jeweils keine Antwort. Der kalte Schweiss brach mir aus. "Er blufft", murmelte der Chef erneut und beobachtete Archie unter finster zusammengezogenen Augenbrauen. Archie blickte betont langsam auf seine Armbanduhr. "Wenn ich sie innerhalb der naechsten eineinhalb Stunden nicht persoenlich abhole, ist es fuer sie schon mal zu spaet", erklaerte er so ruhig, als ob es um eine Verabredung zum Dinner ginge. Ich stand da, unfaehig mich zu ruehren. Ich starrte in Archies Augen; er starrte zurueck. Bluffte er wirklich? Konnte Archie so bluffen? Ich hatte geglaubt, ihn zu kennen, nachdem wir jahrelang Kollegen waren, zum Teil sogar im selben Buero gearbeitet hatten. Jetzt erkannte ich, dass ich nur eine Maske, die duenne Oberflaeche wirklich gekannt hatte. Konnte er so bluffen? Ich dachte an all die skrupellosen Plaene, die er sich ausgedacht hatte, um sein Ziel zu erreichen. Es konnte sein. Es bestand eine winzige Moeglichkeit - und das war bereits zu viel, wenn es um Janets Leben ging. Langsam nahm ich die Waffe hoch und sicherte sie. Ich konnte mich nicht ueberwinden, sie ihm in die ausgestreckte Hand zu geben; ich warf sie ihm vor die Fuesse auf den Teppich. Der Chef aechzte. Mit einer katzenartigen Bewegung tauchte Archie nach der schlanken Waffe und hielt sie dann so fest umklammert, dass die Haut ueber seinen Knoecheln weiss wurde. Er holte tief Luft und machte eine auffordernde Bewegung zur Tuere. "Gehen wir! Sie beide zuerst! Wir nehmen Ihren Wagen, Peters! Sie fahren, und du", er deutete mit der Walther auf mich, "setzt dich vorne neben ihn! Und denken Sie daran: keine Experimente, sonst schaut es schlecht aus - um Janet!" Der Chef warf mir einen verzweifelten Blick zu und murmelte noch einmal: "Er blufft. Ich sage, er blufft." Dann marschierten wir in der angeordneten Reihenfolge aus dem Apartment. Archie liess uns zuerst ins Zentrum Berkeleys fahren und wir kurvten dort einige Male sinnlos um die Bloecke. Dabei bemerkte ich, dass er staendig die Wagen hinter uns im Auge behielt. Das Ergebnis schien ihn zu befriedigen und er gab Peters die Anweisung, auf der Shattuck in Richtung Oakland zu fahren. Ausser Archies gelegentlichen Anweisungen sprach niemand ein Wort. Ich dachte die ganze Zeit ueber, was fuer ein Idiot ich doch gewesen war, dass ich Janet zurueckgelassen hatte, in der irrigen Annahme, dass sie im Motel sicherer waere, als bei mir. Jetzt hatte sich das genaue Gegenteil herausgestellt. Archie mochte mir vorwerfen, dass ich ein Glueckspilz sei, aber das Schicksal hielt fuer ihn auch ein paar Pluspunkte parat. Was wuerde er mit uns machen? Ich wusste nur eine Loesung fuer seine ganzen Probleme. Und die wollte mir gar nicht gefallen. Der Chef mochte auf seine Weise zu einem aehnlichen Ergebnis gekommen sein, denn er unternahm den fruchtlosen Versuch, Archie zur Aufgabe zu bewegen. Archie allerdings beantwortete seine Aeusserungen gar nicht. Nach ein paar Minuten gab der Chef es auf. Schaut so aus, als ob er bereits einen Plan gefasst haette, dachte ich grimmig. Bestimmt keine Geschichte mit Happy End fuer die Mehrzahl der Beteiligten. Kurz vor Downtown liess Archie Peters links in eine Strasse abbiegen. Ich versuchte, die Nummer zu erkennen, aber es war neblig und dunkel. Der Pacific Layer lag wie eine feuchtes Leichentuch ueber der heruntergekommenen City. Die Wolkenkratzer waren nur noch an ihrer Basis erkennbar; die wenigen Strassenlaternen behinderten eher noch die Sicht, weil sie den dicken Nebel in der naeheren Umgebung zu unangenehm gelbem Leuchten anregten. Archie befahl Peters, rechts heranzufahren und die Lichter zu loeschen. Ich spaehte nach den Gebaeuden in der Naehe, aber ich sah nur eine lange, unverputzte Ziegelmauer auf der rechten Seite, die sich irgendwo im Nebel verlor. Allerhand Muell, aber keine Flaschen und Dosen. Die Armut sorgte fuer selektive Sauberkeit. Kein Gehweg auf dieser Seite. Offensichtlich war unsere Fahrt noch nicht zu Ende. Nachdem Archie dreissig Sekunden lang wachsam aus dem Rueckfenster geschaut hatte, gab er Peters den Befehl weiterzufahren. Wir bewegten uns jetzt von der Bay weg in ein Viertel Oaklands hinein, das normale Buerger nicht einmal bei helllichten Tage freiwillig durchquert haetten. Es passierte etwa vier Blocks entfernt vom Broadway. Ein blauer Chevrolet stand schraeg mitten auf der Strasse, einer Einbahnstrasse wie ueberall in Oakland. Ein grosser blauer Chevi, ziemlich neues Modell, die Lichter brannten, aber der Motor schien nicht zu laufen. Unter der hochgeklappten Motorhaube beugte sich jemand ueber den Motor und leuchtete mit einer Taschenlampe darin herum. Man sah nur die Beine, huebsche braune Maedchenbeine in Espandrillen, vielleicht ein wenig zu muskuloes in den Fesseln, unter einem ziemlich kurzen schwarzen Lederrock. Von Rest des Maedchens konnten wir nicht viel erkennen, weil sie bei ihrer Suche nach den Schaden schon fast in den geraeumigen Motorraum fiel. Man konnte allerdings sehen, dass sonst niemand in dem blauen Wagen sass. Peters hielt mit etwa zehn Yards Abstand hinter dem Chevi. An Ueberholen war nicht zu denken; die Fahrbahn war zu schmal und auf beiden Seiten parkten verstaubte Schrottkisten. Archie fluchte leise und blickte nervoes nach hinten. Zwei weitere Wagen naeherten sich bereits; Zurueckstossen ging also auch nicht mehr. Das Maedchen mit dem kurzen Lederrock tauchte endlich aus dem Motorraum des Chevi auf und blickte verwirrt und hilfesuchend zu uns herueber. Sie war gekleidet wie fuer die Disco, hatte dunkles, kurz geschnittenes Haar, in das sie ein rotes Seidenband gebunden hatte. Sie deutete auf ihren Wagen und rief etwas, was wir im Wageninneren jedoch nicht verstehen konnten. "Verdammt", explodierte Archie. "Was macht diese bloede Ziege da mitten auf der Strasse. Kann sie ihre beschissene Schrottkiste nicht an den Strassenrand bewegen?" Das Maedchen machte ein paar Schritte auf unser Auto zu, gleichzeitig hielt dicht hinter uns ein weiteres Fahrzeug. Archie stiess mich in den Ruecken. "Steig aus und hilf der Zicke den beschissenen Kahn aus den Weg zu raeumen! Aber keine Tricks, verstanden? Und beeil dich! Denk an Janet!" Ich stieg aus und ging dem Maedchen entgegen. Sie laechelte mir vertrauensvoll entgegen. Komisch, dachte ich noch, ein Maedchen ganz allein mitten in Oaklands finsterstem Viertel, und dann vertraut sie sich auch noch einem wildfremden Autofahrer an. "Ich bekomme ihn einfach nicht mehr an", sagte sie unbekuemmert und sah mir fest in die Augen. "Koennen Sie mir helfen?" Schon bei den ersten Worten war ich zusammengezuckt. Sie hatte einen markanten deutschen Akzent. Ich riss mich zusammen und ging mit ihr zusammen zur geoeffneten Motorhaube. Wir beugten uns beide ueber den Motor. "Wir haben nicht viel Zeit", zischte sie. "Was ist passiert? War er doch bewaffnet? Hat er Sie beide ueberwaeltigt? Sie haben doch gesagt, dass er unbewaffnet sein wuerde!" "Er hat meine Waffe, eine Walther", antwortete ich rasch. "Wo ist Becker?" "Dort drueben." Sie deutete auf einen halb zusammengefallenen Bauzaun. "Aber wieso hat er Ihre Waffe?" Ich fummelte an einigen Kabeln und Schlaeuchen herum und veraenderte etwas meine Lage. "Er hat Janet in der Gewalt. Er hat gedroht, dass sie die naechste Stunde nicht ueberleben wird, wenn er sie nicht persoenlich abholt. Das Maedchen spuckte ein kurzes deutsches Wort hervor. Der Betonung nach konnte es nur eine Bedeutung haben. "Genau", bestaetigte ich. Ich fuehlte mich ploetzlich hilflos und ausgelaugt. "Was machen wir jetzt?" "Wir koennen Sie weiter beschatten." Ich lachte bitter. "Das nuetzt uns viel!" "Nehmen Sie das hier." Sie reichte mir ein flaches schwarzes Kaestchen mit ovaler Form. Am spitzen Ende hatte es eine runde Aussparung mit drei glaenzenden Metallstiften. "Was ist das?" fragte ich verbluefft und betrachtete das leichte Geraet. Ich hatte eine Handfeuerwaffe erwartet. "Eine elektrische Viehpeitsche." "Was?!"

Fortsetzung folgt.

Copyright 1996 Florian Schiel