Bastard-Texte
Kapitel 14, Teil 4
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Zum Glueck musste ich nicht allzu lange warten.
Kurz nach neun Uhr hielt ein Wagen vor dem Haus. Ich blieb ruhig sitzen und hörte gleich darauf die Wagentüre zufallen. Kurz danach läutete es. Ich ging zur Türe und ließ Archie herein. Er warf mir einen kurzen forschenden Blick zu, sah aber sofort wieder weg, wie es eben seine Art war, und ließ seine Augen unruhig über die Einrichtung huschen. Er war noch nicht sehr oft bei mir zu Besuch gewesen; wenn man es genau nahm, immer nur in Begleitung mehrerer anderer Kollegen. Ich schloss das Große Fenster und besorgte uns aus der Küche etwas zu trinken. Nach dem ersten Schluck setzte er sein Glas ab und blickte mich erwartungsvoll an. Ich begann langsam und methodisch zu erzählen, berichtete ihm wahrheitsgetreu alles, was Janet und mir seit letzter Woche widerfahren war. Die gewaltsame Entführung Janets, gerade in dem Moment, als ich um die Ecke bog, die Verfolgungsjagd hinter die Berkeley Hills, die Tage in der Wüste, wo wir fast verdurstet wären, wie wir die Gangster schließlich überwältigt und unseren Weg aus der Einöde heraus gefunden hatten. Archie unterbrach mich oftmals mit Fragen und ungläubigem Kopfschütteln. Ich erzählte ihm weiter, wie ich mich mir mit vielen Tricks die Personalien des Anführers beschafft hatte und nannte ihm zum Abschluss den Namen dessen, der die vier fraglichen Schecks ausgestellt hatte. Archie starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an. "Peters? Der Chef? Du musst dich irren!" Ich schüttelte langsam den Kopf und ließ Archie nicht aus den Augen. "Ich hab's mir zweimal von unabhängigen Stellen bestätigen lassen. Es ist kein Zweifel möglich. Die Schecks auf den Konto von Lindsson stammen von Prof. Peters." Archie schüttelte heftig den Kopf und beugte sich weit nach vorne. "Das kann ich nicht glauben", sagte er mit brüchiger Stimme. "Peters würde das niemals machen. Was hätte er für einen Grund, dich umzubringen?" Er schaute mich an. Ich zuckte mit den Achseln. "Deshalb habe ich dich gebeten, hierher zu kommen. Ich weiß nicht mehr weiter. Soll ich zur Polizei gehen und sagen: Hier schaut her. Ich habe untrügliche Beweise, dass mein eigener Chef versucht hat, mich und meine Freundin umzubringen?" "Um Gottes Willen!" Archie sprang nervös auf, verschüttete sein Bier und begann, hektisch vor den Großen Fenster auf und ab zu gehen. "Auf gar keinen Fall! Wenn sich herausstellen sollte, dass das alles nur auf einem Irrtum beruht, kannst du den Mann vollkommen ruinieren!" Ich beobachtete Archie über die Schulter hinweg. Die Walther drückte mich ins Kreuz, wenn ich mich umwandte. "Was soll ich also tun?" Archie setzte zweimal zum Sprechen an, dann blieb er plötzlich stehen, ließ die Schultern hängen und sah mich unsicher an. "Ich weiß es nicht. Es ist eine unmögliche Situation..." Ich leerte mein Glas und schenkte mir nach. "Ich habe mir gedacht", sagte ich, "am besten ist es, wenn ich ihn selbst frage..." Archie fuhr herum. "Was?! Du hast ihn gefragt, ob er... ob du..." "Noch nicht", beruhigte ich ihn, "aber ich werde ihn fragen. Heute." Archie schluckte. Er schaute mir einen Moment lang direkt in die Augen. Mir schien den Bruchteil einer Sekunde, dass da noch etwas anderes war. Eine Art Wachsamkeit. Dann blickte er sofort wieder weg und sein Blick irrte unruhig über die Fenster zur Türe. "Heute? Was willst du damit sagen..." Ich blickte auf meine Armbanduhr. "In ein paar Minuten, um genau zu sein. Er hat sich bereit erklärt, um Zehn kurz vorbeizuschauen." "Was hast du ihm gesagt?" Archie schaute mich nicht an, aber ich hörte die Anspannung in seiner Stimme. "Oh, nichts. Ich hab' ihn nur auf eine Bier eingeladen. Das muss er sein." Draußen hielt ein Wagen. Archie war mit einen Satz, der einem Königstiger alle Ehre gemacht hätte, am Fenster. Wieder hörte man eine Wagentüre ins Schloss fallen und langsame Schritte auf dem Beton des Gehwegs. Archie drehte sich um. Seine Augen glitzerten. Er fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut. "Warum hast du ausgerechnet mich dazu eingeladen", zischte er leise. "Ich wollte jemanden dabei haben, als unbeteiligten Zeugen", flüsterte ich zurück. Archie machte automatisch einen Schritt in Richtung Schlafzimmertür, dann zögerte er. "Soll ich nebenan warten?" "Ich glaube nicht, dass das nötig sein wird", sagte ich und ging zur Türe, an der Peters gerade geläutet hatte. "George, Sie alter Herumtreiber", begrüßte mich der Chef herzlich. "Sie haben aber Farbe bekommen in der letzten Woche. Waren sie irgendwo in der Gegend von LA? Zuerst habe ich gedacht, es wäre ein Jux, wie ich Ihre mail gelesen habe. Aber als dann alle anderen ebenfalls davon erzählten, und Sie tatsächlich den armen Archie die Vorlesung halten ließen, wurde ich eines Besseren belehrt. Ah, hallo Archie! Schön, dass Sie auch da sind." Archie machte einen verunglückten Versuch, die Begrüßung zu erwidern. Ich besorgte dem Chef ein Glas und ein Bier und wir setzten uns wieder vor das Große Fenster. Die kleinen intelligenten Äuglein des Chefs flitzten rasch zwischen unseren Gesichtern hin und her. Peters war nicht dumm; er spürte sofort, dass etwas in der Luft lag. Auf seine typische direkte Art kam er sofort darauf zu sprechen. "Also, George. Was ist los? Was wird hier gespielt? Sie haben mich und Archie doch nicht hierher bestellt, um Ihre Biervorräte zu dezimieren." Ich schüttelte den Kopf und begann, die ganze Geschichte, die ich vorher Archie berichtet hatte, fast wortwörtlich noch einmal zu erzählen. Bald verschwand das Lächeln aus Peters Gesicht und er sah mich so durchdringend an, als wollte er die Gedanken hinter meinen Worten erkunden. Zweimal setzte er zu einer Frage an, aber obwohl ich jedesmal sofort innehielt und ihn auffordernd anblickte, winkte er wieder ab und bedeutete mir mit der Hand weiter zu sprechen. Sein Name am Ende der Story traf ihn allerdings wie ein Keulenschlag. Wie vom Donner gerührt saß er da und starrte ins Leere. Hinter seiner hohen Stirne arbeitete es heftig. Ich konnte seine Gedankengänge fast mitverfolgen. Natürlich zog er sofort die gleichen Schlussfolgerungen wie Archie, der sich jetzt neben mir auf seinem Stuhl wand und kaum noch stillsitzen konnte. Nach fast einer Minute tiefen Schweigens, das keiner von uns zu brechen wagte, räusperte sich Peters und sagte mit schwacher Stimme: "Vier Schecks sagten Sie? Mit jeweils 1500 Dollar?" Ich bestätigte das mit ruhiger Stimme. Der Chef, der die letzten Minuten steif und aufrecht wie eine Wachsfigur auf seinem Stuhl gesessen hatte, drehte den Kopf nur ganz leicht, vielleicht nur einen Inch, in Archies Richtung und warf ihm einen Blick zu.
Fortsetzung folgt.
Copyright 1996 Florian Schiel