Ich wettete mein Kopf, dass Mrs. Castorelli in diesem Moment
folgendes Passwort in Ihrem Computer tippte: WAeGg,fsh. Es
gibt naemlich gar nicht so viele Sprichwoerter mit Komma
darin. Ich jedenfalls kenne kein anderes.
In derselben Nacht stattete ich dem Verwaltungsrechner KLZ3 der University of Berkeley einen mehrstuendigen Besuch ab. Mrs. Castorelli hatte meinen Vorschlag fuer ihr Passwort fast woertlich uebernommen. Nur den Punkt am Ende hatte sie sich gespart. Warum sollte sie mir auch misstrauen? Schliesslich hatte sie mich angerufen, und nicht umgekehrt. Wahrscheinlich wuerde sie niemals erfahren, dass der Inhalt des Briefes an sie allein ein Produkt meiner Phantasie war. Jedenfalls konnte ich mit Hilfe ihres Passwortes einige hochinteressante Abrechnungen einsehen. Es fuegte sich alles zusammen. Wie bei einem Puzzle, bei dem man schon weiss, wie das Bild spaeter aussehen wird, wurde alles ploetzlich klar. Immer mehr gruene Balken wurden in meinen Flussplan eingetragen, die alle auf dasselbe Ziel hinsteuerten. Nur eine einzige Sache fiel aus der Reihe: Der Aussteller der vier Schecks, die meine Entfuehrer erhalten hatten. Ich loggte mich aus, holte mir einen Kaffee am Automaten unten in der Lobby und warf einen Blick auf die Uhr. Halb vier Uhr morgens. Ich war hundemuede. Janet war schon lange eingeschlafen und atmete ruhig und entspannt durch die leicht geoeffneten Lippen. Ich setzte mich wieder an den Tisch und schluerfte den lauwarmen, duennen Kaffee, der mich nun, so spaet in der Nacht, auch nicht mehr lange wach halten wuerde. Noch einmal ueberdachte ich gruendlich alle Moeglichkeiten. Eigentlich war nun der Punkt gekommen, wo ich dem Cop Becker haette Bescheid geben muessen. Wenn diese Schecks nicht gewesen waeren, haette ich es auch gemacht. Aber so - war es keine runde Sache. Irgend etwas stimmte nicht. Schliesslich nahm ich wieder Verbindung zum Internet auf und tippte sorgfaeltig drei kurze emails an drei verschiedene Adressaten. Eine lange Minute sass ich reglos vor dem blass' leuchtenden Schirm des Laptops und starrte auf die grauen Symbole und Icons, ohne etwas wahrzunehmen. Und was, wenn ich mich irrte? Mein Zeigefinger lag locker auf der Maustaste. Eine winzige Bewegung wuerde die drei emails aus dem RAM ueber die Telefonleitung jagen. Nur ein sanfter Druck mit der Fingerkuppe, bis die eingebaute Feder nachgab und der Druckpunkt ueberschritten wuerde. In Gedanken verfolgte ich den Weg der emails; sie wuerden, zunaechst in Niederfrequenzsignale umkodiert, durch die Telefonleitung flitzen; am anderen Ende wuerden sie in ein anderes, schnelleres Protokoll umgewandelt werden und in den undurchsichtigen Dschungel des Internets fliessen; einige Teile wuerden ganz andere Wege laufen als andere; schliesslich wuerde am Zielrechner alles huebsch saeuberlich wieder zusammengesetzt und in die mailbox des Empfaengers geschrieben werden; dort wuerde die Nachricht warten, bis morgen frueh der Empfaenger sich einloggte und nach mail guckte. Ich drueckte den Zeigefinger einen Millimeter nach unten - und ging ins Bett. Am naechsten Tag war es diesig und ein kuehler Wind trieb die Nebelschwaden vom Golden Gate quer ueber die Bay bis nach Berkeley hinein. Wir fruehstueckten gerade wieder unsere gewohnten Doughnuts und Kaffee auf der Galerie, als drinnen im Zimmer das Telefon laeutete. Es war Archie. "Hallo, George! Wo steckst du?" Er klang lebhaft und unbekuemmert, nur etwas ueberrascht, aber er dachte ja auch wie alle anderen, dass ich in Urlaub gefahren sei. "Darf man schon gratulieren?" Ich schaltete nicht sofort. "Ach so, du meinst die mail, die ich verschickt habe. Nein, so weit sind wir noch nicht. Hat das mit der Vertretung geklappt? Tut mir leid, dass das so ohne Vorwarnung kam..." "Hat prima geklappt. Trotzdem freue ich mich, wenn du mir die Sache wieder abnimmst. Wann kommst du... kommt ihr zurueck?" "Archie, es ist etwas sehr Seltsames passiert, und ich glaube, ich brauche deine Hilfe." Im Hoerer blieb es einige Sekunden still. "Hat es etwas mit deinem ploetzlichen Verschwinden zu tun?" fragte er dann vorsichtig. "Allerdings. Wie kommst du darauf?" "Naja, einige hier meinten, dass das gar nicht zu dir passen wuerde. Ich meine, so sang- und klanglos abzureisen. Ohne vorher zu fragen, und so. Der Chef war auch etwas saeuerlich..." Das klang plausibel. Ich zoegerte. Aber dann riss ich mich zusammen. Wenn ich jetzt wieder alle Plaene umstiess, wuerden wir keinen Schritt weiterkommen. "Hoer zu, Archie. Es hat tatsaechlich etwas mit meinem ploetzlichen Urlaub zu tun, und - mit unserem Chef, Peters." "Peters?" Archie Stimme klang ueberrascht. "Richtig. Ich kann und moechte das am Telefon nicht alles erklaeren. Aber ich brauche deine Rat. Kannst du heute Abend zu mir in mein Apartment kommen. Sagen wir, gegen neun?" "Na gut", meinte Archie zoegernd nach einer minimalen Pause. "Aber kannst du mir nicht wenigstens sagen..." "Archie! Jemand hat versucht, mich und Janet umzubringen." Stille. Dann Archies Stimme. Sie klang jetzt heiser und unglaeubig: "Bist du sicher?" "Ziemlich sicher. Bitte komm heute Abend; dann erklaere ich dir alles." Er willigte, immer noch zoegerlich, ein und legte auf. "Was ist?" fragte Janet und schaute durch die offene Tuere zu mir herein. Ich riss meinen Blick vom Telefon weg und schuettelte den Kopf. "Ich bin mir nicht sicher, ob ich recht habe." Den ganzen Nachmittag gingen wir immer wieder alle Fakten durch. Neues kam nicht dabei heraus. Zwei weitere Anrufe kamen, wie erwartet. Gegen acht Uhr machte ich fertig. Janet beobachtete sorgenvoll, wie ich die neue Walther hinten in den Hosenbund schob und die Jacke locker darueber zog. "Bist du sicher, dass ich dir nicht dabei helfen kann?" fragte sie zweifelnd. "Ich koennte bei Horace warten und das Haus beobachten..." Ich schuettelte den Kopf. "Du bist durch meine Schuld schon viel zu tief in die ganze Sache hineingezogen worden. Mir ist es wirklich lieber, wenn ich weiss, dass du in Sicherheit bist. Du koenntest dich doch mit Frank treffen. Geht zusammen essen." Janet machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ach! Der ist sicher mit seiner Pat beschaeftigt. Nein, ich warte lieber hier auf dich. Ruf mich sofort an, wenn etwas ist, ok?" Ich versprach es und machte mich mit Franks geliehenem Toyota auf den Weg in die Archstreet. Bei Horace brannte Licht. Gegenueber, in meinem Haus, war alles dunkel. Pete und Susi waren wieder mal nicht da. Ich parkte den Wagen vor Horaces Haus und ging hinueber zu seiner Veranda. Ploetzlich draengte sich ein pelziges Wesen zwischen meine Beine und brachte mich fast zu Fall. "Nostradamus?" fragte ich ins Dunkel. Lautes Schnurren war die Antwort. Er draengte sich an meine Beine und zeigte mit allen kaetzischen Mitteln, dass er hoechst erfreut war, mich wiederzusehen. Ich nahm ihn auf den Arm und begruesste ihn. "Na, du alter Raeuber? Hast wohl die sonst ueblichen Leckerbissen von mir vermisst, was?" "Ganz im Gegenteil", droehnte Horace Stimme hinter mir. Er war unbemerkt auf die Veranda hinausgetreten und grinste auf mich herab. "Der Bursche hat heute ein halbes Lachsfilet geklaut und verschlungen. Ausserdem laesst er sich bei mindestens drei Nachbarn durchfuettern. Ich hab' ihn beobachtet. Hallo Kid", fuegte er hinzu. "Wo hast du denn gesteckt?" "Keine Zeit, das alles zu erzaehlen. War drueben irgend etwas Besonderes?" Ich deutete mit dem Kopf hinauf zu meinem Apartment. Horace schuettelte seinen dicken Kopf. Nicht zum ersten Mal fiel mir auf, dass er selber auch einem grossen dicken Kater aehnelte, besonders der Kopf mit den scharfen Augen. "Keine Menschenseele war da. Deine Mitbewohner sind auch schon wieder abgedampft. Wann arbeiten die beiden eigentlich mal?" "Am 29ten Februar, aber nur in den Jahren mit Erdbeben", grinste ich und bedankte mich fuer Nostradamus Aufnahme. "Keine Ursache, Kid." Er trat die wenigen Stufen der Veranda herunter und sah mir scharf in die Augen. "Ist alles in Ordnung?" "Nein", gab ich zu, "aber das wird sich hoffentlich bald aendern", fuhr ich grimmig fort. Horace laechelte. "Weisst du was? Mit dir wuerde ich mich lieber nicht anlegen. Manchmal kannst du richtig beaengstigend dreinschauen. So long, Kid." Er lachte und liess das Fliegengitter hinter sich zufallen. Ich setzte Nostradamus auf den Boden ab. Horace hatte recht: Er war ziemlich fett geworden. In meinem Apartment war alles beim altem. Niemand hatte eingebrochen oder Feuer gelegt. Ich schaute auf die Uhr. Archie wuerde gleich da sein. Ich setzte die Kaffeemaschine in Gang, plazierte mich in dem tiefen Sessel vor dem Grossen Fenster und legte die Fuesse hoch. Aeusserlich versuchte ich ruhig zu bleiben; in meinem Inneren zitterte ich wie Espenlaub. Ich versuchte es eine Zeit lang mit Atemuebungen, aber das machte es nur noch schlimmer. Zum Glueck musste ich nicht allzu lange warten.
Fortsetzung folgt.
Copyright 1996 Florian Schiel