Dann starrte ich auf den Namen auf dem Schreibblock vor mir.
Sechs Buchstaben in roter Farbe hingekratzt. Man konnte
sehen, dass meine Hand nervoes gezittert hatte. Was sollte
ich jetzt machen? Alles haette ich fuer moeglich gehalten,
nur das nicht!
Ratlos stand ich auf und ging vor die Tuer. Auf dem Gelaender der Galerie vor unserem Zimmer hatten sich einige grosse Moeven mit stechenden gelben Augen niedergelassen und frischten die zahlreichen Guanospuren auf dem Beton auf. Der unserem Zimmer zunaechst sitzende Vogel entfaltete erschreckt seine makellos weissen Schwingen und fixierte mich boese ueber die Schulter. Ich sah der Moeve, ohne sie wirklich wahrzunehmen, in die hasserfuellten Augen, bis sie endlich doch noch aufflog. Sie zog schimpfend ein paar Kreise ueber dem Motel, so wie der Name, den ich in roter Farbe auf meinen Block gekritzelte hatte, in meinem Kopf kreiste. Dann verschwand sie in Richtung Bay aus meinem Blickfeld. Gleichzeitig umarmte Janet mich von hinten und legte ihre Haende auf meine Brust. Ich schuettelte den Kopf und der hypnotische Zwang verschwand. Ich konnte ihren warmen vertrauenserweckenden Atem zwischen meinen Schulterblaettern spueren. Es konnte nicht sein, dachte ich. Ich konnte mich nicht jahrelang so getaeuscht haben. Janet rupfte sanft mein T-Shirt aus der Hose und steckte ihre warmen Haende darunter. Befreit atmete ich auf und streckte mich. Ich wuerde erst einmal so tun, als ob ich diesen Namen nie gehoert hatte, beschloss ich. Es wuerde sich aufklaeren, bestimmt. Janet streckte ihren Kopf, um an meinem linken Ohrlaeppchen zu knabbern. Dann drehte sie mich um und schaute mich besorgt-forschend an. "Was ist los mit dir? Hast du ein Gespenst gesehen?" "Fast", laechelte ich, "aber jetzt ist es weg. Komm, wir haben noch was vor." Gegen halb zwoelf Uhr befand ich mich auf dem Campus, im Kallman Building, einem der zahlreichen verstreuten Verwaltungsgebaeude der University of Berkeley. Waehrend ich scheinbar interessiert die Aushaenge in einem der Flure studierte, schweifte mein Blick immer wieder durch die Glasscheiben in die Cubicles auf der anderen Seite des Flures. In Raum K 4524, das wusste ich aus dem Netz, residierte eine Dame mit dem klangvollen Namen Fiorina Castorelli, eine stattliche Matrone von opernhaften Ausmassen. Etwa 45 Jahre alt, schaetzte ich; altmodisch auftoupierte schwarze Maehne, leichter Unterbiss, der ihr energisches eckiges Kinn noch mehr betonte, allerdings auch den schwarzen Oberlippenflaum vorteilhaft in den Hintergrund rueckte. Scharfe dunkle Augen und der typische Gesichtsausdruck der Verwaltungsangestellten, die sich ihrer administrativen Macht sehr wohl bewusst ist. Das Wichtigste fuer mich: Sie bearbeitete die Reisekostenabrechnungen der halben Universitaet und bediente sich dazu eines vernetzten PCs, der gut sichtbar auf der Ecke ihres Schreibtischs thronte. Im Augenblick uebertrug sie langsam Daten von einem vor ihr liegenden Formular in den Computer. Vor etwa zehn Minuten hatte sie noch ausgiebig mit ihrer Kollegin aus dem Nachbar-Cubicle getratscht, aber die war inzwischen verschwunden. Ich blickte auf meine Armbanduhr, gleich zwoelf. Nach den ungeschriebenen Gesetzen des amerikanischen Buerowesens muesste Frau Castorelli sich in wenigen Minuten aufmachen, um sich ein Sandwich und einen Softdrink zu besorgen. Es sei denn, sie brachte sich ihren Lunch selbst mit. Es sei denn, sie war gerade auf Diaet. Ich lass' bereits zum fuenften Mal die ausgehaengten Verhaltensmassregeln beim Empfang von Brief- und Paketbomben, als es endlich soweit war. Mrs. Castorelli stempelte das bearbeitete Formular ab und legte es in einen Haengeordner zurueck. Ein pruefender Blick zur Uhr. Sollte sie vor dem Lunch noch ein Formular anfangen? Nein, Zeit fuer einen kleinen Snack. Sie sperrte vorschriftsmaessig ihr Display und stand auf. Spiegel, Puder, etwas Lippenstift, Jaeckchen - obwohl es heute draussen bruetend heiss war. Sie sperrte ihre Buerotuere ab und ging, ohne mich eines Blickes zu wuerdigen, an mir vorbei zum Lift. Sie war die letzte ihrer Kolleginnen; die verglasten Cubicles auf diesem kurzen Flur waren nun alle verwaist. Ich wartete noch vier Minuten, um ganz sicher zu sein, dass sie keine vergessliche Person war und ihr Geld hatte liegen lassen. Dann oeffnete ich muehelos das primitive Schloss zu ihrem Buero mit einem gebogenen Stueck Draht, zog einen bedruckten Bogen aus der Innentasche und legte ihn in ihr Postfach. Gluecklicherweise stapelte dort sowieso noch einiges an unerledigter Post, so dass ein Brief mehr oder weniger nicht weiter auffiel. Das war's. Ich verschloss die Tuere und schlenderte aus dem Gebaeude. An der Bancroft Avenue, am suedlichen Rande des Campus, setzte ich mich im Cafe La Strada an einen Tisch im Freien, holte mir einen doppelten Kaffee mit Schokoladengeschmack und legte mein Handy auf den Tisch. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit. Die Mittagssonne brannte herunter, aber es war nicht unangenehm heiss. An den Nachbartischen sassen kleine Grueppchen von Studenten und Studentinnen und streckten ihre braungebrannten Beine in die Sonne, waehrend sie ihre Campus-Neuigkeiten austauschten. Amuesiert verfolgte ich einige der Unterhaltungen und betrachtete unauffaellig die frischen jungen Gesichter. Wie kindlich sie alle unter der kalifornischen Sonne wirkten. Wie grosse braungebrannte Teenager, die Sommerferien haben. An den Universitaeten der Ostkueste waren die Studenten viel steifer und foermlicher. Hier, wo man nie mit schlechtem Wetter rechnen musste, gab sich jeder so, wie es ihm gerade Spass machte. Die meisten trugen Shorts und farbenfrohe T-Shirts. Wer Lust hatte, lief verkleidet herum, wie in anderen Landesteilen zu Halloween. Und niemand nahm Anstoss daran. Etwas neidvoll folgte ich mit den Augen einer Gruppe Studenten, die soeben zu ihrer naechsten Vorlesung aufbrachen. Einer der Jungen, ein aufgeschossener, schlaksiger Bursche mit widerspenstigen braunen Haarschopf, kuesste seine kleine asiatische Freundin lange und genussvoll, bevor sie sich an der Grenze zum Campus trennten. Ein huebsches Paar. Sie sah mit ihren tiefschwarzen Augen, hochgesteckten dunklen Haaren und dem feinen milchigen Teint aus wie eine chinesische Porzellanfigur. Beide strahlten eine solche Sorglosigkeit aus, dass sogar ich fuer einen Augenblick vergass, warum ich im Moment nicht in meine gemuetliche Wohnung zurueckkehren konnte. Das Handy duedelte. "Campus Hotline", meldete ich mich. Mrs. Castorelli war dran. So ein Zufall! "Spricht dort ... aeh...", sie raschelte mit dem Brief, den ich ihr untergejubelt hatte, "... Julien Vonwiler?" "Nein", antwortete ich in geschaeftsmaessigen Ton, "aber ich kann Sie verbinden. Moment bitte." Ich drueckte zwei mal die Nulltaste, was am anderen Ende der Leitung ein paar technische klingende Toene erzeugte. "Hallo?" meldete ich mich dann erneut. "Julien Vonwiler?" "Am Apparat. Was kann ich fuer Sie tun?" "Mein Name ist Castorelli, Maria Castorelli. Err... ja. Ich habe von Ihnen diesen Brief bekommen. Es geht wohl um meine Rechnerkennung am KLZ3..." "Koennen Sie mir Ihre Userkennung geben? Das erleichtert die Sache fuer mich..." "Natuerlich. CASTOM." Sie buchstabierte es zur Sicherheit noch einmal. Ich wartete ein paar Sekunden, dann sagte ich: "Ah, ja. Natuerlich. Jetzt erinnere ich mich. Sie muessen schon entschuldigen, aber wir haben hier soviel Korrespondenz." "Aber das macht doch nichts. Ich kenne das..." "Ja. Am KLZ3 hat es vorgestern einen Einbruch gegeben..." "Einen Einbruch?" "Ich meine natuerlich einen Einbruch in das Computersystem, Mrs. Castorelli. Das kommt bei uns ziemlich haeufig vor, wissen Sie. Unsere Studenten sind da leider ziemlich geschickt. Jedenfalls, ein Hacker hat versucht, die Sicherheitskontrollen zu ueberwinden, und leider ist es ihm auch gelungen." "Das ist ja furchtbar!" "Nun ja, so furchtbar auch wieder nicht. Er hat ja nichts kaputtgemacht oder geloescht. Manchmal wollen sich diese Burschen nur beweisen, wie clever sie sind, nicht wahr?" "Aber..." "Trotzdem muessen wir aus Sicherheitsgruenden ein paar Benutzer auf KLZ3 bitten, ihre Zugangsberechtigung zu aendern. Das hatte ich Ihnen in dem Brief geschrieben, nicht wahr?" Mrs. Castorelli wirkte etwas hilflos. "Ja, wahrscheinlich haben Sie das. Aber ich muss zugeben, dass ich es nicht ganz verstanden habe..." Das war kein Wunder. Der Brief, den ich ihr hingelegt hatte, war fuer jedermann voellig unverstaendlich. Er sollte nur Beunruhigung ausloesen. "Macht ja gar nichts, Mrs. Castorelli, oder darf ich Maria zu Ihnen sagen? Macht ja gar nichts. Jetzt koennen wir die Sache ja gleich gemeinsam erledigen." "Ah, ja..." Mrs. Castorelli klang sehr erleichtert. "Sie muessen eigentlich nichts weiter tun, als sich ganz normal einzuloggen und dann Ihr Passwort neu zu setzen. Sind Sie schon eingeloggt?" "Aeh, ja. Ich bin normalerweise immer eingeloggt. Ich sperre nur immer meinen Schirm, wenn ich weggehe..." "Sehr vernuenftig. Nun klicken Sie einfach in der Kopfzeile unter Services den Punkt Security an. Dann erscheint ein Window, in dem Sie Ihr Passwort neu setzen koennen. Das sollten Sie uebrigens alle zwei Monate sowieso machen..." "Oh, ja. Ich weiss", sagte sie schuldbewusst. "Aber ich vergesse es immer wieder. Und dann kann ich mir das neue Passwort so schlecht merken und tippe immer das alte ein..." Jetzt hatte ich sie beim richtigen Thema. Nun hiess vorsichtig vorgehen. Nicht zu direkt, aber deutlich. "Aber jetzt muessen Sie es unbedingt aendern, verstehen Sie? Nach so einem Einbruch..." "Ja, ja. Ich verstehe ja. Bitte helfen Sie mir. Ich habe es schon so lange nicht mehr gemacht." Wahrscheinlich benutzte sie immer noch das Passwort, das ihr der Systemverwalter vor fuenf Jahren beim Einrichten des Accounts gegeben hatte. Aber das wuerde sie niemals zugeben. "Gut", sagte ich. "Zuerst muessen Sie sich ein Passwort ueberlegen, das kein Wort und keinen Namen enthaelt, auch nicht in umgekehrter Reihenfolge, das waere genauso schlecht. Dann sollte es mindestens sechs Zeichen lang sein und mindestens eine Zahl oder ein Sonderzeichen enthalten." "Sonderzeichen?" Mrs. Castorelli war sichtlich ueberfordert. "Zum Beispiel ein Ampersand oder ein Dollarzeichen." "Aber das kann sich doch kein Mensch merken", protestierte sie mit schwacher Stimme. "Aber es kann auch niemand erraten. Wissen Sie was? Ich verrate Ihnen eine todsichere Methode, wie Sie ein Passwort erzeugen koennen und es trotzdem nicht vergessen werden. Sie nehmen ein Sprichwort mit einem Komma darin. Z.B. 'Wer anderen eine Grube graebt, faellt selbst hinein.' Schreiben Sie sich das auf ein Blatt Papier." Ich wartete, bis ich sicher war, dass sie den Satz niedergeschrieben hatte. "Jetzt nehmen Sie einfach alle Anfangsbuchstaben, aber mit Gross- und Kleinschreibung und alle Satzzeichen, auch den Punkt am Ende, und haengen sie zusammen. Und schon haben Sie ein einwandfreies Passwort. Mit Sonderzeichen, lang genug und bestimmt nicht zu erraten." "Das ist wirklich prima. Warum hat mir das noch kein anderer gesagt", meinte Mrs. Castorelli bewundernd. "Nicht wahr? So, jetzt muessen Sie Ihr neues Passwort nur noch zweimal in den entsprechenden Feldern in dem offenen Window eingeben und die Sache ist erledigt." "Haben Sie vielen Dank, Julien." Ihre Stimme klang sehr erleichtert. "Ich werde es sofort erledigen." "Keine Ursache, Maria. Und denken Sie daran: niemals das Passwort jemanden anderen mitteilen, und niemals irgendwo notieren." Sie bedankte sich noch einmal und legte auf. Ich wettete mein Kopf, dass Mrs. Castorelli in diesem Moment folgendes Passwort in Ihrem Computer tippte: WAeGg,fsh. Es gibt naemlich gar nicht so viele Sprichwoerter mit Komma darin. Ich jedenfalls kenne kein anderes.
Fortsetzung folgt.
Copyright 1996 Florian Schiel