Zurueck im Motel uebertrugen wir den gespeicherten Inhalt
des Adapters auf Franks Laptop. Zirka 16000 getippte Zeichen
von der Tastatur konnte das kleine Wunderding aufnehmen.
Mehr als genug, um die Kennung und das Passwort des Managers
beim Einloggen zu speichern.
Wir feierten den Erfolg bei einer Flasche Zinfandel und
Pizza von Blondies.
Noch in derselben Nacht, waehrend Janet friedlich schlummerte, drang ich per Modem in das Computer-System der Oakland Customer Bank ein. Zunaechst vergewisserte ich mich, dass keine weiteren Sicherheitsmechanismen auf mich warteten. Um die Logfiles brauchte ich mich nicht weiter zu kuemmern. Ich war ja mit einem gueltigen Account eingedrungen, und solange ich keinen Schaden anrichtete, wuerde niemand auf die Idee kommen, die Protokolle mit den tatsaechlichen Logins der Angestellten zu vergleichen. Der Rest war Routine. Eine halbe Stunde spaeter hatte ich einen Auszug der kuemmerlichen Kundendatei erzeugt, der alle Eintraege mit den Anfangsnummern 001 enthielt. Ich uebertrug das File auf Franks Laptop und loggte mich aus. Mit ein paar einfachen Befehlen liess ich den Laptop die beiden Listen, die aus der DMV-Datenbasis und die Kundenliste der Oakland Customer Bank auf Uebereinstimmungen pruefen. Das Programm lieferte 15 Datensaetze, die zum Teil identisch waren. Ausser den ueblichen Smiths und Jones waren auch zwei seltenere Namen darunter: Peter Lindsson und Hardy Kalowitcz. Ich ueberlegte eine Weile, dann loggte ich mich wieder im Internet ein. Ueber WWW suchte ich einen Server, der sich mit Namen beschaeftigte. Ich hatte Glueck: in Paris fand ich eine WWW Seite des Onomastika-Projekts, allen Anschein nach ein von der Europaeischen Union gefoerdertes Projekt zur Erstellung einer gigantischen Namens-Datenbasis. Die Seite erlaubte einen online Zugang zur Datenbank. Ich fragte zuerst Kalowitcz ab. Der Name war bekannt, als derzeitiges Verbreitungsgebiet war ganz Westeuropa und die nordamerikanischen Staaten angegeben, Ursprungsgebiet Tschechien. Auch die Frage nach Lindsson wurde positiv beantwortet: derzeitiges Verbreitungsgebiet Skandinavien und Baltikum, Ursprungsgebiet Norwegen und Schweden. Ich starrte auf den Schirm und ueberlegte fieberhaft. Die Woerter 'Schweden und Norwegen' ruehrten an irgendeine Erinnerung, aber an was? Dann kam es wieder. 'Beim Thor' hatte der Boss unserer Entfuehrer einmal gerufen. Thor, der Donnergott des Nordens. Ich laechelte, nahm den Rotstift und strich Kalowitcz aus dem Flussdiagramm. Manchmal musste man seiner Intuition vertrauen. Auch als Hacker. Dann lehnte ich mich zurueck, verschraenkte die Haende hinter dem Kopf und betrachtete zufrieden unsere bisherigen Ergebnisse. Ich konnte das alte Hackerfieber wieder fuehlen. Jetzt war ich soweit, dass ich auch ohne Grund weitergemacht haette, nur um eben wieder einmal den alten Triumph auszukosten, aufgerichtete Barrieren zu Informationsquellen zu ueberwinden. Genaugenommen war das das Urmotiv aller Hacker, der initiale Zuender, der Ausloeser: Der Wunsch, ungestoert und unbehindert durch die Informationskanaele zu reisen, in alle Datenbasen hineinzuschnueffeln und nach Neuigkeiten Ausschau zu halten. Alles, was danach kam, war bloss logische Konsequenz diese ersten Impulses. Heute war mir das alles bewusst und ich konnte meine Begierden zuegeln. Aber damals ... damals war es Besessenheit, eine Sucht, die mich nicht mehr losliess und mich schliesslich um ein Haar fuer immer hinter Gitter gebracht haette. Ich seufzte und legte die Finger wieder auf die schmale Tastatur des Notebooks. Die naechste Stunde beschaeftigte ich mich intensiv mit den Kontenbewegungen von Peter Lindsson, geboren am 18. Juli 1960 in Los Gatos, California, wohnhaft in Oakland, angegebener Beruf Handelsagent. Auf dem Account waren immerhin 6047 Dollar und ein paar Cents. Laut Eintragung besass Lindsson eine Visakarte, ausgestellt von der gleichen Bank, keine Belastung seit dem letztem Ausgleich. Eine lange Liste von Scheckeinreichungen und -ausstellungen seit er den Account eroeffnet hatte. Meistens Betraege unter 300 Dollar. Bis auf vier Einreichungen, alle vom Montag vergangener Woche und alle vier ueber einen Betrag von 1500 Dollar. Es war nicht vermerkt, wer die Schecks ausgestellt hatte, lediglich die ausstellende Bank war als Kuerzel angegeben: WFB, das war die Wells Fargo Bank, eine der groessten in Kalifornien. Ansonsten waren nur Transaktionsnummern eingetragen, die mir nicht weiterhalfen. Vier Schecks. Von vier Gangstern waren Janet und ich entfuehrt worden. Einer von den Vieren, der Hispanic, hockte jetzt vermutlich in irgendeiner Bar im Hafenviertel und aergerte sich darueber, dass seine Kumpel mit seinem Anteil 'ne Fliege gemacht haben. Wahrscheinlich hatte der Boss, Peter Lindsson, seinen Helfershelfern, die ueber kein Bankkonto verfuegten, angeboten, ihre Schecks zu Geld zu machen. Beide Seiten haetten davon nur Vorteile. Der Boss konnte sicher sein, dass niemand vorher absprang, und die anderen sparten sich die horrenden Gebuehren, die ein professioneller Cashing Service von ihnen verlangt haette. Ich notierte mir Datum, Transaktionsnummern und Betraege in meinem Flussdiagramm. Dann zog ich mich aus und schluepfte zu Janet unter die warme Decke.
Lautes Klopfen an der Zimmertuere liess uns hochschrecken. Frank konnte es nicht sein. Der haette unser vereinbartes Klopfzeichen verwendet. "Scheibenkleister", fluesterte Janet und tauchte unter die Decke. Ich sprang aus dem Bett und schluepfte so leise wie moeglich in meine Jeans. Erneutes Klopfen, gleichzeitig rief eine maennliche Stimme: "Machen Sie auf. Wir wissen, dass Sie da sind." Verzweifelt schaute ich mich nach einer Waffe um. Jetzt bereute ich, dass ich Franks gestriges Angebot, mir etwas zu besorgen, so leichtfertig ausgeschlagen hatte. Erneutes Klopfen an der Tuere. "Aufmachen. Ich will nicht den ganzen Tag hier draussen verbringen." Die Stimme klang ungnaedig. Ja, aber da war noch etwas, was mich stutzig machte. Ich stellte mich seitlich neben den Tuerrahmen und fragte, wer draussen sei. Janets Kopf tauchte aus den Decken auf. "Wer? Ich natuerlich. Becker", war die Antwort. Wir liessen beide die Luft ab. "Moment noch!" schrie ich. Die Antwort war ein unwirsches Grummeln. "Scheibenkleister! Wie hat uns der gefunden?" zischte Janet, waehrend sie ihre Kleider zusammenraffte und ins Badezimmer verschwand. Ich konnte nur mit den Achseln zucken. Dann oeffnete ich mit vorgelegter Kette die Tuer. Es war tatsaechlich Becker. Sonst war niemand zu sehen. "Na endlich", sagte er, als ich ihn ins Zimmer liess, und blickte sich fachmaennisch um. "Wo ist Ihre Freundin?" Ich deutete in Richtung Badezimmer und er nickte befriedigt. Wir setzten uns und ich blickte ihn fragend an. "Sie wollen wissen, wie ich Sie gefunden habe", grinste er befriedigt wie ein zufriedener Kater. Ich zuckte mit den Schultern. "Ich weiss, wie Sie uns gefunden haben. Was ich mich gerade gefragt habe, ist vielmehr, ob es Ihnen Spass macht, Freunde zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett zu klopfen." Sein Grinsen vertiefte sich, wie bei Nostradamus, wenn er einen Vogel in den Klauen hatte. "Vielleicht sollten Sie Ihrem Helfershelfer Baiseley auch mal einen kleinen Kurs im erfolgreichen Abhaengen geben. Er hat uns zuverlaessig bis hierher gefuehrt." Ich zuckte wieder mit den Schultern und wartete. Becker beugte sich vor. "Ok, 'raus mit der Sprache, was haben Sie vor?" fragte er munter. Ich ueberlegte kurz. Es war zu erwarten gewesen, dass Becker uns frueher oder spaeter aufstoebern wuerde. Allerdings konnte ich ihn jetzt noch nicht gebrauchen. Bevor ich zum Sprechen ansetzen konnte, knurrte Becker schon: "Geben Sie sich keine Muehe. Ich glaube Ihnen kein Wort." "Ich habe doch noch gar nichts gesagt", protestierte ich. Der deutsche Cop schnaubte veraechtlich. "Man kann es an Ihrem Gesicht sehen, dass Sie mir einen Baeren aufbinden wollen. Verschonen Sie mich." Er lehnte sich zurueck und blickte in Richtung Badezimmer, wo man die Dusche rauschen hoerte. "Ich mache Ihnen ein Angebot", begann er im versoehnlichen Tonfall. "Ich komme Ihnen nicht in die Quere, behalte Sie aber im Auge. Dafuer versprechen Sie mir, dass Sie die Kerle nicht allein ausheben, wenn es soweit ist, sondern mich mitnehmen." "Und wenn ich damit nicht einverstanden bin?" Er laechelte grimmig. "Dann haenge ich mich zusammen mit Madeleine rund um die Uhr so penetrant an Ihre Fersen, dass Sie ueberhaupt nichts mehr machen koennen." Ich starrte ihn an. Er starrte ohne zu blinzeln zurueck. Zuzutrauen waer's ihm ja, dachte ich. "Mal angenommen, ich waere einverstanden, was heisst dann 'im Auge behalten'?" "Das heisst, dass wir auf Sie aufpassen, damit Sie nicht wieder so einen Scheiss bauen wie letzte Woche", knurrte er. "Na schoen, einverstanden", willigte ich ein. "Unter der Bedingung, dass Sie mir nicht zu sehr auf die Pelle ruecken, klar?" Er nickte. "Einfacher waere es allerdings, wenn Sie uns vorher Bescheid sagen wuerden, was Sie vorhaben...", sagte er und stand auf. Ich hob abwehrend die Arme. "Ok, ok. Es ist jetzt Ihr Spiel", winkte er ab. "Aber vergessen Sie nicht: beim grossen Finale sind wir dabei." Er flippte eine Karte auf den Tisch und ging zur Tuere. "Neue Telefonnummer. Am besten informieren Sie mich ueber email..." Ich schuettelte den Kopf. "Zu unsicher. Jemand hat letzte Woche meinen Account geknackt. Dieser Jemand weiss jetzt auch, mit welchen Adressen ich korrespondiert habe. Es koennte also sein, dass auch Ihr Account ueberwacht wird." Becker pfiff ueberrascht und blies die Backen auf. "Na schoen. Dann eben per Telefon. Besorgen Sie sich ihr Handy wieder." Er winkte und schloss die Tuere hinter sich. Mein Handy lag wahrscheinlich immer noch brav in meinem Buero, wo ich es liegengelassen hatte. Und da wuerde es bis auf weiteres auch bleiben; ich wuerde nicht so dumm sein, jetzt in der Uni aufzukreuzen. Nach dem Fruehstueck betrachtete ich nachdenklich meine Flussdiagramme. Dann zuckte ich mit den Achseln und schloss das Telefon wieder an. Warum sollte ich es nicht mal auf die direkte Methode probieren? Ich waehlte die Nummer der Wells Fargo Bank in Berkeley. Dem Maedchen in der Telefonzentrale und drei weiteren Angestellten, an die sie mich nacheinander mit stoischer Gelassenheit weiterverband, erzaehlte ich, dass ich im Namen der Oakland Customer Bank anrufe und einige unklare Buchungen aufklaeren muesste. Schliesslich landete ich bei einem Angestellten, der zufaellig auch George hiess und sich zoegernd fuer zustaendig erklaerte. Ich tischte ihm eine huebsche Story ueber einen Zimmerbrand in der Filiale der Oakland Customer Bank auf. Zu Schaden sei aber gluecklicherweise niemand gekommen und der Brand konnte schnell geloescht werden. Andererseits seien ganze Stapel von eingereichten Schecks, die gerade zur Bearbeitung auf einem Schreibtisch lagen, ein Opfer der Flammen geworden. Wir, die Oakland Customer Bank, haetten natuerlich die entsprechenden Computereintraege ueber bereits erfolgte Kontenbewegungen, aber, um hundertprozentig sicher zu gehen, muessten wir jetzt alle Schecks noch einmal ueberpruefen, insbesondere ob sie bereits an die ausstellenden Banken zurueckgeschickt worden waeren, und so weiter und so fort. Nach fuenf Minuten und dreimaligem Rueckfragen hatte er die komplizierte Geschichte so weit geschluckt, dass er sich bereit zeigte, mir Auskuenfte zu geben. Vorausgesetzt, ich koennte ihm die Transaktionsnummern nennen. "Ok", sagte ich und raschelte in meinen Papieren. "Lassen Sie mich mal sehen, George. Aha, hier Wells Fargo. Wir haben Glueck; da sind nur vier Schecks fraglich, alle vom selben Aussteller. Das sollten wir gleich erledigt haben. Die Transaktionsnummern sind ..." Ich diktierte ihm die Nummern und hoerte, wie er sie gleich in sein Terminal eintippte. Das war von Vorteil, denn dann wuerde sich spaeter niemand mehr an die Nummern erinnern koennen. "Aha, ja", meinte er. "Soweit ich sehe, haben die vier Schecks schon Status C. D.h. sie sind bei uns eingegangen, die Betraege wurden gutgeschrieben und die Schecks sind an den Aussteller zurueckgegangen." "Ich kann in meinem Computer den Aussteller nicht sehen", sagte ich, ohne die Stimme zu heben. "Wie war doch gleich der Name?" Er sagte ihn mir. Obwohl das nun bestimmt unter das Bankgeheimnis fallen wuerde. Aber was macht man nicht alles unter Kollegen, nicht wahr? Ich dankte ihm jedenfalls ohne zu viel Enthusiasmus und legte auf. Dann starrte ich auf den Namen auf dem Schreibblock vor mir. Sechs Buchstaben in roter Farbe hingekratzt. Man konnte sehen, dass meine Hand nervoes gezittert hatte. Was sollte ich jetzt machen? Alles haette ich fuer moeglich gehalten, nur das nicht!
Fortsetzung folgt.
Copyright 1996 Florian Schiel