Sie deutete ueber meine Schulter. Frank kam mit grossen
Schritten auf uns zu. Wir betrachteten beide anerkennend
seine Aufmachung. Quittengelbe Hosen, deren Farbe schon aus
50 Yards Entfernung in den Augen weh tat. Dazu eine
knallpinke Weste auf der blossen Haut. Darueber ein
schwarzes Jacket mit einer riesigen gelben Plastikblume am
Revers. Er sah nicht gerade gluecklich aus.
"Warum muss ausgerechnet ich diese Rolle uebernehmen? Bestimmt werde ich verhaftet. Komme mir vor wie ein entsprungener Clown...", sagte er weinerlich und uebergab mir die prall gefuellte Aktentasche, die er unter den Arm geklemmt hatte. Ich grinste. "Dafuer ist deine Rolle auch die kuerzeste", sagte ich. "Gehen wir, damit wir es hinter uns haben." Fuenf Minuten spaeter schlenderte ich an der Filiale der Oakland Customer Bank vorbei und warf einen kurzen Blick durch die schmalen Glastueren. Fuenf Kunden konnte ich auf den ersten Blick sehen; zwei Schalter waren besetzt. Ich kontrollierte noch einmal, ob Janet und Frank auf ihren Posten waren, dann drehte ich um und betrat den Schalterraum. Links trennte eine lange Barriere aus dunklem Holz den Raum fuer die Kunden von den Bueroplaetzen dahinter ab. Drei
Schalter; an zweien liessen sich gerade Kunden beraten; der dritte war hochgeklappt. Der ganze hintere Teil des lang gestreckten Raumes war durch eine dunkle Holzwand abgetrennt. Der Zugang zu diesem separaten Buero, eine verglaste Tuere mit klaren Scheiben, war auf der anderen Seite der Holzbarriere. Unmittelbar vor der Abtrennung war der Durchgang in den Bueroteil des Raumes. Zwei huefthohe Fluegeltueren verwehrten den Kunden den freien Zutritt. Zusaetzlich stand auf einem kleinen Metallschild zu
lesen: 'Zutritt nur fuer Personal'.
Ich ging ruhig an den wartenden Kunden vorbei auf den Durchgang in der Barriere zu und stiess die Fluegeltueren auf. Wie erwartet, sprang sofort einer der Angestellten, ein untersetztes glatzkoepfiges Maennchen von etwa 40 Jahren, von seinem Schreibtisch auf und eilte protestierend auf mich zu: "Sir, bitte, Sie koennen hier nicht herein. Ich darf Sie bitten ... wenden Sie sich bitte an einen der Kundenberater..." Die Kunden auf der anderen Seite der Barriere massen mich mit verstohlenen oder veraechtlichen Blicken. Ich blieb stehen, mitten im Durchgang, und fragte mit ruhiger, leiser
Stimme:
"Sind Sie der Manager?"
Der ganz offensichtlich subalterne Angestellte verlangsamte seinen Schritt und verneinte, unsicher geworden. "Mein Name ist Smith, Gordon Smith. Sagen Sie bitte dem Manager", sagte ich so leise, dass er den Kopf vorstrecken musste, um mich zu verstehen, "sagen Sie ihm, dass ich ein Konto eroeffnen und Geld einzahlen moechte." Sein Blick schaltete, nun da er hoerte, dass es sich um etwas Alltaegliches und Banales handelte, auf gemischt arrogant-hoeflich um. Er warf den runden Kopf zurueck und sagte in geschaeftsmaessig-glattem
Tonfall:
"Ich bin sicher, dass einer unserer Teller Ihre Wuensche zu Ihrer vollsten Zufriedenheit erfuellen wird, Sir." Gleichzeitig machte er mit der Hand eine auffordernde Bewegung in Richtung der Schalter. Ich schaute kurz zu den Schaltern hinueber, wo mein Blick acht interessierten Augenpaaren begegnete. Dann beugte ich mich etwas vor und murmelte: "Meinen Sie wirklich, das ist eine gute Idee? Ich sagte bereits, dass ich Geld einzahlen moechte.." Dabei klopfte ich leicht auf die pralle Aktentasche unter meinem linken Arm. Der Angestellte oeffnete schon den Mund, um etwas zu erwidern. Dann sah man, dass der Groschen endlich gefallen war. Er klappte den Mund wieder zu und seine Augen glitzerten verstehend hinter den dicken Brillenglaesern. Er bat mich, auf dem Besuchersessel vor seinem eigenen Schreibtisch Platz zu nehmen und verschwand im Buero des Managers. Die beiden jungen Teller hatten ihre unterbrochene Taetigkeit wieder aufgenommen und taten so, als ob der ganze Vorgang das natuerlichste auf der Welt waere. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Janet die Bank betreten hatte. Sie stellte sich brav an einem der Schalter an. Sekunden spaeter stand der Glatzkopf neben mir und verkuendete, dass der Manager mich empfangen wuerde. Ich stand auf, nickte ihm freundlich zu und betrat, die Tuere hinter mir schliessend, das abgetrennte Buero. Der Raum war auch nicht viel besser ausgestattet als der Kundenraum. Alles wirkte wie aus zweiter Hand oder wie eine ausgediente Filmrequisite. Der Manager, eine Kugel auf zwei staemmigen Beinchen, waelzte sich um seinen voluminoesen Schreibtisch herum, um mir seine kurzen Wurstfinger in die Hand zu legen. Wenn ich etwas hasste, dann schlaffes Haendedruecken. Ich laechelte ihn an und wir setzten uns bedaechtig nieder. "Wie kann ich Ihnen helfen, aeh, Mister Smith?" fragte er mit oeliger Stimme und versuchte vertrauensvoll zu laecheln. Das Laecheln kam ungefaehr so gut 'rueber wie bei einem weissen Hai, der Blut gerochen hatte. Seine kleinen Aeuglein irrten immer wieder zu der prallen Aktentasche, die ich auf dem Schoss hielt. "Tja", begann ich meine Story, "ich bin momentan in der ungluecklichen Situation, dass ich eine groessere Summe ... in bar ... mit mir fuehre und diese lieber in sicherem Gewahrsam sehen wuerde. Sie verstehen..." Er verstand sehr gut. Seine kleine rosa Zunge zeigte sich fuer einen Moment zwischen den breiten Lippen, dann fragte er gewunden, um welche Summe es sich denn handele. Ich sagte es ihm. Die Antwort schien ihn zu befluegeln. Er beugte sich beflissen vor, wobei er seinen voluminoesen Bauch beaengstigend einzwaengte, und fragte: "Und ... wenn ich fragen darf, zu welchen Bedingungen moechten Sie diese Summe deponieren, als Giro oder als Anlage. Ich kann Ihnen auch..." "Oh, nur als Anlage natuerlich. Sagen wir fuer 3 Monate." Dann fuegte ich als Vorschlag einen Zinssatz hinzu, der ihm runterging wie Goetterspeise. Wir wurden sehr schnell handelseinig. Ich packte die Aktentasche aus und zeigte ihm, dass es sich um gemischte Buendel von 10 bis 100 Dollarnoten handelte. "Das wird eine Weile dauern, die zu zaehlen...", meinte ich resigniert. "Aber nein, Sir. Wir haben natuerlich einen Zaehlautomaten. Wenn Sie mich einen Augenblick entschuldigen wollen...?" Ich winkte erleichtert und er verliess mit dem Geld den Raum. Kaum war er draussen, huschte ich zur Glastuere und spaehte hinaus. Janet war auf ihrem Posten und zwinkerte mir zu. Der fette Manager ueberwachte am anderen Ende des Raums persoenlich einen Angestellten, der gerade das Geld in die Zaehlmaschine stapelte. Ich ging ruhig hinueber zum PC des Managers. Der Schirm war eingeschaltet, aber gesperrt. Ich zog das Kabel der Tastatur vom Rechner ab und steckte es in einen Adapter, kaum groesser als eine Streichholzschachtel, der die ganze Zeit in meiner Jackentasche gesteckt hatte. Am anderen Ende hatte der Adapter den gleichen Stecker wie die Tastatur und ich verband ihn wieder mit dem Sockel an der Rueckseite des Computers. Eine winzige gruene Leuchtdiode blinkte auf. Ich schlenderte wieder zur Glastuere, so als ob ich nur nachschauen wollte, wo der Manager bliebe, und gab Janet das OK-Zeichen. Sie blickte kurz auf die Uhr und verzog sich in den hinteren Teil der Filiale. Der Manager war immer noch mit Geldzaehlen beschaeftigt. Ich nahm einen kleinen modifizierten Netzstecker aus der anderen Tasche und schloss ihn an der Steckdose neben der Tuere an. Dann drueckte ich den Schalter, der auf der Rueckseite angebracht war. Es knackte kurz, dann erlosch das Licht im Buero. Ich versenkte den Kurzschlussschalter wieder in meiner Tasche und warf einen pruefenden Blick auf den PC des Managers. Der Schirm war tot. Ich oeffnete die Tuere und blickte suchend hinaus. Sofort eilte der Manager auf mich zu. "Aeh, kann es sein, dass wir einen Stromausfall haben?" sagte ich unsicher. Der Manager starrte in sein dunkles Buero, dann auf die strahlenden Lampen im Schalterraum. Der Glatzkopf von vorhin eilte beflissen an seine Seite. "Bestimmt nur eine Sicherung herausgesprungen. Einen Moment. Das haben wir gleich." Das technische Genie oeffnete einen Sicherungskasten an der linken Wand und schaltete souveraen den Automaten wieder ein. Im Buero des Managers gingen flackernd die Lampen an und der PC machte heulende Bootgeraeusche. Jetzt wuerde sich zeigen, ob sich unsere Anstrengungen gelohnt hatten. Der Manager bat mich, wieder Platz zu nehmen und legte die gezaehlten Geldbuendel vor uns auf den Schreibtisch. Er fuellte zwei Formulare aus, liess mich unterschreiben und brabbelte waehrenddessen ununterbrochen auf mich ein. Wahrscheinlich hatte er Angst, dass ich mir das mit dem Zinssatz noch einmal ueberlegen wuerde. "So, jetzt brauchen wir nur noch einen Account fuer Sie. Das haben wir auch gleich. Koennen wir gleich hier erledigen. Die Technik macht's moeglich. Haha. Ein kleines Momentchen noch." Er drehte sich endlich zu seinem PC um und begann zu tippen. Ich bemuehte mich, nicht hinzuschauen, aber die Versuchung war doch zu gross. Ich sah, wie er sich einloggte und autorisierte. Dann hangelte er sich durch mehrere Menus und uebertrug meine Daten von den Formularen in eine Maske. Nach drei Minuten war er fertig und sperrte gewissenhaft sein Display. Ich tat so, als ob ich ungeduldig sei und stand auf, wie um mich zu verabschieden. Dabei bewegte ich mich so, dass Janet mich durch die Glastuere sehen musste. Der Manager bat mich freundlich, doch noch einmal kurz Platz zu nehmen, waehrend er eine provisorische Kundenkarte fuer mich ausfuellte. Ploetzlich erscholl draussen im Schalterraum ein laute Stimme. Die Stimme sang, entsetzlich falsch, einen Teil aus Rigoletto. Der Manager blickte verwundert von seiner Schreibarbeit auf. Die Tuere zu seinem Buero wurde aufgerissen und das glatzkoepfige technische Genie schaute aufgeregt herein. "Verzeihen Sie vielmals die Stoerung, aber ..." Der Manager war schon auf dem Weg zur Tuere. Draussen balancierte Frank auf der trennenden Holzbarriere dahin und sang so laut und falsch er konnte. Der Manager gab einen aechzenden Laut von sich und stuerzte sich mutig in den Aufruhr von empoerten Kunden und ratlosen Angestellten. Ich entfernte in aller Ruhe den Adapter aus der Tastaturleitung und verliess die Filiale. Nicht ohne mich vorher freundlich bei dem aufgeregten und schwitzenden Manager zu verabschieden, der soeben mit der Hilfe zweier Angestellter Frank vor die Tuere gesetzt hatte. Zurueck im Motel uebertrugen wir den gespeicherten Inhalt des Adapters auf Franks Laptop. Zirka 16000 getippte Zeichen von der Tastatur konnte das kleine Wunderding aufnehmen. Mehr als genug, um die Kennung und das Passwort des Managers beim Einloggen zu speichern. Wir feierten den Erfolg bei einer Flasche Zinfandel und Pizza von Blondies.
Fortsetzung folgt.
Copyright 1996 Florian Schiel