"Moment noch. Die Bedingung lautet: Wenn wir ihn hochgehen lassen, dann nach meiner Regie." Becker schnappte hoerbar nach Luft. "Voellig unmoeglich", brachte er schliesslich muehsam hervor. "Wir kommen in Teufels Kueche, wenn Ihnen was passiert." "Das war kein Alternativvorschlag", antwortete ich einfach.
Ein paar Sekunden war Funkstille am anderen Ende der Leitung. "Ich habe also keine andere Wahl", knurrte es schliesslich leise im Hoerer. "Richtig. Entweder auf meine Tour oder ich mach' die ganze Sache alleine." "Das ist Erpressung. Na, schoen. Akzeptiert." "Mit allen Bedingungen?" "Ja, doch!" "Gut. Jetzt zum Technischen. Es waere sehr von Vorteil, wenn Sie weiterhin mein Apartment in Berkeley observieren wuerden. Damit wiegen wir etwaige Beobachter weiterhin in Sicherheit bzw. Unwissenheit. Der Auftraggeber fuer das Mordkommando kann ja schlecht eine Vermisstenmeldung aufgeben. Die Zeit bis er kapiert, dass es nicht so gelaufen ist, wie geplant, muessen wir nutzen. Also machen Sie am besten so weiter, als ob sie nichts von uns gehoert haetten. Setzen Sie eine Vermisstenmeldung ab. Bringen Sie einen Radiorundspruch oder was auch immer." "Gut. Und weiter?" "Inzwischen kuemmere ich mich um die Spuren. Das wird ein paar Tage dauern. Dann melde ich mich wieder." "Aber ..." "Ach ja, noch etwas. Ich brauche noch einmal die Liste mit den elektronischen Teilen, die in Garmisch gefunden worden sind. Schicken Sie sie mir per email. Natuerlich verschluesselt. Als Schluessel nehmen wir..." Mein Blick fiel auf Janet. "... Lila Rose." "Lila Rose?!" Beckers Stimme liess keinen Zweifel darueber, dass er begann, an meinem Geisteszustand zu zweifeln. "Genau. Lila Rose. Es eilt. Bis bald." "Sind Sie sicher, dass sonst alles in Ordnung ist? Ich meine ... wenn man laenger starker Sonne ausgesetzt war, kann es zu ... ich wollte sagen..." "Bis bald ... Hermann." Ich legte auf. Janet drehte sich auf den Bauch und stuetzte ihr Kinn auf die verschraenkten Arme. "Er war wohl nicht sehr begeistert - lila Rose!" Ich schuettelte den Kopf. Dann schaute ich sie an. Ihre Augen glitzerten und lockten. Auf dem Weg zum Bett streifte ich meine Kleider vom Leib und nahm sie zart in die Arme. Janet laechelte und zog die Decke ueber uns. "Meine Rose, meine lila Rose", fluesterte ich in ihr Ohr und nahm ihre fruchtigen Brueste in beide Haende. "Wusstest du, dass ich dich in Gedanken so genannt habe, bevor ich deinen Namen wusste?" Janet laechelte nur ihr abwesendes, konzentriertes Laecheln, das sie immer aufsetzte, wenn sie etwas Schoenes voll und ganz in Anspruch nahm. Sie drehte mich mit sanfter Gewalt auf den Ruecken, legte sich auf meine Brust und begann leidenschaftlich zu kuessen. Nach einer Weile spuerte ich, dass ich der Lage gewachsen war.

Es war schon gegen elf, als ich erwachte. Das Telefon klingelte. Wir entwirrten schlaftrunken unsere Arme und Beine und schliesslich gelang es mir, den Telefonhoerer zu erwischen. Es war natuerlich Frank. "Hallo, was ist los? Ich dachte, wir nehmen uns heute die Bank vor." "Hi, Frank. Wir haben ein bisschen verschlafen. Sorry. Wie waer's heute nachmittag gegen drei am suedlichen Eingang des Federal Buildings?" "Ok." "Hast du alles bekommen?" "Klar. Mit deiner Vollmacht war das kein Problem. Aber ich bin froh, wenn ich das Zeug wieder los bin, das kann ich dir fluestern. Hinter jedem Gesicht sehe ich einen Gangster. Ich spuere schon, wie mein Verfolgungswahn wieder erwacht. Scheibenkleister!" "Bis heute nachmittag, Frank." "So long. Und ... gruess Janet, wenn sie aufwacht, von mir." Ich grinste. "Das Gleiche an Pat, ok?" Frank lachte und legte auf. Janet war tatsaechlich schon wieder eingeschlafen. Ich stand auf und warf meine Maschine an. Einige der Fragen, die ich gestern in verschiedenen Hacker-BBS ge-postet hatte, waren beantwortet worden. Tatsaechlich hatte die Oakland Customer Bank einen Modem-Zugang, wie es sich fuer eine Bank in der Bay Area gehoert. Sicher nur fuer die Angestellten und daher bestimmt gut geschuetzt. Waehlzugaenge zu Bank-Computern gehoerten zu den am besten geschuetzten ueberhaupt. Ich liess mein Modem die angegebene Nummer anwaehlen und sah mir den Prompt des Systems an. Es erschien lediglich ein '>'. Keinerlei Angaben, um was fuer ein System es sich handelte, von wem es betrieben wurde und was fuer eine Eingabe es eigentlich erwartete. Gut und vernuenftig gemacht, dachte ich anerkennend. Derjenige, der das System aufgebaut hatte, wollte keinerlei Risiko eingehen. Oftmals kann man naemlich schon aus dem Prompt eines Systems einiges lernen, was das Knacken erleichtert. Ich trennte die Verbindung wieder. Es hatte kaum Sinn, den Zugang mit brutaler Gewalt zu knacken. Bestimmt war eine Sicherung eingebaut, die Alarm schlug, wenn jemand mehr als zehnmal mit falschen Eingaben abgewiesen wurde. Wir mussten auf eine andere Weise an die notwendigen Informationen gelangen. Waehrend Janet duschte, ueberflog ich fluechtig die Liste der 156 Eintraege aus der DMV-Datenbasis. Fast alle stammten aus der Gegend hier. Das war nicht ungewoehnlich, weil das DMV die Nummern als Kontingente an bestimmte Niederlassungen verteilte. Keiner der Namen sagte mir etwas. Ich legte die Liste beiseite und loggte mich an einem oeffentlich zugaenglichen Rechner der Universitaet ein. Eine Stunde spaeter hatte ich den Rechner lokalisiert, auf dem die Reisekostenabrechnungen der Universitaetsangestellten bearbeitet wurden. Auch dieser Rechner war relativ gut geschuetzt. Die Systemverwalter hatten in den letzten Jahren doch einiges aufgeholt. Die Zeiten, in denen Betriebssysteme ausgeliefert wurden, die loechriger als ein Golfplatz waren, gehoerten wohl unwiderruflich der Vergangenheit an. Immerhin konnte ich den Namen der zustaendigen Sachbearbeiterin und ihre Zimmernummer herausbekommen. Mrs. Maria Castorelli. Es war einfach genug: ich musste bloss ein paar WWW Pages absuchen. Ich notierte den Namen und Zimmernummer in meinem Flussplan und loggte mich wieder aus. Gegen halb drei beobachtete ich von der anderen Strassenseite aus, wie Janet die bescheidene Filiale der Oakland Customer Bank betrat. Die Alice Street war verglichen mit den anderen Strassenschluchten der City von eher bescheidener Laenge. Sie fuehrte aus der Naehe des laermenden Hafens bis zum Ufer des Lake Merritt. Die Filiale, fuer die wir uns interessierten, lag in der Naehe des Lincoln Square. Nicht gerade ein repraesentativer Bau, wie man ihn von den Grossbanken gewohnt war. Frank hatte mit seiner Einschaetzung als 'Kreditkarten-Klitsche' wohl nicht ganz unrecht. Ich blickte die Strasse entlang in Richtung Bay. Nur wenig Verkehr, ein schwacher Wind vom Pazifik blies zerfetztes Zeitungspapier an den Sockeln der alten Hochhaeuser entlang. Bei den Strassenkreuzungen bildeten sich Wirbel, die den unachtsamen Passanten den Dreck ins Gesicht schleuderten, wenn sie um die Hausecken bogen. Den ganzen Tag ueber hatte die Sonne ungehindert geschienen und selbst in den tiefen Strassenschluchten war es fuer die Jahreszeit ungewoehnlich warm. Janet verliess die Filiale und blickte sich suchend nach mir um. Waehrend wir langsam aufeinander zugingen, dachte ich wieder einmal, wie verdammt attraktiv sie doch aussah. Das Business Dress war zwar nicht ihr Stil, aber sie trug es mit natuerlicher Eleganz. Sie haengte sich bei mir ein und wir schlenderten in Richtung des Fed Buildings. "Und?" "Ein langer Raum mit drei Schaltern. Hinter der Barriere sind zwei Schreibtische, ein grosser Safe und an der Rueckseite des Raums ein abgetrenntes Buero", berichtete sie. "An der Glastuere steht nichts geschrieben, aber es kann eigentlich nur das Buero des Managers sein." "Glastuere?" Janet nickte. "Ich konnte fast ungehindert hineinsehen. In dem abgetrennten Raum sind ein grosser Schreibtisch und ein kleinerer Beistelltisch mit einem Rechner darauf. Ein PC, schaetze ich." "Und die Schalter?" fragte ich. "Jeder hat einen PC. Aber gut eingebaut. Man sieht fast nichts davon." Ich nickte. Das hatte ich erwartet. "Steckdosen? Kunden?" Janet nickte wieder. "Steckdosen sind ueberall an den freien Waenden und neben den Schaltern eingebaut. Kunden waren etwa so vier bis sechs drin. Alles Maenner." "Ok. Wir machen es am besten so wie besprochen", meinte ich. Wir gingen schweigend ueber den grossen freien Platz vor dem Federal Building in Oakland. Ich ging im Geiste noch einmal unseren Plan durch, ob wir auch nichts Wichtiges uebersehen hatten. Ploetzlich bemerkte ich, dass Janet mich von der Seite anschaute. "Das ist illegal, was wir da machen, nicht?" fragte sie, als sie meinen Blick bemerkte. "Ziemlich", nickte ich. "Wegen so etwas Aehnlichem sass ich schon mal im Knast." "Und das macht dir nichts aus?" Ich zoegerte mit der Antwort. Die Nachmittagssonne brannte ungehindert auf den Platz. Ich musste die Augen zusammenkneifen, um die schwache Skyline der City im Dunst der Bay erkennen zu koennen. "Eigentlich ... nicht", sagte ich langsam. "Aber das liegt moeglicherweise daran, dass ich nicht die Absicht habe, jemanden zu schaedigen ... so wie frueher", fuegte ich hinzu. Ich schuettelte den Kopf und betrachtete meine Fussspitzen auf den hellen Steinplatten.. "Weisst du, ganz frueher. Da hatte ich ... hatten wir ueberhaupt keine Skrupel. Es waere uns gar nicht in den Sinn gekommen. Und warum? Weil wir keine Absichten damit verbanden. Hineinkommen war alles. Es war wie ein Sport, eine Geschicklichkeitsuebung, ein Wettkampf der Fertigkeiten. Es waere mir nicht im Traum eingefallen, dass wir dabei gegen das Gesetz oder gegen die Moral verstiessen. Erst spaeter, als es um ... wirkliche Dinge ging, da aenderte sich alles. Da hatte ich auch Skrupel - die ich aber aus Dummheit unterdrueckt habe." "Aber jetzt hast du ein Ziel." "Mhm. Ich will endlich wieder ruhig schlafen und ueber die Strasse gehen koennen, ohne dass ich mich dauernd umschauen muss." Janet nickte zum dritten Mal und sah sich fahrig um. "Wo bleibt er denn?" "Bist du ... aufgeregt? Denk dir nichts; ich war es auch, als ich das erste Mal losgezogen bin, mir ein Passwort zu klauen. Wenn du lieber nicht mitmachen willst, Frank und ich schaffen das auch alleine..." Sie schuettelte energisch den Kopf. "Wenn man vom Teufel spricht..." Sie deutete ueber meine Schulter. Frank kam mit grossen Schritten auf uns zu. Wir betrachteten beide anerkennend seine Aufmachung. Quittengelbe Hosen, deren Farbe schon aus 50 Yards Entfernung in den Augen weh tat. Dazu eine knallpinke Weste auf der blossen Haut. Darueber ein schwarzes Jacket mit einer riesigen gelben Plastikblume am Revers.
Er sah nicht gerade gluecklich aus.

Fortsetzung folgt.

Copyright 1996 Florian Schiel