An der Tuere klopfte es, einmal kurz und dreimal lang, das
Morsezeichen fuer 'j' wie Janet. Ich entriegelte die Tuer
und liess Janet und Frank herein.

Frank liess sich mit einem erleichterten Seufzer auf den einzigen Stuhl fallen. Auch Janet sah erschoepft aus. Sie streifte ihre Pumps ab und liess sich von mir einen Kuss auf die Backe geben. "Mein Gott, bin ich kaputt", stoehnte Frank. "Diese Schuhe bringen mich um." Er sah kritisch an sich herunter. Feinstes Business-Jacket, Schlips, dunkle Hosen und schwarz glaenzende Lederschuhe. Auch Janet hatte sich ein korrektes Business-Dress zugelegt: beiges Kostuem mit gleichfarbigen Schuhen, darueber ein dunkles Bolerojaeckchen, das von ferne nach Lagerfeld aussah, sich aus der Naehe aber als Sears entpuppte. Wenn man genau hinsah, konnte man in ihren Gesicht die Spuren unseres Wuestenabenteuers noch erkennen, aber die Kosmetikerin hatte ihr Bestes getan, die schlimmsten Kratzer und den Sonnenbrand zu verdecken. Sie kuesste mich vorsichtig auf dem Mund. Die aufgesprungenen Lippen taten - leider - immer noch ziemlich weh. Ich schenkte beiden eine Cola ein. "Erfolg?" fragte ich und reichte die Becher herum. "Wie man's nimmt", erwiderte Frank und holte das verkohlte Fragment der Plastikkarte mit der Nummer 001 aus der Innentasche. "Ich habe die Story insgesamt achtmal heruntergebetet. Und Janet hat jedesmal ziemlich erfolgreich die trauernde Hinterbliebene gemimt." Janet laechelte muede. Frank zog einen zerknitterten Zettel aus der Tasche. "Also, bei der ersten, der West & East Asia Bank, waren sie sehr zurueckhaltend. Ohne Erbschein wollten sie uns nicht mal sagen, wann ihre Schalter schliessen. Wir wurden, milde gesagt, hinaus komplimentiert." Frank nahm einen Schluck Cola und Janet fuhr an seiner Stelle fort. "Bei der Pacific Western, der Wells Fargo und bei Barclays waren sie immerhin so freundlich, uns zu versichern, dass ihre Geldautomatenkarten keinesfalls mit 001 beginnen. Weitere Auskuenfte - negativ." "Harrod & Marrows, All American, Western Business und Customer Pacific Bank wieder das gleiche Spiel wie bei West & Asia: ohne Erbschein oder Vollmacht keine Auskuenfte jeglicher Art. Das Hauptproblem war natuerlich, dass wir den Namen nicht richtig nennen konnten. Die Story mit dem Konto unter falschem Namen haben sie zwar geschluckt, aber nicht gefressen." "Wir wollten schon aufgeben", fuhr Janet fort, "als bei der letzten, der Customer Pacific Bank, der Teller uns noch mal zurueckrief und sagte: 'An Ihrer Stelle wuerde ich mich mal in dieser Strasse umsehen.' Gleichzeitig hat er mir diesen Zettel zugesteckt." Sie reichte mir einen kleinen gelben Haftzettel. 'Alice St.' stand darauf, in Blockbuchstaben geschrieben, sonst nichts. "Frank wusste zufaellig, dass das in der City von Oakland ist und wir sind sofort hingefahren. In der ganzen Strasse, die uebrigens erfreulich kurz ist, gibt es nur eine Bankfiliale: die Oakland Customer Bank." "Nie gehoert", murmelte ich, waehrend ich den Namen in meine Liste eintrug. "Ich auch nicht", schuettelte Frank den Kopf. "Und ich bilde mir ein, dass ich das Finanzleben in der Bay einigermassen verfolge. Wahrscheinlich eine von diesen Klitschen, die jedem Dahergelaufenen ohne Credit History einen Account eroeffnen und zwei Kreditkarten verpassen - mit gesalzenen Zinsen natuerlich." "Nun ja. Die Filiale war jedenfalls schon geschlossen", fuhr Janet mit einem spoettischen Blick in Franks Richtung fort. "Aber neben dem Eingang ist ein Geldautomat installiert. Ich habe mich mit meiner Visakarte daran zu schaffen gemacht und gewartet, bis ein anderer Bankkunde auftauchte." Ich zog die Augenbrauen hoch. "In der City von Oakland? Bei Einbruch der Daemmerung?" "Frank sass im Auto, keine 20 Schritte weit entfernt", beruhigte mich Janet. "Jedenfalls, schon nach ein paar Minuten kreuzte ein Schwarzer auf, der auch Geld abheben wollte. Er stand erst diskret eine Weile hinter mir, bis ich ihn dann ganz auf die daemliche Tour bat, mir armen dummen Weibchen doch zu erklaeren, wie das denn hier funktioniere." Ich verdrehte die Augen, und Frank grinste sardonisch. "Sie macht das echt gut; kannst du mir glauben. Der arme Kerl ist voll drauf abgefahren." "Jedenfalls", nahm Janet den Faden wieder auf, "haben wir uns bald darauf geeinigt, dass ich die falsche Karte habe, und er hat mir zum Beweis seine eigene gezeigt. Dann hat er mir noch den Weg zum naechsten Automaten gewiesen, mich gefragt, ob ich mit ihm Essen gehen will - was ich dankend abgelehnt habe - und wir haben uns in vollster Harmonie voneinander verabschiedet. Die Nummer auf seiner Karte begann auch mit 001." "Puh! Ihr macht mir vielleicht Sachen!" sagte ich vorwurfsvoll in Franks Richtung. "Glaubst du, ich habe sie aus der Wueste heraus geschleppt, nur damit sie in Oakland auf Nimmerwiedersehen verschwindet?" Janet laechelte geschmeichelt; Frank machte sich nicht die Muehe, mir zu antworten. Er stand auf und streckte sich. "So, du hast jetzt alles, was du wolltest. Meld' dich, bevor du den Kerl in seinem Bau aufstoeberst. Ich denke, du kannst dann ein paar hilfreiche Faeuste gebrauchen. Und jetzt", feixte er, "werde ich das junge Flitterpaar allein lassen. Andere beduerfen meiner Talente. So long." Er oeffnete die Tuere. "Eine andere, um genau zu sein", rief ich ihm noch hinterher. Und wir hoerten sein Lachen durch die geschlossene Tuere. Janet schaute mich bedeutsam an. "Faellt dir was auf?" "Hm?" "An Frank, meine ich." "Aeh, nein. Ausser ... doch: er hat mit keinem Wort seinen Verfolgungswahn erwaehnt." Janet nickte bestaetigend. "Und nicht nur das. Er hat auch diese unangenehme Art zu sprechen aufgegeben." Wir schauten uns an und laechelten. Ich markierte sorgfaeltig einen Pfad in meinem Flussdiagramm mit gruener Farbe und trug am Ende den Namen der Bank ein. Janet blickte mit ueber die Schulter. "Und jetzt?" fragte sie gaehnend. "Heute Nacht kann ich nicht mehr viel machen, ausser einer Kleinigkeit, die aber in ein paar Minuten erledigt ist. Und dann gehen wir essen, und nachher..." Janet laechelte gluecklich.

Am naechsten Morgen rief ich als allererstes die Nummer an, die Becker mir fuer Notfaelle gegeben hatte. Eine weibliche Stimme mit starkem deutschem Akzent meldete sich. Ich verlangte, Becker zu sprechen. Ein paar Sekunden spaeter war er selber am Telefon. "Verdammt, wo haben Sie und Ihre Freundin gesteckt? Ich war gerade im Begriff, das FBI einzuschalten, nachdem wir Sie ueberall wie die bekannte Nadel im Heuhaufen gesucht hatten!" Seine Stimme klang erleichtert und gleichzeitig war er auf 180. Ich fragte ihn erst, ob die Leitung sicher sei und berichtete ihm dann so knapp wie moeglich, was uns in den letzten Tagen widerfahren war. Tiefes Schweigen in der Leitung. "Sind Sie noch da?" "Natuerlich bin ich noch da", sagte Becker duester. "Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass Sie sich reichlich daemlich angestellt haben. Nur einem - was sag' ich - mehreren, einem ganzen Haufen von Gluecksfaellen haben Sie es zu verdanken, dass Sie und ihre Freundin noch am Leben sind!" Er war wuetend. Wahrscheinlich machte er auf diese Weise auch seiner aufgestauten Sorge Luft. Ich muss gestehen, dass mich dies ganz schoen verblueffte. Ein Cop machte sich Sorgen um einen Buerger. Bei den Cops, die ich in meinem bisherigen Leben oft genug hautnah erlebt hatte, und auch bei den Bewaehrungshelfern in LA waren immer nur voellige Unbeteiligtheit bis hin zum reinsten Zynismus zu spueren gewesen. Und jetzt kam da dieser deutsche Cop und regte sich auf. Dabei war es nicht mal seine Schuld. Im Hintergrund hoerte ich die weibliche Stimme von vorhin, wahrscheinlich seine Kollegin Madeleine, und es folgte ein kurzer heftiger Wortwechsel in Deutsch. Dann wieder Becker: "Wo stecken Sie jetzt?" Ich erklaerte ihm, dass wir uns in einem Hotel einquartiert hatten und dort auch zu bleiben gedachten, bis die Sache endgueltig aufgeklaert sei. Das schien ihn etwas zu beruhigen. Bevor er antworten konnte, fuhr ich fort: "Hoeren Sie, Becker. Ich weiss Ihre Hilfe wirklich zu schaetzen, aber Sie werden verstehen, dass uns die alte Koeder-Falle-Taktik, nachdem was vorgefallen ist, nicht mehr besonders zusagt. Ich werde die Sache jetzt mit meinen eigenen Methoden angehen." "Was??? Aber..." "Ich bin mir inzwischen ziemlich sicher, wer hinter der ganzen Sache steckt. Nur kann ich es noch nicht beweisen. Aber durch die Ereignisse der letzten Tage habe ich endlich etwas Handfestes in die Finger bekommen. Diese Spuren moechte ich jetzt weiterverfolgen. Auf meine Methode, das heisst ohne Polizei." "Ich ..." "Sobald ich beweisen kann, wer hinter der Sache steckt, informiere ich Sie. Aber nur unter einer Bedingung." "Jetzt lassen Sie..." "Moment noch. Die Bedingung lautet: Wenn wir ihn hochgehen lassen, dann nach meiner Regie." Becker schnappte hoerbar nach Luft. "Voellig unmoeglich", brachte er schliesslich muehsam hervor. "Wir kommen in Teufels Kueche, wenn Ihnen was passiert." "Das war kein Alternativvorschlag", antwortete ich einfach.

Fortsetzung folgt.

Copyright 1996 Florian Schiel

Kapitel 13, Teil 2