Nach dreimaligem Umsteigen und nervenzermuerbenden Stunden
in den ekligen Wartesaelen der Busgesellschaften erreichten
wir spaet in der Nacht Berkeley. Wir mieteten uns im Motel 6
unten am Freeway ein Doppelzimmer, fielen total erschoepft
ins Bett und schliefen sofort ein.

"Hallo?"
"Frank? Hier ist George..."
"Sieh mal an. Seid ihr von euren vorgezogenen Flitterwochen schon wieder zurueck?" Ich warf einen raschen Blick zu Janet hinueber, die tief in die Decken gekuschelt friedlich schlief. "Von was redest du?" "Na, du hast mir doch geschrieben, dass ihr ihr bald heiraten wollt, aber euch noch nicht sicher seid, ob es klappt, und deshalb einen Trip in die Wueste machen wollt..." "Moment mal. Wann habe ich das geschrieben?" "Ich hab' die mail nicht aufgehoben. Ist das wichtig? Was ist los?" "Ich habe keine email an dich geschrieben." Am anderen Ende der Leitung blieb es kurz still. "Dann hat aber jemand ziemlich genau deinen Absender gefaelscht. Oder..." Genau, dachte ich. Oder es hat jemand meinen Account geknackt. "Sag mal", fragte Frank langsam, "vielleicht bin ich ja immer noch paranoid, aber kann es sein, dass du in Schwierigkeiten bist, oder was?" "So kann man's auch nennen. Haeltst du es fuer moeglich, dass die Leitung abgehoert werden koennte?" "Von wo rufst du an?" "Einem Hotelzimmer." "Wart mal einen Moment..." Wieder war es eine Zeitlang lang still in Hoerer. Dann hoerte ich Frank auf der Tastatur seines Rechners herumklappern. "Ok, wenn dieses deutsche Geraetchen hier funktioniert, ist die Leitung sauber. Schiess los." Ich schoss los. Obwohl ich es kurz machen wollte, dauerte es eine ganze Weile, bis Franks Neugierde gestillt war. Dann musste ich erwartungsgemaess seine guten Ratschlaege, die alle irgend etwas mit der Polizei zu tun hatten, abwimmeln. Schliesslich knurrte er missmutig: "Und warum rufst du dann ueberhaupt an? Kann wenigstens ich dir irgendwie helfen?" "Du wirst es nicht glauben: du kannst. Ich brauche leihweise deinen Laptop. Mit Modemleitung. Und einen handlichen Drucker." "Warum nimmst du nicht deinen eigenen ... ach, so, verstehe. Ok, ich hab' zur Zeit sowieso keine Verwendung dafuer. Habe ich schon erwaehnt, dass ich meine Firma verkauft habe? Ich setz' mich jetzt zur Ruhe und werde nur noch in der Sonne sitzen und zum Fischen gehen, waehrend ihr in euren Bueros schmoren duerft." "Herzlichen Glueckwunsch", sagte ich trocken. "Traegheit ist aller Laster Anfang..." "Oh, ich habe nicht gesagt, dass ich traege werden will. Im Gegenteil. Aber das ist ein anderes Thema. Drucker habe ich keinen, aber ich kann dir einen besorgen. Wohin soll ich das ganze Zeug bringen?" Ich gab ihm die Adresse des Motel 6 und die Zimmernummer. "Und, Frank..." "Ja?" "Sei vorsichtig." Es blieb eine Weile still in der Leitung. "So ernst ist es?" "Ich fuerchte, ja." "Gut. Nicht vor heute nachmittag. Bist du dann da?" "Entweder ich oder Janet." "Ok", sagte er abschliessend und legte auf. Ich ging hinueber zum Bett und streichelte Janet ueber den braunen Ruecken. Sie murrte leise und grub sich tiefer in die Decken ein. Ich kuesste sie an einer exponierten Stelle und sagte leise: "Ich besorg' uns Fruehstueck, ok?" "Hm?" "Fruehstueck. Kaffee." "Mhm." Als ich zurueckkam, war sie bereits unter der Dusche. Wir fruehstueckten schweigend in der Morgensonne vor unserem Zimmer. Der Pacific Layer begann sich schon aufzuloesen, aber so frueh am Morgen brannte das gefilterte Sonnenlicht noch nicht unangenehm auf der Haut. Hinter dem Motel hoerten wir die grossen Trucks mit ueberhoehter Geschwindigkeit auf der Interstate dahin donnern. Die Luft war frisch und kuehl und nicht mehr so toedlich trocken wie in Nevada. Ich bekam eine herrliche Gaensehaut. Der Kaffee war nicht mehr ganz heiss, die Danishs nicht mehr ganz frisch. Und dennoch war ich erfuellt von einem unbeschreiblichen Gluecksgefuehl, dem Gefuehl zu leben, wieder hier zu sein, in Berkeley, und ueber das graue Wasser der Bay zur Skyline der City hinueberzublicken. Ich berichtete Janet von meinem Telefonat mit Frank. "Es schaut ganz so aus, als ob jemand unser Verschwinden sorgfaeltig mit falschen Meldungen maskiert hat. Ich wette, mein Chef hat auch eine solche email bekommen. Und deiner wahrscheinlich ebenfalls. Niemand haette uns in den naechsten zwei Wochen vermisst. Warum auch? Frisch Verliebte machen verrueckte Sachen." Janet nickte, gab aber keinen Kommentar zu den 'frisch Verliebten' ab. "Was willst du jetzt machen?" fragte sie statt dessen. "Was wollen wir jetzt machen? Ich, fuer meinen Teil, will den Kerl, der dahintersteckt, ein fuer alle mal loswerden. Aber dafuer brauche ich deine und Franks Hilfe." Janet schwieg eine Weile nachdenklich. Ich betrachtete ihr ernstes Gesicht von der Seite. Ihr Blick streifte ziellos ueber die graue Bay. Schliesslich wandte sie sich mir zu und laechelte. "Frisch Verliebte tun solche verrueckten Sachen, ja?" Sie legte mir ihre Arme um den Hals und sah mich spoettisch an. "Na, dann mal los!" Gegen Abend hatte ich das Noetigste beisammen. Laptop, Modem, Drucker. Frank war mit Janet in die City gefahren. Ich ueberflog meine Listen, die ich waehrend des Tages angefertigt hatte. Die eine hatte drei Spalten mit den Ueberschriften 'Fakten', 'Ueberpruefbare Annahmen' und 'Spekulationen'. Die erste Spalte war sehr lang; die zweite etwa halb so lang und die letzte hatte bis jetzt nur drei Eintraege. Hinter jedem der letzteren war eine Zahl eingetragen, die die von mir geschaetzte Wahrscheinlichkeit angab. Die andere Liste enthielt mehrere Flussdiagramme, die alternative Vorgehensweisen beschrieben. Es war nicht leicht zu entscheiden, welche davon am sichersten, schnellsten und effektivsten sein wuerde. Zumindest hatte ich einen grossen Vorteil: der Zeitfaktor war mit hoher Wahrscheinlichkeit unkritisch, da unsere Gegner zumindest vorerst noch von unserer Ermordung ausgehen wuerden. Ich entschied mich fuer eine Strategie und vernichtete alle anderen Listen, um spaeter nicht in Verwirrung zu geraten. Dann setzte ich mich an den Laptop. Zu allererst brauchte ich mein Handwerkszeug. Also loggte ich mich unter einem Service-Account an meinem Rechner in der Uni ein und transferierte ein Tar-Paket auf den Laptop. Waehrend die Uebertragung andauerte - es waren mehrere Megabyte - fuehlte ich eine schwache Reminiszenz an laengst vergessene Zeiten. Ich haette nie fuer moeglich gehalten, dass ich diese Werkzeuge noch einmal auspacken und verwenden wuerde. Warum hatte ich sie ueberhaupt aufbewahrt? Nostalgie? Ich wusste es nicht. Jahrelang hatten sie in ihrem Tar-Paket geschlummert, in wechselnden Directories, uebertragen von einer Rechnergeneration zur naechsten. Jetzt wuerde ich sie noch einmal verwenden; dann hoffentlich nie wieder. Ich installierte die wichtigsten Tools auf Franks Rechner und begann mit dem ersten Schritt: die Verifikation von Hypothesen in der zweiten Spalte. Als erstes wollte ich ueberpruefen, woher die mysterioesen emails gekommen waren, die Frank und wahrscheinlich auch meine Kollegen erhalten hatten. Nun, das dauerte nur Minuten, da ich freien Zugang zu unserem Mailhost im Institut hatte. Alles deutete darauf hin, dass tatsaechlich jemand meinen Account geknackt und die mails direkt von dort aus geschickt hatte. Wie ich erwartet hatte, waren alle Spuren laengst verwischt. Sicherheitshalber checkte ich auch die Protokolldateien im Backup-System nach, obwohl ich mir da keine grossen Hoffnungen zu machen brauchte. Die Backups liefen nur einmal am Tag und der Einbrecher in meinen Account hatte bestimmt sofort nach dem Abschicken der mails alle verraeterischen Logfiles entfernt. So war es auch. Also keine Moeglichkeit, den Absender der emails auf diese Weise zurueckzuverfolgen. Ich zuckte mit den Achseln und strich den Pfad im Flussplan mit roter Farbe aus. Der naechstmoegliche Pfad zum Ziel ging ueber die Identifizierung unserer Entfuehrer. Die Zulassungsnummern beider Wagen hatten sich gruendlich in mein Gedaechtnis eingepraegt, waehrend wir entfuehrt wurden. Ich loggte mich per Telefon in ein von Hackern frequentiertes BBS in Minnesota ein, wo zu meiner Zeit immer ein illegaler Spiegel der DMV-Datenbasis gehalten wurde. Das Department of Motor Vehicle, kurz DMV, hatte die vollstaendigste Datenbank ueber alle zugelassenen Fahrzeuge und ausgegebenen Fuehrerscheine. Der geheime Eingang in den verborgenen Teil des Boards war noch aktiv und sogar das uralte Passwort F0-3-I1Vfklho4<<8 stimmte noch, aber die Datenbasis des DMV war nicht mehr vorhanden. Gluecklicherweise war der Sysop gerade online und erinnerte sich noch an mein Namenskuerzel von damals. Er teilte mir mit, dass jetzt ein besserer Spiegel der Fahrzeugdaten des DMV in einem Rechner in San Diego zu finden sei. Der Zugang sei ein oeffentlicher WWW-Server, in welchem man in der Suchfunktion ein bestimmtes Passwort eingeben muesse. Er war so freundlich, mir das Passwort zu ueberlassen. Minuten spaeter war ich im Internet und im verborgenen Teil des WWW-Servers in San Diego. Leider war die Indexierung der Datenbasis nicht sehr komfortabel und es kostete mich fast eine halbe Stunde, die beiden Wagen, den schwarzen Plymoth und den Jeep zu finden. Das Nummernschild des Plymoth gehoerte eigentlich zu einem blauen Toyota, zugelassen in Oakland. Der Jeep schmueckte sich mit einem Nummernschild aus LA, weisser Lancia, laut Datenbasis bereits wieder abgemeldet. Ich machte mir nicht die Muehe, die frueheren Besitzer zu notieren; diese Spur verlief auch im Sande. Wieder ein roter Strich im Flussplan. Vor dem naechsten Anlauf besorgte ich mir einen grossen Becher Kaffee und zwei Doughnuts in der Frittenbude neben dem Motel 6. Auf dem Rueckweg zu unserem Zimmer bewunderte ich den flammenden Sonnenuntergang ueber dem Pacifik. Ich sehnte mich nach dem Grossen Fenster. Was Nostradamus wohl machte? Er hatte sich bestimmt bei Horace eingenistet. Wieder im Zimmer klemmte ich das Modem ab und waehlte Horace Nummer. Er meldete sich sofort. "Ach, du bist's, Kid." Er klang enttaeuscht. "Du klingst, als haettest jemand anderen erwartet?" "Ja, aeh, eigentlich warte ich auf einen wichtigen Anruf. Geschaeftlich, du verstehst. Was kann ich fuer dich tun?" "Ist bei mir alles in Ordnung?" fragte ich. "Das will ich hoffen. Wieso, siehst du weisse Maeuse oder so was?" "Mein Apartment und mein Kater", sagte ich geduldig. "Dem Kater geht's gut. Willst du ihn selber sprechen?" In der Leitung raschelte es. Dann fuellte Nostradamus tiefes Schnurren die Ohrmuschel. "Und was dein Apartment angeht", fuhr Horace fort, "von hier sieht es so aus, als ob es noch stehen wuerde." "Ok, ich werde wohl noch eine Weile weg bleiben. Bitte kuemmere dich um Nostradamus, ja? Und hab' ein Auge auf gegenueber, du weisst schon warum..." "All right, Kid. Noch was? Wenn nicht, dann ... wir koennen ja ein andermal reden, ok? So long, Kid." Er legte auf. Etwas befremdet hielt ich den Hoerer noch ein paar Sekunden laenger in der Hand als noetig und lauschte auf das Freizeichen. Was war denn mit Horace los? Normalerweise waren Telefongespraeche mit ihm kaum unter einer halben Stunde anzusetzen. Ich schloss das Modem wieder an und blickte auf meinen Plan. Das Fragment der Drivers Licence des Anfuehrers. Ich ging noch einmal in die DMV-Datenbasis und versuchte, alle Eintraege mit den Anfangsnummern 8737 zu bekommen. Es funktionierte nicht; das Abfrageformular erlaubte nur vollstaendige Nummern. Mir blieb nichts anderes uebrig, als den Rechner selber zu knacken. Gluecklicherweise war auf diesem System noch das alte SunOS installiert, das loechriger war als ein Teesieb. Keine Firewall, kein sonstiger Sicherheitsmechanismus. Ein paar Minuten spaeter hatte ich Root-Rechte auf dem Rechner und suchte die Datei mit den DMV-Daten. Dann war es nur noch ein Kinderspiel. Ich grepte die Datei nach den Anfangszahlen und transferierte alle gefundenen Eintraege - immerhin 156 - auf meinen Laptop. Vorausgesetzt, der Fuehrerschein war echt und nicht gestohlen - was wegen des faelschungsicheren Lichtbilds eher unwahrscheinlich war - hatte ich jetzt den Boss der Entfuehrer irgendwo in dieser Datei. Ich markierte den Pfad im Flussplan bis zu diesem Punkt mit gruener Farbe und durchdachte die verschiedenen Moeglichkeiten fortzufahren. An der Tuere klopfte es, einmal kurz und dreimal lang.

Fortsetzung folgt.

Copyright 1996 Florian Schiel