"Ausserdem", nahm ich den Faden nach einer Weile wieder auf,
"ist es vielleicht besser, wenn wir auf keinen Rattler
stossen."
"Das will ich meinen", bestaetigte Janet nachdruecklich.
"Sonst muessten wir ihn naemlich toeten und grillen. Auch
das habe ich in mal gelesen, bei J. Cooper, glaube ich."
Janet verzog angewidert ihr Gesicht und packte die Salami
wieder ein.
"Du bist ein Scheusal."
"Danke."

Janet wuehlte in unserem kombinierten Schlaf/Rucksack.
"Viel zu Trinken haben wir nicht mehr."
"Nein."
Keiner von uns sprach es aus, aber es war klar, dass wir ab morgen auf dem Trockenen sitzen wuerden. Wir marschierten so lange, wie wir den Boden noch sicher erkennen konnten. Dann suchten wir uns einen Schlafplatz. "Meinst du ... ich meine, muessen wir Wache halten?" fragte Janet und starrte in die Dunkelheit. "Ich wuenschte, wir koennten ein Feuer machen." "Selbst wenn ich den Trick mit dem Hoelzern beherrschen wuerde, haetten wir kein Brennmaterial", konstatierte ich trocken und versuchte, mich auf der halben Isomatte so einzurichten, dass moeglichst wenig Koerperflaeche auf dem steinigen Untergrund zu liegen kam und moeglichst viel Koerperflaeche sich an Janets warme Rueckseite schmiegte. "Und was das Wachen betrifft: ich haette nichts gegen einen ordentlichen Indianerueberfall. Die wuessten wenigstens, wo wir uns befinden." "Ich dachte eigentlich eher an Woelfe und so...", meinte Janet vage und schmiegte sich an meine Brust. "Schwarze Witwen sind gefaehrlicher", murmelte ich. "Was?" "Nichts. Schlaf jetzt." "Wie war das noch mit dem Schnarchen und den wilden Tieren?" "Ich werde mir Muehe geben. Gute Nacht." "Gute Nacht." Noch bevor die Sonne aufging, erwachte ich, weil meine Fuesse erbaermlich froren. Wieder zogen die Positionslichter der Verkehrsflugzeuge ueber den Himmel. Immer von West nach Ost und umgekehrt, dachte ich schlaftrunken. Ob das was zu bedeuten hat? Der zweite Tag verlief weitgehend ereignislos. Abgesehen davon, dass wir mit der Zeit immer wortkarger und erschoepfter wurden. Das Gelaende war unwegsam und von steilen Huegeln durchsetzt. Es war schwierig, die Richtung beizubehalten. Unsere Wasservorraete gingen zur Neige. Gegen ein Uhr, in der groessten Hitze, suchten wir wieder einen Schattenplatz und ruhten uns aus. Nachdem wir getrunken und gegessen hatten, blieb uns noch etwa ein Quart Wasser, die Reisbrote und eine Buechse mit weissen Bohnen. Janet lag auf dem Ruecken und atmete durch den geoeffneten Mund. Die Luft war so heiss, dass es beim Einatmen schmerzte. Wieder sah ich ein Verkehrsflugzeug ueber uns hinwegziehen. Es flog von Ost nach West. "Hat das ueberhaupt noch einen Sinn, was wir da machen?" Ich drehte mich um. Janet sah mich resigniert an. Ich strich ihr vorsichtig ueber die staubige Wange. "Man darf die Hoffnung nie aufgeben, Kleines." Sie verdrehte die Augen und holte tief Luft. "Wie aus einem Bogartfilm." Ich nickte. "Filme sind manchmal gar nicht so weit weg vom wirklichen Leben", sagte ich und setzte mich auf. "Denk nur mal an den ganzen Kitsch, den wir im Kino verachten, aber wenn er dann wirklich passiert, finden wir's toll." "Willst du mich ablenken?" "Vielleicht." "Vergiss es." Pause. "Willst du mich heiraten?" "Was?" "Ob du mich heiraten willst?" "Soll das jetzt der Kitsch sein, von dem du vorhin gesprochen hast?" Ich lachte. "Nein, aber irgendwie ... ich weiss auch nicht. Seit ein paar Tagen weiss ich ... glaube ich zu wissen, dass ... naja ... ach, vergiss es. Vielleicht habe ich einfach Sonnenstich..." Janet setzte sich mit einem Ruck auf. "Das ist jetzt wirklich unfair. Nicht nur dass du mir mitten in der Wueste und in dem Zustand einen Heiratsantrag machst. Jetzt soll ich auch noch glauben, dass du nur verrueckt spielst!" "Ok, ich habe keinen Sonnenstich. Willst du mich nun heiraten?" Janets Zornesfalten glaetteten sich. Sie blickte mir mit ihren grossen traurigen Augen forschend und aus naechster Naehe ins Gesicht. Schliesslich laechelte sie muehsam mit ihren aufgeplatzten Lippen. Man sah, dass es ihr weh tat. Sie schlang ihre Arme um mich und barg ihren Kopf an meinem Hals. "Ja", fluesterte sie, "aber ..." "Kein Aber", protestierte ich. "Solche Fragen beantwortet man mit Ja oder Nein." "Ok, also ja. Aber du solltest mich noch einmal fragen, wenn ich alle meine Sinne beieinander habe. Im Moment bin ich so fertig..." Sie glitt hinunter auf meinem Schoss und schlief ein. Ich betrachtete sie nachdenklich. Warum hatte ich sie gefragt? Es war wirklich nicht sehr fair. Es kam wohl irgendwie aus dem Bauch. Ich betrachtete ein Weile die gleissende Wuestenlandschaft um uns herum, ohne etwas zu sehen. Eins wusste ich jedenfalls: Es war mir ernst. Ich wollte in Zukunft nicht mehr ohne Janet sein. Wenn wir eine Zukunft hatten. Vorsichtig, um Janet nicht zu wecken, holte ich zum hundertsten Male die zerfetzte AAA Karte aus unseren Rucksack und breitete sie vor mir aus. Solange wir nicht wenigstens ungefaehr wussten, wo wir waren, nutzte uns die Karte soviel wie eine Einladung zum Silvesterball im August. Aber irgend etwas Besonderes war mit der Karte; an irgend etwas erinnerte sie mich. Ich kam nur nicht darauf. Ich starrte minutenlang auf die vielen weissen Flaechen, die Wuestengebiete darstellten. Es gab mindestens fuenfzig moegliche Gebiete, wo wir uns befinden konnten. Seit gestern Mittag marschierten wir jetzt stetig nach Sueden und waren auf keine Piste oder Strasse oder sonst etwas gestossen. Wieviele Meilen? Ich wusste es nicht. Das Gelaende war
schwierig; wir mussten oft Huegel umgehen. Es war schwer abzuschaetzen, wie schnell wir vorankamen. Janet schlief mit offenem Mund. Ich lehnte mich nach hinten und schloss auch die Augen, aber ich schlief nicht ein. Ein leises Brummen liess mich wieder die Augen oeffnen. Auf den ersten Blick sah ich direkt ueber mir im Zenit die Silhouette eines Verkehrsflugzeugs, das wieder von Ost nach West ueber den blauen Himmel zog. Lag es daran, dass ich die Augen so lange geschlossen hatte. Oder dass ich im Schatten lag? Ich konnte das Flugzeug ganz deutlich vor dem tiefblauen Himmel erkennen. Ich sah, dass es zwei Triebwerke hatte; zwei duenne Kondensstreifen kraeuselten und loesten sich sofort wieder auf. Ich sah die braunen Tragflaechen und den breiten Rumpf. Braun. Ost-West. Etwas klickte in meinem Kopf, und ploetzlich rueckten alle Steinchen an die richtige Stelle. Ich schaute auf Francis Uhr. Zwoelf Uhr und zwanzig Minuten. Ich setzte mich auf und blickte wieder auf die Karte. Als Janet erwachte, war ich mir zu 75 % sicher. "Wir aendern jetzt die Marschrichtung. Wir gehen nach Osten." Janet nickte resigniert und rappelte sich auf. Sie fragte nicht, warum. Einen Moment zoegerte ich, liess es dann aber doch bleiben. Die Enttaeuschung waere noch viel schlimmer gewesen... Wir marschierten hinaus in die gluehende Nachmittagshitze. Die heisse Wuestenluft trocknete uns schneller aus, als wir schwitzen konnten. Der Weg nach Osten war beschwerlicher als nach Sueden; es ging oft hinauf und hinunter. Janet wurde immer langsamer. Nach der zweiten Peilung uebernahm ich auch die folgenden und behielt den Rucksack. Janet sagte
nichts; sie war schon zu erschoepft, um es zu bemerken.
Wir kamen nur sehr langsam voran. Als die Daemmerung hereinbrach, hatten wir wieder nichts gefunden, was auf die Naehe von Menschen deutete. "Man koennte meinen, dass wir ganz allein auf der Welt seien", murmelte Janet nach dem kargen Abendmahl. "Selbst dann wuesste ich bessere Orte auf dieser Erde als gerade diese Gegend hier", antwortete ich grimmig. Es kam keine Antwort; Janet war bereits eingeschlafen. Am naechsten Morgen erwachten wir beide mit ueblen Halsschmerzen. Die Schleimhaeute waren so trocken und rissig geworden, dass ich staendig den metallischen Geschmack meines eigenen Blutes auf der Zunge hatte. Es gab nichts mehr zu trinken. Nur noch eine Reistafel, das war alles, was wir noch hatten. Wir schafften es nicht, sie trocken hinunterzuwuergen. Also gingen wir - stolperten wir - ohne Fruehstueck los. Obwohl es jetzt meistens bergab ging, kamen wir nicht weit. Janet konnte einfach nicht mehr weiter. Ich schleifte sie mit letzter Kraft in den Schatten eines Felsens; die Sonne haette sie sonst in kuerzester Zeit getoetet. Ich wartete, bis sie wieder ein wenig zu Kraeften kam und ueberredete sie dann, noch ein paar Schritte zu versuchen. "Es ist doch ganz sinnlos, George. Lass mich doch hier liegen und hol' zu Trinken .. ich meine, hol' Hilfe. Ich kann nicht ..." "Doch, du kannst. Nur noch ein bisschen. Noch 20 Schritte. Stuetz' dich auf mich. Komm schon, du kannst es!" Janet kam wieder auf die Beine. Sie sah jaemmerlich aus, mit ihren geschwollenen Augen und aufgeplatzten Lippen. Wir gingen wieder 20 Schritte. Ich zaehlte laut mit. "Und jetzt noch einmal 20 Schritte." So kamen wir eine Weile langsam voran. Ich hatte Muehe, die Richtung zu halten. Auch mir tanzten Lichtreflexe vor den brennenden Augen und meine Lippen brannten hoellisch. "Nochmal 20 Schritte." Janet stoehnte und stolperte. Ich konnte sie gerade noch aufrecht halten. "Komm. Nochmal 20 Schritte." Wir erklommen muehsam eine steile Boeschung. Ploetzlich hielt ich an und drehte mich nach links, dann nach rechts. Ein Piste.

Copyright 1996 Florian Schiel