Das war sie, dachte ich immer wieder, waehrend ich unsicher
ueber das Geroell stolperte. Das war die Chance, und du hast
sie verspielt. Aus und vorbei. Eine zweite wird es nicht
geben. Warum musste ich auch einschlafen.

Ich liess mich neben Janet auf die Isomatte fallen. Sie schaute mich verwirrt an. "Da war ein Flugzeug, nicht wahr?" Ich nickte. Ich konnte kein Wort hervorbringen, so hatte mich die Enttaeuschung gepackt. "Die haben bestimmt das Wrack gesehen und schicken jetzt einen Wagen", sagte Janet in halb fragendem Ton. Ich blickte sie nur an. "Nein?" fragte sie mit zitternden Lippen. Ich schuettelte den Kopf und liess mich nach hinten auf den Ruecken fallen. "Sie haben uns nicht gesehen, sie haben das Wrack nicht gesehen, sie haben ueberhaupt nichts gesehen. Sonst waeren sie ein paar Male ueber uns gekreist, um Einzelheiten auszumachen. Die sind nur zufaellig hier vorbeigeflogen. Scheisse!" Wir schwiegen ein paar Minuten. "Vielleicht ist hier eine Flugroute und sie kommen den gleichen Weg wieder zurueck", meinte Janet leise. Das war zwar nur eine winzigkleine Chance, aber sie bewirkte wenigstens, dass ich aus meiner Lethargie erwachte. Den Rest des Tages schleppten wir dunkle Steine zu einem grossen SOS zusammen. Wir schufteten drei Stunden in der Wuestenhitze. Das Ergebnis war eher kuemmerlich. Ich bezweifelte, dass man es aus einer Meile Entfernung ueberhaupt noch erkennen konnte. In der Daemmerung hatten wir beide so grossen Hunger, dass wir eine weitere Buechse Bohnen und etwas Fruehstuecksfleisch opferten. Das Fleisch war schon angetrocknet und schmeckte widerlich. Besorgt musterte Janet unsere Vorraete. "Wenn wir so weitermachen, sind wir in zwei Tagen wieder ohne", meinte sie. "Das weiss ich selber!" explodierte ich ohne Grund. "Ich bin nicht blind! Verdammte Scheisse!" Janet starrte mich erschrocken an. Ich wich ihrem Blick aus. "Es tut mir leid", sagte ich eine Minute spaeter und nahm sie in die Arme. "Ich bin nur so gereizt, weil ich mir schreckliche Vorwuerfe mache." Janet legte ihre Wange auf meine Schulter und drueckte mich als Antwort. "Wenn bis morgen niemand kommt, muessen wir hier weg", sagte ich leise und sie nickte bestaetigend. Es kam niemand.


12


Der Gestank war kaum zu ertragen. Der Geruch nach verbranntem Fleisch war nicht mehr besonders intensiv, aber eben entsetzlich. Ich biss die Zaehne zusammen und zwang meine Haende, weiter in der verbrannten Kruste der Leiche zu suchen. Zwei hatte ich schon hinter mir. Die Leiche des Jungen gab ueberhaupt nichts her. Von Francis, dem Schwarzen, waren nur noch ein Arm und ein verkohlter Fuss zu erreichen. Immerhin hatte er eine stossfeste Armbanduhr, die erstaunlicherweise noch funktionierte. Waere eine tolle Werbung fuer die Marke, dachte ich grimmig, als ich mir die Uhr anlegte. Da es sich um eine Quarzuhr handelte, zeigte sie immer noch die genaue Uhrzeit. Ich blickte hinauf. Janet schlief immer noch in ihren Schlafsack gewickelt oben an der Felswand. Die halbe Nacht hatte ich, jedesmal wenn die blinkenden Positionslichter eines Verkehrsflugzeugs am Horizont auftauchten, mit der Maglite SOS-Signale geblinkt. Aber meine Hoffnung, dass uns hier jemand finden wuerde, war auf dem Nullpunkt angelangt. Ich war fest entschlossen, zu gehen, solange wir noch bei Kraeften waren. Ich tastete vorsichtig die verkohlten Schichten ab. Wenn er etwas in der Tasche gehabt haette, muessten doch wenigstens Reste davon zu finden sein. Seine Waffe hatte ich schon gefunden. Genau wie die des Schwarzen war sie durch die Glut des Feuers unbrauchbar geworden. Meine Finger stiessen auf eine etwas festere Struktur. Vorsichtig begann ich, die Aschenkruste wegzukratzen. Der Form nach eine Kreditkarte, verschmort und unleserlich. Wo eine Kreditkarte war, waren sicher noch mehr Karten. Ich konzentrierte mich auf den Bereich und kratzte Schicht fuer Schicht mit den Fingernaegeln herunter. Da war wieder eine aehnliche Form. Ich versuchte sie abzuhebeln, aber sie klebte so fest, dass sie zerbrach. Ich betrachtete das abgebrochene Stueck im Licht der aufgehenden Sonne. Ein dreistelliger Zahlenblock 001 war erkennbar, dann eine fuenfstellige Nummer 89675; das konnte keine Kreditkarte sein. Vielleicht eine Calling Card oder eine Bankautomatenkarte. Ich wollte schon aufgeben, als ich noch einmal auf eine rechteckige Struktur stiess. Die eine Haelfte war verbrannt; auf der anderen erkannte ich undeutlich das Gesicht des Anfuehrers. Eine Drivers Licence. Nur die ersten vier Zahlen der Nummer waren noch zu erkennen: 8737-... Ich steckte beide Fragmente in die Tasche und richtete mich auf. Die Sonne stand schon wieder hoch am Himmel. Wir hatten viel zu lange geschlafen. Kein Laut war zu hoeren, voellige Windstille. Die hellen Felsen der Umgebung reflektierten schmerzhaft das Sonnenlicht. Janet war wach und sass zusammengekauert auf ihrem Schlafsack. "Guten Morgen", sagte ich. "Praechtiges Wanderwetter heute, nicht?" Janet warf mir einen finsteren Blick zu und antwortete nicht. Die Arme um die Beine geschlungen, den Kopf auf ihre Knie gestuetzt sass sie da und starrte ins Leere. Ich wollte etwas sagen, liess es dann aber. Besser, wenn sie anfing. Ich nahm den Schlafsack und befestigte ein paar dicke Draehte daran. Mit viel Phantasie konnte man es nun einen Rucksack nennen. Dann begann ich, unsere Habseligkeiten darin zu verstauen. Janet beobachtete mich mit zusammengezogenen Augenbrauen. Als ich fertig war, sagte sie: "Ich habe nachgedacht." "Tatsaechlich?" Der beissende Sarkasmus in meiner Stimme trieb sie hoch. "Du brauchst gar nicht so ueberheblich zu tun", bellte sie mit blitzenden Augen. "Zuerst habe ich gedacht, die wollen nur an das Geld deiner Familie. Aber dann haetten sie uns irgendwo versteckt gehalten und Loesegeld verlangt. Und dann ist mir aufgefallen, dass du von Anfang an gewusst hast, dass sie uns umbringen wollen. Woher hast du das gewusst?!" Bevor ich eine plausible Antwort finden konnte, fuhr sie fort: "Du hast es gewusst! Du bist schuld an der ganzen Sache! Du bist schuld! Du bist schuld! Du bist schuld!" Sie schrie es mit gesenkten Kopf und schlug mir mit beiden Faeusten gegen die Brust. Dann ging ihr Schreien in ein krampfhaftes Weinen ueber. Ich hielt sie fest, bis das Schlimmste vorbei war. Dann kuesste ich ihre Traenen weg und begann leise zu erzaehlen, warum ich es geahnt hatte. Zuerst schien Janet gar nicht zuzuhoeren, aber dann verstummten ihre Schluchzer nach und nach, und sie begann, mich mit Fragen zu unterbrechen. Schliesslich war alles gesagt und wir beobachteten schweigend, wie der Schattenrand immer naeher kam. Janet schlang ihre Arme um meinen Hals und fluesterte: "Es tut mir leid. Ich bin einfach mit den Nerven fertig. Es war nicht gut, dass du mir das alles verschwiegen hast. Ich dachte, wir sind Freunde." Was sollte ich darauf erwidern? Sie hatte ja recht. Nur mein tief sitzendes misstrauen hatte verhinderte, dass ich ihr voll und ganz vertraut hatte. Wir beratschlagten. Wir wollten beide nicht laenger herumsitzen und darauf warten, dass uns das Wasser ausging. "Und in welche Richtung gehen wir?" fragte Janet, als wir alles Nuetzliche zusammengepackt hatten. "Es ist zwar nur eine Vermutung, aber ich denke, wir kamen irgendwie aus dem Sueden", sagte ich und deutete auf den Ausgang der Senke vor uns. "Vielleicht gelingt es uns sogar, den Reifenspuren zu folgen." Es gelang uns nicht. Schon nach einer halben Meile war auf dem harten Felsboden keine Spur mehr auszumachen. "Das hat keinen Sinn", schuettelte Janet den Kopf. "Wir verlieren zu viel Zeit und Kraft, wenn wir die Spur des Jeeps suchen. Wir muessen uns fuer eine Richtung entscheiden." Wir erklommen den naechsten Huegel und blickten uns um. Kein Anhaltspunkt, nichts als Steine, mit Steinen bedeckte Huegel, dahinter noch mehr Huegel. Ich zuckte mit den Achseln. "Eine Richtung ist so gut wie die andere. Gehen wir nach Sueden, das laesst sich wenigstens mit Hilfe der Uhrzeit am leichtesten peilen." Wir peilten also einen Punkt im Sueden an und marschierten los. Zuerst kamen wir schneller voran, als ich dachte. Bei jedem erreichten Peilpunkt wechselten wir uns in der Fuehrung ab. Der Vordermann bekam jeweils die Sonnenbrille, weil er die Peilung im Auge behalten musste; der Hintermann schleppte den improvisierten Rucksack und als Erleichterung den einzigen Sonnenschutz den wir hatten: meine Boxershorts. Zum Glueck hatten wir beide strapazierfaehige Turnschuhe an; trotzdem war das Marschieren auf den scharfkantigen, unsicheren Geroell sehr anstrengend. Gegen drei Uhr nachmittags machten wir im Schatten einer riesigen Felsnase Rast. "Weisst du, was komisch ist?" fragte Janet und biss noch ein Stueck Salami ab. "Was?" "Dass wir noch keine Klapperschlangen gesichtet haben. In den alten Geschichten der Trapper und Pioniere treffen die Helden in der Wueste andauernd auf Klapperschlangen." Ich nickte bestaetigend. "Muss daran liegen, dass wir keine Pferde dabeihaben." "Wie bitte?" "In den Geschichten, die ich gelesen habe, werden immer nur die Pferde gebissen, und die Reiter gehen dann beinahe zugrunde, weil sie die Saettel sinnlos durch den Wuestensand schleppen. Vielleicht moegen Klapperschlangen keine Menschen." "Harhar." "Ausserdem", nahm ich den Faden nach einer Weile wieder auf, "ist es vielleicht besser, wenn wir auf keinen Rattler stossen." "Das will ich meinen", bestaetigte Janet nachdruecklich. "Sonst muessten wir ihn naemlich toeten und grillen. Auch das habe ich in mal gelesen, bei J. Cooper, glaube ich." Janet verzog angewidert ihr Gesicht und packte die Salami wieder ein. "Du bist ein Scheusal." "Danke."

Copyright 1996 Florian Schiel