"Ich fuerchte eher, sie haben ihren Plan geaendert und
wollen uns doch noch erledigen, bevor sie abhauen", sagte
ich grimmig.
..., 517, 518, 519,...
Das Heulen des Motors wurde deutlicher; man konnte schon
hoeren, wie er die Gaenge schaltete.
"Los, wir muessen weg hier!"

Ich packte Janet am Arm und zerrte sie hinter mir her. Jetzt erst merkte ich, wie erledigt mein Koerper war. Jeder Schritt auf dem unsicheren Geroell war eine schmerzhafte Qual. Wir stolperten, so schnell es ging, den hinteren Teil der Senke hinauf. Das Geraeusch des Motors fing sich bereits in dem flachen Talkessel und wurde bedrohlich laut. ..., 666, 667, 668,... Es wurde mit jedem Schritt steiler. Hoffentlich so steil, dass sie mit dem Jeep nicht herauf fahren koennen, dachte ich. ..., 703, 704, 705, ... Aber selbst wenn sie uns nur zu Fuss folgten; drei gesunde Maenner wuerden uns muehelos einholen. Meine Lungen schmerzten schlimmer als bei unseren schaerfsten Joggingtouren im Strawberry-Canyon. Janet strauchelte und fiel auf die Knie. "Ich ... ich kann nicht mehr...", keuchte sie atemlos. Ich warf einen Blick zurueck. Der Jeep bog gerade um die letzte Geroellhalde. Jetzt konnten sie uns sehen. ..., 777, 778, 779, ... Ich sah mich verzweifelt nach einer Deckung um. Keine groesseren Felsen, keine Bodenmulde, keine Vegetation. Aber zumindest reichte der Schatten der Felswaende fast bis hierher. Noch ein paar Yards und wir waren im Schatten. Ich zerrte Janet wieder auf die Beine. "Komm. Nur noch ein Stueckchen..." ..., 845, 846, 847, ... Wir krabbelten auf allen Vieren die letzten Yards bis zur Schattengrenze. Dann blieben wir keuchend auf dem Bauch liegen. Die scharfen Steine bohrten sich durch den duennen Stoff meiner Jogging-Hose. Janet musste es mit ihren blossen Beinen noch viel schlimmer gehen. ..., 912, 913, 914, ... Die Zahlen purzelten automatisch durch meine Gedanken. Erstaunlicherweise konnte ich weiterdenken, ohne das Zaehlen zu unterbrechen. Bestimmt habe ich zu schnell gezaehlt, dachte ich und hob den Kopf. Der Jeep fuhr in die Senke hinein, wo Nelson verlassen in der gleissenden Sonne stand. Wir lagen nur etwa 100 Yards entfernt im Schatten der Felswand. ..., 997 ,998 , 999, 1000. Das Heulen des Motors erstarb. Einen Moment lang geschah nichts, dann oeffnete sich die Beifahrertuer. Der Boss stieg aus, den Revolver in der rechten, erhobenen Hand. Er blieb dicht am Fahrzeug stehen, die linke Hand auf der geoeffneten Wagentuere, und musterte langsam die Umgebung. Warum passiert nichts, dachte ich verzweifelt. Der Boss sprach zu jemandem im Wageninneren und schlug die Tuer zu. Auf der anderen Seite stieg Francis aus, die schwarze Automatic laessig in der linken Hand. Mir war bis jetzt noch nicht aufgefallen, dass er Linkshaender war. Jetzt biss sich mein bis zum Aeussersten gespanntes Gehirn an diesem laecherlichen Detail fest. Der Motor wurde ausgeschaltet und der Junge schwang seine Beine vom Fahrersitz. Der Boss ging langsam um den Jeep herum und suchte mit den Augen systematisch die Umgebung ab. Francis stand nur da und drehte langsam den Kopf. Der Junge sagte etwas. Der Boss liess seinen Kopf herumfahren und fauchte ihn an. Der Junge zuckte mit den Achseln und liess sich wieder auf den Fahrersitz fallen. In diesem Moment hob der Schwarze den Arm und deutete direkt in unsere Richtung. Der Boss machte einen raschen Schritt auf Francis zu. Es war sein letzter. Die beiden Dynamitstangen, die wir im U-Profil der hinteren Stossstange befestigt hatten, detonierten mit einem trockenen Knall. Die Stossstange wurde wie ein Bumerang weggesprengt und traf den Boss, der gerade das Heck umrundete, von der Seite. Sein Kopf wurde sauber vom Rumpf getrennt. Der Jeep wurde am Heck in die Luft geschleudert und blieb den Bruchteil einer Sekunde auf den vorderen Stossfaengern stehen. Dann krachte er auf den Schwarzen, der keine Zeit mehr hatte auszuweichen. Bevor das Wrack zum Stillstand kommen konnte, gab es eine heftige Detonation und die ganze Senke wurde von einem gewaltigen Feuerball ausgefuellt. Ich glaubte noch einen schwachen, hohen Schrei zu hoeren, dann drang nur noch das Prasseln und Fauchen des Feuers an unsere Ohren. Wir richteten uns auf und beobachteten, wie die Flammen den Jeep verschlangen. Dichter schwarzer Qualm schoss hoch in die klare Wuestenluft hinauf. Janet klammerte sich so fest an mich, dass es wehtat. Die Flammen griffen auch auf meinen guten alten Nelson ueber. Ab und zu krachte und zischte etwas in den Flammen. Der abscheuliche Geruch verbrannten Gummis und verschmorter Plastikteile drang nun bis zu uns hinauf und reizte uns zum Husten. "Ein paar Sekunden spaeter und wir waeren tot gewesen", sagte ich. Janet erschauerte, obwohl es bruetend heiss war und das Feuer uns seinen Glutatem ins Gesicht blies. "Und jetzt?" fragte sie mit hilfloser Stimme. "Jetzt hoffen wir, dass jemand durch das Feuer auf uns aufmerksam wird und uns hier 'rausholt", sagte ich und suchte mir einen Platz zum Sitzen. "Vielleicht, wenn wir Glueck haben..." Janet war stehen geblieben und starrte mich an. "Wie kannst du nur so ungeruehrt zur Tagesordnung uebergehen! Da unten sind gerade drei Menschen verbrannt!" Ich schaute sie an. Ihre geroeteten Augen waren weit aufgerissen und die Mundwinkel zuckten. Krampfhaftes Schluchzen erschuetterte ihre Brust wie ein gewaltiger Schluckauf. Jede Argumentation ueber Notwehr und so weiter waere jetzt sinnlos gewesen. Ich nahm sie ganz schnell in die Arme und drueckte sie an mich. "Ich weiss, Liebes", fluesterte ich in ihr Ohr. "Es ist immer schrecklich, wenn Menschen sterben, ganz gleich, ob sie gut oder boese waren." Die verpackte Nachricht sickerte langsam in ihre Gedanken und ich fuehlte, wie die verkrampften Muskeln sich allmaehlich lockerten. Schliesslich nahm sie den Kopf von meiner Schulter, schniefte und sagte: "Entschuldige. Ich hab' durchgedreht. Natuerlich weiss ich, dass sie ... dass wir..." "Ist schon gut", brummte ich und streichelte ueber ihr zerzaustes Haar. "Ich hab' so einen Durst", murmelte sie erschoepft in mein Sweatshirt. "Wenn das Feuer nachlaesst, gehen wir nachschauen. Vielleicht finden wir etwas Trinkbares." Etwa eine Stunde spaeter machte ich mich auf die Suche. Janet blieb im Schatten der Felswand liegen. Sie war nicht scharf darauf zu sehen, was von den drei Maennern uebrig geblieben war. Es war auch kein Anblick, fuer den ich Eintritt bezahlt haette. Francis, der Schwarze, lag vollstaendig unter dem ausgebrannten Wrack des Jeeps begraben. Nur ein Bein ragte merkwuerdig verdreht unter dem ausgegluehten Schrott hervor. Die verkohlte Leiche des Jungen war unter dem Steuer so zusammengekruemmt, dass ich die Gliedmassen kaum noch unterscheiden konnte. Auch ihr Anfuehrer war stark verkohlt; seine Kleider hatten Feuer gefangen, als der Benzintank explodierte. Nach einigem Suchen fand ich seinen zerquetschten Kopf etwas weiter weg von der Brandstelle. Ich liess ihn dort liegen. Die Ameisen hatten ihn schon entdeckt. Der Jeep war vollstaendig ausgebrannt. Das Segeltuchverdeck existierte nicht mehr. Ich betrachtete ein paar Sekunden das knackende Stueck Schrott und meine Zuversicht schwand dahin. Da drin nach Essen oder Trinken zu suchen, war voellig sinnlos. Auch mein alter Nelson war gruendlich durchgeglueht. Armer Gefaehrte, dachte ich, waehrend ich ihn vorsichtig umging, du warst mir immer ein treues Gefaehrt. Wenn du auch manchmal deine eigenen Macken gehabt hast, warst du doch viele Jahre ein zuverlaessiges Auto. Ich schalt mich selbst einen sentimentalen Tropf und begann, die beiden Wracks in konzentrischen Kreisen zu umgehen. Das Glueck war uns zur Abwechslung mal hold. Schon bald fand ich allerhand Dinge, die durch die Wucht der Explosion aus dem Jeep geschleudert worden waren. Als erstes und wichtigstes: zwei Gallonen-Behaelter mit Wasser. Der eine leckte und hatte schon etwa ein Quart verloren. Ein dunkler Fleck auf den Steinen zeigte mir, wo das kostbare Nass versickert war. Zum Glueck war die lecke Stelle gleich oben am Einfuellstutzen. Ich oeffnete den lecken Behaelter und nahm drei grosse Schlucke. Es schmeckte herrlich erfrischend, obwohl das Wasser schal und warm war. Meine Stimmung wurde schlagartig besser. Ich schleppte die Behaelter zu Janet hinauf und liess sie sich satt trinken. "Oh, Mann. War das gut", keuchte sie erschoepft, nachdem sie mindestens ein Quart Wasser hinuntergestuerzt hatte. Ich ermahnte sie, nicht zu viel und hastig zu trinken, und ging wieder hinunter zur Brandstelle. Nach einer Stunde gruendlichen Suchens zog ich Bilanz: Eine angebrochene Packung Salami, eine halb volle Packung Kartoffelchips, zwei Packungen Reistafeln, 4 Buechsen mit weissen Bohnen, zum Teil angekohlt, 1 angebrochene Buechse mit Fruehstuecksfleisch, 2 Buechsen Budweiser-Bier, eine halb verbrannte Packung geschnittenes Weissbrot. Das war alles, was ich an Ess- und Trinkbarem finden konnte. Darueber hinaus trug ich noch folgende Dinge zusammen: Janets Schlafsack, eine halbverbrannte Isomatte, Francis MagLite, einen Benzinkocher ohne Benzin, einen verbeulten Aluminiumtopf, die Sonnenbrille des Boss und eine angesengte AAA-Karte der suedwestlichen Staaten. Ich brachte alles hinauf in den Schatten und zeigte Janet meine Ausbeute. Dann hielten wir es beide nicht mehr aus. Eine Buechse Bohnen wurde mit Hilfe eines verschmorten Schraubenziehers geschlachtet und restlos, inklusive der Fluessigkeit, geleert. Danach fuehlten wir uns beide besser, obwohl wir natuerlich Magenprobleme bekamen. Erschoepft fielen uns die Augen zu. Ein ungewohntes Geraeusch weckte mich aus bleiernem Schlaf. Der Schatten war inzwischen weiter zurueckgewichen und die Wuestensonne brannte mir direkt auf den Hinterkopf. Ich richtete mich muehsam, mit brummenden Schaedel auf und versuchte, meine fuenf Sinne zusammenzubekommen. Warum war ich aufgewacht? Ploetzlich klickte es und ich sprang auf. Ein Flugzeug. Der Motor eines kleinen Flugzeugs brummte laut und deutlich, aber ich konnte nichts sehen; die Sonne blendete zu sehr. Halb blind rannte ich im halsbrecherischen Tempo ueber die Geroellhalde hinab in die flache Senke. Dabei schwenkte ich unablaessig die Arme ueber dem Kopf und suchte mit geblendeten Augen den Himmel ab. Neben der Brandstelle hielt ich inne und lauschte wieder. Das Geraeusch war kaum noch zu hoeren. Dann sah ich es. Ein winziger Punkt am westlichen Horizont, der rasch kleiner wurde. Die Verzweiflung schlug ueber mir zusammen wie eine Tsunami-Flutwelle. Mit haengenden Armen stand ich da und blickte fassungslos in die Richtung, in der das Flugzeug verschwunden war. Das Herz klopfte mir bis zum Hals. So stand ich bewegungslos in der sengenden Sonne bis Janet mich rief. Ich riss mich zusammen und ging langsam wieder hinauf zu unserem Lager. Das war sie, dachte ich immer wieder, waehrend ich unsicher ueber das Geroell stolperte. Das war die Chance, und du hast sie verspielt. Aus und vorbei. Eine zweite wird es nicht geben. Warum musste ich auch einschlafen.

Copyright 1996 Florian Schiel