Janet stiess mich an und deutete mit den Augen nach unten.
Sie machte ihre kleine Hand ganz lang und kruemmt die
Handflaeche so weit wie moeglich. Dann rutschte sie aus der
Handschelle und sofort wieder hinein. Ich senkte bejahend
die Augen und legte den Finger an die Lippen. Sie nickte
ganz unmerklich, aber ihre Augen hatten wieder etwas Glanz
bekommen.
Die Daemmerung brach so ploetzlich herein, als ob jemand das Licht gedimmt haette. Ein angenehmer kuehler Wind kam kurz vorher auf und kuendigte die Nacht an. Am oestlichen Himmel zeigten sich schon Sterne, waehrend im Westen noch die Abendroete wie eine Feuersbrunst hinter dem Horizont leuchtete. Wir hatten natuerlich nichts bekommen, weder zu Essen noch zu Trinken. Das Urinieren wurde schon schmerzhaft, ein erstes Anzeichen, dass wir schon gefaehrlich dehydriert waren. Unsere Entfuehrer waren weitgehend ausser Sichtweite geblieben. Jetzt hoerte man sie hinter dem Jeep herumwirtschaften. Offensichtlich bereiteten sie sich dort ihr Nachtlager. Der Strahl einer Taschenlampe zuckte gespenstisch ueber die Felsabhaenge. Immer mehr Sterne zeigten sich. Die Positionslichter von Verkehrsflugzeugen zogen ruhig und unbeteiligt ueber den samtblauen Nachthimmel. Wenn wir nicht in einer so verzweifelten Lage gewesen waeren, haette man die Nacht geniessen koennen. Aber meine Gedanken drehten sich nur noch um eines: Trinken, Wasser, Trinken, Wasser,.... Jemand kam auf uns zu. Es war der Schwarze mit einer blendenden Maglite in der Hand. Er leuchtete uns stumm ins Gesicht; Janet etwas laenger als mir, bis sie den Kopf wegdrehte. Dann brummte er etwas, bueckte sich und pruefte den Sitz unserer Fesseln. Befriedigt wandte er sich ab und warf uns den Schlafsack zu, der bisher ausser unserer Reichweite gelegen hatte. Dann verschwand er wieder hinter dem Jeep. Der Wind wurde kuehler. Ich versuchte mich zu erinnern, was ich ueber die kalifornischen Wuesten gelesen hatte. Die Temperatur konnte selbst in der heissen Jahreszeit nachts empfindlich tief sinken. Allerdings hing das auch stark mit der Hoehe ueber dem Meeresspiegel zusammen. Ausserdem, wer wusste, ob wir noch in Kalifornien waren. Ich hatte auf der Fahrt hierher jegliches Zeitgefuehl verloren. Keine Ahnung, wie lange wir tatsaechlich unterwegs waren. Es konnten nur ein paar Hundert Meilen, aber auch locker zehn bis zwoelf Stunden Fahrt gewesen sein. Erdkundeunterricht, 5. oder 6. Klasse Junior High, Wuestengebiete. Mojave-Wueste? Zu bekannt. Zu viele Touristen und Wanderer. Obwohl, sie erstreckt sich ueber etwas mehr als 2000
Quadratkilometer; da konnte man schon einen Landstrich finden, wo normalerweise nie jemand hinkommt. Coloradowueste? Zu klein. Death Valley? Zu viele deutsche Touristen. Baja California? Ausgeschlossen. So weit konnten wir nicht gefahren sein. Eher noch die riesigen, namenlosen Wuestengebiete noerdlich von Las Vegas, die sich hinter der Sierra fast durch ganz Nevada hinaufziehen. Sinnlos darueber nachzudenken; wir hatten im Moment andere Probleme. Die Stimmen der drei hinter dem Jeep waren verstummt. Janet lehnte reglos an meiner linken Schulter. Die Stossstange des Jeeps drueckte sich unangenehm in mein Kreuz. Wie lange sollten wir warten? Ich kramte in meinem Gedaechtnis, was Louis mir ueber die Schlafzyklen beigebracht hatte. Nach der Einschlafphase, die etwa 10 Minuten dauert, kommt gleich eine erste Tiefschlafphase mit etwa 90 Minuten Laenge. Dann kommt der erste REM-Schlaf mit etwa 10 Minuten. Im REM-Schlaf wacht man leichter auf als sonst; das konnte gefaehrlich werden. Ich beschloss, zwei Stunden zu warten; dann sollten die drei in der zweiten Tiefschlafphase sein, und falls einer nicht einschlafen konnte, war die Wahrscheinlichkeit gross, dass er nach zwei Stunden weg geduselt war. Da wir beide keine Armbanduhr hatten, musste ich die verstreichende Zeit anders abschaetzen. Ich suchte mit den Augen den Nordpolarstern, der gerade gegenueber von uns tief ueber dem Horizont stand. In Gedanken teilte ich den Raum darum herum im vier Sektoren, dann den Sektor ueber dem Horizont noch einmal in drei Teile. Der Himmel dreht sich in 24 Stunden einmal um sich selber. Zwei Stunden entsprechen also einem der Teile. Ich merkte mir einen hellen Stern und die Position am Horizont, die er in zwei Stunden haben sollte und - wartete. Janet atmete gleichmaessig mit geoeffnetem Mund. Wir hatten uns in der Daemmerung, so gut es eben ging, nebeneinander auf eine der Schaumstoff-Isomatten gesetzt und uns mit Janets altem Schlafsack zugedeckt. Der Schlafsack roch muffig und schlecht gelueftet. Noch war es angenehm warm. Man konnte spueren, wie die Felsen der naeheren Umgebung ihre gespeicherte Sonnenwaerme an die Luft abgaben. Ich schreckte hoch. Fast waere ich eingeschlafen. Hinter dem Jeep hoerte ich leises Schnarchen; von wie vielen Personen konnte man nicht unterscheiden. Mein Stern war kaum weitergekommen. Die Abendliche Brise hatte voellig aufgehoert. Ausser dem Schnarchen und Janets leisem Atmen an meiner Schulter war kein Laut zu hoeren. Die Sterne strahlten mit unnatuerlicher Helligkeit. Obwohl Neumond war, konnte ich die naehere Umgebung im Sternenlicht einigermassen klar erkennen. Das Sternenlicht erschien mir aus irgendeinem Grunde leicht gruenlich. Wieder zog ein Passagierflugzeug mit roten und weissen Positionslichtern ueber den Himmel. Ich dachte an Louis und unsere leichtsinnigen Streifzuege durch das naechtliche LA. Er hatte mir beigebracht, wie man lautlos Tueren und Fenster knackt, wie man feststellt, ob sich eine Person in einem dunklen Zimmer aufhaelt, wie man mit Chloroform und bellenden Wachhunden umgeht. Fuer ihn war es Lebensunterhalt, fuer mich war es Spass und Nervenkitzel. Ich bezahlte Louis dafuer, dass er mich begleitete und mir Zugang zu den Rechnern verschaffte, die ich ueber Telefonleitungen nicht zu knacken vermochte. "So sind die Schlafzyklen aber nur bei normalem Schlaf", hatte Louis mir erklaert. "Wachmaenner haben ja eigentlich die ganze Nacht ueber die Augen offen zu halten. Die regelmaessigen Kontrollabfragen und Stechuhren auf ihren vorgeschriebenen Rundgaengen sollen sie am Einschlafen hindern. Die Wachmaenner wollen natuerlich trotzdem schlafen und haben sich den Kontrollen angepasst. Sie koennen zwischen zwei Meldungszeiten - das sind meistens 30 Minuten - sofort in Tiefschlaf verfallen und fast auf die Minute genau vor dem naechsten Meldezeitpunkt wieder aufwachen. Wenn du die Meldezeiten kennst, kannst du in dieser kurzen Zeitspanne Einiges anstellen, ohne dass der Kerl aufwacht." Einmal versagte Louis Methode. Wir drangen durch einen Notausgang in die Tiefgarage eines Buerokomplexes ein, in dem ich ein paar interessante Mainframes vermutete. Ich hatte den Bau am helllichten Tage unter einem Vorwand betreten und einen Notausgang ausfindig gemacht. Es ist erstaunlich, wie weit man tagsueber selbst in abgesicherte Bereiche hinein kommt, wenn man so tut, als ob man dazugehoere und als ob alles seine Richtigkeit habe. Das Wichtigste dabei ist, ausser gewissen schauspielerischen Faehigkeiten eine plausible Ausrede parat zu haben, und - noch wichtiger - ein guter Leumund. Deshalb war dieser Teil auch immer meine Aufgabe. Louis haetten sie, bei seinem Vorstrafenregister, sofort hopp genommen; bei mir genuegte die Angabe meiner Adresse auf dem Fuehrerschein, und sie liessen mich laufen. Gute Wohngegend; der Knabe kann nicht gefaehrlich sein; lass't ihn laufen. Der Notausgang in der Tiefgarage hatte, soweit ich es beurteilen konnte, keine Alarmmelder und war nur durch ein einfach Schnappschloss gesichert, das sich logischerweise nur von innen oeffnen liess. Ich stiess die Tuere auf, um ganz sicher zu gehen, dass ich keine versteckten Melder uebersehen hatte, und klebte dann ein Stueck steifes Zellophan ueber die Schlossfalle. Die Schliessautomatik drueckte die Tuere auch so wieder zu, aber das Schloss konnte nun nicht mehr einschnappen. Gegen drei Uhr nachts drangen Louis und ich durch die manipulierte Tuere in das Gebaeude ein und arbeiteten uns durch Notausgaenge und nie benutzte Feuertreppen langsam zur EDV-Abteilung vor. Auf dem zentralen Flur der EDV sass ein Wachmann in einem Glaskasten und beobachtete ueber verschiedene Monitore die Kontrollraeume der hier installierten Mainframes. Ein Operator war auch da, aber von dem wussten wir, dass er schlief oder in seinem Bereitschaftszimmer ein Stockwerk hoeher Pornovideos guckte. Das Treppenhaus endete an einer geschlossenen Fluchttuer genau gegenueber dem Glaskastens, in dem der Wachmann gewoehnlich seine Schicht verbrachte. Wir mussten also direkt an ihm vorbei. Louis setzte ein elektronisch verstaerktes Stethoskop an die Tuerfuellung, die sich vom Treppenhaus nur ueber eine Kodekarte oeffnen liess. Er setzte die angeschlossenen Kopfhoerer auf und lauschte angestrengt. Dann laechelte er und gab mir das Ok-Zeichen. Das bedeutete, er konnte das Schnarchen des Wachmanns hoeren. Ich hatte inzwischen eine Dummy-Kodekarte mit integrierten Schreibkopf in den Kartenleser der Tuere justiert und startete das Crack-Programm auf unserem mitgebrachten Laptop. Nach sechs Minuten war der einfache Zahlenkode geknackt und ich speicherte ihn auf zwei ehemaligen Kreditkarten, die ich mitgebracht hatte. Den Laptop packte ich wieder in den Rucksack und reichte Louis eine der Karten. Dann ging ich einen Treppenabsatz weiter hinauf und beobachtete von dort aus, was Louis an der Tuere machte. Das war ein spannender Moment, denn wir konnten nicht genau vorhersagen, was passieren wuerde, wenn Louis unsere Dummykarte durch den Schlitz des Kartenlesers zog und die Tuere aufdrueckte. Moeglicherweise leuchtete nur eine Kontrolllampe an der Konsole hinter dem Wachmann auf; vielleicht ertoente aber auch ein Alarmsignal. Dann mussten wir ganz schnell hier verschwinden. Verschwinden sollte man aber nie auf dem Weg, den alle annehmen, die hinter dir her sind. Auch das hatte Louis mir beigebracht. Viel sinnvoller war es, ein Stockwerk hoeher zu warten und dann dem Wachmann nach unten zu folgen. Auf diese Weise wussten wir immer, wo er sich befand, und nicht umgekehrt. Louis lauschte konzentriert, die eine Hand am Kartenleser, die andere an der Tuerklinke. Seine blasse Stirn unter den duennen schwarzen Stirnfransen legte sich bei solchen Gelegenheiten in sorgenvolle Falten. Die Augen hatte er fest geschlossen, die Lippen so fest zusammen gepresst, dass sie fast weiss waren. Jetzt zog er die Karte durch. Es klickte kaum hoerbar und die Kontrollleuchte am Leser sprang um, von Rot auf Gruen. Louis oeffnete die Tuere nur einen Spalt und klemmte einen weichen Radiergummi in zwischen Schwelle und Tuer. Dann erstarrte er und lauschte wieder konzentriert durch das Stethoskop. Nach fuenf Sekunden holte er flink und lautlos wie ein Zauberer ein winziges Periskop aus der Tasche, fuehrte das schwarze gebogene Roehrchen mit dem flexiblen Lichtleiter durch den Tuerspalt und klebt das Ende mit dem Okular am Rand der Tuere fest. Er bueckte sich, um durch das Periskop zu spaehen, dann gab er mir wieder das OK-Zeichen. Ein paar Sekunden spaeter blickte auch ich durch das lichtschwache Okular. Deutlich konnte ich den Wachmann zurueckgelehnt in seinem Glaskasten sitzen sehen. Den Kopf tief in den Nacken zurueckgelegt, schnarchte er vernehmlich. In seinem weit geoeffneten Mund sah ich Gold blitzen. Er war, wie erwartet, schon aelter, schaetzungsweise 60 Jahre. Graue, spaerliche Haare, weisses Hemd mit dem goldenen Abzeichen korrekt an der linken Brust, schwarze Krawatte. Waehrend ich noch den Flur musterte, raeusperte er sich und schmatzte. Ich gab Louis das Achtung-Zeichen, ohne mein Auge vom Okular zu nehmen. Der Wachmann richtete den Kopf langsam auf, schloss den Mund und blinzelte. Dann nahm er eine Halbbrille vom Schreibtisch, setzte sie auf die kleine Knollennase und beugte sich vor. Ich konnte zwar nicht erkennen, was er tat, aber ein ein leises Klicken und elektronisches Piepsen sagte mir, dass er seine Kontrollmeldung abgegeben hatte. Ich zeigte Louis den gekruemmten Zeigefinger, damit er seine Stoppuhr startete. Tatsaechlich setzte sich der Wachmann wieder in seinem Sessel zurecht, schloss die Augen und begann fast unmittelbar wieder zu schnarchen. Wir zaehlten hundert Schnarcher, dann oeffneten wir die Tuere und huschten an ihm vorbei in den Flur. In den verbleibenden 27 Minuten gelang es mir, mit Hilfe der Kodekarte in einen Kontrollraum einzudringen, ein Terminal in Gang zu setzen und ein Trojanisches Pferd, das ich auf Diskette mitgebracht hatte, im Mainframe zu installieren. Auf dem Rueckzug, noch vier Minuten vor der naechsten Kontrollmeldung, passierte das Malheur. Im selben Augenblick, als wir gerade die Tuere zum Treppenhaus oeffneten, laeutete das Telefon des Wachmanns. Louis hatte immer versichert, dass die Wachmaenner normalerweise nicht mal ihre Waffen laden wuerden. Das sei alles nur auf Abschreckung getrimmte Show. Nun, dieser etwas aeltliche Wachmann mit den Goldzaehnen, der kleinen Knollennase und den spaerlichen ergrauten Haaren hatte eine geladene Waffe und er konnte damit umgehen. Er war sogar flinker aus seinem Glaskasten heraus, als wir ihm zugetraut haetten. Trotzdem, wir hatten einen guten Vorsprung und konnten ihn auch noch ausbauen, waehrend wir die Treppen hinunter rasten. Aber in der Tiefgarage mit der riesigen leeren Flaeche und keiner Moeglichkeit, sich zu verstecken, hatte er uns dann auf dem Praesentierteller. Er schoss nur einmal und traf Louis in den rechten Oberarm. Genauer gesagt, drang die Kugel von hinten zwischen Arm und Oberkoerper ein und durchloecherte dann seinen Bizeps. Ein Zufallstreffer, wie Louis nicht muede wurde, mir spaeter zu versichern. Wir schafften es trotzdem bis zu unserem Wagen, den wir zum Glueck nicht weit entfernt geparkt hatten. Der Wachmann folgte uns nicht hinaus auf die Strasse, ganz nach der alten Regel von LA: die Strasse gehoert den Cops. Louis ist spaeter dann nach San Bernandino gegangen und ich habe ihn bald aus den Augen verloren. Noch spaeter, als es richtig ernst wurde, hatte ich sowieso kein Beduerfnis mehr nach solchen gewagten Unternehmungen.
Copyright 1996 Florian Schiel