Louis ist spaeter dann nach San Bernandino gegangen und ich
habe ihn bald aus den Augen verloren. Noch spaeter, als es
richtig ernst wurde, hatte ich sowieso kein Beduerfnis mehr
nach solchen gewagten Unternehmungen.
Als ich das naechste Mal aufschreckte, war es Janet, die mich weckte. Sie zerrte im Halbschlaf an ihrer Fessel und damit an meinem linken Fuss. Mein Orientierungsstern war schon etwas ueber den anvisierten Punkt hinausgewandert. Ich weckte Janet vorsichtig. Sie war benommen und wollte zuerst nicht aufwachen. Als sie endlich begriff, wo sie war, begann sie lautlos zu weinen. "Ich dachte, es waere nur ein boeser Traum", fluesterte sie unterbrochen von krampfhaften Schluchzern und klammerte sich mit der freien Hand an meinen Hals. "Hoer zu, Janet", hauchte ich dicht an ihrem Ohr. "Du solltest jetzt versuchen, etwas zu besorgen. Die Zeit ist jetzt guenstig. Die drei schlafen fest." Sie klammerte sich noch fester an mich. Ich bemerkte, dass sie ihre andere Hand schon von der Fessel befreit hatte. "Aber ich hab' Angst", fluesterte sie kaum hoerbar. "Was, wenn sie nicht schlafen und mich erwischen?" Ich ueberlegte einen Moment, dann nahm ich ein kleines Steinchen und warf es hinter mich hoch in die Luft. Es fiel mit einem deutlichen Klacken auf die Motorhaube des Jeeps. Wir hielten beide den Atem an. Nichts geschah. Das leise Schnarchen ging unvermindert weiter. "Sie schlafen", fluesterte ich. "Ausserdem glaube ich nicht, dass sie dir ernsthaft etwas antun wuerden, was bei einer spaeteren Untersuchung ans Licht kommen koennte. Sie muessen alles so arrangieren, dass es so aussieht, als ob wir aus eigener Dummheit hier verdurstet waeren." Ich konnte Janets Herzschlag spueren, wie sie sich an mich schmiegte. "Ich hab' so entsetzlichen Durst", stoehnte sie leise. Ihre rauen aufgesprungenen Lippen kratzen ueber meine stoppligen Wangen. "Genau darum geht's", fluesterte ich. "Du musst ganz leise, am besten auf allen Vieren, ums Auto kriechen und den Platz suchen, wo sie gegessen haben. Bestimmt ist dort auch etwas zu trinken. Wenn du etwas findest, und es ist schon geoeffnet, dann trink es sofort aus. Wenn du etwas Geschlossenes findest, mach es um Gottes Willen nicht gleich auf, sondern bring es hierher. Hast du eine Tasche an deinem Sweatshirt?" Ich fuehlte, wie sie nickte. "Gut. Steck die Buechsen dort hinein, damit du die Haende zum Kriechen frei hast." Janet drueckte sich noch einmal wortlos an mich, dann richtete sie sich vorsichtig auf. Ich hielt mit der freien Hand die Handschelle fest, damit sie nicht klirrte. Eine Weile konnte ich noch ihren dunklen Schatten lautlos ueber die hellen Felsen gleiten sehen, dann verschwand sie aus meinem Blickfeld. Ich wartete. Das Herz schlug mir bis zum Halse. Ich lauschte angespannt auf das gleichmaessige Schnarchen hinter dem Jeep und auf moegliche andere Geraeusche. Das droehnende Pochen meines eigenen Pulses behinderte meine Wahrnehmung. Ich wartete lange; endlos lange, wie mir schien. Endlich hoerte ich ganz in der Naehe etwas rascheln. Janet kam zurueck, diesmal von der anderen Seite. Sie kroch an meine Seite und lehnte sich an die Stossstange des Jeeps. Ich konnte ihre Augen im Sternenlicht glaenzen sehen. Ihre Hand legte mir vorsichtig eine schwere Halbliter-Buechse in den Schoss. Ich hielt sie fest umklammert, als haette mein Koerper, der mit allen Fasern nach Fluessigkeit schrie, Angst, sie koennte wieder verschwinden. Das Verlangen, sie sofort aufzureissen, war ueberwaeltigend. Nur mit Muehe konnte ich mich beherrschen. Janets Stimme ertoente ganz dicht an meinem Ohr: "Ich habe erst lange suchen muessen. Die drei liegen etwa fuenfzehn Yards hinter dem Jeep in einer flachen Mulde auf Luftmatratzen. Den Proviant muessen sie wieder in den Jeep gesperrt haben; ich konnte erst nichts finden. Dann bin ich weiter weg, den Hang hinauf, weil ich dort etwas blinken sah. Es war eine leere Colaflasche. An derselben Stelle lagen viele leere Bierbuechsen auf einem Haufen, zusammen mit anderem Muell." Ploetzlich kicherte sie verhalten. Dann musste sie aufstossen. "Entschuldigung. Hab' wohl 'nen kleinen Schwips. Jedenfalls, ich musste den Haufen auseinander nehmen wie bei einem Mikadospiel. In vier oder fuenf Buechsen waren Reste drin. Die hab' ich getrunken. Danach wurde es mir ganz ploetzlich kotzuebel und ich musste mich ein paar Minuten hinsetzen. Ich war schon auf dem Rueckweg, da bin ich mit der Hand zufaellig auf diese Buechse da gestossen. Sie ist noch geschlossen", fuegte sie unnoetigerweise hinzu. Ich konnte mich nicht laenger beherrschen. Der Schlafsack gab einen guten Daempfer ab; man hoerte nur ein leises Zischen, als ich den Ring zog. Vorsichtig, um ja keinen Tropfen der kostbaren Fluessigkeit zu verschuetten, fuehrte ich die Buechse an meine ausgetrockneten Lippen. Ich nahm zuerst nur einen winzigen Schluck. Er schien sofort von den ausgetrockneten Schleimhaeuten absorbiert zu werden. Ich wartete ein paar Sekunden, dann nahm ich einen groesseren Schluck und wuergte ihn hinunter. Ich musste wuergen, weil mein Hals so trocken war, dass der normale Schluckreflex nicht mehr funktionierte. Die kuehle, prickelnde Fluessigkeit rann die Speiseroehre hinunter. Das Gefuehl der Erloesung war unbeschreiblich. Erst nach weiteren vier Schlucken konnte ich den Geschmack erkennen. Es war Cola. Suesses Lebenselexier. Das fluessige Abbild Amerikas. Vorbote des American Way of Life in der ganzen Welt. Nie wieder habe ich eine Cola so genossen, wie in dieser Nacht. Nachdem ich in kleinen Schlucken etwa ein Drittel der Buechse geleert hatte, krampfte sich mein Magen zusammen. Ich hatte Muehe, den ploetzlichen Brechreiz niederzukaempfen. Nach ein paar Sekunden verschwand die Uebelkeit. Wir tranken die Buechse abwechselnd bis auf den letzten Tropfen aus. Fuer einen Moment war der quaelende Durst verschwunden. Ich legte meinen Mund an Janets Ohr. "Danke", fluesterte ich einfach. Janet gab mir mit ihren aufgeplatzten Lippen einen sanften Kuss auf den Mund. "Wir sind noch nicht fertig", fuhr ich fort. "Erstens musst du dieses Ding wieder dorthin zurueckbringen, wo du es gefunden hast, damit sie morgen keinen Verdacht schoepfen." Janet nickte. "Dann schaust du, ob Nelsons Tueren offen stehen. Wenn du hineinkommst, greifst du tief in die Ritze zwischen Sitzpolster und Lehne auf dem Beifahrersitz. Da drin findest du ein kleines Geraet, etwa so gross mit zwei spitzen Nadeln an der Seite. Hol es heraus und bring es hierher." "Was ist das?" wollte Janet wissen. Ich erklaerte es ihr. Als sie von den Dynamitstangen hoerte, auf denen wir die ganze Zeit gesessen hatten, keuchte sie vor Schreck. "Was hast du damit vor?" "Ich will den Kerlen einen Denkzettel verpassen", sagte ich grimmig. "Noch sind wir nicht tot."
Ich erwachte, weil sich die Anhaengerkupplung bewegte, an die meine Hand gekettet war. Jemand hantierte im Inneren des Jeeps herum. Vorsichtig oeffnete ich die Augen zu einem winzigen Schlitz. Es war bereits ziemlich hell. Die Sonne stand schon ueber dem oestlichen Huegelkamm, der unsere kleine Senke begrenzte. Es wuerde wieder ein moerderisch heisser Tag werden. Mein Mund und Hals waren schon wieder voellig ausgetrocknet. Kopfweh und Gliederschmerzen, mein Ruecken war steif von der ungewohnt harten Unterlage. Ich hoerte, wie der Boss hinter dem Jeep Anweisungen gab. Die Stimme wurde lauter, also schloss ich die Augen wieder. Schritte kamen naeher und verharrten direkt vor uns. Er stiess mich leicht mit dem Fuss an, aber ich reagierte nicht. Dann hoerte ich Janet leise stoehnen. "Wasser... Wasser..." Ploetzlich packte er mich bei den Haaren und zog meinen Kopf hoch. Meine linken Augenlider wurden auseinander gezwaengt und ich sah das fiese Gesicht mit den dunklen Sonnenglaesern. "Aufwachen!" Er schlug mir ins Gesicht; nicht brutal, eher wie man einen Betrunkenen zu sich bringt. Ich lallte muehsam etwas. Das fiel mir nicht schwer, da sich meine Zunge wie ein Stueck Doerrfleisch anfuehlte. Er liess meinen Kopf zurueck auf die Isomatte fallen. Ich blieb liegen wie ein nasser Sandsack, so als ob ich zu keiner Bewegung mehr faehig waere. Es klirrte leise und ich fuehlte, wie die Handschellen entfernt wurden. Janet stoehnte noch einmal und verlangte mit schwacher Stimme zu Trinken. Es klang so realistisch, dass ich begann, mir Sorgen zu machen. Aber im Moment konnte ich nichts Besseres tun, als mich tot zu stellen. Unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Die drei schafften und raeumten. Der Boss schickte den Jungen hinauf in den Schatten, wo sie gestern gesessen hatten, um dort alles aufzusammeln. Francis machte sich noch einmal an Nelson zu schaffen; ich hoerte die Scharniere der Motorhaube kreischen. Sachen wurden in den Jeep geladen. Die Sonne stand schon so hoch, dass sie mir voll ins Gesicht schien, als es ploetzlich stiller wurde. Ich riskierte noch einmal einen Blick durch schmale Augenschlitze. Der Boss und Francis standen etwa zehn Yards seitlich von uns und rauchten. Die Asche streiften sie sorgfaeltig in eine leere Bierdose ab. Beide blickten nachdenklich zu uns herueber und unterhielten sich leise. Ich konnte nur einzelne Wortfetzen hoeren. Der riesige Schwarze schuettelte den Kopf und drueckte seine Zigarette aus. "... kein gutes Gefuehl ... besser kalt gemacht ... bloedsinniges Getue ..." Der Boss wandte sich ihm zu und redete eindringlich auf ihn ein. Trotzdem schuettelte Francis weiter sorgenvoll den Kopf. Der Junge kam von hinten ins Blickfeld und nickte dem Boss wortlos zu. Der schaute auf die Uhr und dann noch einmal gruendlich in alle Richtungen. "Also los", sagte er schliesslich laut. "Wir haben keine Zeit zu verlieren." Ohne sich weiter um uns zu kuemmern, stiegen die drei in den Jeep. Der Motor sprang an und erstickte uns fast in einer gewaltigen Wolke von blauen Abgasen. Ich unterdrueckte den Reflex aufzuspringen und packte vorsichtshalber auch Janet am Arm. Der Fahrer liess den Motor zweimal auf Touren kommen, dann schaltete er und fuhr los. Ich konnte zwischen den lauten Motorgeraeuschen ein schwaches Piepsen hoeren. Der Jeep rangierte ein paar Male hin und her, um in der engen Senke zu wenden. Genau neben uns blieb er stehen und eine Tuere oeffnete sich. Panik stieg in mir hoch. Ich riskierte einen Blick. Der Boss stand an der Stelle, wo vorher der Jeep gestanden hatte, und musterte konzentriert den steinigen Boden, so als ob er etwas suchen wuerde. Ich zwang mich, ruhig liegen zu bleiben. Wenn er nur nicht die Ausloeseschnur entdeckt, dachte ich angespannt. Zehn Sekunden vergingen, dann hoerte man Schritte und das Zuschlagen der Autotuer. Der Fahrer gab Gas und der der Jeep nahm Kurs auf den Ausgang der Senke im Westen. Ich liess die Luft ab wie ein angestochener Ballon. Das Geraeusch entfernte sich stetig. Ich begann langsam zu zaehlen. "George", fluesterte Janet. "Koennen sie uns noch sehen?" ... 25, 26, 27, ... Ich hob vorsichtig den Kopf. Der Jeep verschwand gerade nach links hinter einer Felszunge. ... 36, 37, 38, ... Ich richtete mich muehsam auf. Alle Muskeln protestierten schmerzhaft. "Sie sind weg. Soll sie der Teufel holen!" Janet rappelte sich langsam auf. "Mein Gott, ich hab' schon wieder so einen Durst", klagte sie. Ich stand muehsam auf und blickte in die Richtung, in der unsere Entfuehrer verschwunden waren. ..., 54, 55, 56, ... Ich meinte, noch ganz leise das Motorengeraeusch zu vernehmen. Dann wurde es still. ..., 93, 94, 95, ... "Was murmelst du da?" fragte Janet, die jetzt neben mir stand und sich an mir festhielt. "Ich zaehle." Janet schluckte muehsam. Man konnte sehen, dass es schmerzte. "Glaubst du, es hat geklappt?" ..., 113, 114, 115, ... Ich nickte. Ians Zeitzuender hat gepiepst. Unsere improvisierte Konstruktion von heute Nacht hatte offensichtlich funktioniert. Beim Anfahren hatte der Faden, den wir muehsam aus Janets Jogginghose gezogen hatten, den kleinen Kippschalter geschlossen. Der schwarze Faden lag nun abgerissen vor uns. ..., 275, 276, 277, ... In der Dunkelheit gestern Nacht hatte ich die Beschriftung auf Ians Wunderkaestchen nicht entziffern koennen. Ich erinnerte mich aber, dass Ian die Zeitintervalle in festen Rasten geschaltet hatte. Die erste Stellung waren 10 Sekunden, die zweite 20, die dritte 50, die vierte 100, und so weiter bis 10000. Die siebte Raste musste also 1000 Sekunden Verzoegerung entsprechen. ..., 355, 356, 357, ... "Was machen wir jetzt?" Ich sah mich unschluessig um. Janets Campingausruestung lag um uns herum verstreut. Nelson bot ein jaemmerliches Bild. Verstaubt und verbeult, die Motorhaube aufgestellt. Unter dem Motor ein grosser Fleck; wahrscheinlich war ein Kuehlschlauch geplatzt. ..., 410, 411, 412, ... Ich legte meinen Arm um Janets Schultern. "Unsere einzige Chance ist es, dem Jeep zu folgen und zu hoffen, dass er hochgeht. Vielleicht wird jemand darauf aufmerksam. Wenn er nicht hochgeht..." Janet packte mich heftig am Arm. "Psst!" "Was ...", begann ich, aber Janet drueckte meinen Arm noch fester. Da hoerte ich es ebenfalls: Das Motorengeraeusch war wieder da. Wir standen da wie zwei Oelgoetzen und lauschten. Es kam naeher. "Oh, Gott. Meinst du, sie haben was bemerkt?" "Ich fuerchte eher, sie haben ihren Plan geaendert und wollen uns doch noch erledigen, bevor sie abhauen", sagte ich grimmig. ..., 517, 518, 519,... Das Heulen des Motors wurde deutlicher; man konnte schon hoeren, wie er die Gaenge schaltete. "Los, wir muessen weg hier!"
Copyright 1996 Florian Schiel