Sein hungriges Rattengesicht liess boese Ahnungen in mir aufsteigen.

Wir versuchten, es uns mit Hilfe der herumliegenden Campingausruestung etwas bequemer zu machen. Leider war nur sehr wenig Schatten vorhanden. Und die Sonne brannte moerderisch. Meine Zunge begann trocken zu werden. Ich ueberlegte, wann ich das letzte Mal etwas getrunken hatte. Gestern Nachmittag im Buero, eine Cola Light. Der Gedanke an die kuehle koestliche Fluessigkeit bereitete mir fast koerperliche Schmerzen vor Verlangen. In dieser Hitze wuerden wir keinen weiteren Tag ueberleben. Vielleicht noch einen, wenn wir Glueck hatten. Die Gangster wollten sich offensichtlich solange hier aufhalten, bis sie sich sicher waren, dass wir hier verendeten. Sonst haette uns Francis kaum an ihrem Jeep angekettet. Ausserdem mussten sie ihre Spuren beseitigen, damit es wirklich so aussah, als ob wir aus Unachtsamkeit in der Wueste stecken geblieben und verdurstet waren. Leider kam das immer wieder vor, dass abenteuerlustige junge Leute in den Wuesten Kaliforniens umkamen. Folglich wuerde es wenig Beduerfnis nach genauer Spurensicherung geben, wenn sie uns endlich fanden. Wenn sie uns fanden. Francis hatte ein Feuer entzuendet und wirtschaftete in meinem Wagen herum. Von Zeit zu Zeit warf er etwas ins Feuer. Mit der Isomatte in der Hand tauchte er aus dem Kofferraum auf und hielt sie unschluessig in der Hand. Ein eisiger Schreck durchzuckte mich. Dann kam er herueber zu uns und warf sie wortlos auf den Haufen Campingzeug. Ich atmete vorsichtig auf. Wenn er sie ins Feuer geworfen haette... Janet sass mit dem Ruecken an den hinteren Kotfluegel des Jeeps gelehnt und blickte mit erloschenen Blick ins Leere. Ich machte mich so klein wie moeglich und streichelte ihr uebers Gesicht. Als Antwort blickte sie mich nur verzweifelt an und ein paar Traenen kullerten ihr lautlos ueber die Backen. Ich fluesterte ihr ein paar beruhigende, aufmunternde Saetze ins Ohr, die ich bei Frank gelernt hatte. Aber meine eigenen Sorgen liessen mich wohl nicht sehr ueberzeugend klingen. Janet zuckte zusammen und blickt auf. Ich drehte mich muehsam um. Hinter uns stand das Buerschchen mit dem hungrigen Rattengesicht, in der Hand eine Dose Bier, und betrachtete uns grinsend. "Koenntest auch einen Schluck vertragen, Lady, haeh?" Er trank genuesslich, ohne dabei Janet aus den Augen zu lassen. "Das liesse sich schon machen, wenn du nett zu mir bist..." Janet schluckte hart, den Blick fest auf die Bierdose gerichtet, und blieb stumm. Der Junge war hoechstens 16 Jahre alt, schaetzte ich. Er sah dem Boss entfernt aehnlich, vielleicht ein Sohn oder Neffe. Seine Haare hatten dasselbe helle, fast weisse Blond; allerdings waren sie lang und zu einem fettigen Rattenschwanz zusammengebunden. Lange roetliche Stoppeln standen ihm um das schwaechliche Kinn. Er blickte sich wachsam um und ging ploetzlich in die Hocke. "Was haeltst du davon, Lady", fluesterte er heiser und griff nach Janets nacktem Fuss. Janet erschauderte, sagte aber immer noch nichts. Der Junge hielt ihr die Bierbuechse hin, aber immer noch so weit weg, dass sie sie unmoeglich erreichen konnte, und fuhr mit der anderen Hand ihren Unterschenkel hinauf. Ich bereitete mich darauf vor, bei ihm einen linken Schwinger zu landen, sobald er in Reichweite kaeme. Ploetzlich tauchte, wie aus dem Nichts, der Boss auf und befoerderte die Bierbuechse mit einem gezielten Fusstritt im hohen Bogen zwischen die umliegenden Felsen. Er musste dabei auch die Hand des Jungen empfindlich getroffen haben, denn dieser stiess einen Schrei aus und verlor das Gleichgewicht. Er ruderte mit dem anderen Arm und setzte sich ziemlich unelegant auf seinen Hintern, gluecklicherweise in meiner Reichweite. Ich verpasste ihm eine Kopfnuss aufs rechte Ohr, die er sobald nicht vergessen wuerde. Sein ganzer Oberkoerper flog zur Seite und er begann hysterisch zu schreien. Seine Hand auf die Platzwunde an seinem Ohr gepresst, aus der reichlich Blut spritzte, kam er taumelnd wieder auf die Beine. Fassungslos schaute er einen Augenblick auf seine blutbesudelten Haende; dann wollte er mit den Fuessen auf mich losgehen. Der Boss riss ihn an der Schulter zurueck. "Das Schwein hat mich geschlagen!" kreischte er mit sich ueberschlagender Stimme. "Er hat mich fast umgebracht! Das zahl' ich dir heim, du Motherfucker! Ich mach' dich kalt! Dich und deine beschissene Schickse!" Der Boss packte ihn mit beiden Haenden an den Schultern und schuettelte ihn kraeftig durch. "Hast du immer noch nicht kapiert, worauf's ankommt, du Idiot?!" bruellte er mit einer Lautstaerke, die ich ihm gar nicht zugetraut haette." Francis kam ums Auto herum und betrachtete die Szene, ohne die Miene zu verziehen. "Du wirst es nie zu etwas bringen, wenn du so einfache Sachen nicht kapierst, du Kindergartenheld, du Vollidiot, du Arschgeige!" Bei jedem Schimpfwort schuettelte er den Jungen wie eine Puppe. Dann liess er ihn los. "Ich wollte doch nur ein wenig Spass mit der Puppe haben", versuchte sich der Junge mit quengeliger Stimme zu rechtfertigen. "Es ist doch egal..." "Es ist eben nicht egal!" fuhr der Boss dazwischen. "Er hat recht", brummte auf einmal der Bass des Schwarzen dazwischen. "Wir sollten unseren Spass mit der Zuckerpuppe haben, solange sie noch einigermassen frisch ist!" Der Boss fuhr herum und starrte ihn an. "Was, zum Teufel..." Er ging rasch drei Schritte und starrte dem Schwarzen aus naechster Naehe ins Gesicht. Der blickte ruhig und ohne zu blinzeln zurueck in die dunklen Augenglaeser. Ein ganz leise angedeutetes Laecheln spielte um seine breiten Lippen. Nach zehn Sekunden begannen der Boss und Francis gleichzeitig zu lachen. Sie boxten sich gegenseitig abwechselnd in die Schultern. "Fast waere ich drauf reingefallen", japste der Boss. "Von dem kannst du noch was lernen", rief er dem Jungen zu, der finster die Szene beobachtete und sich immer noch die Hand aufs Ohr presste. Mit einem lauten Fluch ging er zum Jeep und begann mit der linken Hand, Verbandszeug herauszukramen. Francis nahm seine Beschaeftigung, Nelson auszuweiden, wieder auf. AAA Karten, ein Kugelschreiber, zwei alte Pappbecher, Bonbons, alles wanderte ins lodernde Feuer. "Warum macht er das?" fluesterte Janet an meinem Ohr. "Vielleicht, damit es so aussieht als ob wir hier schon laenger gecampt haben", fluesterte ich zurueck, froh, dass Janet ihren Schock zu ueberwinden begann. Den wahren Grund sagte ich ihr lieber nicht. Mit dem freien Fuss angelte ich mir die Isomatte heran und benutzte sie als Nackenstuetze. Ich konnte die beiden eingewickelten Dynamitstangen fuehlen. "Ich hab' solchen Durst", stoehnte Janet leise. Sie sass mit geschlossenen Augen dicht neben mir und hatte den Kopf in den Nacken gelegt. Ihre Lippen waren rissig aufgesprungen. Unter den Augen hatte sie dunkle Ringe; wahrscheinlich hatte sie ebenso wenig geschlafen wie ich. "Mach dir keine Hoffnungen, Kleines", brummte ich. "Sie werden uns nichts geben." Janet oeffnete die Augen. Sie waren geroetet und an den Augenwinkeln verkrustet von getrockneten Traenen. "Du meinst, sie warten, bis wir verdurstet sind", stellte sie mit ruhiger tonloser Stimme fest. Ich schuettelte den Kopf. "Solange werden sie nicht warten koennen. Sie haben fast keinen Proviant dabei. Sie werden nur noch solange hier bleiben, bis sie sich sicher sind, dass wir aus eigener Kraft nicht mehr hier wegkommen." "Und wann wird das sein?" Ich zuckte mit den Achseln. "Morgen wahrscheinlich." Wieder verging eine Stunde. Die Sonne brannte unbarmherzig auf unsere ungeschuetzten Beine. Ich schaetzte die Temperatur mindestens auf 95 Grad. Das Schlucken fiel mir immer schwerer. Gleichzeitig hatte ich aber das krampfartige Beduerfnis zu schlucken. Es war quaelend. Francis hatte aufgehoert, Sachen ins Feuer zu werfen. Alle drei waren ausser Sichtweite. Wahrscheinlich sassen sie irgendwo im Schatten der Felswand hinter uns. Das monotone Heulen von Nelsons Motor wurde ploetzlich unterbrochen. Der Motor setzte aus, spuckte und ruelpste noch ein paar Male, dann kam er quietschend zum Stillstand. Etwas zischte
leise; wahrscheinlich war der Kuehler uebergekocht.
In der ploetzlichen Stille hoerten wir die Stimmen von Francis und dem
Boss; sie mussten etwa 30 Yards von uns entfernt sein. Ich lauschte angestrengt, aber die quengelnde Stimme des Jungen konnte ich nicht ausmachen. Es bestand also immer noch die Moeglichkeit, dass er sich hier irgendwo herumdrueckte. Janet stiess mich an und deutete mit den Augen nach unten. Sie machte ihre kleine Hand ganz lang und kruemmt die Handflaeche so weit wie moeglich. Dann rutschte sie aus der Handschelle und sofort wieder hinein. Ich senkte bejahend die Augen und legte den Finger an die Lippen. Sie nickte ganz unmerklich, aber ihre Augen hatten wieder etwas Glanz bekommen.

Copyright 1996 Florian Schiel