Ich hatte zwar gewusst, dass ich in die Falle gehen wuerde,
aber ich konnte nicht behaupten, dass es mir Spass machte.

Wir bogen wieder auf den Freeway nach Vallejo ein. Unser Wagen ueberholte Nelson, aber im Rueckspiegel konnte ich sehen, dass er konstant hinter uns blieb. Der Fahrer hielt sich genau ans Geschwindigkeitslimit. Keiner sprach waehrend der naechsten Stunde ein Wort. Es wurde rasch dunkler. Kurz hinter der Abzweigung nach Vallejo hielten wir an einer einsamen Tankstelle. "Keinen Mucks und keine Faxen", knurrte der Boss. Der Junge stieg aus und tankte auf. Er bezahlte mit Kreditkarte direkt an der Zapfsaeule; ein Tankwart war nirgends zu sehen. Im Rueckspiegel sah ich, wie der Schwarze namens Francis Nelsons Tank auffuellte. Inzwischen war es stockdunkel; die Uhr an Armaturenbrett zeigte kurz vor neun Uhr an. Wieder auf dem Freeway holte der Boss zwei schwarze Samtbaender aus der Jackentasche und verband uns die Augen. Das Sitzen mit den gefesselten Armen im Ruecken wurde immer unangenehmer. Ich setzte mich seitlich hin, so dass nur die linke Schulter auf der Rueckenlehne anlag. Dabei merkte ich, dass die Anschnallgurte nicht nachgaben wie sonst. Irgendwie hatten unsere Entfuehrer die Aufrolleinrichtung gesperrt. Ich konnte mich kaum ruehren. Wir fuhren schweigend durch die Dunkelheit. Nur die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos erhellten als regelmaessiges Flackern die Raender meiner Augenbinde. Ich versuchte, mich auf Richtungsaenderungen des Fahrzeugs zu konzentrieren, aber schon bald kamen einige Aus- und Einfahrten, in denen der Wagen grosse Schleifen durchfuhr, und ich hatte die Orientierung verloren. Immerhin schienen wir immer noch auf einem Freeway oder mehrspurigen Highway zu sein, denn ich konnte hoeren, wie der Junge mehrmals, ohne die Geschwindigkeit zu aendern, die Fahrspur wechselte. Irgendwann wurde die innere Anspannung zu gross und ich platzte heraus: "Verdammt nochmal! Wohin bringt ihr uns? Was soll das Ganze?" Ein hartes Klatschen und ein schwacher Aufschrei Janets ertoente vom Ruecksitz. In ihr hilfloses Wimmern fiel die harte Stimme des Boss: "Ich sagte, du haeltst die Klappe, verstanden?" Ich biss mir so fest auf die Unterlippe, dass ich den warmen Eisengeschmack des Blutes auf der Zunge spueren konnte. Mein Magen drehte sich um. Ich konnte den Brechreiz gerade noch beherrschen. Die Zeit schien sich endlos zu strecken. Wir fuhren ohne Pause, mit immer gleichbleibender Geschwindigkeit. Ich verlor jedes Zeitgefuehl und in meinem Kopf drehte sich alles. Manchmal hatte ich ein so deutliches Gefuehl, ins Bodenlose zu stuerzen, dass ich Muehe hatte, nicht zu schreien. Irgendwann muss ich trotzdem eingeschlafen sein, denn ich wurde davon geweckt, dass mir jemand den Kopf an den Haaren nach hinten zog. Es war immer noch stockdunkel. Kalte Luft zog ueber mein Gesicht. Ich konnte fuehlen, dass die Beifahrertuere geoeffnet war. "Vorwaerts, Buerschchen!" Das ewig dauernde Motorengeraeusch war verschwunden. Jemand zerrte mich am rechten Arm aus dem Wagen. Da ich immer noch blind war, strauchelte ich und ging unbeholfen in die Knie. Jemand lachte, und ich wurde wieder auf die Beine gezerrt. Der Stimme nach war es der Schwarze, Francis. "Keine Muedigkeit vorschuetzen, Buerschchen. Ihr fahrt doch sowieso in den Urlaub. Flitterwochen. Da habt ihr noch genuegend Zeit zum Ausruhen. Viel, viel Zeit..." "Klappe, Idiot!" fuhr die Stimme des Boss dazwischen. Du redest wieder mal zu viel, Arschwichser! Bring ihn 'rueber, dalli!" Der riesige Schwarze schob mich ohne ein weiteres Wort vor sich her. Ich konnte seinen warmen Atem an meinem Hinterkopf spueren. Er musste mindestens eine Kopf groesser sein als ich. Hinter uns hoerte ich Janet erschreckt aufschreien, und mein Koerper versteifte sich unwillkuerlich. "Keine Angst, Buerschchen", fluesterte Francis in haemischen Ton an meinem Ohr. Es machte ihm offensichtlich Spass, mit mir zu sprechen, aber er wollte nicht, dass der Boss es merkte. "Deiner Braut passiert schon nichts. Noch nicht!" Er lachte lautlos, wie ueber einen guten Witz. "Was habt ihr mit uns vor?" fluesterte ich. Vielleicht konnte ich Francis sadistisches Kommunikationsbeduerfnis fuer mich ausnutzen. Als Antwort erhielt ich nur einen schmerzhaften Stoss in die Nieren, der mich fast zu Boden warf. "Hat der Boss nicht gesagt, du sollst die Klappe halten, Milchgesicht?" fluesterte er. "Eigentlich sollte ich jetzt deiner Braut dafuer die huebsche Fresse polieren. Du hast Glueck, dass der Boss dich nicht gehoert hat." Er schob mich weiter ueber unwegsames Gelaende, Geroell und grosse Steine. Jedesmal, wenn ich stolperte, hielt er mich wie ein Schraubstock am linken Arm aufrecht. Der Kerl musste ueber betraechtliche Kraefte verfuegen. "Hier rein!" Ich hoerte, wie eine Autotuer geoeffnet wurde; dann drueckte Francis meinen Kopf herunter und ich flog halb auf einen Autositz. Mit den Armen auf dem Ruecken kam ich mir voellig hilflos vor. Der Schwarze richtete mich auf und stopfte meine Fuesse hinein. Offensichtlich sass ich jetzt auf Nelsons Beifahrersitz; ich erkannte meinen guten alten Nelson am typischen Geruch der alten Polsterung. Hinter mir wurde Janet auf den Ruecksitz verfrachtet. Ich konnte an ihrem fliegenden Atem hoeren, dass sie grosse Angst hatte. Trotzdem war ich erleichtert. Ich hatte schon befuerchtet, sie wuerden uns trennen. Noch zwei Leute stiegen ein und der Motor orgelte. Neben mir, hinter dem Steuer sass jetzt Francis; ich konnte ich an seinem typischen Koerpergeruch erkennen. Hinten sass wahrscheinlich wieder der Boss. Er wuerde uns nicht dem blassen Juengelchen ueberlassen. Nelson holperte eine Weile ueber unwegsames Gelaende, dann beschleunigte er auf einer befestigten Strasse. Wir fuhren wieder schweigend durch die Dunkelheit. Ich lauschte angestrengt, konnte aber keinen Gegenverkehr hoeren. Freeway war das bestimmt keiner. Die Fahrbahn war auch in ziemlich schlechtem Zustand. Hinter mir raschelte es und bald darauf hoerte ich Essgeraeusche neben und hinter mir. Ich ging dabei leer aus. Meine Zunge klebte sowieso schon vor Durst am Gaumen, aber ich wagte nicht, etwas zu sagen. Nach und nach schien es heller zu werden. Zu den Raendern meines Augenverbandes drang immer mehr Streulicht herein. Nach einer ewig langen Zeit - so kam es mir jedenfalls vor -, verlangsamte Nelson und bog auf eine unbefestigte Piste ab. Ich hoerte, dass der Wagen nur noch im zweiten Gang fuhr, trotzdem wurden wir ordentlich hin- und hergeschuettelt. Der Boss fluchte leise und sagte etwas, was ich nicht verstand. Daraufhin wurde das Tempo noch langsamer. Durch das Geruckel hatten sich meine gefesselten Haende tief in die Luecke zwischen Lehne und Sitzpolster gebohrt. Ich wollte sie gerade wieder herausziehen, als ich an meinen Fingerknoecheln eine scharfe Kante spuerte. Ich tastete, so gut es ging, mit den Fingernspitzen nach dem Ding. Es war klein und eckig und fuehlte sich kuehl-metallisch an. Ploetzlich haette ich fast aufgeschrien. Etwas sehr Spitzes hatte sich in meinen Mittelfinger gebohrt. Gleichzeitig wusste ich, um was es handelte: Ians Wunderkaestchen. Ich hatte das Ding schon fast vergessen. Es musste nach meiner Rueckkehr aus Salt Lake irgendwie aus meiner Reisetasche gefallen und zwischen die Polster gerutscht sein. Es hatte keinen Sinn, es jetzt herauszuholen; mit meinen gefesselten Armen konnte ich es nicht in meiner Tasche oder sonst wo verstecken. Also zog ich meine Haende heraus und versuchte, eine bequemere Stellung zu finden. Es wurde allmaehlich waermer. Ich konnte die Strahlen der Sonne auf meinem Bauch spueren. Die Fahrt wurde immer langsamer. Steine und Gras kratzten an der Unterseite des Wagens entlang. Fast glaubte ich, dass wir gar nicht mehr auf einer Piste fuhren, sondern einfach quer durchs Gelaende. Mehrfach kurbelte der Fahrer wie wild am Lenkrad; ab und zu hielt er sogar und setzte ein Stueck zurueck. Bei einer dieser Gelegenheiten hoerte ich durchs offene Fenster den Motor eines anderen Wagen aufheulen. Ploetzlich krachte und knirschte es laut, der Wagen kippte auf die linke Seite und der Motor heulte im Leerlauf auf. Die Hinterraeder drehten pfeifend durch. Francis fluchte. "Wir sitzen fest!" Auch der Boss zerdrueckte einen Fluch zwischen den Zaehnen und sprang aus den Auto. Man hoerte, wie sie draussen debattierten. "Janet? Janet, bist du ok?" fluesterte ich laut, ohne den Kopf zu drehen. "Ja", kam die gefluesterte Antwort. "Aber ich hab' solche Angst, George. Was werden die mit uns machen? Was wollen die von uns?" Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte. "Ich meine, wir sind doch nicht reich. Es hat doch keinen Sinn, uns zu entfuehren, oder?" Der Gedanke war mir noch gar nicht gekommen. dass es sich vielleicht gar nicht um Killer handelte, sondern um Kidnapper? Die es auf das Geld meiner Familie abgesehen hatten? Durchaus moeglich. Der Schutz meiner neuen Identitaet war ja in letzter Zeit immer loechriger geworden. Der Gedanke gab mir Hoffnung. Geld konnten sie haben, soviel sie wollten. Wenn sie nur Janet nichts antaten. "Es wird alles gut werden, Janet. Kopf hoch. Wenn sie Geld wollen, kann ich welches beschaffen." "Aber..." Die Fahrertuer wurde wieder aufgerissen und jemand stieg hinters Steuer. Draussen heulte der Motor des anderen Wagens, vermutlich der grosse Jeep, in dem wir den ersten Teil der Fahrt verbracht hatten. Nelson ruckte nach vorne und richtete sich wieder auf. Ein Abschleppseil, dachte ich. Sie schleppen den armen Nelson ins Gelaende. Da kommen wir nie wieder 'raus. Der Boss stieg wieder ein und die holprige Fahrt ging weiter. Offensichtlich schleppte uns jetzt der Jeep brutal ueber die Steine. Es knirschte und krachte entsetzlich vom Fahrzeugboden herauf. Die Fahrt dauerte endlos. Es wurde immer heisser im Wageninneren. Der Schweiss lief mir in Stroemen vom Gesicht den Hals hinunter auf mein Jogging Sweatshirt. Endlich gab der Boss ein kurzes Kommando, Francis drueckte auf die Hupe und der Wagen kam schaukelnd zum Stehen. "Motor laufen lassen", befahl der Boss. "Der Tank muss leer sein. Klemm irgendwas aufs Pedal." Ich wurde aus dem Wagen gezerrt und jemand riss mir die Binde herunter. Geblendet schloss ich die Augen. Eine gleissende Steinwueste war um uns herum. Die hellen Felsen reflektierten das Licht der hoch am Himmel stehenden Mittagssonne schmerzhaft in meine entwoehnten Augen. Es dauerte fast eine Minute, bis ich blinzelnd die Augen oeffnen konnte. Wir standen inmitten einer flachen Senke zwischen zwei schroffen Felssockeln. Im Hintergrund der Senke erhoben sich weitere Huegel, alle kahl, gelb und mit verkarsteten Felsen bedeckt. Keine Vegetation weit und breit. Nelson stand hinter uns, verstaubt und ziemlich ramponiert. Sein Motor lief heulend im Leerlauf, weil der Schwarze gerade einen schweren Stein auf das Gaspedal gelegt hatte. Blauer Rauch quoll aus seinem Auspuff. Ein paar Yards vor Nelson hatte der grosse staubige Nissan-Jeep gehalten. In der hellen Sonne konnte man sehen, dass er urspruenglich mal gruen gewesen sein musste. Das blasse Juengelchen mit der schwarzen Sonnenbrille rollte gerade das Abschleppseil auf. Neben mir stand Janet und blinzelte mit gesenktem Kopf durch ihre spaerlichen Stirnfransen. Vor uns hatte sich der Boss mit seiner Kanone aufgebaut und grinste uns an. Jetzt konnte ich ihn das erste Mal genauer betrachten. Er hatte extrem kurze, militaerisch geschnittene Haare. Die Farbe war fast weissblond - vielleicht gefaerbt? Er hatte ein kantiges, rosiges Gesicht mit einem kleinen Mund und Stupsnase. Im Mundwinkel hing eine erloschene Zigarette. Seine Augen waren durch die dunkle Sonnenbrille verdeckt. Er schien glaenzender Laune zu sein. Den Revolver ueber das Tal schwenkend sagte er: "Wie gefaellt euch euer Urlaubsdomizil? Entzueckend, nicht? Es gibt ja jetzt immer mehr Leute, die Urlaub in der Wueste machen wollen. Ueberlebenstraining, heisst das ja jetzt wohl. Uebrigens, ihr koennt jetzt ruhig euer Schweigegeluebde brechen. Beim Thor, hier kann euch keiner hoeren." Er lachte lautlos. Ich sah ihm an, dass er nur darauf wartete, unsere Fragen abzuschmettern. Also tat ich ihm den Gefallen erst gar nicht. Ich drehte mich langsam um meine Achse und musterte die weitere Umgebung. Meine Augen hatten sich soweit an die gleissende Helligkeit gewohnt, dass ich, ohne zu blinzeln, links und rechts zu den schroffen Huegeln hinauf blicken konnte. Ein azurblauer Himmel ohne auch nur den Hauch einer Wolke woelbte sich ueber der Wuestenlandschaft. Die Sonne stand fast senkrecht ueber uns und brannte auf Kopf und Schultern; es musste etwa um die Mittagszeit sein. Ich sah weder ein Gebaeude, noch Ruinen, noch eine Piste; nichts von Menschenhand Geschaffenes. Sie mussten einfach querfeldein gefahren sein. Armer Nelson. Hinter uns schepperte es. Francis, der Schwarze, war dabei, Campingausruestung aus dem Jeep zu werfen. Janets Campingausruestung; ich erkannte ihren ausgewaschenen blauen Schlafsack wieder. Janet raeusperte sich leise. "Ich habe Durst..." Der Boss fuhr herum und strahlte sie an. Er schnalzte verneinend mit der Zunge und wackelte ihr albern mit dem Zeigefinger vor dem Gesicht herum. Janet wich etwas zurueck und betrachtete ihn mit zurueckgelegtem Kopf wie ein besonders abstossendes Insekt. "Wer wird denn beim Ueberlebenstraining Essen und Trinken wollen? Das hiesse doch gegen die Spielregeln verstossen, nicht wahr?" Er grinste sie haemisch an. "Gehoert es auch zum Ueberlebenstraining, dass man die Haende auf den Ruecken gebunden hat? Macht das nicht einen schlechten Eindruck bei der Leichenbeschau?" fragte ich sarkastisch. Der Boss schaute mich an. Sein Grinsen war verschwunden. Francis hatte sich fuenf Schritte von uns entfernt aufgebaut und betrachtete, die maechtigen Faeuste in die Hueften gestemmt, missbilligend die Szene. Der Boss trat betont langsam an mich heran und schaute mir von naechster Naehe ins Gesicht, wie er es eben noch bei Janet gemacht hatte. Nur, dass er bei mir hinauf schauen musste. "Schau mal unseren kleinen Klugscheisser hier an", sagte er. "So ein helles Koepfchen. Hat schon alles kapiert. Dann koennen wir uns ja weitere Erklaerungen sparen. Leg sie an die Leine!" Letzteres schnauzte er in Richtung des Schwarzen und liess uns stehen. Francis schob uns grob hinueber zur Rueckseite des Jeeps und schloss mein rechtes Handgelenk an der Anhaengerkupplung fest. Dann oeffnete er eine der Handschellen von Janet und schaute sich unschluessig nach einem weiteren Festmachpunkt um. Schliesslich liess er die Stahlfessel grinsend um mein linkes Fussgelenk zuschnappen. "Ich habe Durst", wiederholte Janet, "und Hunger." "Es gibt nichts, Suesse", brummte der Schwarze und verschwand. Im Hintergrund heulte Nelsons Motor mit unverminderter Lautstaerke. der Junge stand zehn Yards von uns entfernt und beobachtete Janet, wie sie versuchte, mehr in den Schatten des Jeeps zu gelangen. Sein hungriges Rattengesicht liess boese Ahnungen in mir aufsteigen.

Copyright 1996 Florian Schiel