"Viel zu auffaellig", knurrte Becker missmutig. "Na,
jedenfalls koennen wir im Moment nicht in der Naehe sein,
verstanden? Passen Sie auf sich auf und rufen Sie mich
sofort an, wenn etwas Ungewoehnliches passiert."
Ich versprach dies zu tun und unterbrach die Verbindung.
Und dann machte ich einen Fehler, den ich in den folgenden
Tagen noch vielfach bereuen wuerde: Aus purer Zerstreutheit
und weil meine Gedanken um den Tod meiner Mutter kreisten,
liess ich das Cellular neben der Workstation liegen.
Langsam fuhr ich Nelson in Richtung Heimat. Unterwegs versuchte ich, meine Gefuehle zu analysieren. Warum konnte ich keine Trauer verspueren? Jeder normale Mensch ist traurig, wenn seine Mutter oder sein Vater stirbt. Ich hatte nur ein Gefuehl der ploetzlichen Leere in mir. Wie man es eben von Zeit zu Zeit hat - meistens ohne konkreten Anlass'. Dieses ueberwaeltigende Gefuehl, dass alles, was man unternimmt, doch eigentlich sinnlos ist und so weiter. Normalerweise geht das bald vorueber, daher mass ich dem auch keine groessere Bedeutung zu - auch wenn meine Therapeutin Janine da ganz anderer Meinung war. War das ein Zeichen von Gefuehlskaelte, dass ich beim Tod meiner Mutter nur eine leichte Depression verspuerte? Vielleicht lag es einfach daran, dass meine Familie fuer mich schon seit vielen Jahren gestorben war. Meine Mutter, dann mein Vater, meine Schwestern. Sie existierten einfach nicht mehr in meinen Gedanken, und ich hatte alles menschenmoegliche unternommen, um sie aus meinem neuen Leben auszuklammern. Ich ueberlegte, wie ich wohl reagieren wuerde, wenn Janet etwas zustiesse. Zuhause zog ich meine Jogging-Sachen ueber und fuhr weiter zu Janets Haus. Meine anderen Klamotten nahm ich mit, falls wir nach dem Joggen noch Lust haetten auszugehen. Der kuehle, neblige Sommer war nun endgueltig vorbei und die Spaetnachmittagssonne schien angenehm warm. Alle Maedchen trugen Shorts oder kurze Roecke und zeigten ihre braungebrannten Beine. Die Jungs fuhren zum Teil mit nacktem Oberkoerper auf ihren Mountain Bikes, die Kappen verkehrt herum aufgesetzt. Jetzt war die beste Zeit in der Bay Area: Trocken und warm bis spaet in die Nacht, keine Hitze tagsueber, wie in den anderen Teilen Kaliforniens. Und wem es in der Bay noch nicht warm genug war, der fuhr einfach die paar Meilen ueber die Berkeley Hills und schon war er in der flirrenden Sommerhitze des Central Valleys. Nelson tuckerte friedlich vor sich hin, ich hatte die Fensterscheiben heruntergelassen und freute mich trotz der schlechten Nachrichten meines Lebens. Das aenderte sich schlagartig, als ich von der Ashby in Janets Strasse einbog. Vor ihrem Haus standen zwei mir unbekannte Maenner auf dem Gehsteig. Beide trugen dunkle Sonnenbrillen; der eine war ein Weisser, der andere hatte eine dunklere Hautfarbe und schwarze glaenzende Haare, wahrscheinlich ein Mex. Der letztere hatte Janet die Arme auf den Ruecken gedreht und hielt sie fest. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt; sie wandte den Kopf heftig hin und her, als ob sie nach Hilfe Ausschau hielte. Der Weisse hielt ein Cellular ans Ohr gepresst und schaute in meine Richtung. Im selben Augenblick, als ich um die Ecke bog, gab er dem Mex mit dem Cellular ein Zeichen und sie stiessen Janet hastig in einen dunklen Plymouth, der mit geoeffneten Tueren vor ihnen am Bordstein parkte. Bevor ich mit Nelson auf fuenfzig Yards herangekommen war, beschleunigte der Plymouth mit quietschenden Reifen und bog rechts um die Ecke. Ohne zu ueberlegen drueckte ich aufs Gaspedal und folgte dem Wagen, erst bis hinauf zur College, dann rechts bis zur Ashby, dann links in Richtung Berkeley Hills. Mein Gehirn hatte sich voruebergehend
ausgeschaltet; ich dachte nur noch daran, den dunklen Wagen nicht aus den Augen zu verlieren. Vor dem Clairmont Hotel war es dann soweit: Ich wusste nicht, ob sie rechts nach Oakland hinunter oder geradeaus den Huegel hinauf gefahren waren. Ich waehlte den Weg bergauf und drueckte das Gaspedal voll durch. Nelsons alter Motor droehnte und versuchte tapfer den steilen Hang hinauf noch etwas zu beschleunigen. Mit quietschenden Reifen schnitt ich die vielen Kurven der hier ziemlich engen Strasse. Wenn sie hier irgendwo abgebogen sind, dachte ich verzweifelt, finde ich sie nie mehr. Auf dem Huegelkamm teilte sich die Hauptstrasse: Geradeaus ging es auf den Freeway 13 zu den suedlichen Teilen der Bay, links bog die Schnellstrasse 24 ab, die durch einen langen Tunnel unter den Berkeley Hills hindurch nach Walnut Creek ins Landesinnere fuehrte. Der schwarze Plymouth beschleunigte gerade auf der Linksabbiegerspur und fuhr durch die Ampel, die natuerlich gerade in dem Moment auf Rot schaltete, als ich in Sichtweite kam. Ich konnte nicht hinterher; zu viel Gegenverkehr. Wie auf gluehenden Kohlen sass ich da und beobachtete, wie der dunkle Wagen ueber den naechsten Huegel verschwand. Die wenigen Sekunden Wartezeit bewirkten aber, dass sich mein Denkapparat wieder einschaltete; bis dahin war alles nur ein reflexartiges Handeln gewesen. Fuer eine Entfuehrung hatten sich die Burschen zu bloede angestellt. Und selbst wenn es wirklich nur ein dummer Zufall war, dass ich ausgerechnet in dem Moment um die Ecke gebogen kam, als sie Janet aus dem Haus holten, selbst dann haetten sie mich inzwischen mit ihrem Plymouth laengst abhaengen koennen. Hatten sie aber nicht. Was folgerten wir daraus? Sie hatten es nicht auf Janet, sondern auf mich abgesehen. Konsequenz? Ich durfte ihnen nicht weiter folgen, weil sie mich nur in eine Falle locken wuerden. Im Gegenteil musste ich so schnell wie moeglich Hilfe herbeiholen. Einen Moment lang dachte ich bitter an die beiden deutschen Cops, die jetzt wahrscheinlich gerade bei Hertz herumlungerten und sich ein neues Mietauto aussuchten. Ich reihte mich auf dem Freeway nach Walnut Creek ein. Der schwarze Plymouth war laengst im Tunnel verschwunden, aber sie konnten nur auf dieser Strasse sein. Der Verkehr staute sich wie immer vor der Einmuendung des Caldecott-Tunnels, weil hier der fuenfspurige Freeway auf zwei Spuren zusammengefuehrt wurde. Ich versuchte, auf die linke Spur zu kommen, aber auch dort rollte der Verkehr nur konstant mit 50 Meilen dahin. An Ueberholen war in der rush hour sowieso nicht zu denken. Ich spann den Gedanken von vorhin weiter. Wenn die Kette meiner Schlussfolgerungen richtig war, durfte ich ihnen nicht weiter folgen, sondern musste schnellstens die Polizei alarmieren. Ich fluchte mich zehntausendmal in die unterste Hoelle, dass ich mein Cellular hatte im Buero liegen lassen. Die einzige Moeglichkeit, die Polizei oder Becker zu alarmieren, waere ein oeffentliches Telefon oder die Notrufsaeulen entlang des Freeways. Ende der Logik. In Wirklichkeit dachte ich nicht im Traum daran, von der Verfolgung abzulassen. Da vorne drin sass Janet, vielleicht sogar verletzt, in der Gewalt von zwei skrupellosen Gangstern und wurde wer weiss wohin entfuehrt, vielleicht sogar umgebracht, wenn ich nichts unternahm. Ich konnte sie nicht einfach im Stich lassen, und wenn tausend logische Gruende dafuer sprachen! Ich hatte den Tunnel schon lange hinter mir gelassen, als ich den dunklen Plymouth endlich wieder vor mir ausmachen konnte. In einer weiten Linkskurve zog sich der Freeway durch das Tal und ganz am Ende, da wo die Kruemmung wieder in die andere Richtung umschlug, konnte ich den Wagen erkennen. Er fuhr auf der linken Spur und zwar ziemlich schnell. Hier war der Freeway wieder fuenfspurig und ich gab Nelson die Sporen. Aber trotz betraechtlicher Ueberschreitung der Hoechstgeschwindigkeit gelang es mir nicht, bis Walnut Creek naeher an den Wagen der Entfuehrer heranzukommen. Vor Walnut Creek staute sich wieder der Verkehr. Ich konnte noch erkennen, dass sich der dunkle Wagen links einordnete. Also wollten sie den Freeway 680 in Richtung Vallejo nehmen. Ich betrachtete zweifelnd Nelsons Benzinuhr. Hoffentlich wuerde die Fahrt nicht allzu lange dauern. Ich schaetzte, dass ich nur noch fuer etwa hundert Meilen Treibstoff im Tank hatte. Kurz hinter der Abzweigung nach Concord verliess der Plymouth den Freeway. Ich schaffte es, mich bis auf drei Wagen zwischen uns heranzuarbeiten. Waehrend wir Richtung Concord weiterfuhren, zog ich die Walther aus dem Guertel und legte sie entsichert auf den Beifahrersitz. Einer der Wagen vor mir bog rechts ab. Jetzt war nur noch ein Lieferwagen vom Federal Express zwischen mir und dem Auto der Entfuehrer. Die Strasse wand sich durch wuestenartiges Gelaende hinunter in ein ausgetrocknetes Flussbett. Kurz nach der Bruecke brach der schwarze Plymouth ploetzlich nach rechts aus und rollte, eine gewaltige weisse Staubwolke aufwirbelnd, auf der befestigten Uferboeschung aus. Ich schaffte es gerade noch, Nelson, ohne zu schleudern, von der Strasse zu bekommen. Der FedEx-Wagen fuhr geradeaus weiter. Etwa zehn Yards hinter dem Plymouth brachte ich Nelson zum Stehen und packte die Walther. Durch den aufgewirbelten Staub konnte ich den Wagen und seine Insassen nur schemenhaft erkennen, aber es schien niemand auszusteigen. Ich oeffnete die Fahrertuer und bereitete mich darauf vor, zur naechsten Deckung, einem Schutthaufen etwa fuenf Yards links von mir, zu stuerzen, als mich eine Stimme in meinem Ruecken erstarren liess: "Waffe sichern und auf den Boden legen! Haende ueber den Kopf, Scheisskerl!" Ich drehte den Kopf, bis ich ueber die rechte Schulter zur Beifahrertuer blicken konnte. Ein grosser massiger Schwarzer stand dort, breitbeinig mit eingeknickten Knien. Er hielt mit beiden Haenden eine automatische Waffe durch das geoeffnete Beifahrerfenster direkt auf meinen Kopf gerichtet. Ein zufriedenes Laecheln lag auf seinem glaenzenden Gesicht. So etwa, wie ein Koenigstiger seine hilflose, in die Enge getriebene Beute betrachtet. Er machte eine winzige Bewegung mit der Waffe. "Keinen Scheiss, Weissbrot. Du brauchst hier nicht den Helden zu spielen. Schoen die Spritze sichern und auf den Boden legen. Aber ganz langsam. Fass sie mit dem Lauf an! Ich habe einen nervoesen Zeigefinger in solchen Situationen, Scheisskerl!" Ich sah starr in seine grossen wachsamen Augen und tat, was er gesagt hatte. Im Hintergrund hoerte ich Tuerenschlagen. "Gute Arbeit, Francis!" Die Fahrertuer wurde aufgerissen und ich wurde grob am Arm heraus gezerrt. Es war der Weisse mit der dunklen Sonnenbrille. Er trug kurioserweise ein blaues Business-Jacket. Er drehte mich mit geuebtem Griff zum Wagen um und begann mich abzutasten. Der grinsende Schwarze hielt mich von der anderen Seite in Schach. Der Weisse, ich entschloss mich, ihn Boss zu nennen - klaubte meine Walther aus dem Wagen, vergewisserte sich, dass sie gesichert und geladen war und steckte sie in die Seitentasche seines Jackets. Ich hoerte ein vertrautes Klicken. Meine Haende wurden auf den Ruecken gerissen und ich fuehlte die schwere Kuehle der Handschellen an meinen Gelenken. Erst jetzt sah ich, dass hinter Nelson ein weiterer Wagen gehalten hatte. Ein grosser verstaubter Nissan-Jeep, in dem ein junger Weisser, fast noch ein Kind, am Steuer sass. "Gute Arbeit, Jungs. Es geht weiter, wie geplant." Ohne ein weiteres Wort zerrte er mich zu dem Jeep und liess mich auf dem Beifahrersitz einsteigen. Er legte mir sogar den Sicherheitsgurt an. Der junge Bursche hielt einen Revolver laessig auf mich gerichtet, sagte aber kein Wort. Ich beobachtete durch die verstaubte Windschutzscheibe, was weiter geschah. Der Boss ging zurueck zu meinem Wagen und sprach mit dem Schwarzen. Der Mex zerrte Janet, die offensichtlich ebenfalls Handschellen trug, aus dem Plymouth und brachte sie hierher. Der Boss uebernahm sie, sagte noch ein paar Worte zu den anderen Ganoven und liess sie auf den Ruecksitz hinter mir einsteigen. Ich blickte sie ueber die Schulter an. Ihre Augen schwammen in Traenen und ihre Lippen zitterten krampfhaft. Auf dem linken Wangenknochen hatte sie eine dunkle Schramme. Sie schaute mich verzweifelt an, sagte aber kein Wort. Der Boss stieg auf den Ruecksitz neben sie und schnippte mit den Fingern. Der Fahrer reichte ihm wortlos, ohne sich dabei umzudrehen, den Revolver nach hinten und startete den Motor. Ich blickte wieder nach vorne. Der Mex hatte den Plymouth gewendet und fuhr hupend an uns vorbei zur Strasse. Auch Nelson wuergte und hustete: Der Schwarze sass hinter seinem Steuer. Auch er wendete und fuhr zur Strasse. Unser Wagen folgte. Wir bogen auf die Strasse ein und fuhren zurueck in Richtung Freeway. Vor uns Nelson; den dunklen Plymouth konnte ich nicht mehr sehen. Der Boss zuendete sich eine Zigarette an und reichte sie dem Jungen am Steuer. Dann zuendete er sich selber noch eine an. "Irgendwelche Kommentare?", sagte ich mit zusammengebissenen Zaehnen. "Klappe", sagte der Boss, ohne die Stimme zu heben, und blies mir Rauch in den Nacken. "Das gilt fuer euch beide. Fuer jeden Quatsch, den ihr von euch gebt, oder sonstigen Bullshit, den ihr veranstaltet, gibt's fuer den anderen was aufs Maul, klar? Unser Taeubchen hier weiss inzwischen schon, wie sich das anfuehlt." Ich spuerte, wie ohnmaechtige Wut mich innerlich schuettelte. Ich hatte zwar gewusst, dass ich in die Falle gehen wuerde, aber ich konnte nicht behaupten, dass es mir Spass machte.