Seine Stimme lag irgendwo zwischen Frage und Feststellung.
Gleichzeitig hielt er mir seine Hand hin, wie um einen
teuflischen Pakt zu besiegeln. Eine komische europaeische
Sitte, dieses dauernde Haendeschuetteln. Ich schlug ein.

"Du hast Besuch", sagte Minni und versuchte, gleichzeitig geheimnisvoll und schadenfroh dreinzuschauen. "Er sitzt im kleinen Besprechungsraum." "Er?" "Du wirst ja auch mal was anderes als nur Damenbesuch empfangen, oder?" bemerkte Minni spitz und wandte mir demonstrativ den Ruecken zu. Ich ging zuerst in mein Cubicle und warf meine Mappe auf den Stuhl. dass Minni den Besucher nicht in meinem Buero platziert hatte, sondern im Besprechungsraum, war ein schlechtes Zeichen. Besprechungsraum bedeutete offizieller Besuch. Offizieller Besuch bedeutete normalerweise Aerger. Aerger hatte ich im Moment genug. Ich traute mich ja nicht mal mehr allein im Aufzug zu fahren. Ob Becker wirklich rund um die Uhr auf mich aufpasste? Die letzten zwei Tage hatte ich nichts von den deutschen Cops bemerkt... Auf dem Weg zum kleinen Besprechungsraum traf ich auf Archie. Er grinste mich an und sagte: "Du hast Besuch." "Ich weiss." "Tja, irgendwann kommen sie jedem drauf..." "Affe!" "Selber einer", lachte er und verschwand nach vorne. Der Besprechungsraum B war unser kleiner Treffpunkt fuer die Projekttreffen, die wir regelmaessig - meistens Montags - abhielten. Im Besprechungsraum A, der viel groesser war, fanden unsere Seminare mit den graduierten Studenten statt. Ein glatzkoepfiger, ziemlich korpulenter Mann sass mit dem Ruecken zur offenen Tuere und las in einem Dokument, das er vor sich ausgebreitet hatte. Seinen schnieken Aktenkoffer mit Schlangenlederimitat hatte er aufgeklappt vor sich auf den Konferenztisch gestellt. In seiner blanken Glatze spiegelten sich die Leuchtstoffroehren an der Decke. Seine grossen rosa Ohren standen auffaellig vom runden Schaedel ab. Ich erkannte ihn sofort, sogar von hinten, obwohl er noch weniger Haare hatte, obwohl er noch fetter geworden war. Mein Magen begann sich umzudrehen. Ken Carlson. Anwalt, Broker, Vermittler zwielichtiger Geschaefte, mit guten Draht zur korrupten Staatsanwaltschaft, zur korrupten Polizeibehoerde, zum korrupten Finanzamt, manche behaupteten sogar, mit Beziehungen zur Hollywood-Mafia, und ausserdem - die rechte Hand meines Vaters. Ich seufzte und fuegte mich in das Unvermeidliche. Ich wusste, dass Ken mir notfalls bis nach Hause folgen wuerde. Also kaempfte ich den Brechreiz hinunter, ging hinein und schloss die Tuere hinter mir. Fuer die anderen im Institut bedeutete das: Auf keinen Fall stoeren! "Thomas!" Ken versuchte, seine 240 Pfund aus dem tiefen Clubsessel zu hieven. Ich setzte mich ihm gegenueber ans andere Ende des Konferenztisches, faltete die Haende und blickte ihn schweigend an. "Aeh... Verzeihung. Ist mir so 'rausgerutscht. George, nicht wahr? George Moltke." Ich nickte langsam. "Ja, da werde ich mich wohl nie dran gewoehnen, Junge. Gut schaust du aus. Das Leben hier im Norden bekommt dir anscheinend. Ich sage immer zu deinem Vater, Linus, sage ich, ..." "Was wollen Sie?" Er nahm seine Halbbrille ab, was seinem feisten Gesicht etwas Trauriges gab, lehnte sich zurueck und blickte mich weitsichtig, mit zusammengekniffenen Augen an. "Mein lieber Junge. Du wirst dir denken koennen, dass der alte Ken nicht ohne Grund hierher kommt. Es gaebe allerdings viele Gruende, dass wir dich mal wieder gerne unten in LA sehen wuerden. Wenn ich allein daran denke, wie viele Muendelgelder dir entgehen, nur weil du dich weigerst, einmal vor Gericht zu erscheinen und ein paar Male mit dem Kopf zu nicken..." "WAS WOLLEN SIE?" Er seufzte und setzte seine Brille wieder auf. Ein Schriftstueck zur Hand nehmend sagte er leise: "Deine Mutter ist letzte Woche verstorben, Thomas." Darauf war ich nicht gefasst gewesen. Ich stand auf und wandte Ken den Ruecken zu. Ich hatte meine Mutter seit 22 Jahre nicht mehr gesehen. Damals war sie endgueltig hinter den ledergepolsterten Toren einer geschlossenen Anstalt verschwunden. Unser Vater wollte nie, dass wir sie danach noch einmal zu Gesicht bekamen. Er meinte, es waere besser, wenn wir sie so in Erinnerung behalten wuerden, wie sie vor ihrem endgueltigen Zusammenbruch war. Drogen und Alkohol, und - indirekt - die vielen Affaeren meines Vaters mit Stars und Starlets hatten sie in den Wahnsinn getrieben. Die Aerzte diagnostizierten eine massive Hirnschaedigung infolge Medikamentenmissbrauchs. Wir Kinder wussten, dass es nicht nur Medikamente waren. Ich hatte nie ein besonders inniges Verhaeltnis zu meiner Mutter. Bevor ich alt genug werden konnte, war sie schon eine ganz andere Person, als die Mutter meiner Kleinkindertage. Eine voellig andere Persoenlichkeit, abweisend, empfindlich und - boese. Es klingt brutal, aber letztendlich hatten meine Schwestern und ich es mit Erleichterung aufgenommen, als wir erfuhren, dass Mutter niemals wiederkommen wuerde. Und jetzt war sie gestorben. Nach 22 Jahren in der Anstalt. Fuer mich war sie schon viel frueher gestorben; trotzdem bewegte mich die ploetzliche Nachricht heftiger, als ich es erwartet hatte. Ken raeusperte sich hinter meinem Ruecken. Ohne mich umzudrehen, sagte ich: "Und?" "Deine Mutter war krank, entmuendigt und hilflos, aber sie war eine schwerreiche Frau. Wenn Entmuendigte sterben, tritt normalerweise die gesetzliche Erbfolge ein. Es sei denn, es existiert ein rechtsgueltiges Testament aus der Zeit vor der Entmuendigung. Deine Mutter hat ein solches Testament schon vor Jahren hinterlegen lassen. Laut diesem Testament sollst du ihr gesamtes Vermoegen erben..." Ich schwieg ein paar Sekunden und betrachtete konzentriert die Weisstafel vor mir. 'H = -p log(p)' hatte jemand mit gruener Farbe darauf geschrieben. Und in der unteren linken Ecke stand: 'Morgan anrufen' und eine Telefonnummer. "Was ist, wenn ich die Erbschaft nicht annehme?" Ken keuchte entsetzt. "Willst du nicht erst einmal wissen, auf wie viel sich die Erbschaft belaeuft?" "Was passiert, wenn ich die Erbschaft nicht annehme?" wiederholte ich stur und drehte mich halb um. Ken schnaufte und wischte sich mit einen taubengrauen Taschentuch ueber die Stirne. "Dann tritt die gesetzliche Erbfolge in Kraft. In diesem Fall verteilt sich das Vermoegen deiner Mutter nach einem bestimmten Schluessel auf deinen Vater und deine beiden Schwestern, aber..." "Ich brauche das Geld nicht", sagte ich langsam und beobachtete Ken genau. Seine Augen glitzerten unsicher. "Aber ich werde nicht dulden, dass Sie oder mein Vater oder meine Schwestern damit noch mehr Unheil anrichten koennen. Ich nehme die Erbschaft an." Ken schnaufte erleichtert auf. Wahrscheinlich hatte er mit bedeutend mehr Widerstand gerechnet. Es folgte ein Wust von Papieren und Unterschriften. Ich konnte Ken nicht in allem folgen, aber ich versuchte, wenigstens darauf zu achten, dass er mich nicht allzu sehr uebers Ohr haute. Eine Stunde spaeter waren wir fertig. Ken Carlson hatte es auf einmal sehr eilig. "Aeh, ja. Fast haette ich es vergessen", schnauft er schon auf dem Weg zum Ausgang und kramte noch einmal in seinem Pilotenkoffer. "Hier ist ein Brief von deinem Vater. Und hier eine grobe Aufstellung des Vermoegens, Stand Maerz dieses Jahres. Und hier die Adresse und Telefonnummer des Vormundschaftsverwalters. Wenn du Fragen hast..." Ich war froh, ihn los zu sein. Es war mir ernst gewesen, mit der Bemerkung ueber meinen Vater und meine Schwestern. Ich wusste, dass sie das Geld nur dazu verwenden wuerden, noch mehr Geld anzuhaeufen, was sie sowieso schon taten - und dabei, wenn noetig, ueber Leichen gingen. In meinem Cubicle ordnete ich die Papiere und legte sie in einen Haengeordner. Den Brief meines Vaters warf ich ungeoeffnet in den Papierkorb. Dann rief ich Frank an. Er meldete sich verschlafen. "'alloh?" "Weisst du eigentlich, wie spaet es ist? Wo ist denn dein sprichwoertlicher Fleiss geblieben?" zog ich ihn auf. Im Hintergrund hoerte ich eine weibliche Stimme maulen. "Aha, verstehe. Hoer zu, Frank. Ich brauche deine Hilfe. Mir ist ein Haufen Geld in den Schoss gefallen und ich moechte das Zeug in Sicherheit haben, bevor die Geier ueber mich herfallen." "Ein Haufen Geld?" Seine Stimme klang ploetzlich hellwach. "Lass das, Schatz! Nicht jetzt! Hallo? Bist du noch dran? Wie gross ist denn der Haufen?" Ich holte die Vermoegensaufstellung hervor und suchte nach einer Gesamtsumme, aber so einfach war das nicht. Ich las Frank ein paar der ganz unten aufgefuehrten Posten vor. Er pfiff durch das Telefon, dass es mir in den Ohren klirrte. "Ruehr dich nicht vom Fleck. Ich komme sofort... aeh, sagen wir in einer halben Stunde, ok? Ruf niemanden mehr an und erzaehl auch niemanden davon, ok?" "Ok." "Aeh, wo bist du ueberhaupt?" Ich sagte es ihm. "Und schoene Gruesse an Pat", fuegte ich hinzu. "Du kannst ihr sagen, Janet sei nicht mehr boese auf sie." Er lachte und legte auf. Eine halbe Stunde spaeter stand er in der Oeffnung meines cubicles, mit zerwuehltem Haar, das Gesicht mit zahlreichen Lippenstiftspuren uebersaet "Wie geht's Pat?" fragte ich hoeflich. "Gut, wieso?" "Wir haben dahinten ein paar Restrooms, wenn du dich vielleicht kurz frisch machen willst..." "Haeh?" Als Antwort deutete ich in den Rueckspiegel an meiner Workstation. "Oh, ok. Ich bin gleich wieder da." Zehn Minuten spaeter tauchte er wieder auf. "Das geht vielleicht schwer weg, das Zeug. Was tun die denn da rein, dass das so klebt? Also, erzaehl mal..." Ich berichtete und zeigte ihm die Dokumente, die Ken mir dagelassen hatte. Frank sah sich alles genau an; schliesslich sagte er mit hochroten
Kopf:
"Mann, Junge! Damit kannst du dich zur Ruhe setzen!"
"Genau das will ich nicht", meinte ich bestimmt, "ich will, dass du mir eine Firma besorgst, die mich nicht allzu sehr ausnimmt, und die dafuer sorgt, dass ich mit dem ganzen Kram so wenig wie moeglich zu tun habe. Vor allem diskret sollen sie sein. Ausser uns beiden soll niemand etwas davon erfahren, klar?" Frank starrte mich an. "Das war jetzt ein bisschen viel auf einmal. Heisst das, du willst diesen Haufen Geld einfach ignorieren? Also, wenn du ihn loswerden willst, ich wuesste schon einen Abnehmer..." "Frank! Ich meine es ernst. Glaub mir, ich weiss, wie viel Schaden man mit zu viel Geld anrichten kann. Wenn man genug zum Leben hat, ist das natuerlich eine feine Sache. Wenn man aber mehr davon hat, als man vernuenftig ausgeben kann, wird's gefaehrlich." Frank schuettelte den Kopf. "Ich versteh's nicht, aber es ist schliesslich dein Geld. Du kannst es auch den Republikanern stiften, wenn du unbedingt willst. Oder der katholischen Kirche. Ok, ok", winkte er ab, "ich hab's schon kapiert. Ich besorge dir eine solide Firma in der City, zufrieden? Diskret und nicht gerade billig." Er stand auf und schuettelte die Papiere zusammen. "Ich ruf' dich an, wenn ich was habe, ok? Dann bis bald..." Ich sass da und starrte die graue Wand meines Cubicles an. Eine Stunde spaeter wurde mir klar, dass ich heute nichts mehr Vernuenftiges zu Wege bringen wuerde. Ich schaute kurz beim Chef vorbei und sagte ihm, dass meine Mutter gestorben sei und dass ich den Rest des Tages nicht im Institut sein wuerde. Auf dem Gang begegnete ich noch einmal Archie. "Und?" "Nichts weiter. Nur eine Familienangelegenheit. Ein Todesfall in der Familie", erlaeuterte ich. "Oh." Archie sah mich pruefend an. "Mein Beileid." "Danke." Ich hatte gerade mein Display gesperrt und wollte mein Buero verlassen, als ploetzlich das Cellular fiepte. Es war Becker; er klang ziemlich aufgebracht. "Was ist das eigentlich fuer eine Gegend hier", schimpfte er. "Diesmal haben sie uns das Auto nicht nur aufgebrochen, sondern gleich mitgenommen." Ich musste unwillkuerlich grinsen. "War es wieder ein Corsica?" "Ja, ein blauer diesmal. Aber... aber woher wissen Sie das?" Ich erklaerte ihm, dass es einige Autoknacker gab, die sich auf Mietwagen spezialisiert hatten. Corsica war nunmal ein typischer Mietwagen in Kalifornien. Und wenn er auch noch ein 'Y' auf dem Nummernschild hatte, dann war sowieso alles klar. Es war keine Seltenheit, dass Touristen, mehrmals hintereinander ihres Mietwagens beraubt wurden. Der Grund dafuer war leicht einzusehen. Erstens waren die Mietwagen meistens relativ neu und gut in Schuss; der Dieb ging also wenig Risiko ein, ein altes oder reparaturbeduerftiges Vehikel zu erwischen. Zweitens waren Mietwagen natuerlich versichert, was bedeutete, dass sich eigentlich niemand besonders darueber aufregte, wenn mal wieder einer verschwand. Die Polizei registrierte den Vorfall zwar fuer ihre Akten, aber effektiv getan wurde in solchen Faellen gar nichts. Ich riet Becker, beim naechsten Mal einen anderen Typ zu verlangen. Warum nicht einen Ford Mustang? "Viel zu auffaellig", knurrte Becker missmutig. "Na, jedenfalls koennen wir im Moment nicht in der Naehe sein, verstanden? Passen Sie auf sich auf und rufen Sie mich sofort an, wenn etwas Ungewoehnliches passiert." Ich versprach dies zu tun und unterbrach die Verbindung. Und dann machte ich einen Fehler, den ich in den folgenden Tagen noch vielfach bereuen wuerde: Aus purer Zerstreutheit und weil meine Gedanken um den Tod meiner Mutter kreisten, liess ich das Cellular neben der Workstation liegen.