Ploetzlich fiel bei mir der Groschen, und ich sprang aus
meiner Deckung ueber den Gehweg und riss die Beifahrertuer
auf. Zwei riesige dunkle Augen starrten entsetzt auf die
Walther, die ich ihm unter die Nase hielt.

"Keinen Laut", knurrte ich und schwang mich in den Wagen. "Haende ans Steuer, dalli!" Er gehorchte anstandslos, den Blick starr auf die Waffe fixiert. Ich klopfte ihn vorsichtig ab, fischte ein Springmesser aus seiner Innentasche und warf es nach hinten auf die Hutablage. Wohl doch eher 16 Jahre, korrigierte ich meine Schaetzung. Kleidung ziemlich heruntergekommen. Schweissperlen an der Schlaefe. Zwei Narben im Gesicht, eine davon sah noch relativ frisch aus. Ich wusste, woher die stammten. Armer Kerl. Sein linker Unterarm war sauber. Kein Fixer also, nur ein normaler Automarder. Inzwischen hatte er seine Stimme wiedergefunden und kapiert, dass ich kein Bulle sein konnte. "Ey, Mann! Was soll die beschissene Kacke? Knallst hier rein wie John Wayne und fuchtelst mit deinem beschissenen Waffenladen herum. Bist du voellig daneben, oder was..." "Halt die Luft an, Greenhorn!" fuhr ich ihn an. Ich deutete auf die heraushaengenden Zuendkabel. "Du wolltest die Muehle verschieben! Die Sache ist ganz einfach,
Hosenscheisser: Ich hab die Knarre und du sitzt nackt da! Du hast die
Wahl: Entweder ich liefer' dich huebsch verschnuert bei den Bullen ab, oder ..." Ich winkte einladend mit der Walther. "... du verziehst deinen Mahagoniarsch ganz schnell aus der Nachbarschaft und vergisst gruendlich alles, was mit der beschissenen Karre zu tun hat." Er blickte mich an, Verblueffung auf seinem jungen Gesicht. Dann griff er rasch zum Tuergriff. "Moment noch, Hosenscheisser!" Ich drueckte ihm die - uebrigens immer noch gesicherte - Walther an den Hals. "Hast du gesehen, wer die Kiste hier abgestellt hat? Wann? Und wo ist er hingegangen?" Ploetzliches Verstehen blitzte in seinen Augen auf. Noch bevor er antworten konnte, drueckte ich den Pistolenlauf etwas fester in seinen weichen Hals und knurrte: "Keinen Bullshit, Freundchen! Mit mir ist heute nicht zu handeln. Ich hatte eine wirklich beschissenen Tag hinter mir, comprende? Wenn du mir was vormachst, kriege ich dich an den Eiern, klar?" Die Strassen LAs hatten mich gelehrt, welche Sprache die Burschen verstanden. Er schluckte muehsam und kraechzte: "Ein Weissbrot... ein Weisser, mein' ich. Dunkler Mantel und Hut... und dunkle Haare, etwa sechs Fuss..." "Wo ist er hin? Wann?" Er hustete. Ich zog die Walther einen halben Zentimeter zurueck. Auf seiner Schokoladenstirn standen feine Schweisstroepfchen. "Vor etwa einer halben Stunde. Er is' da vor und dann rechts hinunter..." Er nickte zur naechsten Kreuzung. Nach rechts ging es zur Archstreet. "Hau ab! Wenn ich dich nochmal hier in der Gegend erwische, schick ich dich auf die letzte Reise, comprende? Verpiss dich, Hosenscheisser!" Er war deutlich schneller draussen, als er beim Einbrechen gebraucht hatte. Ich hoerte seine Turnschuhe auf den Beton klatschen, als er nach hinten wegsprintete. Ich vergewisserte mich, dass er wirklich verschwunden war und unterzog den Wagen einer kleinen Leibesvisitation. Zu meiner Ueberraschung fand ich eine Hertzbroschuere im Handschuhfach und einen Aufkleber in der Naehe der Fahrgestellplakette, die den Wagen als Leihwagen auswies. Sonst nichts. Kein Papier, keine persoenlichen Sachen. Einfach gar nichts. Ein Schatten, der einen Leihwagen benutzte? Ich schuettelte den Kopf und liess den Wagen offen stehen. Von der Scenic Avenue gibt es einen kleinen Durchgang zur Archstreet, den nur die Ansaessigen benutzen. Er muendet zwar nicht genau bei meinem Haus, aber immer noch besser als offen die Archstreet entlang zu marschieren. Die Baeume und Buesche in den Vorgaerten geben auch hier gute Deckung. Ich installierte mich hinter einem Haselbusch und spaehte durch die Blaetter zu meinem Apartment hinueber. Bei Pete und Susi war Licht; die beiden hatten also endlich ihren Mammuturlaub zu Ende gebracht. Oder das Geld war ihnen ausgegangen. Ich wartete ein paar Minuten und ueberlegte, waehrend ich systematisch die Umgebung musterte. Nichts ruehrte sich. Zu viele Ecken, die im tiefen Schatten lagen. Der Kerl konnte ueberall stecken. Wo wuerde ich mich platzieren, wenn ich meine Wohnung im Auge behalten wollte? Vielleicht bei Horace, im dunklen Schatten neben der Veranda? Oder gleich neben der Treppe in unserem eigenen Hinterhof? Einfach zu viele Moeglichkeiten. Vielleicht konnte ich ihn irgendwie aus seinem Versteck locken oder ... Meine taktischen Ueberlegungen wurden jaeh unterbrochen. Ich hoerte ein schwaches Zischen, ein harter Schlag traf meine rechte Hand von unten und schleuderte die Walther im hohen Bogen ins Gebuesch. Es schmerzte hoellisch. Bevor ich mich von meinem Schrecken erholen konnte, lag ich am Boden auf dem Bauch, den linken Arm brutal auf den Ruecken gebogen und bekam keine Luft mehr, weil irgend etwas Schweres mein Gesicht in den feuchten Rasen drueckte. Ich fuehlte wie eine Hand systematisch meine Taschen abtastete. Der Sauerstoff begann mir auszugehen. Ich zappelte verzweifelt mit allen freien Gliedmassen, um loszukommen. Endlich, kurz bevor mir schwarz vor Augen wurde, war das Gewicht ploetzlich weg und mein rechter Arm wieder frei. Ich stuetzte mich stoehnend auf die Unterarme und holte keuchend Luft. Einen Moment lang hatte ich gedacht, es sei vorbei, aus, ueber den Jordan. Ich waelzte mich vorsichtig herum. Mein Angreifer stand drei Schritte weg von mir und hielt meine eigene Pistole auf mich gerichtet. Automatisch registrierte ich, dass sie immer noch gesichert war. Aber er hatte den Daumen auf dem Sicherungshebel. Er war gross und schlank, hatte einen unauffaelligen dunklen Mantel an und trug einen ebenso dunklen Hut, tief ins Gesicht gezogen. Wie dramatisch, dachte ich mit Galgenhumor, wie aus einem Bogart-Film entsprungen. Fehlt nur noch die glimmende Zigarette im Mundwinkel. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen, es lag im Schatten des verdammten Hutes. Wir blickten uns etwa eine Minute lang an, ohne dass ein Wort zwischen uns fiel. Mein keuchender Atem beruhigte sich etwas. "Wenn Sie das naechste Mal mit gezogener Pistole durchs Gebuesch schleichen, sollten Sie an Ihre Rueckendeckung denken. Immer den Ruecken frei halten." Ich stutzte. Die Stimme mit dem deutschen Akzent kam mir bekannt vor. Er schob sich mit der Linken den Hut ins Genick und das Licht der naechsten Strassenlaterne fiel ihm voll ins Gesicht. Ich stoehnte erleichtert auf. Der deutsche Cop. Der mich in Garmisch verhoert hatte. Das arrogante Ekel. Oh Gott, war ich erleichtert!

Wir liessen gleichzeitig unsere Bierbuechsen zischen. Er hatte seine theatralische Aufmachung abgelegt und sah jetzt wieder ganz harmlos aus, wie damals in Garmisch. Graue Hose, hellgrauer Rollkragenpulli, schwarze Lederschuhe. Der Drei-Tages-Bart stand ihm gut, war aber wohl nicht beabsichtigt. Ich fragte mich, wo er seine Waffe versteckt hatte. Im Mantel? Wir nahmen zwei Schlucke und sahen uns ueber den Kuechentisch an. Dann nickte er zu der Walther, die zwischen uns auf dem Tisch lag. "Koennen Sie damit umgehen?" Ich nickte. "Bin Sportschuetze." Wir nahmen wieder einen Schluck. Der Cop Becker sah muede und abgespannt aus. Seine Augenwinkel waren rot und entzuendet. Er stellte die Buechse auf den Tisch und raeusperte sich. "Im ersten Moment wusste ich nicht, wer da durchs Gebuesch kommt. Deshalb habe ich Sie vielleicht ein bisschen zu rauh angefasst. Tut mir leid." Ich schuettelte den Kopf. Ohne eine Erwiderung meinerseits abzuwarten, fuhr er in seinem komischen Akzent fort: "Ich bin schon eine Weile auf Ihren Spuren. Sie haben's ja offensichtlich gemerkt. Zuerst ... nun ja, wir wollten ein paar Sachen ueberpruefen. Aber jetzt schaut die Sache ein bisschen anders aus. Wir haben das Gefuehl, dass es irgend jemand auf Sie abgesehen hat..." "Wer ist 'wir'?" unterbrach ich ihn. Er grinste. "Einen kennen Sie schon. Sie sind in Stockholm aneinander geraten." "Charles", sagte ich und Becker lachte. "Er hat uns berichtet, wie Sie ihn enttarnt haben. Kasurinnen ist immer noch gut bewacht im Hospital. Sein 'Unfall' war mit hoher Wahrscheinlichkeit keiner. Die schwedischen Kollegen von der Rykspolis kuemmern sich um ihn. Leduc ist seit ihrer Rueckkehr aus Deutschland nicht behelligt worden. Aber von Ihnen wissen wir, dass Sie in letzter Zeit Aerger hatten..." Ich lachte bitter. "Aerger ist leicht untertrieben. Was wissen Sie denn?" Er berichtete ziemlich freigiebig, was er wusste. Es war erstaunlich viel. Die Sache mit der Bombe war allerdings nicht dabei. Wie haette er das auch erfahren sollen? Ich gab keinerlei Kommentar zu dem ab, was er sagte. Er verlangte auch keinen. Zum Schluss schnitt er das Thema 'Motiv und Taeter' an. "Es koennte sein, dass die Taeter es nur auf Maenner abgesehen haben..." Ich blickte ihn unglaeubig an. "Klingt zwar abstrus, aber immerhin wurde Francoise Leduc seit Garmisch nicht mehr belaestigt. Desgleichen Mary Leecumber von Edinburgh. Sie kam einen Tag zu spaet zum Workshop. Ich habe eine email von ihr erhalten, in der sie schreibt, dass es zu keinerlei ungewoehnlichen Ereignissen gekommen sei." Becker hatte eine eigenartige Art, die Saetze zu verschrauben. Das war mir schon damals in Garmisch aufgefallen. "Und was ist mit den uebrigen Teilnehmern, die zu spaet kamen" fragte ich. "Da waren doch noch mehr..." Becker nickte langsam und blickte an die Decke. "Joseph Harden aus Boston und Manfred Wotke aus Wiesbaden. Harden kann nichts Auffaelliges berichten. Er hat nach dem Anschlag in Garmisch zusammen mit seiner Frau eine laengere Europatour gemacht und dabei mehrere Forschungsstaetten besucht. Seit drei Wochen unterrichtet er wieder in Cambridge und arbeitet am MIT. Manfred Wotke arbeitet normalerweise am Bundeskriminalamt in Wiesbaden, Deutschland. Die haben dort ein kleines Labor, das sich mit forensischer Phonetik, vor allem Stimmerkennung, beschaeftigen. Er liegt seit etwa fuenf Wochen mit einer Guertelrose im Bett. In der Zeit davor ist im nichts aufgefallen." Mir kam eine vage Idee. "Haben Sie die email Adressen von den ganzen Leuten?" "Ja, aber..." "Kann ich die haben?" Er sah mich reserviert an. "Wozu?" "Ich wuerde gerne selber mit den Leuten in Kontakt treten. Schliesslich arbeite ich in dem Feld. Vielleicht faellt mir etwas auf, was die Leute verbindet, beziehungsweise nicht verbindet..." "Na gut", sagte er zoegernd, "aber offiziell haben Sie die nicht von mir bekommen, verstanden?" Er holte einen Stift heraus und notierte die Adressen auf einem alten Kalenderblatt. Nostradamus kam selbstbewusst herein und wetzte sich an seinem Futterspender. "Und jetzt?" fragte ich. Becker hob die Schultern. "Ich kann Ihnen keine Vorschriften machen. Ich habe hier offiziell nur Beobachterstatus. Sie haben jederzeit die Moeglichkeit, sich an die lokale Polizei zu wenden...." Ich schnaubte veraechtlich. Er betrachtete mich interessiert von der Seite und nahm wieder sein Bier zur Hand. "Sie halten nicht sehr viel von der Polizei, hab ich recht? Rocher machte auch schon so eine Bemerkung..." "Sie kennen ja wohl jetzt meine Biographie, oder? Koennen Sie sich vorstellen, dass ich besonders freundliche Gefuehle fuer Polizisten hege?!" Er schuettelte missbilligend den Kopf. "Ich will mich darueber nicht streiten. Zurueck zum Thema: Wenn Sie sich nicht unter offiziellen Polizeischutz begeben, haben wir eine Chance, die Taeter zu erwischen." Er sah mich abwartend an. "Ein Lockvogel, wie?" knurrte ich. "Deshalb waren Sie dauernd so dicht auf meinen Fersen." Er nickte. "Wieso eigentlich 'die Taeter'? Woher wissen Sie, dass es mehrere sind?" Becker rieb sich das unrasierte Kinn. "Eigentlich nur eine Vermutung. Wenn es sich um einen Einzeltaeter handelt, muss er enorm beweglich sein." Wir beobachteten beide Nostradamus, wie er sich ueber das Trockenfutter hermachte. Es klang wie ein knackendes Kaminfeuer. "Und wie soll das funktionieren? Ich spaziere frischfroehlich in die gestellte Falle, und dann kommen Sie mit der Crew der Enterprise 'runtergebeamt und retten mich in letzter Sekunde?" Becker sah mich verstaendnislos an. "Wie bitte?" "Vergessen Sie's. Also, wie soll die Sache ablaufen?" "Wir muessen eine unauffaellige Art der Kommunikation vereinbaren. Sonst sollten wir uns nicht mehr treffen. Ich bleibe im Hintergrund und versuche, immer in der Naehe zu bleiben. Ich habe noch eine Kollegin hier, Madeleine Kortner. Wir wechseln uns ab. Wenn Sie oder wir etwas Verdaechtiges bemerken, informieren wir Sie und umgekehrt. Haben Sie ein Handy?" "Sie meinen, ein Cellular? Ja..." "Nehmen Sie's von nun an immer mit. Fuer den Notfall. Fuer die normale Kommunikation, wuerde ich vorschlagen, nehmen wir email. Ich habe Zugang zu verschiedenen Rechnern hier in der Bay Area. Hier ist eine Adresse, die mich ueberall erreicht." Er gab mir eine blanke Visitenkarte mit einer handgeschriebenen Email-Adresse. Ich schaute sie nachdenklich an. "Einverstanden?" fragte Becker. Ich nickte langsam. "Mir bleibt ja kaum eine andere Wahl, nicht?" Ich schaute noch einmal auf die Karte. "Haben Sie in letzter Zeit oefters auf mich gefingert?" Zuerst verstand er den Ausdruck nicht. Ich erklaerte, was ich meinte, und Becker lachte. "Ja, das waren wir. Eine einfache Methode, um festzustellen, ob Sie an Ihrem Arbeitsplatz sind..." Ich laechelte saeuerlich. Er wurde wieder ernst. "Haben Sie in letzter Zeit irgend etwas Auffaelliges bemerkt, das uns weiterhelfen koennte?" Ich erwaehnte den weissen Corsica, aber er winkte ab. "Das war ich oder Madeleine. Sonst noch was?" Ich schuettelte den Kopf. "Uebrigens schulden Sie mir noch ein Bier", sagte ich. Becker blickte unwillkuerlich auf die leeren Bierdosen auf dem Tisch. "Nein, nicht deswegen. Wegen Ihrem weissen Corsica." Ich erzaehlte ihm, wie ich sein Mietauto vor dem jungen Automarder gerettet hatte. Becker stoehnte. "Das heisst, dass er die ganzen Zuendkabel 'rausgerissen hat, stimmt's? Das ist jetzt schon der zweite Wagen. Hertz wird sich freuen..." Becker telefonierte kurz mit der Verleihfirma, daraufhin zog er sich an. "Ich muss weg. Madeleine besorgt einen neuen Wagen. Also, wir bleiben in Kontakt?" Seine Stimme lag irgendwo zwischen Frage und Feststellung. Gleichzeitig hielt er mir seine Hand hin, wie um einen teuflischen Pakt zu besiegeln. Eine komische europaeische Sitte, dieses dauernde Haendeschuetteln. Ich schlug ein.