Also, was sollte ich mir wuenschen? Ich wuensche mir... ja,
ich wuensche mir, dass Janet morgen Abend genauso in mich
verknallt ist, wie ich in sie. Das war ein guter Wunsch. Ein
sehr guter sogar!

Die Raeucherstaebchen waren zu Ende. Ich erhob mich und steckte noch ein paar Scheine in den diskreten Schlitz unter dem blauen Buddhabildnis. Als ich den Tempel verliess, war es bereits dunkel. Ich hatte reuevoll Ueberstunden gemacht, um mein Zuspaetkommen von heute morgen auszugleichen. Kein Joggen mit Janet mehr heute. Nelson stand im Parklizenzbereich und versuchte, unscheinbar auszusehen, damit keiner Meter Maid auffiel, dass er hier nichts zu suchen hatte. Erleichtert ueber meine Rueckkehr sprang er sofort an, und wurde von mir entsprechend gelobt. Waehrend wir uns auf der Shattuck Avenue in den dichten Feierabendverkehr einfaedelten, dachte ich an die komische Mail, die ich heute vom Finger-Daemon erhalten hatte. Es war eine automatisch erzeugte Mitteilung, die besagte, dass in letzter Zeit auffaellig viele Zugriffe auf meine User-Information erfolgt seien. Dann folgte ein Protokollauszug der letzten 72 Stunden. Tatsaechlich hatte jemand dutzende Male den Finger-Befehl auf meinen Namen ausgefuehrt. Es war allerdings nicht zu erkennen, welcher User dahinter steckte. Die Rechner wechselten, aber am haeufigsten waren die quasi oeffentlichen Modemzugaenge der Uni darunter. Ich hatte solche Mails schon frueher mal bekommen. Ab und zu spielten Studenten einfach mit dem Finger-Befehl herum und waehlten sich eben irgendeine Email-Adresse, die sie gerade zur Hand hatten. Trotzdem, irgendwie beunruhigte mich das Ganze. Ich nahm mir vor, morgen Howard, unseren Systemverwalter, zu bitten, meine User-Information fuer den Finger-Daemon zu sperren. Vor mir staute sich der Verkehr; wahrscheinlich ein Unfall in Zentrum. Ich bog nach links ab, um die Stoerung weitraeumig zu umfahren. Ich fuhr langsam durch Wohngebiete, wo oftmals Bumpers den Verkehr am schnellen Vorankommen hinderten. Andererseits, spann ich den Gedanken weiter, was konnte man mit der Information, die der Finger-Daemon weitergab, schon gross anfangen. Der volle Name, die Zimmernummer an der Uni, die Telefondurchwahl, und wann ich das letzte Mal meine mail gelesen hatte, das waren alles keine grossartigen Geheimnisse. Ich bog ein paar Mal rechts und links ab, um ein paar Sackgassen zu umgehen, die die Stadtverwaltung geschickt in die Wohngebiete einbaute, um den Durchgangsverkehr zu behindern. Ploetzlich fiel mir auf, dass der weisse Corsica schon ein wenig laenger hinter mir war, als es die Statistik erforderte. Ich verlangsamte und spaehte angestrengt in den Rueckspiegel. Der Corsica hatte dunkel getoente Scheiben; ich konnte nicht erkennen, wie viele Personen darin sassen. Ich bog noch einmal links und nach einem Block wieder rechts ab. Der Corsica fuhr geradeaus weiter. Ich schuettelte den Kopf und versuchte mich zu orientieren. Ich war schon viel zu weit hinunter nach Westen geraten. Hier begannen die weniger sicheren Wohngebiete Berkeleys. Hauptsaechlich Schwarze und Hispanics lebten hier. Die Dichte der Strassenlaternen nahm ab. Ich versuchte die naechste Querstrasse nach rechts. Fehlanzeige. Eine dieser kuenstlichen Sackgassen, die einen wieder zum Ausgangspunkt zurueckfuehrten. Ich fuhr noch einen Block weiter nach Westen und versuchte es erneut. Nach meiner Rechnung muesste ich schon bald auf die San Pablo Avenue treffen, aber sicher war ich mir nicht. Die Strassennamen hier sagten mir alle nichts. Endlich fand ich eine Querstrasse, die weiter nach Norden fuehrte. Nach drei Bloecken bog ich nach Osten ab, um naeher an die noerdlichen Huegel zu kommen. Ein Wagen schwenkte hinter mir in dieselbe Strasse ein. Als ich zufaellig in den Rueckspiegel blickte, fuehlte ich , wie sich die Haerchen auf meinem Hinterkopf aufstellten. Es war ein weisser Corsica. Neuestes Modell, genau wie der von vorhin. Ich tastete mit der Rechten nach der Walther und zog aus ihrem Versteck hervor. Sie lag beruhigend warm und schwer in meiner Hand. Ich entsicherte die Waffe und legte sie zoegernd auf den Beifahrersitz. Unser Instruktor im Schiessclub hatte uns immer verboten, eine ungesicherte Waffe aus der Hand zu legen. Aber jetzt konnte es sein, dass ich bald alle Haende voll zu tun haben wuerde. Ich fuhr mit steten 25 weiter Richtung Osten. Der Wagen hinter mir hielt gebuehrenden Abstand, fast einen halben Block, versuchte weder aufzuschliessen noch zu ueberholen. Ich atmete dreimal tief durch und versuchte, meine verkrampften Nackenmuskeln zu lockern. Die Strasse endete bei einer Ampel an der Shattuck. Ich wusste jetzt wieder, wo ich war. Der weisse Corsica hielt brav hinter mir. "Ok, Nelson", murmelte ich grimmig. "Es tut mir zwar leid um deine Reifen, aber es muss sein." Schon bei den letzten Worten wechselte die Ampel auf gruen. Der Fahrer des weissen Corsicas setzte den Wagen langsam in Bewegung, aber ich blieb stehen. Er stieg auf die Bremse, um nicht auf mich aufzufahren. Ich konnte den Widerschein der Bremslichter in der Dunkelheit erkennen. Jetzt hatte er den Fuss auf der Bremse. Ich gab Gas, gerade soviel, dass Nelsons Reifen die Haftung nicht verloren, und bog nach links ab. Obwohl ich die Antriebsenergie optimal auf die Strasse gebracht hatte, quietschten die Reifen entsetzlich, als Nelson um die Verkehrsinsel schlingerte. Ich sah den weissen Corsica mit etwa zehn Sekunden Verzoegerung in meine Spur einschwenken. Die Fahrbahn vor mir war frei. Ich drueckte das Gaspedal ganz durch. Der Abstand vergroesserte sich. Ein Corsica ist kein Rennwagen, eher eine Familienkutsche. Aber er war - im Gegensatz zum alten Nelson - ein modernes und vor allem leichtes Fahrzeug, viel wendiger als meine Kiste. Es blieb mir nur eine Chance: Ich musste auf der Gerade bleiben und einen Vorsprung herausarbeiten. Ich weiss nicht mehr, wie viele Ampeln ich bei Rot durchfuhr, es muessen etliche gewesen sein; die Shattuck ist voll davon. Zum Glueck war hier so weit noerdlich kaum noch Verkehr. Irgendwann verlor ich den verfolgenden Corsica aus den Augen. Ich bog zweimal ab, stellte mich an den Strassenrand, schaltete die Scheinwerfer aus und wartete mit laufendem Motor. Ich wartete fast eine viertel Stunde. Nichts. Ich hatte ihn abgeschuettelt. Zeit zum Ueberlegen. Er wuerde kaum die Gegend nach mir absuchen. Wozu auch? Er wusste, wo ich wohnte, wo Janet wohnte, wahrscheinlich sogar, wo Frank wohnte. Was wuerde ich an seiner Stelle tun? Diese Frage war schwer zu beantworten. Es hing davon ab, was er eigentlich vorhatte. Mich zu beschatten? Mir Angst einzujagen? Mich umzulegen? Egal. Am wahrscheinlichsten wird er sich daheim in der Archstreet auf die Lauer legen. Er wird den Wagen irgendwo abstellen, wo er nicht gleich ins Auge faellt und zu Fuss in die Archstreet kommen. Dann wird er sich irgendwo platzieren. Wo? In meinem Apartment? Im Garten? Oder irgendwo anders, von wo er meine Eingangstuer und die Fenster beobachten kann? Ich wischte mir den Schweiss von der Stirn und liess die Kupplung kommen. Nelson ruelpste missmutig und blieb mit einem unsanften Ruck stehen. Die heisse Jagd hatte ihm wohl missfallen; der Motor war abgesoffen. Ich wendete und fuhr durch Nebenstrassen zurueck in Richtung Archstreet. Hier kannte ich mich wenigstens einigermassen aus. Ich fuhr bis zum Backsteingebaeude der Jesuiten, noch zwei Bloecke oberhalb der Archstreet und parkte Nelson dort. Ein paar Minuten blieb ich im dunklen Wagen sitzen und lauschte durch das geoeffnete Fenster. Nichts. Nur das Knacken des erhitzten Motors. Ich steckte die Walther ein - nicht ohne sie vorher gesichert zu haben - und machte mich auf den Weg. Es dauerte lange, bis ich ihn fand. Ich musste den Block mit meinem Haus vorsichtig umgehen, damit mich mein Verfolger nicht zufaellig sehen konnte. Aber schliesslich fand ich ihn. Ich kam um die Ecke und da stand er, keine dreissig Yards von mir entfernt, ganz normal auf der Strasse geparkt, im Schatten eines riesigen Mammutbaums. Der weisse Corsica war leer, das sah ich schon von weitem. Aber neben dem Wagen, auf der Fahrerseite stand gebueckt eine dunkle Gestalt. Ich tauchte in den Schatten des naechsten Vorgartens und hoffte, dass ich keinen Hund aufschrecken wuerde. Die Person neben dem Wagen hatte mich offensichtlich nicht bemerkt; sie war mit irgend etwas beschaeftigt. Ich zog die Walther hervor und naeherte mich vorsichtig dem Corsica, durch zahlreiche Rhododendronbuesche in den Vorgaerten gut geschuetzt. Die nachtfeuchten fleischigen Blaetter wischten mir unangenehm uebers Gesicht; ab und zu knackten Zweige unter meinen Fuessen. Ich konnte immer noch nicht erkennen, was der Typ da machte. Schliesslich stand ich kaum zehn Yards von ihm entfernt im dunklen Schatten des Mammuts, als ploetzlich die Fahrertuer aufsprang und das Licht im Wageninneren anging. Ich hoerte einen unterdrueckten Ruf und das Licht fiel dem Mann voll ins Gesicht. Es war ein junger Schwarzer, vielleicht 16 oder 17, eventuell auch juenger; bei unseren schwarzen Studenten verschaetzte ich mich auch oft. Er trug einen blauen Rollkragenpullover, soviel konnte ich noch erkennen, bevor das Licht wieder erlosch. Ich stand unschluessig da und wartete, dass der Motor angelassen wuerde, aber es erstmal geschah gar nichts. Ploetzlich fiel bei mir der Groschen, und ich sprang aus meiner Deckung ueber den Gehweg und riss die Beifahrertuer auf. Zwei riesige dunkle Augen starrten entsetzt auf die Walther, die ich ihm unter die Nase hielt.