Ich steckte den Zettel in die Tasche und wandte mich zur Tuer. Janet
wartete auf mich. Ein warmes Gefuehl durchflutete mich. Jemand wartete
auf mich.

Die kleine blonde Hostess reichte mir laechelnd den Becher mit dem dampfenden Kaffee. Ich machte ihr ein Kompliment ueber ihre huebschen langen Beine, die sie unter ihrem weissen Miniroeckchen freigiebig zur Schau stellte. Sie verstand nur die Haelfte, das konnte ich an ihrem Gesicht sehen, aber sie kicherte erfreut und plapperte etwas mit ihrer Kollegin. Dann nahm sie mich bei der linken Hand und zog mich sanft aber bestimmt quer durch das riesige Foyer. Ich war ueberrascht, aber auch nicht so ueberrascht. "Suchen wir ein uns ruhiges Plaetzchen?" fragte ich, waehrend ich mich bemuehte, im Gehen den heissen Kaffee nicht zu verschuetten. Sie lachte, und ich blickte ueberrascht auf. Ploetzlich stand Janet vor mir und hielt mich an der Hand. Sie trug das gleiche laecherliche Hostessengewand, mit kurzaermligen besticktem Hemdchen, grosszuegigem Ausschnitt und dem albernen Miniroeckchen. Wieso fand ich das Miniroeckchen ploetzlich albern? Ihre Beine waren fast noch huebscher als die der Hostess. Ich blickte mich nach der Hostess um, aber die war ploetzlich verschwunden. Janet lachte mich an und zerrte mich weiter auf die grosse hellbraun getaefelte Saaltuere zu. Mit jedem Schritt fuehlten sich meine Beine schwerer an. Janets Lachen wurde schriller und lauter. Irgend etwas stimmte nicht mehr. Die Tuere vor uns wurde immer groesser, und obwohl wir hastig darauf zu stolperten, schien sie sich zu entfernen. "Janet", keuchte ich. "Ich glaube, wir finden hier kein ruhiges Plaetzchen. Das ist eine Konferenz..." Sie bog den Kopf nach hinten und lachte hysterisch. Es klang fast wie ein Schrei. "Janet! Glaub' mir. Da sind alle moeglichen schrecklichen und langweiligen Leute hier. Sie lungern an allen Ecken herum und lauern auf Sensationen. Wir koennen hier nirgends... Lass uns lieber zurueck ins Hotel..." Etwas veraenderte sich. Zuerst verstand ich nicht, was. Aber dann sah ich den blau leuchtenden Tuerspalt. Die Saaltuere oeffnete sich! Ich wusste ploetzlich, dass sie sich nicht oeffnen durfte. Unten quoll blauer Nebel durch den Spalt. Im Spalt leuchtete es staerker; es blendete blaeulich. "Janet!" keuchte ich verzweifelt. "Diese Tuere muss geschlossen bleiben. Hoerst du? Sie MUSS zu bleiben!" Janet schien mich nicht zu hoeren. Sie klammerte sich an mein linkes Handgelenk und zog mich von der Tuere weg. Aber ich musste doch dorthin! Jemand musste die Tuere schliessen, zuhalten, sich dagegen stemmen, etwas unternehmen. Ploetzlich war das Foyer voller Leute. Sie standen da, tadellos gekleidet, hielten Konferenztaschen unter den Armen und Cocktailglaeser in der Hand und beobachteten uns pikiert. Keiner machte Anstalten, mir zu helfen, die Saaltuere zu erreichen, aus der unaufhaltsam der blaue leuchtende Nebel quoll und ins Foyer floss. Ich versuchte, mich von Janet loszureissen, aber in diesem Moment bohrten sich ihre spitzen Fingernaegel tief in das Fleisch meines Unterarms. Ich stoehnte laut auf und schleifte sie hinter mir her. "Nein!" gellte ihre Stimme in mein Ohr. "Du darfst nicht dorthin!" Aber ich wusste, dass ich das einzig Richtige tat. Niemand von diesen Oelgoetzen um mich herum wuerde etwas unternehmen! "DU DARFST NICHT DORT HINEIN! NEEEEIN!" Ich hatte die Saaltuere erreicht. Sie war wieder normal gross. Mit der rechten Schulter stemmte ich mich dagegen, und nach einer ewig langen Sekunde begann sie sich zu schliessen. "Mein lieber... aeh... Mister Moltke... aeh..." Prof. Peekocks Maul oeffnete und schloss sich dicht vor meinen Augen. "Sie... aeh... sollten auch etwas trinken... ja... aeh... alle trinken hier, nicht wahr?" Mein Magen krampfte und begann sich umzudrehen. "Aber... aber ich habe doch schon etwas zu trinken...", stammelte ich und hob den dampfenden Kaffeebecher. Der Becher war ploetzlich bis zum Rand gefuellt mit stinkenden Zigarettenkippen. Ich spuerte, wie der Druck der Tuere in meinem Ruecken staerker wurde. Janet war ploetzlich verschwunden, aber meine linke Hand schmerzte entsetzlich. "Ah... aeh... aber warum, na! Warum trinken Sie dann nicht?!" Ein gellender Schrei liess mich herumfahren. "NEIN! NEEEIN!" Janet wurde von zwei gesichtslosen Maennern in weisser Hospitalskleidung weggetragen. Sie war in eine Zwangsjacke geschnallt. Ich wollte zu ihr hin, ihr helfen. Aber Peekock stand mir immer im Wege und wollte, dass ich mit ihm trinke. Er brabbelte Unverstaendliches ueber seine Nieren und dass er keine Ohren mehr habe, sondern plastische Attrappen. Alle Augen im Foyer waren ploetzlich auf uns gerichtet. Ich fuehlte, wie mir der Schweiss ausbrach. "Nein, nein, aeh, mein Lieber. Ich habe den alleinigen Anspruch auf die... aeh... Wahrheit. Na! Das waere ja noch... aeh... schoener! Haben Sie keinen Respekt vor... vor... vor... Also trinken Sie endlich!" Die naeselnde Stimme ging mir so auf die Nerven, dass ich die Beherrschung verlor. Ich schuettete Peekock die Zigarettenkippen mitten in die grinsende Visage. Augenblicklich verstummte Janets Schreien. Sie hing nur noch leblos im festen Griff der Irrenwaerter; ihre blossen Fuesse schleiften ueber das helle Parkett. "Das haetten Sie... nein, das haetten Sie nicht tun sollen!" Peters stand neben dem versteinerten Peekock und schuettelte strafend den Kopf. Entsetzt musste ich mitansehen, wie Peekocks Gesicht sich aufzuloesen begann. Obwohl er scheinbar ganz ruhig in seiner ueblichen, etwas gebueckten Haltung vor uns stand, in der einen Hand das Cocktailglas, die andere hinter dem Ruecken versteckt. Sein Gesicht wurde fluessig, blaeulicher Rauch quoll auf und floss an ihm herab. Zuerst sank Peters stumm zu Boden; dann fielen im ganzen Raum die Menschen um. Ersticktes Keuchen war alles, was noch zu hoeren war. Sekunden spaeter, die wie Aeonen dauerten, war ich allein mit lauter leblosen Koerpern. Das war zu viel; ich schrie, so laut ich konnte, um Hilfe. "He! Wach auf, du Dummkopf!" Ich brauchte zwei ganze lange Sekunden, um wieder in die Realitaet zurueckzukehren. "Wach auf! Du hast schlecht getraeumt!" Janets verschlafene Stimme. Das erste Morgenlicht drang durch das offene Fenster. Ihre Hand ruettelte sanft an meiner Schulter. Der ganze linke Arm war taub und begann nun schmerzhaft zu kribbeln. Erleichtert liess ich mich in die Kissen zurueckfallen. Ich fuehlte, wie sich alle meine Muskeln entspannten. Janet murmelte noch etwas und suchte eine bequemere Stellung fuer ihren Kopf an meiner Schulter. Dann war sie schon wieder eingeschlafen. Auch ich schloss die Augen. Welch ein Glueck, wenn man aufwachen darf!

Janet hatte heute keine Zeit fuer mich. Also liess ich mir auf dem Heimweg von der Uni Zeit und hielt kurz vor dem Tempel der Zen-Buddhisten. Ich bin nicht besonders glaeubig, nie gewesen. Als Kind war ich auf dem Papier Mitglied in einer christlichen Gemeinde; ueber meine Eltern - nicht aus eigenem Antrieb heraus. Mit meinem neuen Leben hier in Berkeley hatte auch diese Scheinzugehoerigkeit ihr Ende gefunden. Eine Weile hatte ich mit dem Gedanken gespielt, mich den Zen-Buddhisten anzuschliessen. Aber das war wohl auch eher nur eine Mode; zu einer bestimmten Zeit war es in der Bay Area einfach hip gewesen, Zen zu betreiben. Ganz besonders in Hackerkreisen. Trotzdem, die konzentrierte Ruhe der Meditationshalle hatte etwas fuer sich. Manchmal kam ich hierher, um ein paar Raeucherstaebchen anzuzuenden und etwas Geld zu spenden. Dann sass ich einfach da und beobachtete, wie die Staebchen herunterbrannten. Dabei versuchte ich halbherzig, meinen Kopf zu leeren und auf 'die Stille in mir zu horchen', wie es mein Zen-Meister immer genannt hatte. Natuerlich funktionierte es eben so wenig wie damals, als ich noch begeisterter Zen-Anhaenger gewesen war und zusammen mit hundert anderen Zen-Adepten genau hier, in dieser Halle, versucht hatte, die Schmerzen des Lotussitz zu ignorieren. Jetzt sass ich bequemer da, einfach im Schneidersitz und mit gekruemmten Ruecken, und ueberlegte in aller Ruhe, was ich mir von den unsterblichen Maechten erbitten sollte - als Gegenleistung gewissermassen fuer meine gestifteten Raeucherstaebchen und die Spende an den Tempel. Das tat ich immer, obwohl es auf den ersten Blick kindisch wirkte. Bei richtiger Anwendung liess sich daraus ein ausserordentlich positives Gefuehl ableiten. Man macht einen Handel: Rauch und Geld gegen die Erfuellung von Wuenschen. Der Verhandlungspartner war zwar nicht direkt ansprechbar, aber das machte die Sache womoeglich noch reizvoller. Die Kunst bestand darin, sich keine unmoeglichen Sachen zu wuenschen. Das frustrierte nur und ausserdem glaubte ich dann von vorne herein nicht an die Erfuellung. Anders war es dagegen mit alltaeglichen kleinen Wuenschen, kleinen Freuden und Genuessen. Zum Beispiel wuenschte ich mir, dass Nelson morgen wieder anspringen wuerde. Oder dass kein Student in die naechste Sprechstunde kaeme. Solche Wuensche gingen leichter in Erfuellung. Und die Freude darueber war dann irgendwie verdoppelt - obwohl das natuerlich unlogisch war. So unlogisch wie eben Zen. Zen, oder die Kunst, sich Wuensche auszudenken. Ich laechelte und beobachtete die zarten Rauchspiralen vor dem blauen Hintergrund. Es war sehr still in der niedrigen Halle. Ganz vorne sass ein Adept in perfekter Haltung vor einer grossen Zen-Kalligraphie. Meine Gedanken schweiften ab. Ich dachte an letzte Nacht, an Janet und das ewig alte Spiel der Liebe. Erst spaet in der Nacht waren wir erschoepft eingeschlafen, hatten den Wecker einfach ueberhoert und waren erst gegen Mittag hochgeschreckt. Mein seltsamer Alptraum fiel mir wieder ein. Ich konnte mich kaum noch daran erinnern, aber er war sehr beaengstigend gewesen. Seit meiner Pubertaet hatte ich keinen so schlimmen Traum mehr gehabt. Aber worum ging er? Es hatte irgend etwas mit Garmisch zu tun gehabt. Heute vormittag hatte ich Frank angerufen. Er war bester Laune. Ich sagte ihm, dass ich das Auto vor seinem Haus abgestellt hatte, und entschuldigte mich fuer die gestrige Aufregung. "Vergiss es, Kleiner. Hab' mich selten so amuesiert." "Frank!" "Ich meine... ich wollte sagen...", stotterte er. Nach und nach kitzelte ich die ganze Story aus ihm heraus. Er hatte Pat natuerlich zum Essen eingeladen und so weiter. Na gut, dachte ich, ein Problem weniger auf der Welt. Vielleicht sogar zwei. Frank erwaehnte naemlich, ganz gegen seine sonstigen Gewohnheiten, mit keinem Wort seinen notorischen Verfolgungswahn. Gegen Mittag war Archie ploetzlich in meinem Cubicle erschienen. Er war gestern Abend aus Paris eingeflogen und sah sehr zufrieden aus. Ich fragte ihn nach seiner Session auf der SSWP und er - ganz gegen seine sonstige Art - erging sich in einer begeisterten Schilderung der Konferenz mit allen Einzelheiten. Dann fragte er mich ueber meinen Trip nach Stockholm aus. Ich berichtete ihm kurz, was mich bewogen hatte, dorthin zu fliegen. Ich weiss nicht, warum, aber ich erzaehlte ihm sogar die ganze Geschichte mit Charles Rocher. Seine Augen wurde groesser und groesser, und er begann, immer mehr Fragen zu stellen. Schliesslich hatte er fast die ganze Geschichte aus mir herausgeholt. Es folgte das
Unvermeidliche: Er meinte, ich solle sofort zur Polizei gehen und ich sei ja wohl lebensmuede, dass ich immer noch so einfach in der Gegend herum spazierte. Ich tat so, als ob ich seinen sicher gut gemeinten Ratschlag beherzigen wollte. Um ihn zu beruhigen, zeigte ich ihm die Walther, die ich jetzt immer bei mir trug. Das schien ihn aber eher noch mehr aufzuregen. Nachdem ich ihm noch das Versprechen abgenommen hatte, die Sache nicht an die grosse Glocke zu haengen und um Gottes Willen nicht den Kollegen, vor allem nicht Minni, zu erzaehlen, verschwand er kopfschuettelnd in sein eigenes Cubicle an anderen Ende des Flures. Der Zen-Schueler erhob sich langsam und ging, ohne mich zu beachten, nach hinten hinaus. Ich runzelte die Stirn und versuchte, zum Thema zurueckzukommen. Also, was sollte ich mir wuenschen? Ich wuensche mir... ja, ich wuensche mir, dass Janet morgen Abend genauso in mich verknallt ist, wie ich in sie. Das war ein guter Wunsch. Ein sehr guter sogar!