"Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich klaere Sie - im Groben
- ueber die weissen Flecke in meiner Vergangenheit auf. Und
Sie geben mir im Gegenzug alles, was Sie sonst noch ueber
den Fall wissen."
Er ueberlegte einen Moment, dann bestellte er zwei weitere
Biere und nickte einmal kurz. Also erzaehlte ich ihm alles.

Nicht ganz detailliert, aber doch so, dass
er genug wusste, um zu verstehen. Ueber meine verkorkste Kindheit, mein chaotisches Elternhaus. Wie ich ausgebrochen war und mir die falschen Freunde gesucht hatte. Wie ich die ersten Hacker kennenlernte. Wie ich mit meinen Computerkenntnissen bald selbst zu einem gefragten Hacker in der Gegend von LA wurde. Ich verschwieg auch nicht die illegalen und halb illegalen Dinge, die ich damals im Wahn meiner rechentechnischen Allmacht begangen hatte. Dann der Fall 'Medusa'. Wie ich ploetzlich mit unwiderleglichen Beweisen gegen die Mafia dasass und genau wusste, dass allein der Besitz dieser Daten mich den Kopf kosten koennte. Nur weil ich meinte, meine neugierige Nase in jeden Rechner stecken zu muessen. Vom meinem zunaechst anonymen Kontakt mit dem FBI, berichtete ich. Dann von der fingierten Verhaftung und dem Hochsicherheitstrakt, wo sie mich bis zur Verhandlung unter Verschluss hielten. Schliesslich erklaerte ich ihm, warum sie meine Vergangenheit nicht weiter als etwa acht Jahre hatten zurueckverfolgen koennen. Von meinem Handel mit den Bundesbehoerden und dem besorgten Richter in Santa Rosa, den ich ueberzeugen musste. Und schliesslich, dass ich froh war, weit weg von LA und meiner Familie ein neues, ungetruebtes Leben in Berkeley beginnen zu duerfen. Schliesslich schwieg ich und schaute in meine leeres Bierglas. Es war spaet geworden. Der glutaeugige Besitzer der Kneipe begann, die Stuehle der benachbarten Tische zusammen zu stellen und mit einem langen Stahlkabel fest zu schliessen. Charles Rocher richtete sich in seinem Stuhl auf und seufzte. "Das war... sehr informativ und... beeindruckend, George. Oder sollt ich lieber Thomas sagen?" Ich sagte ihm, dass ich lieber meinem jetzigen Namen hoerte, und er nickte verstaendnisvoll. Wir sassen ein paar Sekunden schweigend da und sahen dem Kneipenbesitzer beim Aufraeumen zu. "Und jetzt?" fragte ich schliesslich. Charles raeusperte sich. "Ich denke, dass ich nicht alles an die Kollegen weitergeben muss. Es ist augenscheinlich, dass wir Sie endgueltig von der Liste streichen koennen." Er sagte nicht, was fuer eine Liste, aber ich konnte es mir auch so denken. Dann blickte er auf seine schwere Armbanduhr. "Ich werde auf jeden Fall hier bleiben, bis Kasurinnen wieder einigermassen auf dem Damm ist. In der Zwischenzeit kann ich versuchen herauszufinden, was an seinem Verfolgungswahn wirklich dran ist." Er blickte mich fragend an. "Und Sie?" "Ich muss morgen Abend zurueck in London sein. Ich glaube", fuegte ich zoegernd hinzu, "nachdem, was wir heute gesehen haben, hat es wenig Sinn fuer mich, Kasurinnen noch einmal zu besuchen." Charles laechelte. "Die Schwestern werden uns kaum an ihn heranlassen, wenn sie mitbekommen, dass wir seine 'Wahnvorstellungen' unterstuetzen. Nein, ueberlassen Sie Kasurinnen ruhig uns. Aber passen Sie selbst auf sich auf. Ich hoffe ja immer noch, dass wir alle das Opfer einer Massenpsychose sind. Aber man kann nie wissen..." Wir standen auf und machten uns durch die leergefegten Strassen der Gamla Stan auf den Weg zurueck zum Hotel. Charles hatte sich der Einfachheit halber im Nachbarhotel eingemietet. Ich ueberlegte kurz, ob ich Charles von meinen seltsamen Erlebnissen der letzten Zeit erzaehlen sollte, entschied mich aber, es nicht zu tun. Da kam mir ein anderer Gedanke. "Was ist mit den anderen Ueberlebenden des Garmisch Workshops?" "Alle wohlauf. Bis jetzt." "Haben Sie zufaellig eine Telefonnummer von Francoise Leduc?" Charles grinste wissend. "Hab ich. Aber warum sollte ich sie herausruecken? Kennen Sie Leduc naeher?" Sein Tonfall sagte mir alles. Also tat ich ihm den Gefallen. "Wir haben zusammen eine Nacht verbracht; das wollen Sie doch hoeren, oder? Bekomme ich jetzt die Nummer?" Charles lachte. "Nichts fuer ungut, George. Aber Sie wissen, dass sie mit einem festen Freund zusammen lebt?" Ich nickte. "Trotzdem wuerde ich sie gerne mal sprechen, wenn ich schon hier in Europa bin." Charles kramte in seinem Notizbuch und schrieb mir die Nummer auf einen Zettel. An der Rezeption meines Hotels verabschiedeten wir uns. "Viel Glueck!" "Passen Sie auf sich auf, George!" Erst auf meinem Zimmer fiel mir der kleine Revolver ein. Ich nahm ihn aus der Tasche und schaute ihn nachdenklich an. Ich hatte den ganzen Abend mit einem Cop verbracht, hatte einem Cop meine ganze Lebensgeschichte erzaehlt, hatte mit einem Cop zusammen Bier gesoffen und gegessen und... ich mochte ihn. Ploetzlich fiel mir auf, dass ich von Rocher im Gegenzug keinerlei neue Informationen erhalten hatte. Vielleicht hatte er gar keine? Ich legte die Waffe kopfschuettelnd in meinen Koffer und ging ins Bett. Noch vor dem Fruehstueck rief ich Francoises Nummer in Frankreich an. Eine maennliche Stimme meldete sich auf franzoesisch. Ich fragte nach Francoise und nach einigem Hin und Her kam sie selbst ans Telefon. "Ah, George. Was fuer eine Ueberraschung? Bist du etwa 'ier in Frankreisch?" Sie klang froehlich und gluecklich. Ich beschloss, gar nichts von der ganzen Geschichte zu erwaehnen, um sie nicht unnoetig zu beunruhigen. Wir plauderten eine paar Minuten, das heisst, die meiste Zeit erzaehlte Francoise. "Isch bin rischtig froh, dass isch weg von Paris bin. Die Wissenschaft ist doch nischts fuer misch, George. 'ier bei Marc bin isch viel gluecklischer. Isch arbeite jetzt an der Schule 'ier. Englisch und Mathematik." Ich beglueckwuenschte sie zu ihrer neuen Berufswahl und nach ein paar weiteren Plaudereien verabschiedeten wir uns. Nicht ohne uns vorher beiderseitig zu versichern, dass wir uns unbedingt gegenseitig besuchen muessten, und so weiter. Spaeter versuchte ich noch einmal die Nummer von Archies Hotel in Paris. Diesmal hatte ich Glueck. "George?" Er klang ziemlich ueberrascht. Kein Wunder. "Du bist wo? In Stockholm? Was, um Gottes Willen machst du da?" Ich erzaehlte ihm kurz die Hintergruende. "Was? Moment mal, ich komme da nicht ganz mit. Du bist nur nach Stockholm geflogen, um diesen... Finnen zu besuchen?" Ich klaerte ihn ueber den eigentlichen Zweck meiner Reise auf. "Ach, so! Das SPROUT Projekt. Stimmt ja. Das war diese Woche. Cambridge, nicht wahr?" Er klang erleichtert. "Und ich dachte schon, jetzt hat es dich voll erwischt! Fliegst wegen diesem Finnen, den du kaum kennst nach Europa! Und was machst du jetzt?" Ich sagte ihm, dass mein Flug nach San Fran in ein paar Stunden ginge. "Wie ist der Workshop?" fragte ich. "Der Workshop? Ach so. Ja, nicht schlecht. Ich war ja diesmal Chairman. Ganz schoen komisch, ploetzlich auf dem Podium zu sitzen. Aber nicht schlecht, wie gesagt. Ich habe auch einen Beitrag gehalten. Ein paar Leute haben sogar Fragen gestellt, die darauf schliessen lassen, dass sie meinen Vortrag verstanden hatten." Er versuchte, unbeteiligt zu klingen, aber der unterschwellige Stolz in seiner Stimme war deutlich herauszuhoeren. "Super", sagte ich anerkennend. "So eine Veroeffentlichung kannst du dir einrahmen." Archie lachte. "Naja. Wieder eine mehr auf der Veroeffentlichungsliste. Manchmal denke ich, was fuer ein Schwachsinn dieses System ist. Aber du weisst ja: wenn die Anzahl deiner Veroeffentlichungen sinkt, landest du gleich bei den Full Time Lecturers." Ich nickte. "Publish or perish." "Genau. Und deshalb wird ja in diesem Land auch jeder Furz viermal veroeffentlicht." "Wobei er nach den vierten Mal entgueltig sein Aroma verloren hat." Archie lachte. Wir wechselten noch ein paar Belanglosigkeiten und verabschiedeten uns. Er sagte, er wuerde in drei Tagen wieder in Berkeley sein. Um zwoelf nahm ich den Flughafenbus nach Arlanda. Vor dem Check-In erwartete mich bereits Charles Rocher. Wir schuettelten uns die Haende, obwohl wir es gestern schon getan hatten. Komische Sitte in Europa, sich bei jeder Gelegenheit die Haende zu reichen. "Aeh, haben wir nicht eine Kleinigkeit vergessen?" fragte Charles scheinheilig. Ich lachte und oeffnete meinen kleinen Koffer. "Ehrlich gesagt, ich hatte schon ueberlegt, ob ich ihn einfach bei der Rezeption abgeben sollte", sagte ich und reichte ihm den Revolver, sorgfaeltig in eine Plastiktuete gewickelt. "Also dann. Vielleicht auf ein Wiedersehen." "Passen Sie auf sich auf!"