Ich hatte eigentlich gar keinen bestimmten Plan, aber ich
konnte der guenstigen Konstellation einfach nicht
widerstehen und stellte meinem Verfolger im letzten Moment
ein Bein in den Weg. Er versuchte noch auszuweichen,
stolperte aber dennoch und ging mit einem ueberraschten
Ausruf halb in die Knie. Bevor er sein Gleichgewicht
wiederfinden konnte, hielt ich seine Arme von hinten
umklammert und zog ihn vom Gehsteig in den dunklen Eingang
des Gebaeudes. Ploetzlich bereute ich, dass ich ihn nicht
einfach hatte weiterlaufen lassen. Durch das leichte Jacket
fuehlte ich deutlich eine Waffe unter seinem linken Arm.

Er keuchte und versuchte, seine Arme loszureissen. Ich verschraenkte meine Haende hinter seinem Nacken und fluesterte: "Ganz ruhig. Sonst breche ich Ihnen das Genick. Ueberhaupt kein Problem." Ich spannte meine Armmuskeln etwas und in seinem Nacken knackte es leise. Ich fuehlte, wie seine Muskeln ploetzlich erschlafften. Das konnte aber auch nur ein Trick sein. Er wedelte locker mit seinen freien Haenden und kraechzte auf Englisch: "Ok, ok, Sie haben gewonnen. Brechen Sie mir nicht aus Versehen den Hals." Es war natuerlich Joere Bergenson. "In meiner Innentasche ist eine kleiner Revolver. Nehmen Sie ihn von mir aus heraus, aber seien Sie vorsichtig damit. Ich lasse die Haende solange oben." Ich loeste vorsichtig meinen Griff und tastete nach der Waffe. Sie steckte nicht in einem Schulterhalfter, sondern einfach in der Innentasche seines Jacketts. Ein dunkel eloxierter stumpfnasiger Revolver. Er war geladen und gesichert. Ich liess Bergenson los und trat rasch zwei Schritte zurueck. "Sie koennen die Arme jetzt herunternehmen", sagte ich. Er drehte sich laechelnd um. "Und jetzt", fuhr ich fort, "moechte ich gerne wissen, wer Sie wirklich sind, Herr Joere Bergenson. Und keine Fantasiegeschichten mehr." "Ich glaube", erwiderte er mit ruhiger Stimme, "am einfachsten ist es, wenn ich Ihnen meinen Dienstausweis zeige. Darf ich ...?" Er griff sich vorsichtig in die andere Innentasche und holte eine lederne Brieftasche hervor. Er reichte sie mir aufgeklappt herueber. Ich studierte den Lichtbildausweis kurz. "Sie sind also britischer Polizeibeamter des Scotland Yard. Heissen nicht Joere Bergenson, sondern Charles Rocher. Wie spricht man das aus? Aha. Wenn Sie das naechste Mal nach Ihrem Namen gefragt werden, sollten Sie erstens nicht ueberlegen muessen, zweitens einen Namen nehmen, der auch im Telefonbuch steht." Ich steckte die Waffe vorerst in meine Jackentasche. "Damit Sie dann dort anrufen und den richtigen Mann interviewen?" fragte er laechelnd. "Stimmt auch wieder", gab ich zu. "Sie sind mir aus London hierher gefolgt und haben - ziemlich erfolgreich, wie ich zugeben muss - alle meine Schritte hier ueberwacht. Darf ich fragen, warum?" Er lachte kurz. "'Ziemlich erfolgreich' wuerde meine Chefin das nicht mehr nennen, wenn ich schon am ersten Tag enttarnt werde. Ok, wir sollten vielleicht irgendwo hin gehen, wo wir laenger reden koennen, ohne aufzufallen." Zoegernd willigte ich ein. Ich liess ihn vorangehen. Er fuehrte mich zurueck zur Hauptstrasse, dann nach rechts und kurz darauf verschwand er wieder rechts in einem niedrigen Torbogen. Ein kleiner Innenhof oeffnete sich nach wenigen Yards, auf dem zwei Garkuechen ihre Tische und Stuehle aufgestellt hatten. Rocher holte zwei Flaschen Bier und bestellte etwas zu essen. Dann setzten wir uns an den hintersten Tisch. "Sind Sie nun schwul, oder war das auch nur ein Trick, mich einzulullen?" eroeffnete ich das Gespraech. Rocher nickte laechelnd. "Das funktioniert meistens recht gut. Allerdings nicht bei allen Maennern. Bei Frauen ist es die Masche. Ich bin nicht schwul, aber ich kann mich so verhalten, als ob. Die meisten koennen sich nicht vorstellen, dass vom einem Homosexuellen eine Bedrohung ausgehen koennte, ausser vielleicht, ... naja, das Uebliche halt." Er lachte kurz und nahm noch eine Schluck. "Wie haben Sie gemerkt, dass ich Sie verfolgt habe? Ich dachte ich waere einigermassen gut..." Eine laermende Gruppe von Teenagern besetzte zwei Tische neben uns. "Ich wusste, dass Sie mir auf den Fersen waren", sagte ich. "Es gibt keinen Joere Bergenson im Stockholmer Telefonbuch, und ihr Wagen war gemietet. Auf dem Nummernschild war das Hertz Firmenzeichen. Warum sollten Sie mir so einen Quatsch erzaehlen? Der einzige vernuenftige Grund war, dass Sie mich ueberwachen sollten. dass Sie allerdings von Scotland Yard sind, hatte ich nicht erwartet. Woher koennen Sie so gut Finnisch und Schwedisch?" Er hob die Augenbrauen. "Tja, ich war nicht immer nur beim Yard. Frueher habe ich Skandinavistik gelehrt. In Oxford. Aber das akademische Leben wurde mir zu eintoenig. Also habe ich den Beruf gewechselt." Ein orientalisch aussehender Mann mit kohlschwarzen Augen brachte uns zwei heisse Teigtaschen gefuellt mit allerlei Gemuese und Fleisch. Es roch nach Zimt und Koriander. Rocher nahm sich eine der Taschen und biss hungrig hinein. "Versuchen Sie's", sagte er mit vollen Backen und deutete auf die zweite Portion. "Falaffel. Die besten, die Sie sich vorstellen koennen." Ich wollte jetzt endlich wissen, woran ich war. Ich beugte mich vor, stuetzte meine Ellbogen auf den wackligen Tisch und fixierte ihn scharf. "Ich warte immer noch auf eine plausible Erklaerung, Rocher!" "Meine Guete, sind Sie ungeduldig." Er wischte sich sorgfaeltig weisse Sosse vom Kinn und begann: "Die Sache ist nicht ganz einfach zu erklaeren. Es haengt alles damit zusammen, dass Sie und Kasurinnen und diese Franzoesin den Massenmord in Deutschland vor zwei Monaten ueberlebt haben. Wie Sie vielleicht wissen, sind die Ermittlungen der deutschen Behoerden schon lange stecken geblieben. Da die Opfer aus vielen europaeischen Laendern stammen, hat die deutsche Polizei die Ermittlungen an eine Interpol Task Force abgegeben. Unter anderen gehoere auch ich dieser Gruppe an. Ich wurde informiert, dass Sie nach Europa zurueckkommen, und... nun, ja, als ich erfuhr, dass Kasurinnen verunglueckt sei und Sie ploetzlich nach Stockholm fliegen wollten, habe ich mich an Sie drangehaengt." Der glutaeugige Mann brachte uns zwei weitere Flaschen Bier. Das Bier war gut. Die Falaffel auch. "Aber warum?" wollte ich wissen. Charles Rocher zoegerte. "Tja, ich weiss nicht ..." Er fuhr sich mit der Hand durch sein gepflegtes Haar. Ich bemerkte, dass er echt goldene Manschettenknoepfe trug. Schliesslich schien er sich zu einem Entschluss durchzuringen. "Sehen Sie, George" sagte er mit fester Stimme und blickte mir direkt in die Augen. "Wir, das heisst, genauer gesagt, unser deutscher Kollege, hat sich natuerlich auch ausfuehrlich mit dem Hintergrund der beteiligten Personen beschaeftigt. Dabei ist uns natuerlich nicht entgangen, dass sich Ihr Leben nur bis zu einem bestimmten Punkt zurueckverfolgen laesst. Selbst die amerikanischen Behoerden waren... sagen wir mal, nicht besonders hilfsbereit, was Auskuenfte ueber Sie anging. Damit waren Sie im Moment der einzige Ansatzpunkt, von dem wir uns einen Fortschritt versprachen. Folglich haben wir uns ein wenig auf Sie konzentriert." Er blickte mich erwartungsvoll an. Ich sagte aber nichts. Noch nicht. "Die Vergangenheit holt einen immer wieder ein", hatte der Richter damals in Santa Rosa gesagt. "Wir koennen es nur ein wenig hinauszoegern, aber letztendlich werden Sie eines Tages wieder damit konfrontiert. Und damit muessen Sie rechnen und sich darauf vorbereiten." "George?" Der Mann von Scotland Yard schaute mich forschend an. "Aeh, ich war einen Moment ... ich habe gerade an etwas anderes gedacht", sagte ich rasch und riss mich zusammen. "Ich verstehe. Sie haben mich im Verdacht gehabt, weil ich einen riesigen weissen Fleck in der Vergangenheit habe." Rocher nickte. "Alle anderen Ueberlebenden und noch einige mehr haben wir ueberprueft. Alles ganz normal. Nur bei Ihnen..." "Nur bei mir konnten Sie nichts erfahren, was laenger als acht Jahre zurueckliegt." Rocher nickte wieder bestaetigend. "Aber jetzt hat sich die Sache geaendert", sagte er. "Wieso?" "Die einzelnen Gruende kann ich Ihnen nicht nennen, aber alles deutet jetzt eher auf einen Taeter oder eine Taetergruppe ausserhalb Ihres Kreises hin. Genau genommen", er unterbrach sich und laechelte, "bin ich zu Ihrem Schutz abkommandiert worden - nicht um Sie zu ueberwachen." Das musste ich erst einmal verdauen. "Zu meinem Schutz", sagte ich tonlos und starrte ihn an. "Zu Ihrem Schutz", nickte er und leerte sein Glas mit einem gewaltigen Schluck. Es war schon sein drittes Bier. Aber das Bier war, wie gesagt, gut. "Dann... dann leidet Kasurinnen vielleicht doch nicht unter Verfolgungswahn?" Rocher schaute mich nur an, ohne die Miene zu verziehen. "Ich verstehe", sagte ich langsam. "Sie haben schon mehr gesagt, als unter diesen Umstaenden ratsam ist." Er nickte langsam. Ich ueberlegte. Seine Geschichte klang plausibel, und der Dienstausweis war zweifellos echt. Ich hatte mich von Anfang an ueber sein tadelloses britisches Englisch gewundert, dies aber auf die bessere Ausbildung an den europaeischen Schulen geschoben. "Die Vergangenheit wird Sie immer wieder einholen." Nun gut. Es wuerde hoffentlich nicht allzu sehr schaden, wenn ein Mann von Scotland Yard etwas mehr ueber mich wusste, als mir normalerweise lieb war. Ich holte tief Luft. "Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich klaere Sie - im Groben - ueber die weissen Flecke in meiner Vergangenheit auf. Und Sie geben mir im Gegenzug alles, was Sie sonst noch ueber den Fall wissen." Er ueberlegte einen Moment, dann bestellte er zwei weitere Biere und nickte einmal kurz. Also erzaehlte ich ihm alles.