Ich sass da und schaute das Telefon an. Kasurinnen im
Hospital. Ein Unfall? Was hatte der Cop ueber Kasurinnen
geschrieben? Ich las noch einmal seine mail durch. Irgendwie
hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ich hatte dem Arzt
gegenueber so getan, als ob ich mich ernsthaft um Kasurinnen
kuemmern wollte. Dabei sass ich hier in London fest. Fest?
Wieso eigentlich? Ich hatte noch zwei Tage zu meiner freien
Verfuegung.
An Bord der SAS Maschine von London nach Kopenhagen liess ich mir das Ganze noch einmal durch den Kopf gehen. 500 Dollar fuer einen Tag in Stockholm. Was bist du fuer ein Chaot, schalt ich mich selbst. Der Gedanke gefiel mir irgendwie. In Stockholm war deutlich schoeneres Wetter als in London. Es erinnerte mich fast an Kalifornien. Der nette Schwede im Flughafenbus neben mir versicherte allerdings, dass es nur im Hochsommer und dann auch nur fuer ganz kurze Zeit so warm hier waere. "Und dann ist die Stadt ploetzlich wie leergefegt, weil alle hinaus auf ihre Inseln fahren", laechelte er wehmuetig. "Und nur die armen Familienvaeter kommen Woche fuer Woche zurueck und schwitzen in der Stadt." "Haben Sie auch eine Familie auf einer Insel?" fragte ich hoeflich. Der Schwede lachte kurz und strich sich durch sein sorgfaeltig frisiertes Haar. "Oh, nein. Sehen Sie, ich bin schwul. Ich lebe das ganze Jahr ueber in Stockholm." Er blickte mir mit seinen offenen freundlichen Augen direkt ins Gesicht. Das erklaerte einiges. Er war mir schon in Kopenhagen beim Einsteigen aufgefallen. Die Stewardessen waren ganz hin und weg von seiner ausgesucht hoeflichen und charmanten Art. Ich musste ebenfalls kurz lachen. Er schaute mich fragend an. "Es ist nichts", sagte ich, "ich dachte nur gerade an die armen Stewardessen." Er grinste. "Ich sehe", sagte er verstehend, "dass Sie oefters mit Homosexuellen zu tun haben. Sie sind aber selbst keiner." Das war eine Feststellung, keine Frage. Ich schuettelte den Kopf. "Nein, ich schaetze, ich bin ein ziemlich normaler Hetero. Aber ich lebe in Berkeley, nahe San Francisco ..." Er bekam leuchtende Augen. Auf der ganzen restlichen Fahrt, ja bis zur Gepaeckausgabe, erging er sich in begeisterten Schilderungen der Bay Area. Er unterbrach sich, um der Zollbeamtin seinen Pass zu reichen. Das arme Maedchen starrte ihn fasziniert an und winkte uns durch. "Wie ich Sie beneide", schloss er schliesslich in der Ankunftshalle. "Aeh... bleiben Sie laenger in Stockholm?" fragte er hoeflich. "Vielleicht bis zum Water Festival?" Ich schuettelte den Kopf und erklaerte, dass ich ich lediglich einen verunglueckten Freund im Hospital besuchen wollte. Der schoene Schwede bot mir an, mich bis zum Hospital in seinem Wagen mitzunehmen, und ich nahm dankbar an. "Mein Name ist George", stellte ich mich vor. "George Moltke." Er verbeugte sich leicht. Ich hatte den Eindruck, dass er damit ein unmerkliches Zoegern zu verbergen suchte. "Ich heisse Joere Bergenson. Moltke. Sind Sie irgendwie verwandt mit...?" "Nein", sagte ich rasch. Er liess es sich nicht nehmen, mich ins Hospital zu begleiten. "Falls Sie Schwierigkeiten bekommen", sagte er vage. Tatsaechlich gelang es Joere Bergenson muehelos, die kratzbuerstige Empfangsdame zu ueberzeugen, dass ich extra aus den Staaten hierher gekommen war, um meinen schwer verunglueckten Freund ein letztes Mal lebend zu sehen, und dass es in so einer Situation doch wohl unmenschlich waere, auf so banale Dinge wie Besuchszeiten zu pochen, und blablabla... Im Aufzug bedankte ich mich fuer seine Hilfe und fuegte freundlich hinzu: "Nur damit wir uns recht verstehen: ich bin wirklich Hetero und habe auch nicht vor, in naechster Zeit etwas daran zu aendern." Er nahm es mir nicht uebel, sondern lachte wieder froehlich. "Keine Angst. Ich lebe schon seit Jahren in einer festen Beziehung." Joere wurde ploetzlich ernst. "Nein", sagte er, "ich helfe Ihnen, weil Sie mir in die Augen geschaut haben, als ich sagte, dass ich schwul sei, und Sie haben nicht weggeschaut, sondern einfach gelacht. Sie haben mich nicht sofort ausgegrenzt, wie die meisten anderen, sondern nur die Komik der Situation genossen. Dafuer bin ich Ihnen dankbar." "Ich muss gestehen", sagte ich einigermassen verlegen, "dass das wahrscheinlich nur daher kommt, weil ich es mehr als andere gewoehnt bin, mit Schwulen zusammen zu leben, die zur ihrer Sexualitaet auch stehen. In der Bay Area ist das nichts Besonderes. Wir gehen alle zur grossen Gay Parade in San Francisco jedes Jahr und feiern zusammen." Joere zuckte nur mit den Achseln, als ob er "Trotzdem" sagen wollte, und wir betraten die Station, auf der Kasurinnen untergebracht war. Juhanna sah nicht gut aus, aber er war bei Bewusstsein und erkannte mich sofort wieder. Aeussere Verletzungen waren eigentlich nicht sichtbar, wenn man von einem leichten Kopfverband absah, aber er hing immer noch am Tropf. "Moltke", sagte er leise, "was um Gottes Willen machen Sie hier. Sie waren doch gar nicht auf der Teilnehmerliste..." Ich erklaerte Juhanna, dass ich zufaellig in Europa war, als ich von seinem Unfall hoerte. Er nickte ganz leicht und schaute fragend hinueber zu meinem schoenen Begleiter. Dieser laechelte freundlich und sagte etwas auf Schwedisch oder vielleicht auch Finnisch. Kasurinnen laechelte schwach. "Nur ein schwedischer... Bekannter, der mir behilflich war", erklaerte ich. Kasurinnen bedeutete mit der Hand, dass ich mich auf die Bettkante setzen sollte. "Moltke... George ist doch Ihr Vorname, nicht? Kann ich Sie George nennen? Also, George. Ich habe noch lange ueber... unser schreckliches Erlebnis in Deutschland nachgedacht. Dieser unangenehme Polizist war hier. Nein, nicht hier. Bei mir zu Hause natuerlich." Kasurinnen schluckte muehsam. Die Krankenschwester hinter uns raeusperte sich missbilligend. "Er hat noch nichts herausgefunden", fuhr Kasurinnen fort. "Verstehen Sie das? Die haben nicht die leiseste Ahnung, wer es war. Der laeuft also immer noch frei herum..." Er hustete muehsam und schloss einen Moment die Augen. Die Krankenschwester trat einen Schritt vor. Kasurinnen riss die Augen auf. "Nein... ich bin noch nicht... einen Moment noch, bitte." Die Schwester schaute zweifelnd, verliess dann aber wortlos das Zimmer. "Es war kein Unfall", fluesterte Kasurinnen. "Niemand glaubt mir hier, aber ich weiss, dass es kein Unfall war. Glauben Sie mir, George. Sie und die Kollegin aus Frankreich, wie heisst sie noch gleich ..." "Francoise Leduc." "Richtig. Was wollte ich sagen?" Er blickte uns hilfesuchend an. "Ach ja. Sie sind beide in Gefahr. Ich bin hier relativ sicher. Wenn er es hier noch einmal versuchen sollte, wuerde er Verdacht ausloesen. Aber Sie beide sind in Gefahr. Wir sind die einzigen, die uebrig sind, verstehen Sie? Die Einzigen!" Er hat erregt meinen Arm gepackt und hielt ihn mit erstaunlicher Kraft fest. Ich sagte beruhigend: "Wir sind nicht die einzigen Ueberlebenden, Juhanna. Es waren einige Kollegen noch gar nicht eingetroffen, als der Anschlag passierte." Er blickte mich verwirrt an, als ob er den Sinn meiner Worte nicht erfassen koennte. "Die Einzigen", fluesterte er, "die Letzten. Passen Sie auf, George." Ich nickte beruhigend und entwand ihm meinen Arm. Die Schwester kam zurueck und erklaerte kategorisch, dass der Patient jetzt Ruhe brauchte. Ich verstand zwar kein Wort, aber der Sinn war klar. Wir liessen uns mit sanfter Gewalt hinaustreiben. Draussen auf dem Gang erwartete uns ein aelterer Arzt in weissem Kittel. Er hatte muede Augen und stank unglaublich stark nach Zigarettenrauch. Unter seinem offen stehenden Kittel trug er einen Norwegerpullover und speckige Lederhosen. Er wechselte ein paar Worte auf Schwedisch mit meinem Begleiter, dann wandte er sich an mich: "Bitte, aeh, mein Name ist Goerensen. Ich bin der, aeh, Doktor von Herrn Kasurinnen. Bitte, Herr Kasurinnen hat, seit er bei uns in Behandlung gekommen ist, hat er die, aeh, Vorstellung, dass er ...dass er ...", dann folgten einige schwedische Worte. Ich blickte hilfesuchend zu meinem Begleiter. "Der Doktor meint, dass Ihr Freund unter Verfolgungswahn leidet - sagt man so?", uebersetzte dieser bereitwillig. "Er glaubt, dass er nicht Opfer eines Verkehrsunfalls war, sondern eines Mordanschlags. Die Polizei hat dies aber voellig ausgeschlossen. Herr Kasurinnen ist vom Buergersteig auf die Fahrbahn gestolpert, genau vor ein anfahrendes Taxi. Er hat eine schwere Gehirnerschuetterung und einige angebrochene Rippen. Aber ansonsten hat er Glueck gehabt." "Gibt es Zeugen fuer den Unfall?" fragte ich natuerlich. Nach einigem Hin und Her erfuhr ich, dass nur der Taxifahrer gesehen hatte, wie Juhanna zwischen zwei parkenden Lieferwagen direkt auf die Fahrbahn gefallen sei. Der Arzt betrachtete mich neugierig. Dann versuchte er noch einmal sein
Schulenglisch:
"Bitte, Sie sind Herr Moltke, nicht wahr? Herr Kasurinnen hat dauernd von Ihnen gesprochen. Sind Sie vielleicht verwandt mit...?" Ich schuettelte den Kopf. Wir verliessen schweigend das Hospital. "Was werden Sie jetzt machen?" fragte Joere Bergenson, waehrend er sein Auto aufsperrte. Ich zuckte mit den Achseln und schaute mich um. Die Nachmittagssonne brannte vom dunstigen Himmel. Braungebrannte Maedchen mit superkurzen Shorts und langen blonden Haaren gingen vorueber. "Ein Hotel in der Innenstadt suchen und mir die Stadt anschauen. Morgen frueh werde ich Kasurinnen noch einmal besuchen. Mittags geht mein Flug zurueck nach London." Joere nickte. "Ich werde Sie bei einem kleinen Hotel in der Innenstadt absetzen. Von dort koennen Sie zu Fuss die Altstadt erreichen. Ich wuerde Sie auch gerne bei uns beherbergen, aber unser Apartment ist leider zu klein fuer Gaeste." Vor dem Hotel in der Naehe von Kungstraedgarden verabschiedeten wir uns, und ich gab Bergenson meine Visitenkarte. Er sagte, dass er leider keine Karte dabei habe, aber er schrieb mir seine Telefonnummer auf. Beim Wegfahren winkte er, und ich blickte ihm nachdenklich hinterher, bis der schwere Wagen um die Ecke verschwand. Das Zimmer war teuer, aber ansprechend. Von meinem Fenster aus konnte ich ueber einen der vielen Wasserarme Stockholms hinueber auf die zauberhafte historische Altstadt blicken. Entsprechend ruhig war das Zimmer auch. Ich nahm eine Dusche und legte mich fuer ein paar Minuten auf das riesige Bett. Dann griff ich zum Telefon und rief die Rezeption. "Koennen Sie mir eine Nummer in Stockholm geben?" "Selbstverstaendlich, Sir." In der gepflegten Stimme des Portiers war so etwas wie Entruestung zu hoeren. "Gut. Ich brauche die Nummer von Joere Bergenson in Stockholm." Der Portier liess sich den Namen buchstabieren und verschwand aus der Leitung. Etwa zwei Minuten spaeter meldete er sich wieder. "Sir, dieser Eintrag ist in Stockholm nicht vorhanden. Ich war so frei, auch die Telefonbuecher der umliegenden Bezirke zu pruefen. Auch dort ist keine Nummer unter diesem Namen vorhanden." Ich bedankte mich und legte auf. Draussen wurde es daemmrig. Wer hatte gesagt, dass in Skandinavien im Hochsommer die Sonne kaum noch unter den Horizont sank? Nun, ich wuerde es heute nachpruefen koennen. Joere, der gute Engel. Ich laechelte grimmig. Oder ein kleiner Teufel? Wer weiss... Ich zog mich an und verliess das Hotel in Richtung Gamla Stan. Die Sonne war nun doch untergegangen und die mittelalterlichen Strassenlaternen, obwohl mit modernen Leuchtkoerpern ausgestattet, erhellten die engen Strassen nur notduerftig. Ich liess mich von der Feiertagsmenge treiben, bog jeweils in die Gasse ab, in die die meisten Passanten weiter schlenderten. Noch nie in meinem kurzen Leben hatte ich so viele huebsche Blondinen auf einmal gesehen, wie auf diesem kurzen Spaziergang. Obwohl Joere behauptet hatte, die Stadt sei im Sommer wie ausgestorben, wimmelte es in der Altstadt von braungebrannten und semmelblonden Teenagern. Aber auch die Jungs waren ausgesprochen ansprechend. Wie junge Lichtgoetter mit hellblauen Augen und sportlichen Figuren, folgten sie eifrig den flanierenden Maedchengruppen. Ich ging betont langsam und begutachtete ab und zu interessiert eines der hell erleuchteten Schaufenster. Nach etwa einer halben Stunde fand ich, was ich suchte. Eine Seitengasse, gut erleuchtet, aber wenig begangen, fuehrte von der belebten Strasse hinunter zu einem der vielen Wasserlaeufe. Ich blieb an der Ecke stehen und beobachtete ein paar Sekunden die Menge, die an mir vorbei stroemte. Dann bog ich rasch in die Gasse ab und lief etwa fuenfzig Yards weit bis zu einem pompoesen Portal - anscheinend ein Regierungsgebaeude - in dessen geraeumigen und schattigem Eingang ich mich versteckte. Ich brauchte nicht lange zu warten. Schon nach einer halben Minute hoerte ich hastige Schritte naeherkommen. Dem Geraeusch nach zu urteilen, lief er auf meiner Seite den schmalen Gehsteig entlang. Ich hatte eigentlich gar keinen bestimmten Plan, aber ich konnte der guenstigen Konstellation einfach nicht widerstehen und stellte meinem Verfolger im letzten Moment ein Bein in den Weg. Er versuchte noch auszuweichen, stolperte aber dennoch und ging mit einem ueberraschten Ausruf halb in die Knie. Bevor er sein Gleichgewicht wiederfinden konnte, hielt ich seine Arme von hinten umklammert und zog ihn vom Gehsteig in den dunklen Eingang des Gebaeudes. Ploetzlich bereute ich, dass ich ihn nicht einfach hatte weiterlaufen lassen. Durch das leichte Jacket fuehlte ich deutlich eine Waffe unter seinem linken Arm.