Wieso waren es jetzt schon zwei Haeschen?" wollte sie wissen.
"Ich gebe jetzt einen Crash-Kurs fuer junge
College-Studentinnen", sagte ich beilaeufig und nahm ein
Manuskript vom Schreibtisch.
"Einen Crash-Kurs? Was fuer einen Crash-Kurs? Und wieso nur
fuer Maedchen?"
"Das Thema des Kurses lautet: 'Wie wimmele ich erfolgreich
unliebsame Einladungen zum Abendessen ab?' ", sagte ich
boshaft.

Minni schoss einen ihrer beruechtigten Toetungsblicke auf mich ab. "Da bist du ja sicher Experte!" fauchte sie und verschwand wutschnaubend in ihrem Glaskasten. Ich setzte mich bequemer hin und nahm das Manuskript wieder zur Hand. Die Walther drueckte mich im Kreuz. Seit vier Tagen schleppte ich das bloede Ding schon mit mir herum. Die Stelle am Ruecken war schon ganz wund. Ein paar Mal hatte ich den Eindruck, dass mich jemand beschattete, aber jedesmal wenn ich mich umdrehte oder in einem Tuereingang stehen blieb, konnte ich niemanden entdecken. Entweder ich bildete mir das alles nur ein, oder der Bursche war einfach zu gut fuer mich. Janine, meine Therapeutin, verhielt sich dazu indifferent. Aber sie meinte, ich sollte die Sache moeglichst bald aufklaeren, weil sie 'meine Entwicklung behinderte'. Tolle Hilfe! Einen Moment lang musste ich grinsen. Da sass ich nun und gab jungen Studentinnen Tips fuer ihr Sexualleben, und selber konnte mir mein Therapeut auch nicht helfen. Absurd! Der Chef erschien in der Oeffnung meines Cubicles. Er hatte seit zwei Tagen eine Mordserkaeltung und sah gar nicht gut aus. Er liess sich schwer in den Sessel fallen, auf dem Pam gerade noch gesessen hatte, und sagte: "George. Es tut mir sehr leid, aber ich muss dich um einen Gefallen bitten. Meine Grippe wird eher schlimmer als besser, und mein Arzt hat mir verboten, weiter ins Buero zu kommen, geschweige denn, nach Europa zu fliegen. Ich habe uebermorgen ein Meeting in Cambridge am University College ueber unser SPROUT Projekt. Eigentlich nur Routine. Aber immerhin bekommen wir Geld von der Europaeischen Union und muessen daher praesent sein. Ich moechte dich bitten, statt mir zu fahren und unsere Gruppe bei dem Meeting zu vertreten." "Cambridge in England?" fragte ich ueberrascht. Der Chef nickte. "Der Flug geht morgen mittag. Archie ist schon weg nach Paris. Joe ist noch zu unerfahren fuer die Sache. Ich weiss, dass du das gut erledigen kannst. Es sind im wesentlichen nur Berichte abzuliefern. Manfred Caspone ist unser direkter Partner in Cambridge. Er wird sich um dich kuemmern. Und es werden natuerlich Vertreter von allen anderen Partnern dort sein. Du koenntest das Wochenende dranhaengen und dir London anschauen." "Ok", sagte ich und der Chef laechelte. "Ich wusste, dass du dich nicht lange bitten laesst. Ich bringe dir nachher die Unterlagen und sage Minni, dass sie das Ticket auf deinen Namen umschreibt. Am besten schaust du die Berichte heute kurz durch und rufst mich morgen noch einmal zu Hause an, wenn du Fragen hast." Er stand aechzend auf und hustete. "Bloede Erkaeltung. Und das mitten im Sommer. Danke, George." Er laechelte traurig und ging hinaus. Donnerwetter, dachte ich, in der letzten Zeit komme ich ganz schoen in der Welt herum. Der Gedanke an den letzten Flug war allerdings nicht so angenehm. Hoffentlich hatte Janet recht, dass das alles nur ein Zufall war. Ich ging nach vorne zu Minni, die meine Bosheit von vorhin schon wieder vergessen hatte, und mich prompt fragte, ob ich nicht noch vor meiner Abreise mit ihr zusammen zum Essen gehen mochte. Unverbesserlich. Ich bat sie, das Ticket gleich so umzubuchen, dass ich erst am Sonntag zurueckfliegen muesste. Dann fuhr ich mit Nelson nach Hause und erklaerte Nostradamus, der unbeteiligt zuhoerte, dass er wieder mal ein paar Tage auf sich allein gestellt sein wuerde. Nach dem Joggen erzaehlte ich Janet von meiner bevorstehenden Reise. "Oh, London", seufzte sie und schaute mich neidisch an. Janet war kurz nach dem College fuer drei Monate in England gewesen. "Schade, dass ich nicht mitkommen kann." "Wieso eigentlich nicht?" fragte ich. "Nimm Urlaub und komm einfach mit." "Weisst du, wie viel Urlaub ich im Jahr habe?" seufzte Janet. "Ausserdem, wenn ich schon meine kostbare Urlaubszeit mit dir verbringe, moechte ich was von dir haben und nicht allein durch London pilgern, waehrend du in endlosen Meetings hockst."

Der Flug war ereignislos bis langweilig, wenn man von meiner erhoehten Nervositaet absah. Ohne meine Walther fuehlte ich mich schutzlos, aber ich konnte schlecht eine Pistole mit ins Ausland nehmen. Ich flog in der Economy-Klasse, weil der Chef nichts davon hielt, dass er besser als seine Untergebenen reiste. Zum Glueck wurde der Flug zum Nichtraucherflug erklaert, was von der Mehrzahl der Passagiere mit erleichtertem Klatschen quittiert wurde. Ich liess mir einen doppelten Jack Daniels auf Eis geben, und schaffte es sogar, ein paar Stunden zu schlafen. London war grau und, auf den ersten Blick, enttaeuschend. Nach Janets begeisterten Erzaehlungen war ich natuerlich mit viel zu hohen Erwartungen hierher gereist. Man sollte sich eben nie vorher begeisterte Reiseerzaehlungen anhoeren. Meistens ist dann der erste Eindruck eher negativ. Und der erste Eindruck entscheidet oft; zumindest praegt er mehr, als man vor sich selber zugeben moechte. Ich fuhr mit einem sehr langsamen Nahverkehrszug hinaus nach Cambridge und suchte das College, in dem ich ein Zimmer bekommen sollte. Ich rannte gleich in Manfred Caspone, der gerade den portugiesischen Kollegen ihre Zimmer zeigte. Er war ein grosser dunkelhaariger, sehr sorgfaeltig und geschmackvoll gekleideter Mann in den Fuenfzigern und sprach wundervolles Oxfordenglisch. Mit seinem warmen Laecheln und seiner herzlichen, aber dennoch distanziert-hoeflichen Art war er mir sofort sympathisch. Wenn er laechelte, sah man zahlreiche Goldzaehne funkeln. Er zeigte mir ein kleines, aber gemuetliches Zimmer und entschuldigte sich tausendmal fuer die altertuemlichen sanitaeren Einrichtungen. "Wir sind nun einmal ein traditionelles College", meinte er lachend. "Der moderne Luxus sickert nur langsam in die alten Gemaeuer." Ich versicherte ihm, dass alles ausgezeichnet waere und ich mir schon immer gewuenscht haette, einmal in einem echten englischen College zu wohnen. Beim anschliessenden, verspaeteten Fruehstueck mit Ruehrei, Wuerstchen, Speck und Kartoffelpuffern lernte ich gleich ein paar der Kollegen aus dem SPROUT Projekt kennen. Zwei Portugiesen, die in den Zimmern neben mir logierten und alles sehr lustig fanden, ein sehr schweigsamer Deutscher, ein Paerchen aus Daenemark, von denen offensichtlich nur die attraktive Frau an dem Meeting teilnahm, waehrend ihr unscheinbarer Mann sie lediglich begleitete, und ein junger Franzose namens Julien. Zufaellig kannte letzterer Francoise vom Studium an der Ecole National de Telecommunication in Paris. Ich fragte ihn, ob er noch mit ihr Kontakt habe und wisse, wo sie sich aufhalte. Aber er hatte sie schon vor Jahren aus den Augen verloren. Nach dem ausgiebigen Fruehstueck ging ich auf mein Zimmer und schlief von Muedigkeit uebermannt bis zum spaeten Nachmittag. Ich wusste, dass dies der schlechteste Weg war, den Jetlag zu ueberwinden, aber ich konnte meine Augen einfach nicht laenger offen halten. Der ganze naechste Tag, ein Freitag, war eine Mischung aus interessanten Themen, Anstrengung und Langeweile. Unser Bericht, den ich im Flugzeug memoriert hatte, fand allgemeinen Anklang und es gab nur wenige Fragen. Nach dem Mittagessen, das wir im altehrwuerdigen Speisesaal des Colleges in Gegenwart des Prinzipals einnahmen, war ich so muede, dass ich nur mit Muehe den Vortraegen folgen konnte. Das Meeting zog sich hin. Erst um halb sieben konnten wir aufatmend unsere Unterlagen zusammenpacken und zum Essen gehen. Gegen elf Uhr, als die meisten Kollegen sich schon laengst in ihre Zimmer zurueckgezogen hatten, war ich hellwach. An Schlaf war gar nicht mehr zu denken. Ich rief AT&T an und waehlte Minnis Nummer im Institut. Waehrend die Verbindung hergestellt wurde, entfernte ich vorsorglich den Hoerer etwas von meinem Ohr. Minni musste gerade erst vom Lunch an ihren Arbeitsplatz zurueck gekommen sein. Sie hatte ihre volle Lautstaerke noch nicht wieder erreicht. Ich fragte, ob sie die Reise fuer Archie vorbereitet habe. Ob sie denn noch wisse, in welchem Hotel er in Paris untergebracht sei. Nach einigem Suchen gab sie mir die Adresse. Hotel International, welch einfallsreicher und origineller Name! Bevor Minni mit langschweifigen Fragen kommen konnte, hatte ich mich schon wieder verabschiedet. Ein sehr hoeflicher Hotelangestellter in Paris versicherte mir, dass Mister Horace ausser Haus sei. Ich bat ihn, Archie eine Nachricht mit meiner Adresse und Telefonnummer zu hinterlassen. Dann sass ich da und ueberlegte, was ich noch anfangen koennte, um mir die schlaflose Zeit zu vertreiben. Das daenische Paerchen im Nebenzimmer machte liebliche Geraeusche, aber auch die erstarben bald nach einem beachtlichen Endspurt. Einen Fernseher hatte das Zimmer nicht. Aus Langeweile stoeberte ich ziellos in meinem Powerbook herum. Dabei stiess ich wieder auf die mail von diesem deutschen Cop. Ich las sie noch einmal sorgfaeltig durch. Fuer einen Cop eigentlich ganz nett geschrieben, musste ich widerwillig zugeben. In einfacher Sprache und ohne das arrogante Getue, das er zu Beginn gezeigt hatte. Es klang so, als ob sie mit ihren Ermittlungen nicht viel weiter gekommen waeren. Ich ueberlegte, ob ich irgendetwas Nuetzliches zur Aufklaerung beisteuern konnte, wie er es in seinem Brief erbat. Aber mir fiel nichts ein. Antworten musste ich aber auf jeden Fall. Ich extrahierte das Attachment mit der Liste der elektronischen Teile und betrachtete nachdenklich die paar Angaben. Was ich da sah, gefiel mir gar nicht. Nach kurzem Ueberlegen beschloss ich, Kasurinnen zu kontaktieren. Ich rief den AT&T Operator an und nach einigem hin und her bekam ich einen Operator in Helsinki in die Leitung. Er gab mir die Nummern von drei Juhanna Kasurinens in Helsinki. Kasurinen musste ein haeufiger Name in Finnland sein. Bei der ersten Nummer meldete sich niemand. Bei der zweiten hob nach dem dritten Klingeln ein Anrufbeantworter ab und spulte eine finnische Ansage ab. Ich wollte schon auflegen, weil ich sowieso nichts verstand, als die Ansage abrupt von einer schlaefrigen Stimme unterbrochen wurde. "Aeh, entschuldigen Sie die spaete Stoerung. Sprechen Sie Englisch?" Die schlaefrige Stimme bejahte. Sie klang wie die eines Maedchens. "Kann ich mit Juhanna Kasurinnen sprechen?" "Juhanna ... ist nicht hier", kam es muehsam durch die Leitung. Man konnte hoeren, wie das Maedchen nach Worten suchte. "Juhanna ..." "Ja?" "Er ist nicht hier. Er ist in Stockholm." Sie sprach Stockholm voellig anders aus als ich. "Er ist in Stockholm", wiederholte ich laut und deutlich. "Kann ich ihn dort erreichen. Ich meine, kann ich ihn dort anrufen?" "Ja, ich glaube ... Moment." Man hoerte jemanden im Hintergrund sprechen. "Ja, er ist dort an der Universitaet. Die Universitaet heisst KTH." Sie sagte 'ha' statt 'eidsch', aber ich verstand sie auch so. "Haben Sie eine Nummer, die ich anrufen kann?" fragte ich erneut. "Ja ... Moment." Sie sprach wieder ein paar Sekunden mit jemanden, dann gab sie mir ganz langsam eine Nummer durch. Ich bedankte mich vielmals und legte auf. Nach drei Versuchen schaffte es der AT&T Operator mich mit der Nummer in Schweden zu verbinden. Die Telefonzentrale eines Hotels, dessen Namen ich nicht verstand, meldete sich. "Kann ich bitte mit Mister Juhanna Kasurinnen sprechen?" "Augenblick bitte." Zehn Sekunden vergingen. Dann meldete sich eine andere Stimme, aber nicht die von Juhanna Kasurinen. "Ja?" "Ich wuerde gerne mit Juhanna Kasurinnen sprechen", wiederholte ich. "Wer spricht da, bitte?" Ich erklaerte, dass ich ein Kollege von Kasurinnen aus USA sei. "Aha, verstehe. Sehen Sie, es gibt da ein Problem. Mister Kasurinnen ist nicht hier im Hotel. Er hatte heute morgen einen Unfall und daher befindet er sich zur Zeit in der Universitaetsklinik." "Hat er... ich meine, ist er schwer verletzt?" "Darueber kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben, aber ich kann Ihnen die Nummer des Hospitals geben." Er gab mir die Nummer durch und ich bedankte mich. Zwanzig Minuten spaeter hatte ich den richtigen Stationsarzt an der Strippe. Zum Glueck sprach er sehr gut Englisch. Seine Stimme klang leise und abgespannt. "Sehen Sie, ich darf Ihnen am Telefon keine genaueren Auskuenfte geben, aber es geht Herrn Kasurinnen den Umstaenden entsprechend erstaunlich gut. Er ist ansprechbar und wird morgen oder uebermorgen wahrscheinlich von der Intensivstation verlegt werden koennen. Sofern keine Komplikationen eintreten", fuegte er vorsichtig hinzu. "Kann ich ihn sprechen?" "Nein, tut mir leid. Das geht wirklich nicht." "Aber, kann man ihn wenigstens besuchen?" Warum fragte ich das ueberhaupt. Ich war doch hier in London. Der Arzt zoegerte. "Sind Sie ein guter Freund von Herrn Kasurinnen?" Ich gab zu, dass ich ihn nur fluechtig kannte, aber gerade zufaellig in Europa waere und lediglich vorgehabt hatte, Kasurinnen zu besuchen. "Ich denke, dass er ab morgen Besuche empfangen kann, aber eigentlich gestatten wir nur Angehoerigen ... Ach was. Besuch ist immer gut. Kommen Sie ruhig vorbei. Die Besuchszeiten sind..." Ich sass da und schaute das Telefon an. Kasurinnen im Hospital. Ein Unfall? Was hatte der Cop ueber Kasurinnen geschrieben? Ich las noch einmal seine mail durch. Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ich hatte dem Arzt gegenueber so getan, als ob ich mich ernsthaft um Kasurinnen kuemmern wollte. Dabei sass ich hier in London fest. Fest? Wieso eigentlich? Ich hatte noch zwei Tage zu meiner freien Verfuegung.