Ich seufzte und drehte mich um. Der dicke Polizist stand im
Tuerrahmen und feixte boese.
"Ok, nachdem wir uns jetzt etwas beruhigt haben, brauche
ich Ihre Personalien fuer das Ordnungsgeld."
Nachdem die beiden Cops endlich abgezogen waren, ging ich ins Badezimmer und gab von mir, was von meinem Lunchsandwich noch uebrig war. Dann setzte ich mich erschoepft in die Kueche und las den Wisch sorgfaeltig durch, den sie mir ausgehaendigt hatten. Leider war die Sache ziemlich eindeutig. Ich musste 280 Dollar an die Stadtkasse entrichten, wegen 'fahrlaessiger Gefaehrdung der oeffentlichen Sicherheit' und 'Verletzung der Brandsicherheitsvorschriften der Stadt Berkeley, Paragraphen sowieso, Absatz sowieso und sowieso'. Mist! "Howdie!" Horace stand in der aufgebrochenen Wohnungstuer und begutachtete mit fachmaennischem Blick den Schaden. "Na, die haben nicht lange gefackelt! Schade, dass auch die Angel aus dem Tuerrahmen gebrochen ist. Sonst muesstest du nur das Schloss ersetzen. Was haben sie denn gesucht?" Ich holte eine angebrochene Flasche Chardonnay und zwei Glaeser aus der Kueche. Dann berichtete ich kurz ueber den Grund der Aktion. Horace schuettelte den Kopf. "Du solltest ihnen dankbar sein, dass euer Haus nicht abgebrannt ist, Kid. Wer hat den Braten denn gerochen?" "Keine Ahnung", sagte ich, "die Cops sagten, ein Nachbar haette den Gasgeruch bemerkt. Sie haben nicht gesagt, welcher." Horace nickte, leerte mit einem gewaltigen Schluck sein Glas und schmatzte missbilligend. "Was ist denn das fuer ein Fusel? Wird Zeit, dass ich dir mal was ueber die hohe Kunst des Weinkaufs beibringe..." Wir gingen zusammen in die winzige Kueche und untersuchten die Gasleitung. "Da ist tatsaechlich 'ne Muffe locker", sagte Horace. "Wieso ist das nicht schon laengst vorher leck geworden. Hast du nie Gas gerochen in der letzten Zeit?" Ich ueberlegte. Genau genommen hatte ich den Herd schon seit langem nicht mehr in Betrieb gehabt. Fuer mein Fruehstueck brauchte ich nur die Kaffeemaschine und den Toaster. Zum Abendessen war ich fast immer mit Janet unterwegs. "Ich weiss nicht. Es roch immer schon etwas nach Gas. Vor allem, wenn das Fenster zu war und man von draussen herein kam. Aber ich dachte immer, das seien die Pilotflaemmchen." Horace runzelte die Stirne. "Wieso hat sich das ausstroemende Gas eigentlich nicht sofort entzuendet?" fragte er. "Die Pilotflaemmchen brennen doch weiter, auch wenn ein Leck in der Leitung ist." "Vielleicht war das Leck so gross, dass die Pilotflaemmchen ausgegangen sind. Oder die Gaskonzentration war einfach noch nicht hoch genug", mutmasste ich. Horace schuettelte wieder den Kopf. "Und trotzdem hat man den Gasgeruch aber schon draussen riechen koennen? Kid, ich sage dir, irgendetwas ist fischig hier. Hat du Werkzeug im Haus? Dann koennen wir versuchen, die Muffe wieder anzuziehen. Zwei Drittel Zoll muesste passen." Ich ging hinunter ins Basement, wo wir eine gemeinschaftlich benutzte und entsprechend chaotisch eingerichtete Werkstatt hatten. Unterwegs klingelte ich bei Pete und Susi, aber es oeffnete niemand. Die Kellertuere war offen, weil wir alle zu faul waren, immer hinter uns abzusperren. Ausserdem war da unten sowieso nichts Wertvolles zu holen. Ich kramte in der uralten Werkbank nach den Schraubenschluesseln. Ausgerechnet der 2/3 Zoeller war natuerlich nicht da. Ich nahm statt dessen einen Englaender und ging wieder hinauf. Auf der dunklen Kellertreppe klirrte es ploetzlich metallen unter meinem Fuss. Ich tastete mit der Hand auf der Treppenstufe entlang und hielt ploetzlich einen Schraubenschluessel in der Hand. Es war der 2/3 Zoeller! In meiner Wohnung stand Horace vor dem Grossen Fenster und telefonierte. "Ja, ich weiss, aber verstehen Sie nicht. Ich moechte doch nur gern wissen, ob die Pilotflaemmchen im Herd noch gebrannt haben ... ach so. Ah, ja, verstehe. Gut, na, dann nochmals vielen Dank. Byebye!" Er legte auf und nahm mir den Schluessel aus der Hand. "Die Deppen haben das Gas von aussen abgedreht", brummte er, "noch bevor sie die Tuer aufgebrochen haben. Ist ja klar. Haetten wir uns denken koennen. Da konnten die Flaemmchen ja gar nicht mehr brennen." Er zog vorsichtig die lockere Muffe fest. "So, Kid. Das Problem bei diesen Dichtungen ist: Wenn sie einmal locker waren, ist nicht gesagt, dass sie noch dicht halten. Du musst also sowieso eine Dichtungspruefung machen lassen. Kostet etwa 30 Dollar. Aber vielleicht sparst du dir auf diese Weise wenigstens die Reparaturkosten." Ich erzaehlte ihm von der Ordnungsstrafe. Horace lachte. "Naja, es trifft ja keinen Armen", feixte er. Ich ging hinueber zum Kuechenfenster und beugte mich hinaus. Auf dem schmalen Absatz, der sich unter dem Fenster entlang zog, waren zahlreiche Schmutzspuren, die mit viel Phantasie als Fussspuren durchgingen. "Was gibt's da, Kid?" fragte Horace von innen. "Das Gasleck war kein Unfall", meinte ich und zog den Kopf zurueck. "Was?" "Das Kuechenfenster steht sonst immer offen", erklaerte ich. "Jemand ist in den Keller gegangen und hat diesen Schluessel...", ich deutete auf das Werkzeug in Horaces Hand, " ... geholt, ist durchs Kuechenfenster hier eingestiegen und hat die Muffe gelockert. Dann hat er wahrscheinlich die Pilotflaemmchen ausgeloescht, alle Fenster geschlossen und ist hier wieder hinaus geklettert. Das Fenster laesst sich von aussen leicht herunterdruecken. Ach ja, und den Anrufbeantworter hat er auch ausgeschaltet. Ich frage mich, bloss... Dann hat er aus irgendeinem Grund - vielleicht hat ihn jemand gestoert - den Schraubenschluessel nur die Kellertreppe hinuntergeworfen und ist abgehauen. Dort habe ich ihn naemlich gerade gefunden. Den Schluessel, meine ich." Horace starrte auf das Werkzeug in seiner Hand, als ob es jeden Moment zuschnappen koennte. "Du meinst, da koennten Fingerabdruecke drauf sein? Mensch, Kid. Wieso hast du das nicht vorher gesagt?" Ich laechelte schwach. "Heutzutage weiss jedes Baby, dass man bei so einer Aktion besser Handschuhe traegt, nicht? Also vergiss das mit den Fingerabdruecken." Ich nahm ihm den Schluessel aus der Hand, und Horace wischte sich instinktiv die Pfote an seinem schmuddeligen Eddie Bauer Pullover ab. "Brandstiftung?" begann er wieder. "Aber wieso hat er dann die Pilotflaemmchen geloescht? Wenn er wollte, dass das Haus abbrennt, waere das doch die todsicherste Methode ..." "Er wollte nicht, dass das Haus abbrennt. Naja, indirekt natuerlich schon", erwiderte ich und ging hinueber ins Schlafzimmer. Horace folgte mir auf dem Fusse. "Was wollte er dann, Kid?" fragte er erregt. "Ich habe das Gefuehl, du weisst, verdammt nochmal, mehr ueber die Sache, als dir gut tut." Ich holte meine Walther aus ihrem Versteck und liess das leere Magazin heraus schnappen. "Er wollte, dass die ganze Chose erst dann hochgeht, wenn ich nach Hause komme. Weisst du, was passiert, wenn man in einem mit Gas gefuellten Raum das Licht anknipst? Die Chancen sind gut, dass du dir dann ueber Ordnungsgelder keine Gedanken mehr zu machen brauchst. Aus dem gleichen Grund hat er auch den Anrufbeantworter ausgeschaltet. Jedes eingeschaltete elektrische Geraet haette zu einer verfruehten Explosion fuehren koennen. Und genau das wollte er nicht." Horace beobachtete mich unruhig, waehrend ich sorgfaeltig das Magazin der Walther fuellte. "Kid, das sind doch nur Spekulationen. Es kann auch ein ganz normales Leck gewesen sein. So was kommt vor." Ich schuettelte den Kopf. "Das Kuechenfenster war zu, haben die Cops gesagt. Wenn ich wegfahre, ist es immer auf, damit Nostradamus herein kann, solange ich weg bin. Auf dem Sims draussen sind Fussspuren. Die Pilotflaemmchen waren aus. Der Anrufbeantworter war aus, aber heute morgen ging er noch. Auf der Kellertreppe liegt ausgerechnet der Schraubenschluessel, der auf die gelockerte Muffe passt. Und dazu kommt noch, dass niemand weiss, wer eigentlich die Feuerwehr gerufen hat. Pete und Susi sind naemlich diese Woche in der Sierra Nevada. Die 'Nachbarn' waren es also sicher nicht. Das sind mir zu viele Zufaelle, Horace. Und wenn ich bedenke, was mir in letzter Zeit so alles passiert ist, passt das Ganze. Bis auf ..." Ich brach ploetzlich ab und ueberlegte. Horace hob unglaeubig die Haende und ging hinueber zum Grossen Fenster. Die Sonne versank als roter Feuerball hinter den Marine Headlands. "Aber das gibt doch keinen Sinn, Kid. Erst macht er sich so viel Muehe, deine Wohnung und dich in die Luft zu jagen. Dann ruft er in letzter Sekunde die Feuerwehr." "Stimmt", gab ich nachdenklich zu. "Das gibt fuer mich im Moment auch keine Sinn. Aber ich werde es herauskriegen. Vor allem werde ich von nun an vorsichtiger sein." Ich schob das volle Magazin in die Walther, lud aber nicht durch. Dann steckte ich die gesicherte Waffe hinten in meinen Hosenbund und zog mein Sweat Shirt darueber. Horace beobachtete mich mit sorgenvoller Miene. "Wie waer's mit Dinner?" schlug er vor. "Ich habe heute genug fuer zwei. Komm einfach rueber, wenn du Hunger bekommst." Er wandte sich zur Tuere. "Liebend gerne. Ich komme in einer Stunde", rief ich ihm nach. "Und... danke, Horace." Er winkte nur und polterte kopfschuettelnd die Treppe hinunter. Nostradamus erschien in der aufgebrochenen Tuere und blickte mich mit seinen gruenen Augen an, als wollte er sagen: "Na, da hast du ja wieder was Schoenes angestellt!" Ich nahm ihn auf den Arm, aber er wollte nicht gestreichelt werden. Kurz darauf hoerte ich ihn in der Kueche sein Trockenfutter knacken. Ich beobachtete meinem Kater nachdenklich vom Wohnzimmer aus. Schade, dass er so wenig mitteilsam war. Lassie haette mir den Boesewicht schon laengst frei Haus geliefert. Nostradamus sprang auf die Anrichte und installierte sich auf seinem Lieblingsplatz zwischen Kaffeemaschine und Mikrowelle. Er zog die Pfoten so weit wie moeglich unter den Koerper, liess die Augenlieder auf Halbmast sinken und versank in einer seiner ausgedehnten Zen-Meditationen.