Als ich Nelson ueber den Huegel steuerte, sah ich gerade noch einen Feuerwehrwagen aus der Archstreet biegen. Vor dem Haus stand ein schwarzer Wagen der Berkeley City Police. Ich parkte Nelson dahinter und stieg aus. Kein Cop zu sehen. Gegenueber trat Howard auf seine Veranda und winkte mit den Augen hinauf zu meinem Apartment. Ich lief die Treppe hinauf und stoppte abrupt. Meine Wohnungstuer hing nur noch an einer Angel. Sie war mit irgendeinem Werkzeug brutal aufgebrochen worden. Drinnen hoerte ich Stimmen. Meine Kiefermuskeln verkrampften sich. Ich ging vorsichtig durch die Tueroeffnung. An meinem Schreibtisch stand ein dicker Cop in schwarzer Uniform und wandte mir den Ruecken zu. Das Grosse Fenster stand sperrangelweit offen. Aus dem Nebenraum hoerte man Geraeusche, als wuerde dort noch jemand herumkramen. Sonst sah eigentlich alles ganz normal aus. Auf den ersten Blick fehlte nichts; keine sonstigen Zerstoerungen.
Ich schloss fuer einen Moment die Augen und versuchte mich zu entspannen. In meinem Magen krampfte es bereits. Dann sagte ich mit beherrschter Stimme:
"Darf ich fragen, was Sie in meinem Apartment zu suchen haben? Haben Sie einen Hausdurchsuchungsbefehl?"
Der dicke Cop am Schreibtisch versteifte sich und drehte sich rasch um. Er betrachtete mich einen Augenblick pruefend, dann entspannte er sich sichtlich. Aus dem Nebenzimmer kam ein zweiter Cop, juenger und mit ziemlich duemmlichen Gesicht. Er stellte sich halb hinter seinen korpulenten Kollegen und betrachtete mich veraechtlich. Offensichtlich war er der Hilfs-Cop und der andere der Wortfuehrer. Der Dicke schob seine Kappe mit dem Daumen in den Nacken und sagte gelangweilt:
"Sind Sie der Besitzer dieses Apartments?"
Ich starrte ihn an. Er starrte ungeruehrt zurueck.
"Allerdings. Ich sagte es bereits. Ich moechte jetzt sofort den Grund fuer Ihr gewaltsames Eindringen in meine Wohnung erfahren. Wenn Sie keine Legitimation dafuer haben, koennen Sie sich auf was gefasst
machen. Ich kenne mich aus mit meinen Rechten."
Der Wortfuehrer setzte die Haende auf seine fetten Hueften und schaute gelangweilt ueber die Schulter zu seinem Hilfs-Cop. Dieser verzog sein einfaeltiges Bauerngesicht zu einem daemlichen Grinsen.
In mir kochte es. Die typischen Sch...kerle. Keinen Deut besser als in LA.
Der Dicke schraubte seinen Kopf betont langsam zurueck in meine Richtung und nickte zur aufgebrochenen Tuere hin.
"Das da waren nicht wir, sondern die Kollegen von der 3. Brandschutzdivision."
Als ob damit alles gesagt sei, drehte er sich um und nahm einen Formularblock vom Schreibtisch.
"Name?" fragte er im Routineton.
"Aber wieso, verdammt noch mal? Wieso bricht die Feuerwehr meine Wohnung auf? Brennt es hier etwa?"
Der Hilfs-Cop mit dem daemlichen Grinsen begann, gelangweilt von unserer Unterhaltung, an meiner CD-Sammlung herumzufingern. Das war zuviel. Mein Magen drehte sich um und ich wuergte einen Augenblick, um das aufsteigende Mittagessen unten zu behalten.
"Lassen Sie ihre verdammten Pfoten da weg!" bruellte ich. "Wenn Sie keinen Grund oder Durchsuchungsbefehl vorweisen koennen, dann verschwinden Sie beide jetzt schleunigst aus meiner Wohnung, bevor ich mich beim District Attorney beschwere!"
Der Wortfuehrer senkte den Formularblock und sagte mit ruhiger Stimme:
"Sir, in Ihrem Apartment war ein Gasleck. Die Nachbarn haben die Feuerwehr informiert. Und die haben dann die Tuere aufgebrochen und alle Fenster geoeffnet, damit das Gas abziehen kann. Sie koennen von Glueck sagen, dass Sie so aufmerksame Nachbarn haben. Sonst waere das ganze Haus in die Luft geflogen. Die Fenster waren naemlich alle geschlossen. Das gibt einen huebschen Knalleffekt."
Ich sagte nichts und ging an ihm vorbei in die Kueche. An der Gasleitung, die zum Herd fuehrte, war ein rotes Pappschild befestigt.
Darauf stand in grossen Buchstaben 'Vorsicht - Gasleck' und etwas kleiner darunter:
'Leitung darf erst nach Abnahme durch PG&E wieder in Betrieb genommen werden'. Anschliessend waren die einschlaegigen Paragraphen aufgelistet, die bei Zuwiderhandlung wirksam wurden.
Stempel und unleserliche Unterschrift, wahrscheinlich von der Feuerwehr. Auch in der Kueche stand das Fenster weit offen.
Ich seufzte und drehte mich um. Der dicke Polizist stand im Tuerrahmen und feixte boese.
"Ok, nachdem wir uns jetzt etwas beruhigt haben, brauche ich Ihre Personalien fuer das Ordnungsgeld."
Nachdem die beiden Cops endlich abgezogen waren, ging ich ins Badezimmer und gab von mir, was von meinem Lunchsandwich noch uebrig war. Dann setzte ich mich in die Kueche und las den Wisch sorgfaeltig durch, den sie mir ausgehaendigt hatten. Leider war die Sache ziemlich eindeutig. Ich musste 280 Dollar an die Stadtkasse entrichten, wegen 'fahrlaessiger Gefaehrdung der oeffentlichen Sicherheit' und 'Verletzung der Brandsicherheitsvorschriften der Stadt Berkeley, Paragraphen sowieso, Absatz sowieso und sowieso'. Mist.
"Howdie."
Howard stand in der aufgebrochenen Wohnungstuer und betrachtete fachmaennisch den Schaden.
"Na, die haben nicht lange gefackelt. Schade, dass auch die Angel aus dem Tuerrahmen gebrochen ist. Sonst muesstest du nur das Schloss ersetzen. Was haben sie denn gesucht?"
Ich holte eine angebrochene Flasche Chardonnay und zwei Glaeser aus der Kueche. Dann berichtete ich kurz ueber den Grund der Aktion.
Howard schuettelte den Kopf.
"Du solltest ihnen dankbar sein, dass euer Haus nicht abgebrannt ist, Kid. Wer hat den Braten denn gerochen?"
"Keine Ahnung", sagte ich, "die Cops sagten, ein Nachbar haette den Gasgeruch bemerkt. Sie haben nicht gesagt, welcher."
Howard nickte und leerte mit einem gewaltigen Schluck sein Glas.
Wir gingen zusammen in die winzige Kueche und untersuchten die Gasleitung.
"Da ist tatsaechlich 'ne Muffe locker", sagte Howard. "Wieso ist das nicht schon laengst vorher leck geworden. Hast du nie Gas gerochen in der letzten Zeit?"
Ich ueberlegte. Genaugenommen hatte ich den Herd schon seit langem nicht mehr in Betrieb gehabt. Fuer mein Fruehstueck brauchte ich nur die Kaffeemaschine und den Toaster. Zum Abendessen war ich fast immer mit Janet unterwegs.
"Ich weiss nicht. Es roch immer schon etwas nach Gas. Vor allem, wenn das Fenster zu war und man von draussen herein kam. Aber ich dachte immer, das seien die Pilotflaemmchen."
Howard runzelte die Stirne.
"Wieso hat sich das ausstroemende Gas eigentlich nicht sofort entzuendet?" fragte er. "Die Pilotflaemmchen brennen doch weiter, auch wenn ein Leck in der Leitung ist."
"Vielleicht war das Leck so gross, dass die Pilotflaemmchen ausgegangen sind. Oder die Gaskonzentration war einfach noch nicht hoch genug", mutmasste ich.
Howard schuettelte wieder den Kopf.
"Und trotzdem hat man den Gasgeruch aber schon draussen riechen koennen? Kid, ich sage dir, irgendetwas ist fischig hier. Hat du Werkzeug im Haus? Dann koennen wir versuchen, die Muffe wieder
anzuziehen. Zwei Drittel Zoll muesste passen."
Ich ging hinunter ins Basement, wo wir eine gemeinschaftlich benutzte und entsprechend chaotisch eingerichtete Werkstatt hatten. Unterwegs klingelte ich bei Pete und Susi, aber es oeffnete niemand.
Die Kellertuere war offen, weil wir alle zu faul waren, immer hinter uns abzusperren. Ausserdem war da unten sowieso nichts Wertvolles zu holen. Ich kramte in der uralten Werkbank nach den Schraubenschluesseln. Ausgerechnet der 2/3 Zoeller war natuerlich nicht da. Ich nahm statt dessen einen Englaender und ging wieder hinauf. Auf der dunklen Kellertreppe klirrte es ploetzlich metallen unter meinem Fuss.
Ich tastete mit der Hand auf der Treppenstufe entlang und hielt ploetzlich einen Schraubenschluessel in der Hand. Es war der 2/3 Zoeller.
In meiner Wohnung stand Howard vor dem Grossen Fenster und telefonierte.
"Ja, ich weiss, aber verstehen Sie nicht. Ich moechte nur gern wissen, ob die Pilotflaemmchen noch gebrannt haben ... ach so. Ah, ja, verstehe. Gut, na, dann nochmals vielen Dank. Bye."
Er legte auf und nahm mir den Schluessel aus der Hand.
"Die haben das Gas von aussen abgedreht", brummte er, "noch bevor sie die Tuer aufgebrochen haben. Ist ja klar. Haetten wir uns denken koennen. Da konnten die Flaemmchen ja gar nicht mehr brennen."
Er zog vorsichtig die lockere Muffe fest.
"So, Kid. Das Problem bei diesen Dichtungen ist: Wenn sie einmal locker waren, ist nicht gesagt, dass sie noch dicht halten. Du musst also sowieso eine Dichtungspruefung machen lassen. Kostet etwa 30 Dollar.
Aber vielleicht sparst du dir auf diese Weise wenigstens die Reparaturkosten."
Ich erzaehlte ihm von der Ordnungsstrafe. Howard lachte.
"Naja, es trifft ja keinen Armen", feixte er.
Ich ging hinueber zum Kuechenfenster und beugte mich hinaus. Auf dem schmalen Absatz, der sich unter dem Fenster entlang zog, waren zahlreiche Schmutzspuren, die mit viel Phantasie als Fussspuren durchgingen.
"Was gibt's da, Kid?" fragte Howard von innen.
"Das Gasleck war kein Unfall", meinte ich und zog den Kopf zurueck.
"Was?"
"Das Kuechenfenster steht sonst immer offen", sagte ich. "Jemand ist in den Keller gegangen und hat diesen Schluessel...", ich deutete auf das Werkzeug in Howards Hand, " ... geholt, ist durchs Kuechenfenster
hier eingestiegen und hat die Muffe gelockert. Dann hat er wahrscheinlich die Pilotflaemmchen ausgeloescht, alle Fenster geschlossen und ist hier wieder hinausgeklettert. Das Fenster laesst sich
von aussen leicht herunterdruecken. Ach ja, und den Anrufbeantworter hat er auch ausgeschaltet. Dann hat er aus irgendeinem Grund - vielleicht hat ihn jemand gestoert - den Schraubenschluessel nur die Kellertreppe hinuntergeworfen und ist abgehauen. Dort habe ich ihn naemlich gerade gefunden. Den Schluessel, meine ich."
Howard starrte auf das Werkzeug in seiner Hand, als ob es jeden Moment zuschnappen koennte.
"Du meinst, da sind Fingerabdruecke drauf? Mensch, Kid. Wieso hast du das nicht vorher gesagt?"
Ich laechelte schwach.
"Heutzutage weiss jedes Baby, dass man bei so einer Aktion besser Handschuhe traegt. Also vergiss es."
Ich nahm ihm den Schluessel aus der Hand und Howard wischte sich instinktiv die Pfote an seinem schmuddeligen Eddie Bauer Pullover ab.
"Brandstiftung?" begann er wieder. "Aber wieso hat er dann die Pilotflaemmchen geloescht? Wenn er wollte, dass das Haus abbrennt, waere das doch die todsicherste Methode ..."
"Er wollte nicht, dass das Haus abbrennt. Naja, indirekt natuerlich schon", erwiderte ich und ging hinueber ins Schlafzimmer.
Howard folgte mir auf dem Fusse.
"Was wollte er dann, Kid?" fragte er erregt. "Ich habe das Gefuehl, du weisst, verdammt nochmal, mehr ueber die Sache, als dir gut tut."
Ich holte meine Walther aus dem Futteral und liess das leere Magazin herausschnappen.
"Er wollte, dass die ganze Chose erst dann hochgeht, wenn ich nach Hause komme. Weisst du, was passiert, wenn man in einem mit Gas gefuellten Raum das Licht anknipst? Die Chancen sind gut, dass du dir dann ueber Ordnungsgelder keine Gedanken mehr zu machen brauchst.
Aus dem gleichen Grund hat er auch den Anrufbeantworter ausgeschaltet. Jedes eingeschaltete elektrische Geraet haette zu einer verfruehten Explosion fuehren koennen. Und genau das wollte er nicht."
Howard beobachtete mich unruhig, waehrend ich sorgfaeltig das Magazin der Walther fuellte.
"Kid, das sind doch nur Spekulationen. Es kann auch ein ganz normales Leck gewesen sein. So was kommt vor."
Ich schuettelte den Kopf.
"Das Kuechenfenster war zu, haben die Cops gesagt. Wenn ich wegfahre, ist es immer auf, damit Nostradamus herein kann, solange ich weg bin. Auf dem Sims draussen sind Fussspuren. Die Pilotflaemmchen waren aus. Der Anrufbeantworter war aus, aber heute morgen ging er noch. Auf der Kellertreppe liegt ausgerechnet der Schraubenschluessel, der auf die gelockerte Muffe passt. Und dazu
kommt noch, dass niemand weiss, wer eigentlich die Feuerwehr gerufen hat. Pete und Susi sind naemlich diese Woche in der Sierra Nevada. Die 'Nachbarn' waren es also sicher nicht. Das sind mir zuviele Zufaelle,
Howard. Und wenn ich bedenke, was mir in letzter Zeit so alles passiert ist, passt das Ganze. Bis auf ..."
Ich brach ploetzlich ab und ueberlegte.
Howard hob unglaeubig die Haende und ging zum Grossen Fenster hinueber. Die Sonne versank hinter den Marine Headlands.
"Aber das gibt doch keinen Sinn, Kid. Erst macht er sich so viel Muehe, deine Wohnung und dich in die Luft zu jagen. Dann ruft er in letzter Sekunde die Feuerwehr."
"Stimmt", gab ich nachdenklich zu. "Das gibt fuer mich im Moment auch keine Sinn. Aber ich werde es herauskriegen. Vor allem werde ich von nun an vorsichtiger sein."
Ich schob das volle Magazin in die Walther, lud aber nicht durch. Dann steckte ich die gesicherte Waffe hinten in meinen Hosenbund und zog mein Sweat Shirt darueber.
Howard beobachtete mich mit sorgenvoller Miene.
"Wie waer's mit Dinner?" schlug er vor. "Ich habe heute genug fuer zwei. Komm einfach rueber, wenn du Hunger bekommst."
Er wandte sich zur Tuere.
"Liebend gerne. Ich komme in einer Stunde", rief ich ihm nach. "Und .. danke, Howard."
Er winkte nur und polterte kopfschuettelnd die Treppe hinunter.
Nostradamus erschien in der aufgebrochenen Tuere und blickte mich mit seinen gruenen Augen an, als wollte er sagen:
"Na, da hast du ja wieder was Schoenes angestellt!"
Ich nahm ihn auf den Arm, aber er wollte nicht gestreichelt werden.
Kurz darauf hoerte ich ihn in der Kueche sein Trockenfutter knacken.
Ich beobachtete ihn nachdenklich vom Wohnzimmer aus. Schade, dass er so wenig mitteilsam war. Lassie haette mir den Boesewicht schon laengst frei Haus geliefert.
Nostradamus sprang auf die Anrichte und installierte sich auf seinem Lieblingsplatz zwischen Kaffeemaschine und Mikrowelle. Er zog die Pfoten so weit wie moeglich unter den Koerper, liess die Augenlieder auf Halbmast sinken und versank in einer seiner ausgedehnten Zen-Meditationen.
Copyright Florian Schiel 1996