Etwas in ihrem Tonfall machte mich stutzig. Ich versicherte
nachdruecklich, dass ich um nichts in der Welt unseren
gemeinsames Joggen verpassen wuerde. Janet sah mich einen
Moment seltsam an; dann laechelte sie ploetzlich und strich
mir sanft ueber die Wange.
"Mein Gott! Du kratzt vielleicht..."
Sie sagte es, wie man ein gelungenes Kunstwerk lobt, und weg
war sie. Und ich sass da, immer noch in meinen ausgebeulten
Boxershorts, und guckte dumm den Gefrierschrank an.

Peters fing mich noch vor Beginn der Vorlesung im Flur ab und liess sich kurz ueber meine Antrittsvorlesung berichten. Ich sagte ihm wahrheitsgemaess, dass ich kaum mit einem weiteren Interview rechnete. Er sah mich zweifelnd an und laechelte. "Wir werden ja sehen. Hast du uebrigens schon gehoert, dass Archie als Chairman fuer die Session Sprechererkennung beim SSPW eingeladen worden ist?" Der 'Speech Signal Processing Workshop', kurz SSPW, fand dieses Jahr in Frankreich statt. Von uns hatte keiner dort ein Paper eingereicht, aber es war eine renommierte Veranstaltung. Der Chef laechelte zufrieden. "Er fliegt morgen nach Paris. Ich hoffe, das wird ihm etwas Aufwind geben. Er war in letzter Zeit etwas deprimiert, wegen... naja, du weisst schon." Ich nickte und sagte, dass ich mich sehr fuer ihn freute. "Stoert es dich, wenn ich mich heute mal in die letzte Reihe setze?" fragte der Chef ganz unvermittelt. Obwohl es mich sehr stoerte, sagte ich natuerlich genau das Gegenteil. Der Chef sass also die ganze Stunde in der hintersten Ecke, machte mich und die Studenten nervoes und hoerte meinem Unterricht zu. Zum Glueck waren die Studenten fair und loecherten mich nicht wie sonst mit allen moeglichen und unmoeglichen Fragen. Am Ende der Stunde verschwand Peters ohne ein weiteres Wort aus dem Saal. Ich seufzte erleichtert auf. In meiner Mailbox befand sich unter anderem auch eine Email mit einer mir unbekannten Adresse:

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Sie hatte folgenden Inhalt:

Lieber Mister Moltke,

Sie werden sich vielleicht gar nicht mehr an mich erinnern koennen. Ich bin der Kriminalbeamte, der Sie nach dem Giftgasanschlag in Garmisch vernommen hatte. Wie Sie sehen, ist es mir gelungen, Ihre email Adresse aufzutreiben. Das ist schneller und bequemer als snail mail :-) Also, wie Sie ja wohl mitbekommen haben, ist der Fall bis jetzt nicht aufgeklaert worden. Ich war die letzte Zeit nicht selber damit befasst, da ich zur Zeit des Anschlags nur zur Aushilfe nach Garmisch beordert worden war. Inzwischen bin ich aber von Interpol beauftragt worden, eine Studie ueber den Fall anzufertigen.

Ich stoehnte. Eine 'Studie'. Hervorragend. Die Cops waren doch auf der ganzen Welt die gleichen.

Zu diesem Zweck muss ich mich natuerlich auch noch einmal mit den Zeugen und Ueberlebenden befassen. Daher dieser Brief.

Einige Informationen zu dem Fall:
- Die beiden zunaechst Festgenommenen, ein Albaner und ein Kroate, wurden bald wieder auf freien Fuss gesetzt. Man konnte keinerlei Verbindung zwischen Ihnen und dem Anschlag finden. Wahrscheinlich waren sie nur zufaellig in der Naehe, als es passierte.
- Das Gas konnte identifiziert werden. Es handelt sich um P........., ein Nervengas, das sowohl ueber die Atemwege, als auch (langsamer) durch die Haut aufgenommen werden kann und in kuerzester Zeit zur Laehmung der Atemmuskulatur und des Herzmuskels fuehrt. P......... kann durch Reaktion zweier Ausgangsstoffe erzeugt werden. Allerdings ist einer davon extrem giftig und daher schwer zu beschaffen. Eine Nachforschung ergab keinerlei Hinweise, dass die Chemikalien in Deutschland besorgt wurden.
- Der Mechanismus, der das Gas freigesetzt hat, war mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit kein normaler Zeitzuender. Unser Labor konnte mehrere elektronische Teile identifizieren. Die meisten wurden jedoch durch einen Thermitbrandsatz voellig zerstoert, der kurz nach dem Entstehen des Gases gezuendet wurde. Eine Liste der identifizierten Teile befindet sich in einem Attachment zu dieser mail. Die Schaltung konnte nicht rekonstruiert werden. Nach Ansicht der Experten kann es sich z.B. auch um eine ferngelenkte Zuendung gehandelt haben. Nun zu den Zeugen/Ueberlebenden:
- F.Leduc hat ihren Job am CNRS aufgegeben und lebt jetzt mit ihrem Lebensgefaehrten in Dijon. Auf Befragung hat sie ihrer Aussage unmittelbar nach dem Anschlag nichts hinzugefuegt.
- J. Kasurinnen lebt in Helsinki und arbeitet an der dortigen technischen Hochschule. Er wurde vor einer Woche von mir befragt. Er wollte seiner Aussage nichts hinzufuegen, aber ich hatte den Eindruck, dass er etwas ueber das Motiv des Anschlags ahnte oder zu wissen glaubte.

Das sind schon die wichtigsten Fakten. Der muehsamste Teil der Arbeit steht mir noch bevor: ich muss saemtliche Opfer auf moegliche Feinde etc. abklopfen.

Sollte Ihnen inzwischen etwas eingefallen sein, was Sie bei der Aussage nicht angegeben hatten, dann schreiben Sie mir bitte. Es kann noch so unwichtig erscheinen. Vielleicht hilft es uns doch weiter. Am besten waere es sogar, wenn Sie den ganzen Hergang noch einmal mit allen Details aufschreiben wuerden. Aber ich kann Sie natuerlich nicht dazu zwingen.

Mit freundlichem Gruss,

Hermann Becker, Kriminaldirektion Muenchen, Germany

Ich ueberlegte, ob ich gleich antworten sollte, entschied mich aber, es auf spaeter zu verschieben, und speicherte die mail erst einmal ab. Der Rest des Tages verging mit Routinearbeiten. Gegen drei Uhr nachmittags rief mich Minni an. "Georgiboy!! Du bist ja wieder da!!" Ich legte den Telefonhoerer auf auf den Tisch. Minni war aus irgendeinem Grunde der Ueberzeugung, dass man sie durch das Telefon nicht so gut verstehen koennte. Deshalb bruellte sie grundsaetzlich so laut ins Mikrophon, dass ich sie muehelos, auch ohne Telefon bis in mein Cubicle hoeren konnte. "Was gibt es denn?" fragte ich. "Ein gewisser Ian aus Salt Lake City will dich sprechen!! Du wirst uns doch nicht verlassen, oder ?! Wann gehen wir eigentlich endlich mal zusammen essen?!" "Sobald ich mein Erbe angetreten habe und es mir leisten kann", erwiderte ich sarkastisch. "Du bist ein Ekel, George!! Achtung, ich stelle durch!!" Ians froehliche Stimme, mindestens 60 dB leiser, ertoente aus dem Hoerer. Ich hielt den Hoerer erleichtert wieder dichter ans Ohr. "Ian?" "Hi, George. Sag mal, wie lange dauert es denn, bis die bei euch weiterverbinden? Ehrlich gesagt, eure Sekretaerin muss entweder stocktaub sein oder sie ist sadistisch veranlagt. Mein rechtes Ohr ist noch fast taub von ihrer Begruessung." Ich erklaerte ihm kurz, dass er da nicht das einzige Opfer sei. "George. Ich habe gestern, als ich die Werbung von CNN trainierte, von deiner Notlandung gehoert. Ich meine natuerlich nicht deine, sondern die des Flugzeugs, du weisst schon. Ist dir auch nichts passiert? Seit gestern versuchen wir, bei dir zu Hause anzurufen, aber es geht immer nur dein Blechtrottel 'ran." Ich berichtete kurz, was passiert war und dass ich die Nacht bei einer Freundin verbracht hatte. Letzteres traf natuerlich bei Ian auf grosses Interesse. "Bei einer FREUNDIN? Wieso wissen wir denn gar nichts davon? Wann ist denn die Hochzeit?" Ich seufzte. "Hoer zu, Ian. Du kannst dir deine anzueglichen Bemerkungen sparen. Janet ist eine alte Schulkameradin von mir. Wir joggen nur gelegentlich zusammen." "So kann man es natuerlich auch nennen", kommentierte Ian trocken. Ich gab einen genervten Laut von mir. "Aber etwas verstehe ich nicht", fuhr er ernsthaft fort. "Wenn du noch nicht mal zu Hause warst, wer hat dann deinen Blechtrottel abgeschaltet?" "Was meinst du mit 'abgeschaltet'?" fragte ich verbluefft. "Na, seit etwa zwei Stunden hebt unter deiner Nummer niemand mehr ab. Man kann es ewig klingeln lassen. Vielleicht ist das Band voll? Ich moechte wetten, es ist voll mit den Anrufen lauter besorgter Girls, die wissen wollen, ob dein Luxuskoerper die Notlandung gut ueberstanden hat." Er lachte schallend. Im Telefonhoerer schepperte es verzerrt. "Na, wie dem auch sei. Ich muss jetzt Schluss machen. Ich bin heilfroh, dass es dir gut geht." "Gruess Kerstin von mir", konnte ich gerade noch sagen. Dann war er weg. Ich legte auch auf und waehlte meine Nummer zu Hause. Es klingelte sechsmal und ich unterbrach verwirrt die Verbindung. Normalerweise hob mein Macintosh schon nach dem dritten Klingeln ab, und das Voicemail-Programm meldete sich. War der Mac abgestuerzt? Oder der Strom ausgefallen? Ich hatte den Hoerer kaum auf der Gabel, als das Telefon erneut klingelte. Es war Horace. Seine Stimme klang duester und rauh: "Howdie, Kid. Du kommst mal besser ganz schnell nach Hause. Die Cops und die Feuerwehr sind in deiner Wohnung." "Waaas?" "Bist du ploetzlich schwerhoerig geworden, oder was? Ich sagte, die Feuerwehr ist in deinem Apartment. Und ein paar Cops treiben sich auch da herum." "Aber... aber wieso? Brennt es etwa?" stammelte ich fassungslos. "Schaut nicht so aus", brummte Horace maulfaul, "aber irgendetwas riecht da fischig." Es klickte; er hatte aufgelegt.