Ich gab dazu keinen Kommentar ab. Ian umarmte mich zum Abschied am Gate und wie jedesmal beteuerten wir beide halbherzig, dass es diesmal nicht wieder so lange bis zum naechsten Mal dauern wuerde. Und beide wussten wir, dass es dann doch immer anders lief, als geplant. Die 737 nach Oakland war nur halb besetzt und die Sitze neben meinem Fensterplatz blieben frei. Da ich nichts zum Lesen dabei hatte, begann ich, aus Langeweile in den Flugmagazinen zu blaettern. In einem fand ich auf der letzten Seite einen Routenplan der Southwest-Airlines. Die Flugrouten waren als feine rote Linien auf eine sehr gute topographische Karte geplottet. Ich versuchte, unseren Flug anhand der Karte zu verfolgen, aber das erwies sich als schier unmoeglich. Die Wueste draussen unter uns sah in allen Richtungen gleichfoermig aus. Laut Routenplan flogen wir aus dem Grossraum Salt Lake City heraus zunaechst ein paar Dutzend Meilen nach Sueden, um dann fast exakt auf Westkurs zu gehen. Dann kam eine lange Strecke nur Wueste und Gebirge. Im Sueden lag Austin, aber das konnte ich nicht sehen, weil ich auf der rechten Seite sass und somit nach Norden hinaus schaute. Irgendwann muesste rechts Mt. Tobin mit seinen knapp 10000 Fuss zu sehen sein und dahinter Winnemucca. Ich spaehte vergeblich. Vielleicht flog der Pilot doch eine andere Route? Pyramid Lake sah ich erst, als wir bereits darueber hinweg flogen. WENN es Pyramid Lake war. Welcher See kam sonst noch in Frage? Ich studierte noch einmal die Karte. Rye Patch Reservoir? Das hatte eine ganz andere Form. Also doch Pyramid Lake. Dann waren wir schon weiter, als ich geschaetzt hatte. Ich blickte auf die Uhr. Knapp eine halbe Stunde waren wir in der Luft. Konnte also schon stimmen. Dann muesste jetzt links Reno zu sehen sein. Ich stand auf und versuchte, durch eines der gegenueberliegenden Fenster zu spaehen. Tatsaechlich, die charakteristische Skyline der Casinos war deutlich zu erkennen. Dahinter ragten die Berge von Lake Tahoe auf. Die 737 schwenkte ganz sanft nach links und nahm Kurs auf die Bay. Jetzt waren wir schon ueber den Gold Country, also im guten alten Kalifornien. Der Flieger nahm Schub weg und begann den Landeanflug. Jetzt schon? Ich konsultierte wieder die Karte. Ein bisschen frueh, fand ich. Die Anschnall/Nicht-Rauchen Lampen leuchteten auf. Das konnte gar nicht sein. Wir waren doch kaum hinter Reno. Eine Stewardess eilte vorbei und ueberhoerte meine Frage. Der Flieger ging jetzt stark herunter, staerker als ich es bislang erlebt hatte. Hinter mir aechzte jemand, als die negative Beschleunigung uns die Maegen hob. Aber niemand rief oder protestierte. Ich schaute aus dem Fenster. Der Boden war uns schon betraechtlich naeher gekommen. Ich entschied, dass mir die Sache nicht gefiel. Gerade als hinter mir die ersten Rufe laut wurden, nach Erklaerung verlangten, ertoente die geoelte Stimme einer Stewardess aus den Lautsprechern. Wegen 'eines kleinen technischen Problems' habe sich der Kapitaen entschieden, in Reno eine Zwischenlandung einzulegen. Wenn das Problem behoben sei, wuerden wir sofort unseren Weiterflug nach San Fran wieder aufnehmen. Der Flieger war immer noch im steilen Sinkflug. Rumpelnd fuhr das Fahrwerk aus und der Pilot vergroesserte mit den Klappen die Tragflaechen. Die ersten Anzeichen von Stadt wurden in meinem Blickfeld sichtbar. Suburbs, zum Verwechseln aehnlich der von Ian und Kerstin. Der Pilot fing dem Sturzflug ziemlich heftig ab und schwenkte in eine scharfe Linkskurve. Ich sah nur noch Himmel. Dann richtete sich die 737 wieder auf und setzte zur Landung an. Rechts von der Landebahn sah ich rote Fahrzeuge mit Blinklichtern beschleunigen. Die Sache gefiel mir immer weniger. Die 737 setzte tadellos auf und gab Gegenschub. Noch bevor sie auf Taxigeschwindigkeit abgebremst hatte, kam eine Durchsage des Kapitaens. Er berichtete vage von einem technischen Problem, dessen Behebung es leider erforderte, dass alle Passagiere fuer kurze Zeit das Flugzeug verliessen. Er entschuldigte sich vielmals fuer die Verzoegerung des Flugs, was mich etwas beruhigte. Wenn der Kapitaen sich ueber eine Verspaetung Gedanken machte, konnte es wohl nicht so schlimm sein. Der Kapitaen schloss mit der Bitte, moeglichst zuegig das Flugzeug zu raeumen, damit umgehend mit der Reparatur begonnen werden koennte. Das Flugzeug rollte mitten auf der Landebahn aus und blieb mit einem Ruck stehen. Die roten Feuerwehrfahrzeuge hatten uns eingeholt und umkreisten die 737 wie wuetende Bienen den Baeren, der es auf ihren Honig abgesehen hat. Die Anschnallzeichen erloschen. Alle erhoben sich gehorsam, um nach vorne zum Ausgang zu gehen. Dann ging ploetzlich alles sehr schnell. Eine weibliche Stimme kreischte weiter vorne. Eine Stewardess kam uns im Gang entgegen gelaufen, draengte sich ruecksichtslos an uns vorbei und begann, an den Hebeln des Notausgangs auf der rechten Tragflaeche zu zerren. Eine Sekunde lang standen alle wie erstarrt. Dann schrie jemand ganz klassisch, wie im Kino: "Feuer!" und alles kam in Bewegung. Die Stewardess hatte den Notausgang aufbekommen und begann, die zunaechst stehenden Passagiere hinaus zu scheuchen. Von vorne kamen weitere Passagiere in Panik angelaufen und draengten uns in den Schwanz des Flugzeugs. Ich blickte mich nach der zweiten Stewardess um, konnte sie aber nicht entdecken. Ploetzlich begann es brenzlig zu riechen, nach verschmortem Gummi und brennendem Plastik. Ich drehte mich um und draengte mich durch die aengstlichen Passagiere hinter mir zum Ende des Flugzeugs. Soviel ich mich erinnerte, war dort noch eine Tuere. Ich spaehte durch die kleine Sichtscheibe, die in die Hecktuere eingelassen war. Kein Feuer, kein Rauch, ein Mann in schwarzer Uniform lief rasch von links nach rechts durch mein begrenztes Blickfeld. Ich packte den schweren Hebel und versuchte ihn umzulegen. Er ruehrte sich nicht. Ich starrte auf die Tuere und ueberlegte, was ich wohl falsch machte. Hinten im Gang draengten sich immer noch ein Haufen schreiender Passagiere um den einen, winzigen Notausgang. Feiner Rauch drang von vorne in die Kabine. Man hoerte die ersten Leute husten. An der Tuere war ein weiterer kleiner Hebel angebracht, mit einer teilweise durchsichtigen Plexiglashaube abgedeckt, wahrscheinlich damit man ihn nicht aus Versehen umlegte. Er hatte die Beschriftung 'Automatic' und 'Manuell'. Er stand auf 'Automatic'. Ich legt ihn um auf 'Manuell'. Nichts passierte. Ich versuchte wieder den grossen Hebel zu bewegen. Nun ging es ganz leicht. Die Tuere schwang auf meinen Druck ploetzlich nach oben weg und eine rote Gummirutsche entfaltete sich mit lautem Zischen und Krachen zu meinen Fuessen. Ich rannte zurueck in den Gang und versuchte, das dort herrschende Chaos zu ueberschreien. Niemand beachtete mich. Alle versuchten, sich zu dem einen offenen Notausgang ueber dem rechten Fluegel durchzukaempfen. Durch die linken Fenstern sah man nun Flammen hochschlagen. Der Rauch in der Kabine wurde dichter. Ich musste jeden einzeln von hinten an den Schultern packen, herumdrehen und zu der offenen Heckklappe deuten. Zum Glueck kapierten es die meisten sofort und sprinteten los. Wenigstens gab es auf diese Weise kein Gedraenge hinten am Ausgang. Als ich sah, dass der Rest den neuen Fluchtweg erkannt hatte, liess ich mich mit den anderen zum hinteren Ausgang treiben und sprang auf die rote Rutsche. Bloederweise hatte ich meine Schuhe nicht abgestreift und ueberschlug mich ein paar mal schmerzhaft auf der langen Flaeche, ohne mir jedoch ernsthaft weh zu tun. Jemand packte mich an Arm und zerrte mich hoch. Ein Feuerwehrmann in silbernem Schutzanzug. Er deutete und bruellte etwas. Ich lief, so schnell ich konnte, in die angegebene Richtung zu einem Bus der etwa 300 Yards weit weg vom Flugzeug stand. Erst dort drehte ich mich um. Hinter der 737 quoll schwarzer Qualm empor. Weisser Schaum schwappte manchmal ueber den langen Zylinder des brennenden Flugzeugs. Direkt vor der Schnauze stand ein grosses rotes Fahrzeug und ueberschuettete die linke Seite mit Loeschschaum. Hinter dem Flugzeug musste noch so eine Spritze im Einsatz sein. Aus dem dunklen Notausgang auf dem Tragfluegel kletterten gerade zwei Maenner, beide in weissen Hemden und dunklen Hosen. Wahrscheinlich der Kapitaen und der Kopilot. Ganz klassisch: der Kapitaen liess sich als letzter von der Tragflaeche herunter und lief zusammen mit seinem Kollegen zu einem kleineren Fahrzeug, das mit rotierenden Blinklicht hinter dem grossen Loeschfahrzeug stand. Der Qualm wurde nun deutlich weniger. Eine Stewardess mit Megaphon bat uns eindringlich, in den wartenden Bus zu steigen. Wie betaeubt gehorchten die Passagiere und bestiegen in Zeitlupe den Flughafenbus. Erst auf der Fahrt zum Flughafengebaeude loesten sich die Zungen. "Mein Gott! Mein Gott! Mein Gott ..." "Was haben wir fuer ein Schwein gehabt!" "Und einen guten Piloten! Vergesst den Piloten nicht! Er hat uns heruntergebracht!" "Was wird Walter dazu sagen ..." " ... und wenn der Treibstoff, na dieses Zeugs, wie heisst es doch gleich?" "Was haben wir fuer ein Schwein gehabt! So ein Schwein!" " ... ueberhaupt nicht gemerkt, dass es brennt. Und ploetzlich sagt Hubert
- Hubert ist mein Mann; er sitzt da vorne. Nein, der mit der roten Kappe - also ploetzlich sagt Hubert, ..." "... Mein Gott! Mein Gott! Mein Gott ..." "... erst geglaubt, die macht Witze. Aber als sie dann den Notausgang geoeffnet hat ..." " ... ein Riesenschwein, sage ich ..." "Ich hab immer nur gedacht: Wenn nur der Treibstoff nicht hochgeht!" "Quatsch! Den lassen die doch schon vorher ab. Schon bevor sie notlanden. Da ist dann kein Tropfen mehr im Tank" "... und Walter hat noch gemeint, also bevor wir uns ueberhaupt entschieden hatten, hat er gemeint, in so eine Kiste wuerde er sich niemals ..." "Mein Gott! Mein Gott! ..." "Und was brennt dann da so? Was, frage ich ..." "Ich sag's ja die ganze Zeit: ein Riesenschwein, das wir da gehabt haben ..." Sie brachten uns in einen abgetrennten Wartebereich und versorgten uns mit warmen Getraenken. Die weniger mitgenommenen Passagiere belagerten sofort die drei Fernsprecher, die uns kostenlos zur Verfuegung gestellt wurden, damit wir unsere Angehoerigen beruhigen konnten. Ploetzlich tauchten vier Flugbegleiter mit riesigen Packen Decken auf und verteilten sie trotz der schweisstreibenden 80 Grad an die Passagiere. Gegen den Schock, wie man mir auf meine Frage freundlich mitteilte. Ich verzichtete auf eine Decke und bat um einen Bourbon mit Eis. Ich bekam aber keinen. Ein Arzt erschien mit zwei Gehilfen, und wir wurden alle eingehend nach Verletzungen befragt. Dann kamen noch mehr Angestellte mit Stapeln von Formularen, die von allen Passagieren ausgefuellt werden mussten. Erst sehr viel spaeter bekamen wir etwas Vernuenftiges zu Essen und zu Trinken. Dann hiess es, die Ersatzmaschine sei auf dem Weg hierher. Gegen elf Uhr Abends landete das Ersatzflugzeug mit einer erschoepften Schar von Passagieren in Oakland. Ein paar Blitzlichter zuckten auf, als wir das Flugzeug verliessen. Janet erwartete mich am Gate. Ich hatte sie von Reno aus angerufen und gebeten mich abzuholen. Sie klammerte sich etwas heftiger und laenger als noetig an mich, sagte kein Wort, aber zerdrueckte heimlich ein paar Traenen. Als wir uns zum Ausgang wandten, sprach mich ein uniformierter Angestellter der Southwest an. "Mister Moltke?" Ich bejahte. Er war sehr hoeflich und korrekt, liess aber eine gewisse Autoritaet durchschimmern. Sein Gesicht war kantig und dunkel gebraeunt, ein Hispanic. Wahrscheinlich ein Sicherheitsbeauftragter. "Sir, es tut mir sehr leid, dass ich Sie nach diesem ungluecklichen Ereignis noch ein paar Sekunden behelligen muss. Es geht um folgendes. Unser Expertenteam hat inzwischen festgestellt, dass der Brand an Bord des Fluges SW1298 im Gepaeckraum ausgebrochen ist." Er blickte kurz auf ein Papier, das er in der Hand hielt. Augenscheinlich ein Fax. "Genauer gesagt", fuhr er fort, "im Container zwoelf auf der Backbordseite. Unter anderem befand sich in diesem Container Ihr Gepaeckstueck. Wir sind nun verpflichtet alle Besitzer dieser Gepaeckstuecke zu befragen, ob sie irgendwelche brennbaren Materialien in ihren Gepaeck mit sich fuehrten." "Aber ich verstehe das nicht", sagte ich verbluefft. "Sie sagten, dass ausgerechnet MEIN Gepaeckstueck in diesem Container war?" Er blickte zur Sicherheit noch einmal auf sein Fax. "Sie sind George Moltke aus Berkeley?" "Ja, aber ..." "Laut unserer Passagierliste haben Sie in Salt Lake City ein Gepaeckstueck mit 23 Pfund Gewicht eingecheckt. Gepaeckgutschein Nummer SW1298-00347." Ich hob meine alte Aktentasche. "Das ist mein ganzes Gepaeck. Ich habe weder auf dem Hinflug noch auf dem Rueckflug etwas eingecheckt. Ich war nicht mal am Check-In, weil ich den Express-Check-In verwendet habe. Moment ..." Ich kramte nach meinem Ticket. Der Sicherheitsmann nahm ungeruehrt das zerknitterte Papier und studierte es sorgfaeltig. Dann nickte er und gab es mir zurueck. "Sieht so aus, als ob sich jemand fuer Sie ausgegeben und auf diese Weise eine Brandbombe an Bord geschmuggelt hat. Die Bundesluftfahrtbehoerde untersucht den Vorfall. Wir werden die Information an diese weiterleiten. Wahrscheinlich werden Sie dann von denen direkt hoeren. Koennte sein, dass Sie ein wichtiger Zeuge sind. Das ist alles. Auf Wiedersehen. Sir. Ma'm." Er tippte noch einmal an seine Schirmmuetze und liess uns stehen. Ich stoehnte. Irgendwoher kannte ich diesen Satz.