Gegen sechs kam Kerstin nach Hause. Ich bekam wie immer ein freundschaftliches Kuesschen, das nach mehr schmeckte, auf jede Backe. Kerstin war in Paris aufgewachsen. Sie duftete nach irgendeinem teuren und aufregenden Parfum. Waehrend sie ihre Einkaufstuete in die Kueche brachte, hatte ich wieder einmal Gelegenheit, ihre klasse Figur in dem engen Kostuem zu bewundern. Ian ist ein Glueckspilz, dass er mit
so einem Engel verheiratet ist, dachte ich ein wenig neidisch. Anders als bei vielen anderen Ehepaaren, die ich kannte, hatte ich bei Kerstin und Ian noch nie das unangenehme Gefuehl gehabt, die Ehegemeinschaft
sei ein staendiger Kampf der Geschlechter. Die beiden harmonierten so natuerlich und ohne Probleme, dass ihre ganze Umgebung entspannt und froehlich wirkte.
Nach dem BBQ sassen wir in der lauen Abendluft auf der Terrasse und kloenten. Die Moskitos umschwirrten uns und suchten nach ungeschuetzten Angriffspunkten; irgendwelche Voegel machten einen halben Block weiter die Strasse hinauf ziemlichen Krach. Gegen neun zog Kerstin sich zurueck, um noch ein paar Briefe zu schreiben, und schon bald hoerten wir auf der Terrasse die Tastatur ihres Laptops klappern.
Ian schwieg und schaute traeumerisch in den Sternenhimmel. Nach einer Weile holte ich das graue Kaestchen aus der Tasche und stellte es vor ihn auf den Gartentisch. Ian nahm es beilaeufig in die Hand, oeffnete es und schaute hinein.
"Was ist das? Hast du das gebaut?"
Ich verneinte und erzaehlte ihm die ganze Geschichte. Als ich zu den beiden Stangen Dynamit kam, setzte er sich mit einem Ruck aufrecht hin und war nun ganz Ohr.
"Moment mal. Willst du damit sagen, dass ... das gibt's doch nicht!"
Ich schaute ihn nur an.
"Woher weisst du ueberhaupt, dass es sich wirklich um Sprengstoff handelt? Kennst du dich aus?"
"Ich habe frueher so viel - zu viel - mit Sprengstoffen zu tun gehabt, dass ich mich da ganz bestimmt nicht irre."
Ian ueberlegte.
"Hast du die beiden Stangen auch dabei? Ach, nein. Natuerlich nicht. Du bist ja mit dem Flugzeug gekommen. Ich haette da naemlich was fuer dich, warte mal ..."
Er sprang auf und verschwand im Haus. Als er zurueckkam, hielt er mir ein winziges kompliziertes Teil vor die Nase. Ich drehte es ratlos in den Haenden hin und her. Es hatte zwei nadelartige Spitzen an einer Seite. Auf der anderen Seite war so etwas wie ein Spannhebel,ein kleiner Schalter und ein winziger Regler.
"Ok, ich geb's auf. Was ist das?"
Ian laechelte zufrieden.
"Ehrlich gesagt, nur eine huebsche kleine Spielerei aus meiner pyromanischen Phase."
Er lachte wie ueber einen besonders guten Witz.
"Pass auf!"
Er nahm mir das Teil ab, drueckte den Spannhebel ganz herunter - er rastete in dieser Position mit einem leisen Klicken ein - und knipste den winzigen Kippschalter an. Eine gelbe Leuchtdiode begann schwach zu
glimmen. Dann legte er das Teil vorsichtig vor uns auf den Gartentisch und holte ein billiges Cellular Phone aus der Tasche, schaltete es ein und drueckte dreimal eine Nummer. Im selben Augenblick klickte etwas in dem winzigem Kaestchen und der gespannte Hebel schnellte mit einem kleinen Knall zurueck in seine Ausgangslage. Gleichzeitig sprang zwischen den beiden Nadeln am anderen Ende ein kraeftiger blauer Funke ueber.
"Gesehen?" strahlte Ian.
Ich nickte verbluefft und griff nach dem kleinen Teil.
"Es reagiert auf das Pilotsignal des Cellulars, wenn man die Null dreimal rasch hintereinander drueckt", erklaerte Ian stolz. "Der Empfaenger entriegelt magnetisch den gespannten Hebel, und dieser schlaegt beim
Zurueckfliegen auf einen Piezokristall. Die dabei entstehende Hochspannung leite ich auf die Nadeln und es gibt einen herrlichen Funken."
"Und wozu ist der Regler?" fragte ich und hielt mir das Ding dicht vor die Augen.
"Ach, das ist mehr was Konventionelles. Du kannst damit eine Zeitverzoegerung einstellen. Der Regler geht von etwa fuenf bis zwanzig Minuten. Dann musst du den Kippschalter aber in der anderen Richtung umlegen, um ihn scharf zu machen."
"Wie bist du bloss auf die Idee gekommen, so etwas zu entwerfen?"
Ian zuckte die Achseln.
"Ich wollte mal etwas bauen, das auf elegante Weise Elektronik und Mechanik verbindet. Ausserdem war ich damals wie gesagt noch in meiner pyromanischen Phase. Jetzt habe ich schon lange keine Verwendung mehr
dafuer. Warum nimmst du es nicht mit und jagst damit dein Dynamit in die Luft. Irgendwo in der Wildnis, meine ich. Das Ding ist genauso gut wie eine Zuendkapsel."
"Du willst es mir schenken?" wunderte ich mich.
Ian zuckte wieder mit den Achseln.
"Warum nicht?"
"Danke", sagte ich automatisch. "Aber ich glaube kaum, dass ich so ein technisches Wunderwerk in die Luft jagen werde. Das bekommt einen Ehrenplatz in meiner Sammlung."
Ian strahlte.
"Aber", fing er wieder an und deutete auf das graue Kaestchen, "was hat es mit dem Ding da auf sich? Ist es ein einfacher Zeitzuender, oder was? Was hat denn die Polizei dazu gesagt?"
Er schaute mich forschend an. Ich schwieg.
"Oder hast du ... natuerlich! Du hast die Polizei gar nicht informiert. Typisch!"
Ich schuettelte den Kopf.
"Wozu auch? Es ist ja nichts passiert."
"Aber es haette etwas passieren koennen!" insistierte Ian. "Warum bist du der Polizei gegenueber immer so negativ eingestellt? Das war schon immer so bei dir ..."
Ich beschloss, das Thema zu wechseln. Ian hatte noch nie mit der Polente zu tun gehabt, also hatte er auch keine Ahnung.
"Ich habe mir die Elektronik bei uns im Labor genauer angeschaut", sagte ich, "und dabei etwas Erstaunliches herausgefunden."
Ich nahm die winzige silberne Kapsel, die ueber einem hauchduennen Draht mit dem Kaestchen verbunden war, zwischen Zeigefinger und Daumen.
"Dieses Ding ist ein hochempfindliches Electret-Mikrophon. Und da drin ...", ich deutete auf das geoeffnete Gehaeuse, "ist ein zwar einfacher, aber kompletter Spracherkenner eingebaut."
Ian guckte verwundert in das Kaestchen.
"Du meinst, ein Mustererkenner, der bestimmte Worte erkennen kann? Na, das faellt ja wohl mehr in dein Gebiet, nicht?"
"Genau. Aber er scheint nicht zu funktionieren. Oder ich habe noch nicht herausgefunden, worauf er trainiert wurde. Weisst du, das Problem bei dieser Technik ist, dass man nachtraeglich nicht mehr so leicht
herausfinden kann, fuer welche Worte so ein Ding eigentlich entworfen wurde."
"Du meinst, du kannst aus der allgemeinen Struktur des Programms erkennen, dass es sich um einen Spracherkenner handelt, aber was er erkennen soll, kannst du nicht rekonstruieren? Wieso kannst die gespeicherten Sprachmuster nicht einfach abspielen?"
"Das ist nicht so einfach, weil moderne Erkenner keine Muster mehr abspeichern, wie in der Steinzeit der Mustererkennung. Sie verwenden nur noch ein statistisches Modell der Sprachlaute. Und das kann man nicht
hoerbar machen."
Ian drehte das Kaestchen in der Hand hin und her.
"Kurios", meinte er schliesslich, "und was glaubst du, wozu das Ganze gedient hat."
Ich hob die Schultern.
"Ich habe nicht den blassesten Schimmer. Vielleicht ein Verrueckter, der auf besonders elegante Weise Selbstmord begehen wollte. Und wir haben ihn dabei gestoert oder er hatte es sich ploetzlich anders ueberlegt."
"Klingt nicht sehr plausibel", grinste Ian. Er stand auf und reckte sich gaehnend.
"Ich glaube, ich sollte jetzt auch in die Heia gehen. Wir sehen uns dann beim Fruehstueck."
Er winkte und verschwand im Haus. Jetzt erst fiel mir auf: das Geklappere der Tastatur war bereits seit geraumer Zeit verstummt.
Ich wachte schon um fuenf Uhr morgens auf und konnte nicht mehr schlafen. Leider passiert mir das ziemlich haeufig, wenn ich in fremden Betten schlafe. Ich waelzte mich eine Weile erfolglos hin und her und suchte nach einem angenehmen Traumeinstieg. Alles, was mir einfiel, war die nahezu perfekt geformte Kurve von Kerstins huebschen Hinterteil. Schliesslich warf ich das Handtuch und stand leise auf.
In der Kueche machte ich mir einen Nescafe. Dann stand ich da und ueberlegte, was ich mit der Zeit bis zum Fruehstueck anfangen konnte. Ich beschloss, ein wenig frische Luft zu schnappen und verliess das Haus
lautlos durch die Terrassentuer. Die Luft war angenehm kuehl und frisch. Die Morgendaemmerung war schon so weit heraufgezogen, dass die Farben der Blumen und Baeume gerade von grau nach bunt wechselten. Der hohe, wolkenlose Himmel faerbte sich gelb und purpur. Kaum ein Geraeusch zu hoeren; ab und zu quiekte die larmanlage eines Wagens und kurz darauf hoerte man Tuerenschlagen und Anlassgeraeusche in der Ferne. Die Luft war trocken, kein Tau auf den Pflanzen in den vielen Gaerten der Suburb.
Eingedenk frueherer Erfahrungen mit kuenstlich angelegten Vorstaedten hielt ich mich immer links, um mich in den gekruemmten Strassen nicht zu verlaufen. Normalerweise gelangt man auf diese Weise frueher oder spaeter wieder beim Ausgangspunkt an. Die Morgenluft war doch noch ziemlich kuehl. Ich steckte die Haende in die Tasche meines Sweatshirts und fuehlte wieder das kleine mysterioese Kaestchen. Meine Gedanken kreisten um dieses Raetsel, waehrend ich friedlich dahin trottete. Ploetzlich kam mir ein neuer Gedanke. Ich blieb stehen und versuchte, mich an die Einzelheiten des Programms im EPROM der Schaltung zu erinnern. Dann drehte ich um und eilte zurueck zu Ians Haus. Dort betrat ich leise die Garage und suchte nach einer Batterie. Ich fand statt dessen ein kleines Labornetzteil. Das ging auch. Mit fliegenden Haenden schloss ich die Kabel an. Die Leuchtdiode blinkte gruen. Ok, jetzt kommt der Test, dachte ich und sprach langsam und deutlich auf das kleine Geraet ein. Nichts. Ich veraenderte die Lage des Mikrophons etwas und sprach noch einmal. Ploetzlich wechselte die Leuchtdiode von gruen nach rot, blinkte dreimal und wechselte wieder nach gruen.
Ich schaltete den Strom ab und verstaute das Kaestchen sorgfaeltig wieder in meiner Tasche. Dann setzte ich mich in die Kueche und dachte nach, bis Kerstin, in ein blauseidenes Pyjamaoberteil gewandet, erschien und mir verwundert einen guten Morgen wuenschte.
Auf dem Weg zum Flugplatz berichtete ich Ian, was ich entdeckt hatte. Er schuettelte nur den Kopf.
"Du hast dich bestimmt getaeuscht. Versuch es in deinem Labor noch einmal unter kontrollierten Bedingungen. Und wenn du recht hast", fuhr er fort, "dann ist es wirklich an der Zeit, dass du mit der Polizei redest."

Fortsetzung folgt