Eine Stunde spaeter wusste ich, was das Ding machte, aber
ich konnte es nicht glauben. Um sicher zu sein, schleppte
ich das Zeug in mein Cubicle und spielte ihm mehrere
Sprachproben aus unserer Sprecherdatenbasis vor. Meine
Vermutung bestaetigte sich. Verwirrt packte ich das Ganze in
einen leeren Karton und nahm es mit nach Hause.

Im Flugzeug nach Salt Lake fand ich endlich Zeit, meinen Vortrag zu memorieren. Ich war ziemlich nervoes und das war gut so. Denn aus Erfahrung wusste ich, dass ich nur gute Leistungen erbrachte, wenn ich unter Stress stand. Bei Routinearbeiten dagegen unterliefen mir nur allzu leicht peinliche Fehler. Die Southwest-Airlines-Maschine war puenktlich von Oakland aus gestartet und landete ebenso puenktlich in Salt Lake. Schon am Gate wartete Ian auf mich. Ich hatte ihn gestern spaet Abends noch am Telefon erwischt, und er hatte es nicht ausreden lassen, mich vom Flughafen abzuholen. "George!" "Ian!" Wir schauten uns pruefend an. "Du schiebst eine ganz schoene Kugel vor dir her. Die Ehe bekommt dir also", grinste ich. "Ehrlich gesagt, wirst du schon grau an den Schlaefen. Tststs. Das Junggesellentum bekommt dir gar nicht." Wir lachten beide und marschierten durch die sengende Sonne zu Ians Schrottkiste, einem uralten dunkelroten Sedan. Dass er in besseren Tagen einmal dunkelrot gewesen war, konnte man allerdings nur noch mit viel Phantasie feststellen. "Dein Auto hat sich dagegen gar nicht veraendert", meinte ich. Ian stutzte. "Was ist eigentlich mit deiner Stimme los?" "Ausheilende Laryngitis." Ian hob die Augenbrauen und liess sich auf die quietschenden Polster des Fahrersitzes fallen. Anstatt den Motor zu starten, verschraenkte er beide Arme ueber dem Steuer und blickte nachdenklich durch die verdreckte Windschutzscheibe. "Wie lange warst du nicht mehr hier? Zwei Jahre?" "Zweieinhalb!" Ian schuettelte den Kopf und betaetigte den Anlasser. Der Sedan spuckte und keuchte und sprang mit lautem Droehnen an. "Weisst du, ehrlich gesagt denke ich manchmal, wir vergeuden unsere Zeit mit zu viel Routine und nicht mit den wirklich wichtigen Dingen. Warum zum Teufel sehen wir uns so wenig? Es liegt doch nicht daran, dass wir es uns nicht leisten koennten, mal in die Bay Area zu kommen, oder dass wir partout keine Zeit haetten. Man ist einfach so traege in seiner taeglichen Routine." Er bog mit quietschenden Reifen auf den Highway ab, wobei er nach alter Gewohnheit mit dem Hinterreifen ueber den Randstein holperte. Nach Traegheit sah mir das nicht gerade aus! Ich betrachtete ihn nachdenklich von der Seite. Er sah immer noch gut aus, braungebrannt mit leuchtend blauen Augen und blonder Maehne. Um den Hals trug er ein blaues, verwaschenes Cowboy-Tuch. Die Aermel seines rot karierten Holzfaellerhemdes hatte er aufgekrempelt, so dass man seine Unterarmmuskeln unter der tiefgebraeunten Haut spielen sah. Frueher waren ihn die Maedchen gefolgt wie ein Fliegenschwarm dem Honigtopf. Ich fragte mich, ob Kerstin ihn gut im Griff hatte. "Ich meine", fuhr er fort, waehrend er elegant einem Muelllaster die Vorfahrt nahm, "ploetzlich merkt man, dass wieder zwei Jahre vorbei sind, und man hat die ganze Zeit seinen besten Freund nicht gesehen." Hinter uns ertoente ein wuetendes Hupkonzert. Ian drueckte aufs Gas. "Zweieinhalb." "Was?" "Zweieinhalb Jahre. Genau genommen zwei Jahre und sieben Monate." "Pedant!" "Schlamper!" Er grinste. "Ehrlich gesagt, dass sie dich an der UCB loswerden wollen, wundert mich gar nicht. So einen Korinthenzaehler koennte ich auch nicht als Dozent ertragen. Hoffentlich geben sie dir hier in Salt Lake ueberhaupt eine Chance." "Kein Wunder, dass du noch keine von deinen Erfindungen gross herausgebracht hast", konterte ich, "bei so einer Einstellung. Ein Erfinder, der eine solche Schrottkiste als sein Auto bezeichnet, hat in dieser Zeit sowieso ausgespielt." Ian lachte schallend. "Touche!" rief er froehlich und patschte auf die offene Hand, die ich ihm hinhielt. Die 'Schrottkiste' machte einen gefaehrlichen Schlenker in Richtung Strassengraben, aber Ian fing sie rechtzeitig ab. Wir fuhren ein paar Minuten in zufriedenem Schweigen dahin, das man nur bei sehr guten Freunden geniessen kann. "Willst du gleich zur Uni? Oder sollen wir vorher noch fruehstuecken?" fragte Ian als wir den Ortsrand erreichten. Ich blickte auf die Uhr. "Ich habe nicht mehr viel Zeit. Setz mich am Campus ab und ich ruf dich an, sobald ich fertig bin, ok?" Ian nickte. Zehn Minuten spaeter irrte ich durch die University of Salt Lake City auf der Suche nach Dons Buero. Um halb vier Uhr nachmittags holte Ian mich wieder ab. "Und?" "Soso", seufzte ich und liess mich auf den staubigen Vordersitz fallen. "Sie haben nichts gesagt?" Ich schuettelte den Kopf. "Ich glaube nicht, dass ich den Posten bekomme. Es lief nicht besonders." Ian schwieg ein paar Bloecke weit. "Willst du darueber reden?" fragte er dann. Ich schuettelte wieder den Kopf. "Nicht jetzt. Ist Kerstin zu Hause?" "Noch nicht. Aber sie kommt um fuenf. Ich habe Teriaki Chicken zum BBQ besorgt." Ians Haus unterschied sich durch nichts von den fuenfhundert anderen Wohnhaeusern in der Suburb. Ein flacher Holzbau mit Steinimitat an der Vorderfront und geschindeltem Dach. Im Gegensatz zu den meisten anderen seiner Nachbarn hatte Ian jedoch seine Garage zum Erfinderlabor umfunktioniert. Deshalb betrat man sein Haus auch - entgegen aller amerikanischer Tradition - nicht durch die Garage, sondern durch den Hauseingang. "Mach's dir bequem. Du weisst ja, wo du schlaefst. Ich besorge uns was zu Trinken." Nachdem er uns beide mit einer eiskalten Corona ausgestattet hatte, zeigt mir Ian seine neuesten Projekte. "Ein Autoradio?" "Yup, aber mit einem kleinen Extra. Dieses Radio speichert automatisch die letzten fuenf Verkehrsdurchsagen, auch wenn es nicht eingeschaltet ist. Pass auf, ich schalte es ein und hier erscheint die Anzeige 5. Das bedeutet, dass fuenf Meldungen innerhalb der letzten zwei Stunden aufgezeichnet wurden. Und wenn ich jetzt hier druecke ..." Eine synthetische Stimme verkuendete eine Uhrzeit, 2 Uhr 57. Danach wurde eine Verkehrsmeldung wiedergegeben. "Siehst du?" sagte er stolz. "Das war vor fast zwei Stunden. Jetzt hoeren wir uns mal die letzte an ..." Er drueckte viermal auf einen der Knoepfe. Wieder ertoente die synthetische Zeitansage und eine aufgezeichnete Meldung: "Vier Uhr siebzehn. Der Flughafen von Salt Lake wurde vor wenigen Minuten bis auf Weiteres geschlossen. Eine offizielle Verlautbarung ueber den Grund der Schliessung liegt derzeit noch nicht vor. Aus unterrichteten Kreisen war jedoch zu hoeren, dass es sich um eine Bombendrohung handele. Die Fluege ..." Wir lauschten beide. "Wow. Da hast du ja Glueck gehabt. Wenn das schon heute morgen passiert waere, haettest du deinen Termin verpasst", meinte Ian mit hochgezogenen Augenbrauen. "Komisch. Ist das erste Mal, dass es hier in Salt Lake Bombenalarm gibt. An sich ist das 'ne ruhige Gegend hier" Ich zuckte mit den Achseln. "So, wie die Sache heute gelaufen ist, waere es wahrscheinlich auch egal gewesen." Ian legte das Autoradio zurueck ins Regal. "Hast du schon einen Abnehmer dafuer?" fragte ich. Ian seufzte und schuettelte den Kopf. "Ehrlich gesagt, George, es geht ziemlich schlecht im Erfindergeschaeft." Er setzte sich quer in einen alten Holzsessel, der verloren mitten in der Garage stand, und liess seinen Blick ueber die dicht besetzten Regale ringsherum streifen. "Wenn ich damals nicht die Idee mit der Mautgebuehrenberechnung ueber den Tacho gut verkauft haette, saessen wir schon lange auf dem Trockenen. Und ab und zu mache ich halt Consulting fuer ein paar kleinere Firmen in der Gegend. Aber, ehrlich gesagt, ohne Kerstins Einkommen wuerden wir nicht so leicht ueberleben." Wir leerten schweigend unsere Coronas. "Aber im Moment bin ich an einer ganz heissen Sache dran. Ehrlich." Er sprang auf und zerrte mich hinueber ins Wohnzimmer. Ich hatte vorhin schon, als wir hereinkamen, zu meinem Erstaunen bemerkt, dass der Fernseher lief. Ian und Kerstin sahen normalerweise nie fern. Sie wussten, wie alle verliebten und vernuenftigen Leute, besseres mit ihrer spaerlichen freien Zeit anzufangen. Neben dem billigen Videorecorder stand ein Geraet, das selbst gebaut aussah. "Hier", sagte Ian mit leuchtenden Augen und legte seine braune Pranke zart auf das Aluminiumgehaeuse. "Das kann was ganz Grosses werden. Pass mal auf." Er nahm die Fernbedienung des Videorecorders und drueckte auf Aufnahme. Dann zappte er durch die Kanaele und blickte auf die Armbanduhr. In dem gewaehlten Kanal lief irgendeine soap-opera. "Moment, gleich, noch ein paar Sekunden." Die aufschwellende Filmmusik kuendigte den naechsten Werbespot an. Giftgruene Zahnpasta, irgendeine mir unbekannte Marke, quoll zu froehlicher Muzak ueber den Bildschirm. Ian beobachtete gespannt den Recorder. Ploetzlich blinkte eine rote Leuchtdiode und der Videorecorder stoppte. Kurz darauf begann er, im Bildmodus zurueck zu spulen. Er lief ein paar Sekunden und stoppte wieder. Ian strahlte. "Gesehen?" Ich nickte beeindruckt. "Und ich dachte immer, das ginge nicht, weil die TV Firmen die Variabilitaet der Werbespots absichtlich hoch halten, damit niemand mit Bilderkennung die Werbung ausblenden kann." "Tja, ha", rief Ian triumphierend. "Aber ich arbeite nicht mit Bilderkennung allein. Mein Geraet hat statistisches Wissen ueber jeden Sender, wie, wann und in welcher Form die Werbung eingeblendet wird. Dadurch wird die Erkennung des Uebergangs viel sicherer, auch wenn der Sender staendig seinen Werbevorspann aendert." Inzwischen war der Werbeblock zu Ende gelaufen und die Sendung ging weiter. Mit einer leichten Verzoegerung lief auch der Videorecorder wieder an. "Das scheint mir das groessere Problem zu sein", bemerkte ich. "Wenn du nicht schnell genug abschaltest, kannst du zurueckspulen und den exakten Beginn des Werbeblocks nachtraeglich finden. Aber beim Wiedereinsetzen der Aufnahme darf es eigentlich zu keiner Verzoegerung kommen, sonst verpasst man ein paar wertvolle Sekunden vom Film." "Du brauchst gar nicht zu spotten", meinte Ian beleidigt. "Ein Problem nach dem anderen. Ich bin schon froh, dass die Erkennung einigermassen funktioniert." "Wie hoch ist denn die Trefferrate?" fragte ich interessiert. Ian fuhr sich mit der Hand durch seine dichte Maehne und blies die Backen auf. "Haengt stark vom eingeschalteten Kanal und von der Empfangsqualitaet ab", sagte er. "Aber im Schnitt so etwa 97 Prozent." Ich pfiff anerkennend und Ian strahlte wieder. "Die Sender werden dich entweder auskaufen oder lynchen", meinte ich ernsthaft. Ian nickte begeistert.