Ich tastete nach ihrem Arm und bekam einen solchen Schreck, dass
ich fast abgerutscht waere.
"George! Was ist?" Janet hatte bemerkt, dass ich zusammengezuckt
war. Ich zog staerker, bis ich den Arm in der Hand hielt. Er
liess sich ohne Anstrengung vom Rumpf trennen.
Janet stiess eine spitzen Schrei aus.

"George!!!"
Ich richtete mich vorsichtig auf und hielt Janet fest, die verzweifelt versuchte, von der unheimlichen Gestalt wegzukommen. "Ist schon ok. Keine Panik. Das ist kein Maedchen. Es ist nur eine Puppe. Hoerst du? Nur eine Puppe; kein Maedchen", fluesterte ich hastig. "Junge", sagte Janet automatisch, aber sie hoerte wenigstens auf sich zu wehren. "Eine Puppe? Aber was macht hier oben eine Puppe? Ich meine..." "Gute Frage? Vor allem, wer hat sie hier deponiert? Und warum?" Ich bueckte mich wieder, obwohl Janet sich an mir festklammerte, und zog vorsichtig an den blonden Haaren. Eine billige Peruecke, unbenutzt. Darunter ein runder Knaeuel Daemmmaterial, etwa so gross wie ein Kinderkopf. "Bitte, George. Lass uns hier verschwinden und die Bullen holen. Mir ist das unheimlich." Beim Wort Bullen zuckte ich zusammen. Das wuerde ich auf gar keinen Fall tun. Mit den Cops wollte ich nichts zu tun haben. Ich hockte mich wieder hin und begann, die komische Puppe auseinander zu nehmen. "George! Spinnst du! Lass das alles so liegen und komm!" Ich hoerte, wie Janet sich zum Pfad zurueck hangelte. "George?" Ich bedeutete ihr mit Handzeichen, dass gleich kommen wuerde. Unter den lose ausgestopften Kleidern hatte ich etwas Hartes gespuert. Im Oberkoerper der Puppe, der mit alten Lumpen ausgestopft war, fand ich ein graues Kaestchen aus Plastik, wie man sie in jedem Elektronikzubehoer-Laden kaufen kann. In die Oberflaeche war ein Druckschalter eingelassen, keine Beschriftung. Daneben glomm schwach eine gruene Leuchtdiode. Von dem Kaestchen fuehrten zwei rote Draehte weg. Ich folgte ihnen mit der Hand und ertastete ein laengliches Teil, etwa so lang wie eine Taschenlampe. Als ich es aus dem Lumpenhaufen heraus genestelt hatte, bekam ich den zweiten grossen Schreck dieses Tages. Ich hatte zwar noch nie Dynamit in die Finger bekommen, aber selbst ein Kind haette kapiert, was ich da in den zitternden Haenden
hielt: zwei Stangen, an beiden Enden mit grauem Klebeband umwickelt. Die beiden Draehte endeten in schwarzen Kappen am Ende des Sprengsatzes. Instinktiv und ohne nachzudenken zog ich die Kappen ab. Es ging ganz leicht. Nichts passierte. Kein Funke, kein Hollywood-Feuerball, kein schrecklicher Knall. "George! Was machst du da?!" Janets Stimmlage sagte mir, dass ich sie besser nicht laenger warten lassen sollte. "Ich komme", fluesterte ich, obwohl sie das wohl kaum hoeren konnte. Ich stopfte die beiden Stangen in mein Sweatshirt und steckte das kleine Kaestchen in die Tasche. Dabei bemerkte ich, dass noch ein weiterer, duenner Draht zu einer winzigen, silbernen Kapsel fuehrte. Ich stopfte alles in die Tasche und kletterte auf den Pfad hinueber. Janet beobachtete mich misstrauisch. "Was hast du so lange gemacht?" wollte sie wissen. "Nichts. Komm, wir rufen die Cops." Wir liefen das kurze Stueck zum Hauptweg hinunter und weiter bis zur Strasse. Dort, das wusste jeder, der hier joggte, war eine Callbox, mit der man Hilfe herbei ordern konnte. Janet zog den Hoerer heraus. "Hallo? Strawberry Canyon... Ja... Nein, das ist noch in Berkeley... Ja... Also, auf dem Abkuerzungspfad, der hinter dem Woodbridge Metcalf Grove links abbiegt... Nein, Woodbridge Metcalf Grove... Ja... Da liegt eine Puppe, so gross wie ein Maedchen..." Ich konnte mir das Gesicht des Cops am Telefon vorstellen. Er lehnte sich jetzt wahrscheinlich gerade zurueck, verdrehte die Augen und warf den Stift auf den Tisch. Sieh mal an, eine Puppe auf den Berkeley Hills! Ist ja wirklich ein Notfall! Aber selbstverstaendlich. Wir schicken sofort ein Ueberfallkommando. Wir muessen nur noch gerade einen kleinen Brand in Downtown Oakland in den Griff bekommen, ein kleines Shooting am Center Square beenden und zwei Morde aufklaeren, die letzte Nacht von der Waterfront gemeldet wurden. Aber dann kommen wir sofort, meine Dame, und kuemmern uns um diesen mysterioesen Fall. Wiedersehen. Janets Gesicht wurde zusehends laenger. "Aber ...", setzte sie noch einmal hilflos an. Dann blickte sie mich mit erstaunten Augen an, den Hoerer immer noch am Ohr. "Er hat gesagt, ich solle sofort aus der Leitung gehen", sagte sie empoert. "Sie bekaemen im Schnitt drei Jokes pro echtem Notfall herein. Ob ich wuesste, dass die unnoetige Belegung von 911 Nummern strafbar sei." Sie haengte den Hoerer in den Kasten zurueck. Ich legte ihr den Arm um die Schultern, was sie widerwillig duldete. "Was soll's. Es ist ja niemand verletzt, oder so. Die haben wahrscheinlich wirklich wichtigere Dinge zu erledigen, als sich um irgendwelchen Muell in den Waeldern zu kuemmern. Vielleicht sollten wir die Parkverwaltung anrufen?" "Und zu welchem Park gehoert das hier?" Ich zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Vielleicht Tilden Park?" Janet schuettelte den Kopf. "Der endet schon weiter im Norden. Was hast du da drin?" Sie hatte das Kaestchen in meiner Tasche bemerkt. Ich zeigte es ihr. "Was soll das denn sein?" Ich sagte lieber nicht, was ich darueber dachte und zuckte indifferent mit den Achseln. "Keine Ahnung. Ich werde es mir morgen mal genauer anschauen." Wir liefen zurueck und redeten nicht mehr darueber. Auf dem Nachhauseweg erinnerte ich mich wieder an den Sprengstoff. Ich wollte kein Dynamit im Haus haben, obwohl ich gehoert hatte, dass es ohne Zuendkapseln ein ziemlich harmloser Stoff sei. Also wickelte ich die beiden Stangen in eine alte Isomatte, die seit Jahren im Auto herumlag, und liess das Ganze in Nelsons Kofferraum liegen.

Am naechsten Morgen konnte ich zu meiner Erleichterung die Stimmbaender wieder einigermassen gebrauchen. Obwohl ich noch an meiner Probevorlesung feilen musste, nahm ich mir zu allererst das kleine graue Kaestchen vor. Im winzigen Elektroniklabor unseres Instituts loeste ich vorsichtig die Schrauben und inspizierte das Innere. Batterien, eine kleine Rasterplatine mit mehreren Bauteilen dicht bestueckt. Ich bin kein Elektroniker, aber als alter Hacker erkannte ich sofort die wichtigsten Teile eines sehr einfachen Computers. Der Mikroprozessor war mir zwar unbekannt, aber ich sah einen Quarz fuer die Taktfrequenz und ein kleines EPROM, worin das Programm kodiert war. Dann waren da aber noch einige Teile, aus denen ich nicht schlau wurde. Die Sache hatte mich gefangen genommen. Ich vergass die Zeit und besorgte mir immer mehr Messgeraete. Gegen zwoelf Uhr fand mich Minni im Labor. "George! Hier steckst du also. Hast du vergessen, dass du heute morgen Sprechstunde hast? Zwei Studenten waren schon da, und ich konnte dich nicht finden!" Ich blickte betroffen auf die Uhr im Labor. Minni hatte recht. Seit einer Stunde schon sollte ich eigentlich in meinem Buero sein und mir die Computersorgen der Studenten anhoeren. "Gerade jetzt ist wieder jemand da." Minni schaute mich strafend an. "Da hab ich mir gedacht, ich schau jetzt mal in allen Raeumen. Was um Gottes Willen machst du denn hier. Da hast du doch sonst nie was zu schaffen. Und ausserdem ..." Ich wartete das Ende der Strafpredigt nicht ab, sondern liess alles stehen und liegen und begab mich zu meinem Cubicle. Auf dem Besucherstuhl in der Ecke sass ein reizendes Geschoepfchen, die schlanken braunen Beine zuechtig zusammengestellt und mit sehr aufrechtem Oberkoerper, der ihren knospenden Busen vorteilhaft zur Geltung brachte. Sie sprang wie elektrisiert auf, als ich das Cubicle betrat, und schaute mich mit erschreckten Rehaugen an. Ich begruesste sie freundlich und entschuldigte mich fuer meine Abwesenheit. Dann bat ich sie, sich doch wieder zu setzen, und fragte, wie ich ihr helfen koennte. Die Rehaugen zuckten unsicher zur Oeffnung meines Cubicles, wo Minni mit kritischem Blick Stellung bezogen hatte. "Aeh... ich glaube, wir sollten unserem Gast einen Kaffee als Entschaedigung fuer die unnoetige Wartezeit anbieten. Was meinst du, Minni?" Minni schnappte nach Luft und schoss einen toedlichen Blick auf mich ab, raeumte aber ohne ein weiteres Wort das Feld. Das Maedchen senkte den Kopf und verbarg ein Laecheln unter ihren braunen Stirnfransen, die ihr weit ins Gesicht fielen. "Ich heisse Pat Gonnery", begann sie, "und bin im ersten Semester Informatik. Undergraduate." Ich nickte. "Hi Pat! Ich bin George - und im ersten Semester Vertrauensdozent. Was kann ich fuer dich tun?" Pat lachte kurz und wurde dann rot. "Ja, also ich weiss nicht mal, ob ich hier richtig bin ... ich meine ... es hat eigentlich nicht direkt was mit dem Computer zu tun ... aber Pam meinte trotzdem, dass ... Vertrauensdozent heisst doch auch, dass man ... ich ... wir haben halt gedacht, es kann so nicht weiter gehen, ohne ... obwohl es war eigentlich nur Pams Idee und dann hatte sie ploetzlich keine Lust mehr und meinte, ich soll erst mal alleine gehen ... aber eigentlich wollten wir zuerst zusammen gehen, und ich sagte, dann komme ich mit ... vielleicht war es doch keine so gute Idee zu kommen", schloss sie verzweifelt und blickte mich unsicher an. Ich hatte waehrend dieser konfusen Rede den Kopf unwillkuerlich immer weiter nach vorne gestreckt und unbewusst die Luft angehalten, um ihre immer leiser werdende Fluesterstimme noch verstehen zu koennen. Nun lehnte mich zurueck, holte tief Luft und versuchte, so souveraen wie der Chef zu wirken. "Vielleicht warten wir erst mal auf den Kaffee und du erzaehlst mir bis dahin ein paar Sachen ueber dein Studium, bevor wir auf das Kernproblem zurueckkommen. Wohnst du in einem Dorm?" Ab da ging es besser. Pat erging sich begeistert in einer Vielzahl von Nebensaechlichkeiten, nahm dankbar eine Tasse Kaffee von Minni an, erzaehlte von ihrer Freundin Pam - so ein Zufall, dass sie Pat hiess und ihre beste Freundin Pam, nicht? - und schien voellig zu vergessen, warum sie eigentlich in meine Sprechstunde gekommen war. Nach zehn Minuten versuchte ich behutsam, wieder auf den Grund ihres Besuchs bei mir zurueckzukommen. Sofort gingen wieder die Scheuklappen hoch. Sie setzte zweimal zum Sprechen an, dann sprudelte es aus ihr heraus: "Vertrauensdozent heisst doch, dass du bestimmt niemanden weitererzaehlst, was ich dich frage?" Ich nickte ueberrascht. "Das ist richtig. Ich unterliege der Schweigepflicht, solange es sich nicht um etwas Kriminelles handelt." Sie ueberdachte diese Information ein paar Sekunden mit krauser Stirne, kam dann aber wohl zum Ergebnis, dass in dieser Richtung keine Gefahr bestehe. Sie beugte sich verschwoererisch vor und fluesterte: "Ich habe Angst, dass ich von meinem PC sexuell abhaengig werde." Ich hoffte instaendig, dass Minni nicht auf dem Gang lauschte.