Auf dem Nachhauseweg erinnerte ich mich wieder an den Sprengstoff.
Ich wollte kein Dynamit im Haus haben, obwohl ich wusste, dass es ohne Zuendkapseln ein ziemlich harmloser Stoff ist. Also wickelte ich die beiden Stangen in eine alte Isomatte, die seit Jahren im Auto herumlag, und liess das Ganze in Nelsons Kofferraum liegen.
Am naechsten Morgen konnte ich zu meiner Erleichterung die Stimmbaender wieder einigermassen gebrauchen. Obwohl ich noch an meiner Probevorlesung feilen musste, nahm ich mir zu allererst das kleine graue Kaestchen vor. Im winzigen Elektroniklabor unseres Instituts loeste ich vorsichtig die Schrauben und inspizierte das Innere.
Batterien, eine kleine Rasterplatine mit mehreren Bauteilen dicht bestueckt. Ich bin kein Elektroniker, aber als alter Hacker erkannte ich sofort die wichtigsten Teile eines sehr einfachen Computers. Der Mikroprozessor war mir zwar unbekannt, aber ich sah einen Quarz fuer die Taktfrequenz und ein kleines EPROM, worin das Programm kodiert war. Dann waren da aber noch einige Teile, aus denen ich nicht schlau wurde. Die Sache hatte mich gefangen genommen. Ich vergass die Zeit und besorgte mir immer mehr Messgeraete. Gegen zwoelf Uhr fand mich Minni im Labor.
"George! Hier steckst du also. Hast du vergessen, dass du heute morgen Sprechstunde hast? Zwei Studenten waren schon da, und ich konnte dich nicht finden!"
Ich blickte betroffen auf die Uhr im Labor. Minni hatte recht. Seit einer Stunde schon sollte ich eigentlich in meinem Buero sein und mir die Computersorgen der Studenten anhoeren.
"Gerade jetzt ist wieder jemand da." Minni schaute mich strafend an.
"Da hab ich mir gedacht, ich schau jetzt mal in allen Raeumen. Was um Gottes Willen machst du denn hier. Da hast du doch sonst nie was zu schaffen. Und ausserdem ..."
Ich wartete das Ende der Strafpredigt nicht ab, sondern liess alles stehen und liegen und begab mich zu meinem Cubicle. Auf dem Besucherstuhl in der Ecke sass ein reizendes Geschoepfchen, die schlanken braunen Beine zuechtig zusammengestellt und mit sehr aufrechtem Oberkoerper, der ihren knospenden Busen vorteilhaft zur Geltung brachte. Sie sprang wie elektrisiert auf, als ich das Cubicle betrat, und schaute mich mit erschreckten Rehaugen an. Ich begruesste sie freundlich und entschuldigte mich fuer meine Abwesenheit. Dann bat ich sie, sich doch wieder zu setzen, und fragte, wie ich ihr helfen koennte. Die Rehaugen zuckten unsicher zur Oeffnung meines Cubicles, wo Minni mit kritischem Blick Stellung bezogen hatte.
"Aeh, ich glaube, wir sollten unserem Gast einen Kaffee als Entschaedigung fuer die unnoetige Wartezeit anbieten. Was meinst du, Minni?"
Minni schnappte nach Luft und schoss einen toedlichen Blick auf mich ab, raeumte aber ohne ein weiteres Wort das Feld.
Das Maedchen senkte den Kopf und verbarg ein Laecheln unter ihren braunen Stirnfransen, die ihr weit ins Gesicht fielen.
"Ich heisse Pat Gonnery", begann sie, "und bin im ersten Semester Informatik. Undergraduate."
Ich nickte.
"Hi Pat! Ich bin George - und im ersten Semester Vertrauensdozent. Was kann ich fuer dich tun?"
Pat lachte kurz und wurde dann rot.
"Ja, also ich weiss nicht mal, ob ich hier richtig bin ... ich meine ... es hat eigentlich nicht direkt was mit dem Computer zu tun ... aber Pam meinte trotzdem, dass ... Vertrauensdozent heisst doch auch, dass man ... ich ... wir haben halt gedacht, es kann so nicht weiter gehen, ohne ... obwohl es war eigentlich nur Pams Idee und dann hatte sie ploetzlich keine Lust mehr und meinte, ich soll erst mal alleine gehen ... aber eigentlich wollten wir zuerst zusammen gehen, und ich sagte, dann komme ich mit ... vielleicht war es doch keine so gute Idee zu kommen", schloss sie verzweifelt und blickte mich unsicher an.
Ich hatte waehrend dieser konfusen Rede den Kopf unwillkuerlich immer weiter nach vorne gestreckt und unbewusst die Luft angehalten, um ihre immer leiser werdende Fluesterstimme noch verstehen zu koennen. Nun lehnte mich zurueck, holte tief Luft und versuchte souveraen wie der Chef zu wirken.
"Vielleicht warten wir erst mal auf den Kaffee und du erzaehlst mir bis dahin ein paar Sachen ueber dein Studium, bevor wir auf das Kernproblem zurueckkommen. Wohnst du in einem Dorm?"
Ab da ging es besser. Pat erging sich begeistert in einer Vielzahl von Nebensaechlichkeiten, nahm dankbar eine Tasse Kaffee von Minni an, erzaehlte von ihrer Freundin Pam - so ein Zufall, dass sie Pat hiess und ihre beste Freundin Pam, nicht? - und schien voellig zu vergessen, warum sie eigentlich in meine Sprechstunde gekommen war. Nach zehn Minuten versuchte ich behutsam, wieder auf den Grund ihres Besuchs bei mir zurueckzukommen. Sofort gingen wieder die Scheuklappen hoch. Sie setzte zweimal zum Sprechen an, dann
sprudelte es aus ihr heraus:
"Vertrauensdozent heisst doch, dass du bestimmt niemanden weitererzaehlst, was ich dich frage?"
Ich nickte ueberrascht.
"Das ist richtig. Ich unterliege der Schweigepflicht, solange es sich nicht um etwas Kriminelles handelt."
Sie ueberdachte diese Information ein paar Sekunden mit krauser Stirne, kam dann aber wohl zum Ergebnis, dass in dieser Richtung keine Gefahr bestehe. Sie beugte sich verschwoererisch vor und fluesterte:
"Ich habe Angst, dass ich von meinem PC sexuell abhaengig werde."
Ich hoffte instaendig, dass Minni nicht auf dem Gang lauschte.
"Dass du von deinem PC sexuell abhaengig wirst?" wiederholte ich, nicht gerade sehr souveraen.
Pat nickte heftig. Die braunen Stirnfransen flogen.
"Aeh, wie darf ich das verstehen?" fragte ich vorsichtig.
Pat schaute mich erstaunt an.
"Cybersex", erlaeuterte sie kurz, als ob damit alles gesagt waere.
"Aber", wandte ich ein, "soviel ich weiss, sind Cybersex-Programme doch eher was ganz Harmloses ... ich meine ... eher so etwas wie Sex-Videos, oder? Wieso meinst du, davon abhaengig zu werden?"
Pat wurde wieder knallrot und wand sich auf ihrem Stuhl.
"Das ist kein Video ... ich weiss nicht ... das, was wir, also Pam und ich, im Cybersex machen, ist ziemlich intim ... ich weiss nicht, wie ich darueber reden soll ... genuegt es nicht, dass ich glaube, davon abhaengig
zu werden?"
So hatte ich mir die Beratung nicht vorgestellt. Ich hatte noch nie etwas von Computerprogrammen gehoert, die sexuell abhaengig machten. Der Schweiss perlte mir auf der Stirne. Nur nichts anmerken lassen. Ich
versuchte, meinen Blick von Pats huebschen braunen Teenagerbeinen abzuwenden und die unanstaendigen Gedanken zu vertreiben, die ihre Worte bei mir ausgeloest hatten.
"Fangen wir noch einmal ganz von vorne an. Vielleicht ist es fuer dich leichter, wenn ich einfach Fragen stelle und du antwortest - wenn du willst - mit Ja oder Nein. Wenn dir eine Frage nicht gefaellt, sagst du es einfach, ok?"
Die Studentin nickte erleichtert.
"Also, es ist ein bestimmtes Programm, dass auf deinem PC laeuft?"
"Ja, es heisst Wet-Bust-Nine."
"Und du verwendest es immer wieder und kannst nicht damit aufhoeren?"
Pat nickte.
"Hast du das Programm aus den Netz?"
"Nein, ich hab' es erst bei Pam ausprobiert. Spaeter hab' ich dann den ersten Upgrade gekauft. Er kostet ..."
"Und dieses ... Bust-Nine", unterbrach ich sie, "zeigt dann Bilder und produziert Toene, etwa so wie ein Sex-Video?"
Pat schuettelte heftig den Kopf.
"Nein, es zeigt keine unanstaendigen Bilder, es spricht. Es hat einen Teil fuer Maenner und fuer Frauen. Der fuer Frauen hat eine maennliche Stimme .."
"Und was spricht diese Stimme?"
Pat wurde wieder rot.
"Naja, er sagt eben huebsche Dinge, Sachen, die einem Gaensehaut erzeugen, aber angenehme Gaensehaut, irgendwie aufregend."
"Das ist alles?"
"Nein, er fragt oder bittet einen Sachen ... naja, er fragt zum Beispiel, ob man sein T-Shirt ausziehen moechte. Und .. und wenn man das dann bestaetigt ..."
"Wie bestaetigt man denn?"
"Man muss bestimmte Buttons anklicken. Also, dann macht er so weiter, als ob man es eben getan haette. Das T-Shirt ausziehen, meine ich. Wenn man es ablehnt, macht er anders weiter. Das klingt jetzt ganz primitiv ... aber das ist es nicht, weil ... es ist jedesmal ein bisschen anders und trotzdem irgendwie vertraut ..."
"Was sagt er denn zum Beispiel, wenn man sein T-Shirt ausgezogen hat?"
Pat ueberlegte.
"Naja, dann sagt er vielleicht, dass der Bra toll aussieht, oder dass man wunderschoene Schultern hat. Oder er fragt, ob man Lust hat, sich weiter auszuziehen, und so weiter."
Ich ueberlegte.
"Gibt es bei dem Programm irgendein Ziel, oder wie endet es ueberhaupt?"
Pat wurde so rot wie eine reife Spaetsommertomate.
"Darueber moechte ich eigentlich nicht sprechen", fluesterte sie, "aber ein Ziel ist sicher, dass man zum Schluss ganz nackt ist."
Ich versuchte, von der heiklen Frage wegzukommen.
"Du hast gesagt, es sei jedesmal ein bisschen anders. Wiederholt es sich wirklich niemals?"
Pat ueberlegte.
"Doch ... nein. Eigentlich wiederholen sich nur kurze Sequenzen. Also zum Beispiel, wenn er fragt, ob man schon mal ... schon mal mit einem Jungen ins Bett gegangen ist, dann reagiert er immer aehnlich auf die
Antwort ..."
"Und bist du?"
"Was?"
"Hast du einen Freund, oder hast du schon mal einen gehabt?" fragte ich geduldig.
"Nein, noch nie." Die Antwort war nur ein Lufthauch, kaum noch wahrnehmbar. Ich seufzte. Wenn sie so weiter machte, wuerde es wohl auch kaum noch dazu kommen.
"Wohnst du allein oder bei deinen Eltern?"
"Ich wohne mit Pam zusammen. Wir kommen aus der gleichen Gegend. Meine Eltern wohnen in einer Spiesserkleinstadt in Ohio."
Pat schnitt eine Grimasse, die ihre Meinung ueber ihre Heimatstadt deutlich dokumentierte.
"Ok, Pat. Ich glaube, du brauchst dir erstmal keine Sorgen darueber zu machen. Alle Maedchen und Jungs haben sexuelle Phantasien, die sie mehr oder weniger in ihrem Privatleben herauslassen. Das ist ganz
normal und ueberhaupt nichts Schlechtes daran. Ich zum Beispiel habe mir als kleiner Student auch mal eine Zeitlang jede Nacht ausgemalt, wie ich es mit der tollen Schwester meines besten Freundes treiben
wuerde. Da hat auch schon mal das Bett gewackelt, das kannst du mir glauben. Ich bin mir sicher, dass du irgendwann das Interesse an dem Programm verlieren wirst, weil es langweilig wird. Und dann wirst du
dich an das Ganze nur noch als laecherliche Spielerei erinnern."
Ich versuchte, moeglichst sicher und allwissend zu wirken, souveraen eben.
Pat schaute mich zweifelnd an.
"Aber ich habe es doch schon versucht, damit aufzuhoeren. Seit vier Monaten mach' ich es jetzt schon. Und Pam schon seit sechs. Jeden Tag mehrere Stunden. Wir streiten dauernd um den Rechner. Und wir kaufen jeden Upgrade, der 'rauskommt. Wir haben schon sieben; das geht ganz schoen ins Geld ..."
Meine vorgetaeuschte Souveraenitaet lag in Scherben am Boden.
"Aeh, soll das heissen, du ... ihr muesst immer wieder einen Upgrade kaufen, weil das Programm sonst nach einer gewissen Zeit auslaeuft?"
"Nein, das Programm laeuft nicht aus, aber mit jedem Upgrade passiert etwas Neues im Wet-Bust-Nine. Es ist wie ... wie eine Seifenoper. Man will keine Folge verpassen."
"Und was kostet so ein Upgrade?"
"Der letzte hat 265 Dollar gekostet", fluesterte Pat.
Ich riss die Augen auf.
"Und das Programm selber?"
"Das kostet nichts. Es ist frei kopierbar."
"Die Upgrades aber nicht."
Pat schuettelte den Kopf.
"Die sind an den Prozessor gebunden."
Eine teuflische Idee. Erst wird das Programm mit einem minimalen Set von Daten frei verteilt, bis die Kids davon abhaengig sind. Dann, nach ein paar Monaten verkauft man ihnen teure Upgrades. Eine todsichere
Sache. Und wahrscheinlich voellig legal.
Pat schaute mich erwartungsvoll an. Ich holte tief Luft.
"Ok, ihr habt da ein Problem. Am besten waere es natuerlich, wenn du... wenn ihr beide mal mit jemandem sprechen wuerdet, der sich besser mit seelischen Problemen auskennt als ich. Moment", unterbrach ich Pat,
die schon zum Widerspruch ansetzte. "Ich will damit nicht sagen, dass ihr eine Therapie braucht. Nach meiner Auffassung seid ihr beide ganz normal, ihr seid bloss in eine etwas ungewoehnliche Sache hineingeraten und wir muessen versuchen, euch da wieder heraus zu bekommen.
Wenn du also einverstanden bist, werde ich mich mit jemanden ueber die Sache beraten. Natuerlich unter Wahrung eurer Anonymitaet."
Pat nickte zoegerlich.
"Dann treffen wir uns wieder und sehen weiter. Am besten bringst du Pam gleich mit. Und das Programm auch, ok?"
Pat nickte.
"Und sonst? Was sollen wir inzwischen machen?"
Ich ueberlegte einen Augenblick. Am Anfang immer versuchen, sie bei der Stange zu halten und ihr Vertrauen zu gewinnen, sagte Janet immer. Wenn man sie gleich zu Beginn ueberforderte, kamen sie vielleicht niemals wieder in die Beratung.
"Ich wuerde nicht versuchen, sofort damit aufzuhoeren. Aber vielleicht koennt ihr euch vornehmen, denn naechsten Upgrade vorerst mal nicht zu kaufen. Das waere doch schon mal ein Fortschritt, ok?"
Pat nickte erleichtert, genau wie ich es mir gedacht hatte.
"Ok, aber Pam wird nicht herkommen wollen, wenn ich das Programm mitbringe. Koennten wir ... ich meine, wuerde es dir was ausmachen, zu uns zu kommen? Hier ist alles irgendwie so oeffentlich ..."
Sie blickte unbehaglich zur Oeffnung meines Cubicles.
Ich laechelte.
"Ich werde es mir ueberlegen. Lass mir deine email da, dann sag ich dir Bescheid, sobald ich mehr weiss."
Nachdem Pat gegangen war, wischte ich mir den Schweiss von Stirne und Nacken und rief bei Minni an.
"Sind noch mehr Studenten fuer mich da?"
"Nope. Deine Sprechstunde ist auch schon vorbei."
"Ein Glueck. Danke nochmal, dass du mich gefunden hast."
"Was wollte denn das Haeschen bei dir?"
In ihrer Stimme schwang deutliche Missbilligung mit.
"Tststs, Minni. Beratung von Studenten erfolgt auf vertraulicher Basis."
Sie knallte den Hoerer so heftig auf die Gabel, dass ich es bis in mein Cubicle hoeren konnte. Arme Minni. Machte sich immer noch Hoffnungen auf den reichen Hollywood-Erben.
Ich hatte den Hoerer kaum aufgelegt, als es klingelte.
"Hallo?"
"Hallo Thomas! Hier ist Ken Carlson. Ich versuche schon seit zehn Tagen, dich zu erreichen ..."
Ich legte auf und begann zu zaehlen. Bei siebzehn klingelte es wieder.
Ich riss den Hoerer von der Gabel.
"Hoeren Sie, Ken! Ich sag's nur noch einmal: ich will weder mit Ihnen noch mit meinem Vater, noch mit sonst irgendwelchen Bevollmaechtigten, Beauftragten, Untergebenen, Sklaven, etc. meiner Familie etwas zu tun haben! Verstanden?"
"Aber Sie verlieren einen Haufen Geld, wenn ...", hoerte ich ihn noch winseln, bevor ich den Hoerer wieder auf der Gabel hatte.
Geld. Natuerlich. In LA drehte sich alles nur um Geld. Immer drehte sich alles nur um Geld. Seit ich denken konnte, war es das beherrschende Thema meiner Kindheit gewesen. Hoffentlich verlor ich ordentlich. Haufenweise Geld. Berge von Geld. Ich konnte mir Kens Gesicht vorstellen. Hochrot mit Schweisstropfen auf der kahlen Stirne und der fetten Oberlippe, den Zeigefinger der linken Hand im Hemdkragen, weil er vor Erregung nicht genug Luft bekam. Ken Carlson bereitete es koerperliche Schmerzen, wenn Geld verloren ging.
Natuerlich hauptsaechlich, weil da teilweise auch sein Geld verloren ging.
Er konnte es und wuerde es bis ans Grab nicht begreifen, dass mir das Geld meines Vaters nichts bedeutete. Nicht nur, dass es zum Teil gewaschenes Geld war, das war schon schlimm genug, aber das Geld an sich hatte meine Mutter in den Wahnsinn getrieben, meine Schwester drogenabhaengig gemacht, meinen Vater in einen skrupellosen Finanzhai verwandelt, und mich beinahe in den Bau gebracht...
Vor sieben Jahren, als ich aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, hatte ich eine definitive Entscheidung getroffen. Ich war fest entschlossen, meinen Vater nicht zu beerben. Mit ein paar Tausend
Dollar war es mir gelungen, ueber Nacht eine neue Identitaet anzunehmen - und zwar legal. Nur ein Richter in Santa Rosa und einige Beamte des Staates California wussten davon. Fuenf Jahre lang hatte ich unbehelligt von meiner maroden Familie und ihren Anwaelten in Berkeley ein neues Leben begonnen. Dann hatten sie mich wieder aufgespuert. Wie ihnen das gelungen war, wusste ich bis heute nicht genau. Angeblich hatten sie mit Hilfe eines geschickten Hackers eine profilgesteuerte Suche in den Archiven der Social Security und des Department of Motor Vehicles und anderen Datenbanken durchgefuehrt. Bei einer solchen - ziemlich aufwendigen - Suche wird nicht nach Namen oder Vornamen gesucht, sondern nach einem Profil, das moeglichst viele Parameter enthaelt, die man nicht so einfach aendern kann. Zum Beispiel die Koerpergroesse, die Haarfarbe oder der Daumenabdruck. Ich konnte mir vorstellen, dass mit entsprechendem finanziellen Aufwand auf diese Weise jeder untergetauchte amerikanische Staatsbuerger wieder aufgespuert werden konnte. Jedenfalls ueberschuetteten sie mich seitdem mit Briefen, Faxen und Emails, die ich samt und sonders ungelesen in den Muell warf, und versuchten, mich bei jeder Gelegenheit telefonisch festzunageln. Einen Anwalt hatte ich auch schon mal aus meinem Haus geworfen und die Polizei geholt.
Das Telefon klingelte wieder. Ich schaltete die Lautstaerke herunter und ging wieder zurueck ins Labor.
Zu meiner Ueberraschung stand Joe am Labortisch und beugte sich ueber meine Messanordnung. Joe machte normalerweise um alle Labors einen weiten Bogen. Er war ein echter Vollbluthacker, der lieber ein 80-poliges digitales Filter programmiert haette, als auch nur einmal einen Loetkolben in die Hand zu nehmen.
Als er mich kommen hoerte, sprang er wie angestochen auf.
"Wozu in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah", sagte er grinsend und - wie mir schien - etwas zu hastig.
"Wieso baust du dir das", er zeigte auf das graue Kaestchen, "so umstaendlich in Hardware auf? Du kannst das Ganze doch im SimBus modellieren."
SimBus war unser Standard-Simulator fuer digitale Schaltungen, bis hin zum Mikroprozessorboard.
"Ich habe das nicht gebaut", erklaerte ich. "Im Moment versuche ich lediglich herauszubekommen, was das verdammte Ding eigentlich macht."
"Aha? Woher ... wer hat es denn gebaut?"
Irgendetwas in Joes hungrigem Blick liess mich zoegern.
"Ach, nur eine Spielerei von einem Freund ... Frank. Er meinte, das waere vielleicht was fuer mich ... Warum interessiert dich das?"
"Ich? Oh, aeh ... interessiert mich eigentlich weniger. Du weisst ja, ich bevorzuge, alles in Software zu machen. Ich kam nur zufaellig herein, weil ich Kaffee geholt hatte ...", er winkte mit der Packung, " ... und
da sah ich den Aufbau. Ist ja schon eine Weile her, dass hier jemand was mit Messgeraeten und so ... Also ich geh dann schon mal nach vorne. Die anderen warten sicher schon auf den Kaffee ..."
Er machte einen raschen Abgang und ich blickte nachdenklich auf die geschlossenen Labortuere. Vorsicht - Teile fuehren Hochspannung, stand gross darauf.
Eine Stunde spaeter wusste ich, was das Ding machte, aber ich konnte es nicht glauben. Um sicher zu sein, schleppte ich das Zeug in mein Cubicle und spielte ihm mehrere Sprachproben aus unserer Sprecherdatenbasis vor. Meine Vermutung bestaetigte sich. Verwirrt packte ich das Ganze in einen leeren Karton und nahm es mit nach Hause.
Copyright Florian Schiel 1996