"Wow! Schaut mal, wer da kommt! Unser Superglueckspilz ist zurueck!" Minnis durchdringende Piepsstimme gellte durch das Institut. Ich grinste gequaelt. Einige Koepfe erschienen in den Oeffnungen der Cubicles. Obwohl ich mich seelisch darauf vorbereitet hatte, kostete es mich einige Anstrengung, gute Miene zum albernen Spiel zu machen. Minni, unsere Sekretaerin, fuenf Fuss gross, mit erstaunlichem Oberweite-zu-Taille-Verhaeltnis, unbekannter Haarfarbe, da sie die Haarfarbe oefters wechselte als andere die Jeans, strahlte mich aus ihrem Glaskasten heraus an. "Georgiboy! Wir MUeSSEN einfach mal zusammen essen gehen, damit du mir alles haarklein erzaehlen kannst. Hier kann man sich ja nicht in Ruhe unterhalten." Die letzte Bemerkung wurde mit einer veraechtlichen Geste unterstrichen, die das ganze Institut umfassen sollte, vielleicht sogar das ganz Howard-Taylor-Building, vielleicht sogar den ganzen Campus. Ich laechelte gezwungen und seufzte innerlich. Ich war schon einmal mit Minni ausgegangen. 'Sich in Ruhe unterhalten' bedeutete, dass sie ungestoert und ohne Luft zu holen redete, waehrend ihr Date, das Opfer also, sich auf skandierende Brummlaute beschraenken durfte. Dazu kam, dass ich in einer schwachen Stunde Minni gegenueber Andeutungen ueber meine Herkunft gemacht hatte. Seitdem war ich auf ihrer Hitliste ganz oben. "Mal sehen", sagte ich vage. Minni setzte ihren Schmollmund auf. "Das sagst du immer: mal sehen. Hast du denn gar keine Lust mehr auszugehen?" Ich beschraenkte meine Antwort auf ein Laecheln und leerte mein Postfach. Ein Brief von Carlson & Carlson. Ich warf ihn ungelesen in den Reisswolf neben Minnis Glaskasten. "Der Chef moechte dich sprechen", bemerkte Minni mit beleidigter Stimme. "Ok." "Alle anderen Nachrichten sind in deiner Mailbox." "Gut." Ich schlich in mein Cubicle, wobei ich versuchte, moeglichst leise aufzutreten. Trotzdem dauerte es nur Sekunden, bis der erste auftauchte. Ich hatte mich noch nicht mal eingeloggt. Die Buschtrommeln funktionierten immer noch perfekt. "Howdie. Wenn einer eine Reise tut, da kann er was erleben." Joe Kortgochan natuerlich. Unser wandelndes Sprichwort- und Aphorismen-Lexikon. Ich stand auf und oeffnete das Fenster, obwohl dies verboten war. "Weisst du was, Joe? Bevor ich jetzt dir und dann jedem anderen die Geschichte einzeln erzaehle, warum gehen wir nicht alle zu Hardy und trinken etwas?" Joe grinste diabolisch. "Wenn du den Lauf der Dinge nicht aufhalten kannst, versuch ihn in deinem Sinne zu lenken." Ich schaute ihn fragend an. "Weisheiten des Tao." "Aha. Ich poste mal kurz den anderen, dass wir uns in einer viertel Stunde bei Hardy treffen. laesst du mich inzwischen wenigstens meine email durchschauen?" Joe hob abwehrend beide Haende. "Ok, ok. Ich bin ja schon weg! In fuenfzehn Minuten also..." Meine Mailbox enthielt 'nur' 86 Nachrichten. Ich loeschte als erstes den offensichtlichen junk und sortierte die restlichen mails in die Kategorien 'Wichtig', 'Normal' und 'Rest'. Oberflaechlich betrachtet, waren keine Katastrophenmeldungen dabei. Ich sperrte mein Terminal und begab mich hinueber zu Hardys Cafe, um mich der unvermeidlichen Fragestunde zu stellen. Zu meiner Ueberraschung traf ich im Lift den Chef. "George!" "Hi, John!" Wir schuettelten uns automatisch die Haende, was wir sonst nie taten, aber es schien irgendwie angebracht zu sein. John Peters leitete seit sieben Jahren die Gruppe Spracherkennung in unserem Department. Er war ein kleiner und eher korpulent als sportlich gebauter, sehr intelligenter Jude, hatte wolliges dunkles Haar, das an den Geheimratsecken bereits ergraute, und ein froehliches Gesicht. Seine intelligenten Augen waren grau und in zahlreiche Lachfaeltchen eingebettet. Die gewaltige Nase wurde durch einen ebenso gewaltigen Mund kompensiert, der meistens zu einem froehlichen Wolfslaecheln verzogen war. Wenn er nicht gerade lachte. Und der Chef lachte gerne. Was ich am meisten am ihm schaetzte, war die gelungene Kombination von Menschlichkeit und messerscharfem Verstand. Er machte selten Fehler. Wenn er welche machte, hatte er keine Hemmungen, sie zuzugeben. Wenn andere Fehler machten, oder sonstige Katastrophen in unserer Gruppe passierten, war er es, der die positiven Seiten der Lage herausstrich und uns immer wieder motivierte weiterzumachen. Ueberhaupt war er ein unverbesserlicher Optimist. Fuer ihn war das Glas immer noch halb voll, niemals schon halb leer. Der Chef betrachtete mich aufmerksam, waehrend wir schweigend hinunter fuhren. Auf dem kurzen Weg zu Hardys sagte er lediglich: "Ich bin froh, dass du zurueck bist." Ich nickte nur. Aber es war mir warm ums Herz. Hardys Cafe war um diese Zeit noch wenig frequentiert. Unsere kleine Gruppe besetzte fast alle Tische im Freien, sogar Malcom, der Manager kam heraus, um meine Geschichte zu hoeren. Archie, Minni, Joe, Fai-Chi, Lee, Howard, John Coite, Andy und Michelle begruessten mich lautstark. Ich bemuehte mich, es so knapp und nuechtern wie moeglich zu machen, aber die vielen Fragen fuehrten dazu, dass ich mich dennoch in die schrecklichen Details verstrickte. Als ich endlich schwieg, sassen alle betroffen da und schielten in ihre Kaffeebecher. "Well", sagte schliesslich der Chef, um den Bann zu brechen, und stuetzte energisch beide Haende auf die Knie. "Es ist eine ueble Geschichte, aber nun mal nicht zu aendern. Verrueckte gibt es leider genuegend, die solche Untaten begehen. Hier in Berkeley koennen wir ein Lied davon singen." Einige der anderen nickten. Viele dachten wohl an Jonny, unseren Techniker, der bei einem Gang Shooting in San Fran schwer verletzt worden war und nun als Fruehinvalide von der Sozialhilfe lebte. "Das Leben geht weiter, die Erde dreht sich." Das war natuerlich wieder Joe. Verlegenes Schweigen. "Hast du eine Liste von den Leuten, die ... umgekommen sind?" fragte der Chef nach einer Weile. Ich nickte. "Sechs Leute sind dem Anschlag entkommen. Drei, weil sie nicht im Saal
waren; darunter auch ich, Francoise und der finnische Kollege. Und die anderen drei, weil sie noch nicht angereist waren; unter den letzteren ist auch Joseph Harden vom MIT." Der Chef nickte bedaechtig. "Ich habe von ihm gehoert." "Aber... aber glaubt ihr wirklich, das war ein Verrueckter?" platzte Michelle heraus. Alle schauten sie an. "Ich meine... das klingt doch nicht nach einen Irren. Giftgas! Wie die Nazis! Das war doch geplant und vorbereitet. Ich meine..." Sie schwieg verwirrt. "Was wissen wir, wie irr jemand sein kann", sinnierte Archie und leerte seinen Kaffee mit einem gewaltigen Schluck. "Ich muss wieder hinauf. Bis spaeter." Als waere das ein Signal zum Aufbruch, standen alle auf. "Ich sehe dich nachher noch kurz in meinem Buero", meinte der Chef, und ich nickte und folgte ihm. Wir besprachen kurz, was unmittelbar zu erledigen war. Dann lehnte sich der Chef zurueck und begann, an seinem Brillenbuegel zu kauen. Ich wusste, dass nun etwas ausser der Routine kommen wuerde. "Ich glaube", begann er, "oder sagen wir mal, ich faende es wuenschenswert, wenn du dich dieses Semester etwas mehr als gewoehnlich in der Lehre engagieren wuerdest. Ich weiss, dass du dafuer eine Ader hast, George. Du kannst mit den jungen Leuten gut umgehen. Ausserdem habe ich immer wieder erlebt, dass sich erarbeitete Grundlagen und Konzepte fuer einen selber klaeren und besser gliedern, wenn man sie unbedarften, aber intelligenten Studenten naeher bringen muss. Ich dachte an zwei Dinge. Das erste ist ziemlich einfach und trivial. Wir muessen gegenueber den Department einen Vertrauensdozenten fuer Computerfragen benennen. Das erledigst du mit links. Wohlgemerkt", fuegte er rasch hinzu, als er mein entsetztes Gesicht sah, "das bedeutet nicht, dass du bei Software-Problemen helfen sollst. Es handelt sich um Ergonomie und Arbeitsschutz. Du solltest z.B. dafuer sorgen, dass jeder Student, der bei uns arbeitet, ueber die maximal erlaubten Bildschirmzeiten informiert ist. Oder, wenn jemand ueber Augenprobleme klagt, kannst du ihn zum richtigen Arzt verweisen. Und so weiter. Kinkerlitzchen, aber jemand muss es uebernehmen. Du solltest nominell eine zweiwoechige Sprechstunde einrichten." "Ok", sagte ich. Der Chef lachte. "Typisch George. Er redet nicht lange herum, mit wenn und aber. Ok, erledigt. Mal schauen, ob du das zweite auch so einfach schluckst. Ich will, dass du diesmal die Einfuehrung in die Sprechererkennung haeltst." "Aber... die Einfuehrung haelt doch Archie", wandte ich ein. Der Chef nickte langsam. "Archie ist ein hervorragender Wissenschaftler. Ich halte sehr viel vom ihm. Einer unserer besten Leute. Er hat die Vorlesung jetzt vier Semester lang gehalten. Ich meine, dass du jetzt deine Chance bekommen solltest. Verstehst du mich, George?" Er blickte mich eindringlich an, und ich verstand. Archies Vorlesungsstil hatte in den letzten Jahren alle Studenten aus der Vorlesung vertrieben. Natuerlich war das dem Chef nicht entgangen. Auf die Dauer konnten wir uns aber nicht leisten, dass wir uns keinen Nachwuchs heranzogen. "Archie wird nicht begeistert sein." Der Chef winkte mit seiner Brille. "Ich habe bereits mit ihm gesprochen. Er ist in gewisser Weise sogar froh, dass er dadurch mehr Zeit fuer seine wissenschaftlichen Arbeiten hat. Ausserdem hat er noch einige Studenten zu betreuen. Er wird dir seine Unterlagen zur Verfuegung stellen. Du kannst natuerlich auch eigene, neue Wege gehen." "Ok. Ist es nicht ein bisschen knapp? Das Semester beginnt naechste Woche." Der Chef laechelte. "Ich war so unverschaemt, deine Veranstaltung bereits anzukuendigen. Dafuer uebernimmt Fai-Chi die Uebung zu meiner Grundlagenvorlesung." Ich atmete erleichtert auf. Zwei Veranstaltungen waeren schon etwas viel gewesen. Den Rest des Tages verbrachte ich mit der Erledigung von liegen gebliebenen Kleinigkeiten. Archie brachte mir grinsend einen dicken Packen mit Unterlagen zur Vorlesung. Ich blaetterte kurz durch den Stoss. Es war wie immer perfekt. Wirklich schade, dass er diese Hemmungen hatte, oeffentlich zu sprechen. Er schien mir doch ein wenig verschnupft wegen der Vorlesung, sagte aber nichts. Gegen sechs fuhr ich zu Janets Haus. Frank hatte versprochen zum BBQ zu kommen.

In den naechsten Wochen begann die uebliche Semesterroutine am Institut. Wie immer wurden die Forschungsaktivitaeten etwas gedrosselt, schon allein aus dem Grunde, weil die graduierten Studenten sich jetzt mehr um ihre Scheine und Pruefungen kuemmern mussten. Fuer mich war es neu und aufregend, eine eigene Vorlesung zu halten. Die Resonanz war ueberraschend hoch. In der ersten Stunde meldeten zwoelf Studenten ihr Interesse an und immerhin neun blieben mir erhalten. Der Chef bekam eine Einladung, eine key note auf einem wichtigen Kongress in Hawaii zu halten. Leider hatten wir keine Reisemittel mehr, so dass niemand von uns mitfahren konnte. Archie hielt eine Bewerbungsvorlesung am Oregon Graduate Institute. Er sagte kein Wort darueber, als er zurueck kam. Und keiner wagte es, ihn direkt darauf anzusprechen. Ansonsten aber war er ziemlich zufrieden, weil er endlich eine seiner brillanten Ideen erfolgreich bei einem grossen Kongress untergebracht hatte. Minni versuchte regelmaessig, mich zu einem Date zu ueberreden, und ich machte mir einen Sport daraus, immer abstrusere Ausreden zu erfinden.

Copyright 1996 Florian Schiel