Auf dem Weg zu meinem Therapeuten fragte ich mich, ob wir nicht
alle hier in der Bay Area etwas gaga waren. Wenn Frank nicht zum
Therapeuten ginge, waere er vielleicht schon laengst selber
ausgestiegen. Und warum ging ich zum Therapeuten? Ich wusste es
selber nicht. Vielleicht nur weil es alle machten. Janet, Frank,
Peters, Archie... die Ausnahmen waren leichter aufzuzaehlen.
Nirgends auf der ganzen Welt lebten und praktizierten so viele
Therapeuten auf einem Haufen wie in New York und in der Bay
Area. Ausser Studenten und Hochschullehrern der drittgroesste
Berufsstand in Berkeley. Nach meiner Sitzung fuer 26 Dollar
fuehlte ich mich kein bisschen besser, aber es war nett, Janine
mal wieder zu treffen. Ausserdem hatte sie schoene Beine, auf
die sie grosszuegige Blicke gewaehrte, und einen guten Kaffee.

Ich schlich mich wie ein Verbrecher in mein Apartment und holte meine Joggingausruestung. Nostradamus thronte auf seinem Lieblingsplatz, dem obersten Absatz des steinernen Treppengelaenders, und ueberblickte gelassen sein Revier, den schattigen Hinterhof und den winzigen, vernachlaessigten Garten. Seine gruenen Augen waren auf Halbmast getrimmt und bewegten sich kaum merklich, als ich vorbei schlich. Die brennende Nachmittagssonne stand schon weit ueber der City im Suedwesten und unser Haus warf seinen Schatten auf das Haus in der zweiten Reihe, in dem eine Gruppe von christlichen Studenten hauste. Hier in Berkeley stehen die Holzhaeuser zum Teil nur ein bis zwei Meter auseinander. Begreiflicherweise war die Angst vor Braenden gross und die Nachfrage fuer Jalousien hoch. Janet kam kurz nach mir nach Hause und brachte eine ueble Laune mit. "Ein Misttag!" schimpfte sie, waehrend sie ihr Auto, das nun wirklich nichts dafuer konnte, zuknallte. Ich konnte mir denken, was los war. "Es ist dir einer entwischt?" "Du merkst auch alles!" schnaubte sie. Einer ihrer Dauerkunden war 'entwischt' wie Janet es immer lakonisch ausdrueckte. Man koennte auch sagen, er hatte das Handtuch geworfen, war auf die andere Seite uebergewechselt, in die ewigen Jagdgruende eingegangen, hatte den Loeffel abgegeben, hatte seine Sorgen fuer immer hinter sich gelassen ... Erstaunlich, was wir fuer eine Sprachvielfalt fuer ein und dieselbe Sache bereithalten! Fast wie fuer Sex! Janet betrachtete ein solches Vorkommnis immer als persoenliche Beleidigung, als eine Herabsetzung ihrer professionellen Faehigkeiten. Janet nahm ihren Beruf sehr ernst. Was man von den meisten anderen Leuten, mir eingeschlossen, nicht behaupten konnte. Sie guckte mich finster unter zusammengezogenen Augenbrauen an. "Ich will nicht darueber reden!" warnte sie mich gleich. "Ok, ok", sagte ich beruhigend. "Gehen wir?" Sie verschwand in ihrem Zimmer und tauchte nach wenigen Minuten im Joggingdress wieder auf. Unsere uebliche Route fuehrte hinter dem Stadion in den Strawberry Canyon, links vorbei an den Uebungsfeldern und dem Schwimmbad der Universitaet; dann weiter auf der Strasse in Richtung Botanischer Garten bis zum staubigen Parkplatz, wo die Faulpelze ihre Waegen abstellten. Am Parkplatz beginnt erst der eigentliche Joggingpfad hinauf auf die Berkeley Hills, welche die Bay gegenueber von San Fran einrahmen. Der Pacific Layer hatte sich im Laufe des Tages aus der Bucht zurueckgezogen und lauerte nun wie ein wildes Tier hinter dem Golden Gate, zuengelte nur noch ab und zu bis nach Alcatraz oder Angel Island hinein. Die Fruehjahrssonne knallte uns auf den Ruecken, als wir in die Strasse zum Strawberry Canyon einbogen. Der kuehle und schattige Weg am Bach unterhalb des Botanischen Gartens entlang war dagegen eine Wohltat, wie ein kuehles Glas Champagner nach einem anstrengenden Tanz. Aber jetzt begann die eigentliche Steigung und wir schraubten unser Tempo entsprechend zurueck. Janet und ich liefen normalerweise zweimal die Woche, Dienstag und Freitag. Heute war eine Ausnahme, weil ich laenger weggewesen war. Janet lief nie allein. Andere Maedchen taten es, und vertrauten auf ihr Glueck. Oder ihrer Schnelligkeit. Oder ihrem Gluecksengel. Oder sonst etwas. Einzelne Joggerinnen waren leichte Opfer fuer Gangs oder auch Einzeltaeter. Die Zahl der Vergewaltigungen in der Bay Area nahm jedes Jahr zu. Und das Durchschnittsalter der Opfer - und Taeter - wurde jedes Jahr geringer. Unterhalb des Botanischen Gartens ging es zwischen immergruenen Steineichen in einer weiten Schleife nach rechts und schraeg den bewaldeten Hang hinauf. Unsere Laufschuhe wirbelten goldenen Staub auf. Der Weg war eigentlich ein Fire Trail und daher so breit, dass ein Feuerwehrwagen darauf fahren konnte. Einzelne Jogger kamen uns schweissdurchtraenkt entgegen. Die hatten das steilste Stueck, kurz unterhalb des Gipfels, schon hinter sich. Im Woodbridge Metcalf Grove, einem kleine Hain von uralten Zedern, bog links ein sehr steiler Pfad ab. Den nahmen wir normalerweise, um schneller auf dem Gipfel des Huegels zu kommen. Wir liefen jetzt mit ganz kleinen Schritten und hintereinander, damit unsere nackten Waden nicht das Poison Oak an den Bueschen streiften. Die letzten hundert Meter waren eine Qual fuer Lunge und Beinmuskeln. Der Schweiss tropfte mir vom Gesicht auf das T-Shirt, das sowieso schon durchtraenkt war. Janet liess mich langsam hinter sich zurueck. Sie hatte schon immer eine bessere Kondition gehabt als ich. Wenn sie mich damit aufzog, konterte ich immer damit, dass sie immerhin 20 Pfund weniger zu schleppen haette als ich. Am Gipfel verschnauften wir lange genug, um den herrlichen Blick ueber die ausgebreitete Bay im Abendlicht zu geniessen. Direkt unter uns lag Downtown Oakland mit seinem bescheidenen Haeufchen Skyscrapers. Das charakteristische Federal Building blinkte bereits rot mit seinen Zwillingstuermen. Die Wohnviertel zogen sich in steilen und gewundenen Strassen die Huegel herauf, wo man ueberall noch die Narben der grossen Brandkatastrophe von 1991 sah. Damals konnten viele Haeuser nicht gerettet werden, weil die Zugangsstrassen zu eng und steil waren, so dass die Feuerwehren nicht durchkamen. Jetzt war man nach der unbekuemmerten amerikanischen Manier dabei, genau dieselben Fehler erneut zu begehen. Ein europaeischer Kollege, ich glaube, es war ein Schwede, hatte mich auf einen Bankett einmal gefragt, warum denn um Gottes Willen die Amerikaner ihre Haeuser, kaum dass eine Naturkatastrophe vorueber war, genau an denselben Stellen wieder aufbauten oder gar neue Leute sich dort niederliessen. Wenn ein Hurricane in Florida Tausende von Haeusern aus Sperrholz zerstoerte, warum werden nicht Haeuser aus Stein gebaut, die dem naechsten Sturm besser widerstehen. Wenn eine Brandkatastrophe eine Kleinstadt ausloescht, warum werden dann die Haeuser wieder aus Holz im Abstand von wenigen Metern aufgebaut? Ich konnte darauf nichts erwidern, ausser dass Amerikaner wohl etwas unbekuemmerter und risikofreudiger leben als die Schweden. Wo sonst gibt es in einem hoch entwickelten Industrieland so viele Menschen ohne Krankenversicherung wie hier? Die blendende Sonne tauchte in die Nebelbank hinter San Fran und es wurde sofort kuehler. Die Sonnenuntergaenge selbst waren selten spektakulaer, aber der Abendhimmel in einer Stunde wuerde grandios sein. Ich dachte an mein Grosses Fenster zur Bay. Ob Nostradamus die Aussicht genoss, wenn ich nicht da war? Wir machten uns auf den Rueckweg. Diesmal nicht auf dem schmalen Abzweiger, sondern einen breiteren Weg ueber den Grad hinunter Richtung Westen. Nach einer Weile trafen wir dann wieder auf den fire trail, von dem wir abgezweigt waren und liefen zurueck zum Strawberry Canyon. Als wir bei Janets Haus anlangten, war es schon fast dunkel und die ersten Sterne zeigten sich ueber den Berkeley Hills.