"So long, kid. Ich verpasse den zweiten Teil der Simpsons.
Mach dir keine Sorgen. Uebrigens - eine Woche lang wuerde
ich mindestens wegbleiben." Damit verschwand er in seinem
flachen weissen Holzhaus gegenueber. Ich knallte Nelsons
Kofferraum zu und betete, dass er nach einer Woche Ferien
anstandslos anspringen wuerde. Er tat es.

Janet stand auf der obersten Stufe zu ihrer Veranda und gab sich alle Muehe, genervt dreinzuschauen. Ich lud meine Sachen ab und naeherte mich ihr ungefaehr so vorsichtig, wie man sich einer schlafenden Tigerin naehert. Sie funkelte mich mit ihren gruenen Augen an. Ich schaute ihr ueber die Schulter, rief: "Wow!" und deutete mit der Hand. Sie schaute lange genug zur Seite, dass ich ihr einen dicken Kuss auf die Wange druecken konnte. Als Reaktion bekam ich eine schallende Ohrfeige. "Immer die gleichen bloeden Tricks!" schimpfte sie und zauste mir liebevoll das Haar. "Wirst du denn nie erwachsen, Georgiboy?" "Pardon?" "Vergiss es. Komm rein." Janet und ich waren alte Sandkastenfreunde. Wir wuchsen in derselben Strasse auf, gingen auf dieselbe Elementary School und Junior High. Wir lernten zusammen, was Sex ist. Dann trennten sich unsere Wege fuer lange Zeit. Keinerlei Kontakt fuer fast zehn Jahre. Ich hatte schon laengst mein Grundstudium an der UCB absolviert und arbeitete an meinem PhD, als ich eines Tages in der Center Street einem hoch gewachsenem, schlanken Maedchen mit pink-blau getoenten Haaren und entsprechend schrillen Klamotten begegnete. Wir sahen uns beide einen kurzen Augenblick laenger an, als es der normale Blickkontakt mit unbekannten Passanten erforderte
- und gingen aneinander vorbei, ohne uns zu erkennen. Sie war nicht gerade das, was man sexy nannte, eher etwas herb und kuehl. Ausserdem war sie zu gross fuer mich. Ihrem Aussehen nach haette ich auf lesbisch getippt. Andererseits bewegte sich sie mit der Anmut einer Taenzerin. Sie ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Und als ich das Maedchen eine Woche spaeter am Eingang des YMCA wiedertraf, stutzten wir beide und sprachen uns gleichzeitig an. "Janet?" "Thomas?" Natuerlich konnte sie nicht wissen, dass ich nicht mehr Thomas hiess. Einerseits war es mir unangenehm, dass es nun jemanden in Berkeley gab, der ueber meine Vergangenheit Bescheid wusste. Andererseits hatte ich nie ernsthaft damit gerechnet, fuer immer unerkannt zu bleiben. Um ehrlich zu sein, freute es mich sogar ein bisschen, mal wieder mit Jemandem zusammen sein zu koennen, in dessen Gesellschaft man nicht immer auf der Hut sein musste. Janet hatte ihr College schneller als ich absolviert und dankend darauf verzichtet, weiter zu studieren. Obwohl ihr Abschluss so gut war, dass sie jeder dazu gedraengt hatte. Sie nahm eine ausgeschriebene Stelle als Sozialarbeiterin bei der Stadt Berkeley an. Ihre Aufgabe war etwas ungewoehnlich: Sie kuemmerte sich um die Hypochondrie-Beratungsstelle. Diese Institution war einmalig und gab es nur in Berkeley. Sie war eingerichtet worden, nachdem es in der Bay Area immer haeufiger zu Selbstmordversuchen gekommen war, die durch hypochondrische Anfaelle ausgeloest wurden. Die Betroffenen glaubten fest daran, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden. Von dieser fixen Idee getrieben, begingen sie Selbstmord, um sich selbst Leiden zu ersparen, um ihren Angehoerigen nicht zur Last zu fallen, ja, sogar, um in ihren Augen sinnlose Behandlungskosten zu sparen. Da sich die oeffentlichen Krankenhaeuser wie ueblich fuer nicht zustaendig erklaerten, andererseits viele der Betroffenen sich keine Behandlung beim Psychiater leisten konnten oder wollten, wurde vor drei Jahren, zunaechst probeweise, die Beratungsstelle fuer Hypochondrie eingerichtet. Sie war ein Bombenerfolg. Von Anfang an waren die beiden gebuehrenfreien 1-800 Nummern rund um die Uhr belegt. Die Stadt Berkeley entschloss sich daraufhin, zwei weitere Sozialarbeiter mit der Aufgabe zu betrauen. Eine Stelle wurde mit Janet besetzt, die andere - mit ihrem Mann. Janet hatte Carl schon auf dem College geheiratet. Ich hatte nie davon erfahren. Schon ein Jahr, nachdem sie sich in South Berkeley niedergelassen hatten, ging die Ehe in die Brueche. Rein statistisch gesehen der Normalfall. Ueber achtzig Prozent der Ehen in der Bay Area ueberdauerten die ersten fuenf Jahre nicht. Janet kaempfte um das alte Haus, im dem sie lebte und das sie ueber alles liebte, und gewann. Carl verliess die Gegend und lebt jetzt, soviel ich weiss, irgendwo in der Naehe des Mount Shasta. Nach ihrer Trennung hatte Janet sich geschworen, nie wieder ein 'Maennchen' in ihr Haus zu lassen, und dieses Prinzip mit bewundernswerter Konsequenz durchgehalten. Was aber nicht bedeutete, dass sie jetzt in kloesterlicher Abstinenz lebte. Im Gegenteil! Aber statt der sonst ueblichen Frage: "Gehen wir zu mir oder zu dir?" hiess bei ihr nur noch: "Unter einer Bedingung: Nur bei dir!" Daher sah ich es auch als grosses Zugestaendnis an, dass sie mir gestattete, ein paar Tage auf ihrer Veranda zu naechtigen. "Wenn ich dir schon Asyl vor den Geiern gewaehre, moechte wenigstens ich die Geschichte haarklein serviert bekommen, Georgiboy." Wir sassen in ihrer Kuschelecke, ganz oben unterm Dachgiebel des alten Holzhauses und schluerften vorsichtig den frisch gebruehten Kaffee. Endlich wieder Kaffee, von dem man ungestraft zwei, drei Tassen trinken konnte, ohne dass einem das Herz durch die Kehle bumperte. Die Europaeer konnten einen umbringen mit ihrem Kaffee! Ich gab ihr einen knappen Bericht meiner Erlebnisse, wobei ich gewisse Details diskret ueberging. Nicht, dass es Janet wirklich etwas ausgemacht haette, zu erfahren, dass ich mit Francoise geschlafen hatte. Wir waren schliesslich kein Liebespaar, sondern allenfalls ehemalige TBB. Aber es waere mir peinlich gewesen, zu erzaehlen, wie ich schon am naechsten Morgen ohne ein Abschiedswort sang- und klanglos verschwunden war. Ich hatte, schlichtweg gesagt, wegen Francoise ein schlechtes Gewissen. Janet konzentrierte ihr Interesse begreiflicherweise mehr auf das Attentat. Sie konnte nicht glauben, dass es gar keine Hinweise oder Spuren auf den oder die Taeter gebe. "Woher weisst du denn, ob die Cops euch auch alles erzaehlt haben? Vielleicht haben sie einen Verdacht und wollen den Taeter in Sicherheit wiegen?" Kein sehr angenehmer Gedanke. Mein ueberstuerzter Aufbruch konnte, in diesem Lichte betrachtet, Anlass' zu Spekulationen geben. Ich zuckte mit den Schultern. "Und wenn, kann ich jetzt auch nichts mehr dagegen machen. Lass uns von was anderem sprechen. Die ganze Geschichte geht mir auf's Gemuet. Was machen deine Hypos?" Janet zuckte mit den Schultern. "Nichts Besonderes, ausser dass das Interesse allmaehlich abflacht. Wahrscheinlich haben wir jetzt den ersten Berg von aufgestauten Hypochondern in der Gegend verarbeitet. Neue kommen nur noch selten dazu. Wenn, dann eher aus den weiteren Umkreis, San Fran, Walnut Creek und vor allem Oakland. Die gehoeren zwar nicht zu unserer Gemeinde, aber wir haben Anweisung, niemanden abzuweisen." Janets Job beschraenkte sich nicht allein auf Ratschlaege am Telefon. Auf Wunsch machten sie oder ihre Kollegen auch Hausbesuche. Manchmal erlebte sie dabei erstaunliche Einblicke in die verschiedenen Schichten der Gesellschaft. Von ganz unten bis ganz oben. Manchmal war nicht ganz klar, an welchem Ende es schlimmer aussah. Am besten kam noch die nicht zu arme Mittelschicht weg. Ab und zu wurde sie auch in Haeuser gerufen, wo gar kein Hypochonder, sondern nur ein einsames Herz nach zwischenmenschlichem Kontakt lechzte. Einige wenige Male war sie auch schon sexuell belaestigt worden. Seitdem ging Janet nie mehr ohne ihre Lady Smith and Wesson auf Tour. Sie konnte - im Gegensatz zu den meisten anderen unserer bewaffneten Mitbuerger - auch tatsaechlich damit umgehen. Wir hatten beide vor einem Jahr einen Kurs im Pistolenschiessen belegt. Ich schoss mit einer deutschen Waffe, einer Walther, Modell 38. Janet blickte auf die Uhr und sprang auf. "Ich muss weg. Telefondienst von zwei bis sieben. Wir sehen uns dann beim Dinner. Du stehst doch zu deinem Versprechen, oder?" Ich nickte duester. "Peperoni oder Salami?" Janet schnitt eine Grimasse, waehrend sie in ihre Jeans schluepfte. "Und ich hatte gehofft, du wuerdest die Erwaehnung von Pizza als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen." Sie zog ihren beruehmten alten Schlabberpullover direkt ueber den knappen Bra. Seit sie sich von Carl getrennt hatte, trug sie ihr braunes Haar wieder auf konventionelle Weise. Zwar relativ kurz, aber flott und praktisch. "Nur aus beruflichen Gruenden", wie sie nicht muede wurde, immer wieder zu betonen. "Bis heute Abend, Georgiboy!" Ein Kuss auf die Wange, und weg war sie. Kurze Zeit spaeter sah ich sie mit ihrem roten Flitzer aus der Einfahrt sausen. Ich lehnte mich wieder zurueck und trank meinen Kaffee aus. Komisch, wie entspannt und geborgen ich mich fuehlte, seit ich hier bei Janet war. Heimatgefuehle? Ich schloss die Augen und entschlummerte friedlich, bis es Zeit war, fuers Abendessen zu sorgen. Am naechsten Morgen ruettelte Janet mich aus der Haengematte. Der Jetlag hatte wieder zugeschlagen. Kopfweh und scheusslicher Geschmack im Mund. Sie drueckte mir eine Tasse heissen Kaffee in die Hand und verschwand wieder im Haus. Ich blinzelte in den grauen Himmel. Der 'Pacific Layer', die Nebelschicht, die fast staendig ueber den kuehlen Pazifik vor dem Golden Gate lauerte, hatte sich, wie haeufig um diese Jahreszeit, bis in die Bay und an die Berkeley Hills ausgebreitet. Nachmittags wuerde es dann wieder schoen sein, wenn der Layer sich aufgeloest hatte. Aber jetzt war es kalt und ungemuetlich. Ich schaelte mich aus dem Schlafsack und tappte barfuss in die warme Kueche. Janet sass mit wippenden Fuessen an der Theke und ass getoastete English Muffins. Im Hintergrund dudelte das Radio; der Sender war natuerlich KQLR, The lying Radio, von unserem gemeinsamen Freund Clee. Sie schob mir Muffins und Peanutbutter herueber, und wir fruehstueckten eintraechtig, ohne die gemuetliche Atmosphaere durch unnoetige Worte zu verderben. Danach verschwand Janet in der winzigen Dusche, und ich bruehte noch eine weitere Ladung Amaretto-Kaffee auf und goss ihn in die Thermoskanne. "Bleibst du den ganzen Tag hier?" fragte Janet beilaeufig, schon in der Tuere stehend. Ich schuettelte den Kopf. "Ich werde bei Frank vorbeischauen. Und ... aeh... mein Therapeut erwartet mich heute." Ich hatte gestern Abend angerufen, ob ich kommen koennte. Janet nickte sachlich. "Dann treffen wir uns um halb sechs hier, wie ueblich?" Ich nickte. "Ich werde mich nach Hause schleichen und meine Schuhe holen", versprach ich. Janet laechelte erfreut. Dann kam sie doch noch einmal zurueck an den Kuechentisch und beugte sich ueber mich. "Weisst du... ich freue mich, dass du wieder hier bist - und nicht in Einzelteilen zerlegt in einem Zinksarg zurueckgeliefert wurdest." Ich zuckte zusammen. Aber Janet laechelte und kuesste mich lange und genuesslich auf den Mund. Also, ich meine, sie kuesste mich WIRKLICH. Nicht so wie sonst unter Freunden. "Und ich freue mich wahnsinnig auf heute Abend. Seit du weg bist, habe ich kein einziges Mal ..." Und weg war sie. Ich strich mir nachdenklich ueber mein unrasiertes Kinn. Janet? Unmoeglich!

Zwei Stunden spaeter stoppte ich Nelson vor Franks Festung in Albany. Ich klingelte Sturm, obwohl ich wusste, dass das ziemlich sinnlos war. Frank machte niemals auf, wenn es an seiner Tuere klingelte. Also tat ich, was jeder zwangsweise tun musste, der Frank unangemeldet besuchen wollte: Ich ging zum Muenztelefon an der Ecke, waehlte Franks Nummer und verkuendete seinem Anrufbeantworter laut und deutlich, dass ich beabsichtigte, ihn, Frank, jetzt und sofort zu besuchen und dass er, verdammt nochmal, die Tuere aufmachen solle. Frank war naemlich fast immer zu Hause und hoerte immer mit, wenn sein Beantworter seinen Pflichten oblag. Ich schlenderte zurueck zu seinem elektrisch gesperrten Gartentor mit den Stahlspitzen und wartete geduldig vor dem unbeteiligten Auge der Videokamera. Ein paar Minuten spaeter klickte es, und ich vernahm Franks Stimme aus der Wechselsprechanlage: "Komm rein, George." Ich umrundete das Haus und stieg gleich ins Basement hinunter, wo Frank normalerweise arbeitete. Frank hatte so ziemlich den ungewoehnlichsten Beruf, den man sich vorstellen konnte; auch sein schon fast krankhafter Verfolgungswahn ruehrte daher. Er hatte sich schon im zarten Alter von sechzehn Jahren tiefschuerfende Gedanken ueber den technischen Fortschritt im Bereich der Konsumgueterproduktion gemacht. Eine seiner Beobachtungen war, dass das, was in Amerika mit Hardware bezeichnet wird, also alle Konsumartikel, die keine Verbrauchswaren sind, nicht nur immer besser, einfacher zu bedienen, preiswerter, komfortabler und so weiter wurden, sondern auch immer haltbarer. Die logische Schlussfolgerung war, dass es eines nicht zu fernen Tages einem Produzenten irgendeiner Sache, sagen wir Toilettenpapierhalter, gelingen wuerde, den absolut unzerstoerbaren, ewig haltbaren Toilettenpapierhalter auf den Markt zu bringen. Wenn dann nach kurzer Zeit alle Toiletten der USA mit diesem ausgestattet waeren, wuerde der Hersteller unwiderruflich Pleite gehen, weil er dann nur noch Neubauten ausstatten koennte. Mit diesem einfachen Gedanken war Franks weitere Karriere eigentlich schon vorprogrammiert. Er gruendete die Frank Baiseley Marketing Consult Limited, analysierte den Markt nach geeigneten Herstellern und nahm mit diesen - streng geheime - Verhandlungen auf. Sicher hat sich schon mancher gewundert, wieso es auch heutzutage, im Zeitalter der Raumfahrt, noch immer passiert, dass Kaemme einfach abbrechen, Tauchsieder durchbrennen, Teekannen ohne einen Anlass' einen Sprung bekommen, transistorgesteuerte Autozuendanlagen einfach kaputtgehen, Festplatten mit hoher Wahrscheinlichkeit kurz nach dem Ablauf der Garantiefrist crashen. Darum kuemmerte sich eben - nicht in allen Faellen, aber doch ziemlich haeufig - Frank Baiseleys Marketing Consult. Denn Franks Beratertaetigkeit konzentrierte sich ausschliesslich darauf, dafuer zu sorgen, dass ein neues Produkt nicht aus Versehen zu haltbar wurde. In der ueberwiegenden Anzahl der Faelle musste er den Herstellern lediglich bestaetigen, dass ihr Produkt bereits genuegend Schwachstellen besass, um eine angemessene, nicht zu ausgedehnte Lebensdauer zu garantieren. In manchen Faellen waren allerdings kleine Aenderungen am Design, an der Wahl der Materialien, etc. unumgaenglich. So entstanden Kaemme und Zahnbuersten mit verborgenen und alterungsabhaengigen Sollbruchstellen. Transistorkennlinien wurden in Randbereiche verlegt, wo sie zwar im frischen Zustand einwandfrei arbeiteten, aber nach ein paar Monaten die Wahrscheinlichkeit zum Ausfall rapide anstieg. Haushaltsgeraete wurden mit speziell von Frank entwickelten Schmierfetten ausgeruestet, die sich nach sechs Monaten garantiert in zaehes Harz verwandelten, und so weiter, und so weiter. Franks Firma wurde ein grosser Erfolg. Sie hatte nur einen Haken: Sie war nicht expansionsfaehig. Denn alle Kunden von Frank bestanden auf aeusserste Geheimhaltung. Er war vertraglich verpflichtet, nicht einmal eine Sekretaerin zu beschaeftigen. So gross war die Angst, dass eventuell die Konkurrenz von der Sache Wind bekam. Auf diese Weise verdiente sich Frank - einsam - ein goldene Nase, entwickelte aber gleichzeitig einen fast schon pathologischen Verfolgungswahn. Er lebte in staendiger Angst, dass irgendein smarter Kaeufer eines seiner manipulierten Produkte ihm auf den Trichter kommen und eine Bombe in sein Haus schicken wuerde. Aus der Werkstatt im Keller drang ohrenbetaeubender Laerm. Die Tuere war nur angelehnt, und ich trat vorsichtig ein. Frank stand mit Ohrenschuetzern bewaffnet an der gegenueberliegenden Wand und winkte mir ungeduldig naeher zu kommen. Wir beobachteten schweigend die Agonie eines aufgeschnittenen Staubsaugerkopfes, der auf der riesigen Werkbank festgeklemmt war. Aus den Lagerfugen der Buerstenwalze drang feiner Rauch und das ohrenbetaeubende Quietschen machte deutlich, dass die Lager an Rande ihrer Belastbarkeit angelangt waren. Eine grosse Digitalanzeige hinter dem Aufbau zeigte die Ziffern 37:47 h an. Eine Videokamera war auf die Werkbank ausgerichtet, aber nicht eingeschaltet. Frank beobachtete ein paar Minuten schweigend den heulenden Staubsaugerkopf, dann schuettelte er skeptisch den Kopf. Er schaltete die Kamera an, stuelpte eine Art Kaefig aus Plexiglas ueber den Versuchsaufbau und winkte mich zur Treppe, die ins Haus hinauf fuehrte. Als sich die schwere Stahltuere hinter uns schloss, atmete ich erleichtert auf, und Frank nahm seine Laermschuetzer ab. "Na, Glueckspilz?" "Du hast ... ?" "Klar, du warst fuer zwei Stunden der Hit in den Lokalnachrichten", sagte Frank, "sogar in CNN kam eine kurze Meldung. Da wurde allerdings dein Name nicht genannt." Ich stoehnte. Wir stiegen in den ersten Stock und setzten uns in die Kueche. Frank lud die Kaffeemaschine und schaltete sie an. Ich beobachtete ihn in seinem schmuddeligem Arbeitskittel. Saeurespritzer bedeckten den ganzen Ruecken. Gerade noch rechtzeitig umgedreht, dachte ich. Seine Brille war wie immer so verdreckt, dass ich mich fragte, ob er ueberhaupt noch etwas klar sehen konnte. Ich hatte zum Glueck auf beiden Augen 110 % Sehfaehigkeit. Zumindest hatten sie das noch vor fuenf Jahren, bei meiner letzten Generalueberholung. Ich wuerde es hassen, eine Brille tragen zu muessen. Sonnenbrillen gingen mir schon genug auf die Nerven. Frank sah wirklich nicht aus wie ein mehrfacher Millionaer. Und genau den Eindruck wollte er auch erwecken. Mit einem schweren Seufzer liess er sich auf den knarzenden Kuechenstuhl fallen. "Darf man fragen, was du da unten wieder austuefftelst?" Er nahm vorsichtig einen Schluck Kaffee und betrachtete mich sorgenvoll. So, als ob er erst entscheiden muesste, ob er mir ein Geheimnis anvertrauen koennte. Dabei war ich wahrscheinlich einer der sehr wenigen Menschen, die schon sowieso alles ueber seinen exotischen Beruf wussten. Er schuettelte den Kopf, sagte dann aber: "Das Schmierfett mit Aluminiumoxid, du erinnerst dich sicher. Bei Mixmaschinen ein voller Erfolg. Die Lebensdauer der Lager laesst sich bis auf zwei bis drei Wochen genau bestimmen. Ich hatte gehofft, bei Staubsaugerbuersten einen aehnlichen Effekt zu erzeugen, aber es schaut schlecht aus. Die Dinger laufen im Dauerbetrieb zu schnell heiss. Und nach den Statistiken muss man tatsaechlich damit rechnen, dass manche Leute ihre Sauger bis zu drei Stunden am Stueck laufen lassen." Er schuettelte wieder sorgenvoll den Kopf. "Vor allem die bloeden Reinigungsfirmen", fuegte er duester hinzu. "Weisst du, allmaehlich bin ich soweit, dass ich meine Haushaltsgeraete nur noch im Ausland einkaufe. Und nur von garantiert nicht-amerikanischen Firmen", sagte ich im scherzhaften Ton. Frank laechelte duenn. Er stellte seine Tasse ab und schaute mich an wie ein Nilpferd mit Brille. Das bedeutete, dass er etwas auf dem Herzen hatte, aber nicht selber damit anfangen wollte. "Was ist los?" fragte ich gehorsam. Er strich sich ueber das duenne blonde Haar. "Soll ich dir was sagen? Ich hab's satt! Satt bis hier oben!" Er stand auf und begann auf seine charakteristische Weise in der Kueche Runden zu drehen. Drei grosse Schritte an der Kuechenzeile entlang, eine knappe Wendung um 90 Grad, zwei grosse Schritte am Fenster vorbei, wieder Kehrtwendung, diesmal 180 Grad, den gleichen Weg wieder zurueck. Und das immer wieder. Waehrenddessen sprach er und skandierte seine Worte mit seinen grossen Schritten. "An sIch ist das ein zIEmlich mieses GeschAeft, was Ich da betrEIbe. Ich sOrge dafUer, dass die LEUte diessElben Sachen Immer wieder kAUfen muessen, wEIl sie frUeher kapUttgehen, Als es eigentlich nOetig waere. FrUeher habe Ich mein GewIssen noch mit vOlkswirtschAftlichen AlibiargumEnten berUhigt. Der KonsUm muss sein NivEAU halten, bEsser die LEUte kaufen BewAehrtes und BekAnntes als dass sIE sich auf nEUE und viellEIcht gefAehrliche TechnologIEn einlassen. Alles QuAtsch! Ich habe gUte Lust, den LAden dicht zu mAchen. In eine Andere GEgend ziehen. Was gAnz normAles anfangen. ViellEIcht einen LAden aufziehen. Am SOnntag im GArten arbeiten, Ohne Angst zu hAben, dass hInter der nAechsten HEcke der grOsse RAecher lAUert." "In letzter Zeit hast du das haeufig, Frank", unterbrach ich ihn. Er blieb stehen und betrachtete mich missbilligend, genauso wie er seine Maschinen beaeugte, wenn sie nicht nach seinen Vorstellungen zu Bruch gingen. "Wie meinst du das?" "Ich meine diese moralischen Anfaelle. Frueher hast du dich keinen Deut darum geschert, was deine Arbeit fuer andere bedeutete. Abgesehen davon natuerlich, dass du deshalb unter Verfolgungswahn leidest. Was sagt eigentlich dein Therapeut dazu?" "Ich lEIde nicht Unter VerfOlgungswAhn! Und was mEIn TherapEUt meint, geht dIch soviel an wIE .. wIE .. wIE ..." "Lass gut sein. Gib mir rechtzeitig Bescheid, wenn du die Gegend verlaesst. Sprechen wir von was anderem. Hast du gehoert, was mir in Europa passiert ist?" Frank nickte. "Es war nicht zu ueberhoeren." "Was haeltst du davon?" Er zuckte mit den Achseln. "Es gibt eben ueberall in dieser schoenen Welt Verrueckte, die anderen Menschen nach dem Leben trachten. Ich kann ein Lied davon singen." "Ja, aber: einen ganzen Workshop ausloeschen ..." "Hoer zu, George", unterbrach er mich ungeduldig. "Ich hoere jeden Abend in den News, dass irgendwo auf der Welt ein, zwei, zehn, hundert Menschen gewaltsam ums Leben kommen. Was meinst du, warum ich kaum noch aus dem Haus gehe? Was erwartest du von mir? Ich kenne die Leute ja nicht mal mit Namen." "Du kennst mich." "Ja, aber du bist offensichtlich noch am Leben", stellte er trocken fest und goss uns Kaffee nach. "Du glaubst also, dass es ein Spinner war", bemerkte ich nach einer Weile nachdenklich. "Klar. Wer sonst?" "Ein Spinner mit toedlichem Nervengas?" Frank zuckte mit den Achseln. "Vielleicht ein Neonazi mit Gaskammertrauma?" "Wie wuerdest du es machen?" "Was?" "Wie wuerdest du es anstellen, wenn du einen ganzen Saal voller Leute mit Nervengas umbringen wolltest?" Frank stellte die Tasse weg und ueberlegte. Sein Tueftlergehirn erwachte zum Leben. "Ich wuerde ein Gas verwenden, das bei einer exothermen chemischen Reaktion zweier Stoffe entsteht, von denen mindestens einer fluessig sein sollte. Den fluessigen Anteil wuerde ich in eine Zellophanhuelle mit einer eingeschweissten duennen Edelstahlschlinge fuellen und innerhalb des anderen Reaktionsstoffes anbringen. Elektronische Zeitgeber gibt es in jedem Bastelgeschaeft, zum Beispiel mit den Chip NE555. Wenn die Zeit abgelaufen ist, schliesst der Zeitgeber die Batterie - da genuegt eine normale neun Volt Blockbatterie - ueber die Stahlschleife kurz. Der Draht wird in Bruchteilen von Sekunden so heiss, dass er die Zellophanhuelle durchtrennt. Die Fluessigkeit schwappt auf den anderen Reaktionsstoff und voila - das Gas entsteht." Er ueberlegte noch eine Weile. "Die Batterie wird beim Kurzschliessen sehr heiss. Wenn der zweite Reaktionsstoff nicht aggressiv ist, wuerde ich sie dort einbetten. Die Hitze der Batterie beschleunigt dann die Reaktion. Die Anordnung des zweiten Reaktionsstoffes ist entscheidend dafuer, wie schnell das Gas entsteht. Ideal waere eine Art Schwamm oder so ..." Ich schuettelte den Kopf. "Frank, warum nutzt du deine Kreativitaet nicht besser aus. Warum wirst du nicht Erfinder oder so was?" Frank laechelt traurig. "Du siehst ja, dass ich immer nur gute Ideen habe, wenn es darum geht, etwas kaputtzumachen, etwas zu zerstoeren. Vielleicht haette ich es in der Ruestungsindustrie zu was gebracht. Aber das geht mir dann doch zu sehr ans Eingemachte. Es ist eine Sache, die Lebenszeit von Staubsaugern zu verkuerzen, aber Menschen?" Er stand auf. "Apropos. Ich muss weitermachen. Bist du die naechste Zeit im Lande?" Ich nickte. "Das Semester geht naechste Woche los. Wenn du einen guten Rat von mir hoeren willst, Frank. Red dir bloss nicht ein, dass du nur destruktive Ideen hast." "Ha!" Auf dem Weg zu meinem Therapeuten fragte ich mich, ob wir nicht alle hier in der Bay Area etwas gaga waren. Wenn Frank nicht zum Therapeuten ginge, waere er vielleicht schon laengst selber ausgestiegen. Und warum ging ich zum Therapeuten? Ich wusste es selber nicht. Vielleicht nur weil es alle machten. Janet, Frank, Peters, Archie... die Ausnahmen waren leichter aufzuzaehlen. Nirgends auf der ganzen Welt lebten und praktizierten so viele Therapeuten auf einem Haufen wie in New York und in der Bay Area. Ausser Studenten und Hochschullehrern der drittgroesste Berufsstand in Berkeley. Nach meiner Sitzung fuer 26 Dollar fuehlte ich mich kein bisschen besser, aber es war nett, Janine mal wieder zu treffen. Ausserdem hatte sie schoene Beine, auf die sie grosszuegige Blicke gewaehrte, und einen guten Kaffee.