Der Heimflug war die uebliche Ochsentour. Erschwerend kam noch hinzu, dass ich meinen Abflugtermin vorverlegen musste. Die Lufthansa war aber auf Tage hinaus ausgebucht. Alles, was sie mir geben konnten, war ein Ticket bei ihrer Partnergesellschaft UNITED. Ueber London, Seattle, San Francisco. Debattieren, herumsitzen, durch uniforme Tax-Free-Shops tigern und Preise vergleichen, noch mehr debattieren, noch mehr herumsitzen. Schliesslich ergatterte ich einen Sitzplatz in der 747 ueber Seattle nach SFO, allerdings in der Smoking Section.
Aus Garmisch war ich ziemlich ueberstuerzt aufgebrochen. Der Ort, das Hotel, mein Zimmer, die Touristen, alles hatte ich satt bis zum Erbrechen. Als ich mich nach Zuegen erkundigte, stellte sich heraus, dass der letzte Zug an diesem Tag bereits in einer Stunde ging. Ohne lange zu ueberlegen, kaufte ich ein Ticket. Francoise war nicht aufzutreiben, also schrieb ich ihr hastig ein paar Zeilen. Auf dem Weg zum Taxi rannte ich beinahe in Kasurinnen. Er schien sich etwas erholt zu haben, begleitete mich bis zum Wagen und reichte mir zum Abschied eine entsetzlich schlaffe, feuchte Hand. Er sagte fast nichts, ich sagte fast nichts. Peinlich genug zu ueberleben, nicht wahr?
Billiges Hotel in Muenchen, gleich beim Bahnhof, mitten im Rotlichtviertel. Was die hier so nennen. Lachhaft harmlos, im Vergleich zu amerikanischen Grossstaedten. In aller Herrgottsfruehe wieder auf den
Beinen, weil der Flughafen wie ueblich eine Weltreise vom Stadtzentrum entfernt liegt.
Und jetzt versuchte ich, meine Beine in eine halbwegs bequeme Lage zu bringen und den Rauch zu ignorieren, der mir penetrant ins Gesicht zog. Amerikanische Stewardessen, die Economy Garde. Beim Einsteigen hatte ich einen kurzen Blick auf die Beine der First-Class Garde werfen koennen. Vielleicht lohnte sich der horrende Aufpreis doch?
Ich musste laecheln. Bevor ICH mir mal ein Ticket erster Klasse ueber den Atlantik leisten konnte ...
Die erste Runde Plastic Food wurde ausgeteilt. Die schuechterne Lady neben mir ass nichts. Sie hatte auch schon die Peanuts und den Drink abgelehnt. Eine verkleidete Androidin? Ich musterte sie verstohlen von
der Seite, wie sie scheinbar konzentriert in ihrem Buch lass. Ich wuerde Androidinnen anders gestalten. Ich warf einen Blick in ihr Buch.
"Das Buch Jesaja." Himmel!
Seattle, natuerlich im Regen. Immigration Control, angenehm. Nicht so ein Gedraenge wie in SFO oder LA. Vielleicht war das der Grund, warum die Maschine hier zwischenlandete? Es schienen naemlich kaum
Leute auszusteigen.
Noch zwei Stunden warten. Ich war schon so groggy, dass ich nicht mal mehr die Tax-Free-Shops abklapperte.
In der Abenddaemmerung endlich San Fran. Ich liess mich vom Bayporter nach North Berkeley fahren und stieg aufatmend die Treppe zu meinem Appartment hinauf. Kiloweise Werbung und Zeitungen vor der Tuere. Ein deutlicher Hinweis fuer alle Home Robber. Ok, bei mir gab zwar nichts zu holen, aber kaputtmachen konnte man einiges. Und das reichte manchmal auch schon. Zwei Briefe von Carlson & Carlson.
Ich schmiss sie ungelesen in den Muell.
Muffige Luft. Ich oeffnete das Grosse Fenster. Die Lichter der City glitzerten ueber das dunkle Wasser der Bay herueber. Der roten Lichter des Golden Gates, die Girlanden der Bay Bridge, die blinkenden Warnlichter der Antennen auf Twin Peaks, hinterlegt mit dunkelorangen Abendrot. Ein paar Minuten hielt mich das vertraute
Bild trotz meiner Muedigkeit gefangen.
Duschen, Pizza in die Mikrowelle, eine Corona wegzischen. Vor dem laufenden Fernseher nur mit einem Duschhandtuch bedeckt schlief ich ein.
Das Geklirre der Flaschensammler weckte mich. Ich ueberlegte einen Augenblick angestrengt. Donnerstag? Moment, Garmisch, Muenchen, Zeitverschiebung, Flug. Konnte hinkommen. Die Kollegen erwarteten mich erst Montags zurueck. Mein Hals war steif von der Schieflage im Fernsehsessel. Im Kanal 17 brachten sie Home Shopping. Ich torkelte ins Bett und schlief sofort wieder ein.
Am fruehen Nachmittag erwachte ich, weil Nostradamus bei dem Versuch, auf dem Kopfkissen ein Plaetzchen zu ergattern, mir mit der Vorderpfote ins Gesicht stieg. Er starrte mich mit seinen riesigen gruenen Augen unbeteiligt an, als ich ihn begruesste. Erst als ich seine Lieblingsstellen an Schwanzansatz und hinter den faltigen Ohren kraulte, begann er laut zu schnurren. Nostradamus schien es voellig egal zu sein, ob ich zu Hause war oder ihn ein paar Tage allein liess. Niemals liess er sich Wiedersehensfreude oder Missbilligung anmerken. Das waere unter seiner Wuerde als Kater gewesen. Allerdings berichtete Horace manchmal, dass er oefters sein Futter auf die Treppe kotzte, wenn ich laenger weg war. Der Kater, nicht Horace. Demnach war er vielleicht doch einsam. Trotzdem blieb er eisern in meinem Appartment und
verteidigte Katzenklappe und Futterspender gegen Oppossums und Babywaschbaeren. Horace, der sich auch um Nostradamus Futter und Wasser kuemmerte, wenn ich aushaeusig war, besuchte er nur untertags,
um auf seinem zerfetzten Mohairsofa in der Veranda zu schlafen.
Ich beschloss, heute nicht auf den Campus zu gehen. Ich bunkerte erst einmal den Kuehlschrank fuer die naechsten zwei Wochen voll. Dann rief ich Janet oder vielmehr ihren Anrufbeantworter an und meldete mich
zurueck.
Waehrend ich mit der Pizza in der Hand die Simpsons guckte, laeutete das Telephon.
"Hi!"
"Hi, Sweety."
"Und?"
"Und was?
"Wie fuehlt man sich als Neugeborener? Waren die Reporter schon da?"
"Red keinen Sch....! Was fuer Reporter?"
"Glaubst du, du kannst in dieser Welt einfach so einem Bombenanschlag entkommen und niemand nimmt davon Notiz? Was meinst du, was hier los war!"
Jetzt erst fiel mir auf, dass in Garmisch auffallend wenig Reporter aufgetaucht waren. Ein Fernsehteam war am Abend nach dem Anschlag im Kongresszentrum aufgetaucht, aber sonst? Vielleicht hatte die Polizei dort mehr Durchsetzungsvermoegen gegenueber den Pressegeiern.
"Bei Peters waren sie schon", fuhr Janet genuesslich fort. "Er hat sich bei mir erkundigt, ob ich dich vielleicht versteckt halte. Ha! Er hat ihnen wahrheitsgemaess gesagt, dass du Montags zurueckkommst."
Ich stoehnte.
"Hoer mal, Janet ...", begann ich.
"Nein!"
"Aber es waere doch nur fuer eine Woche, bis sie es aufgeben."
"No, Sir!"
"Ich koennte auf der Veranda schlafen, auf einer Luftmatraze, oder in der Haengematte. Du kannst von mir aus die Tuere von innen verriegeln."
"Nein! Warum rufst du nicht KQED an und bringst es hinter dich? Vielleicht zahlen sie dir sogar etwas fuer ein Exklusivinterview?"
"Du weisst genau, was dann passiert. Horace war auch mal in so eine Sache verstrickt. Er hat sich monatelang mit unerwuenschten Besuchern und Anrufern herumschlagen muessen. Bitte, Janet. Die geben doch schon nach einer Woche auf. Dann ist die Nachricht keinen feuchten Furz mehr wert."
Schweigen in der Leitung. Ich versuchte, die Kerbe in der diamantenen Oberflaeche zu vertiefen.
"Ich verpflichte mich auch freiwillig zu Kochen, solange ich da bin."
Janet lachte.
"Was denn? Microwaved Pizza?"
"Alles, was dein Herz begehrt."
Sie schnalzte missbilligend mit der Zunge.
"Ok", sagte sie schliesslich zoegernd, "aber du musst sofort antanzen. Ich bin in einer halben Stunde weg", und legte auf.
Ich packte fieberhaft, als ob das Haus in Flammen staende, Nelson, mein altes Oldsmobile, mit Zeug fuer eine Woche zum Ueberleben voll.
Ich fuellte Nostradamus Wassernapf und schluepfte verstohlen aus dem Haus. Weit und breit kein Reporter oder TV-Wagen zu sehen. Aber natuerlich erwischte mich Horace, der sowieso nichts Besseres zu tun hatte, als die Aktivitaeten seiner Nachbarschaft zu ueberwachen. Wenn er nicht gerade Yoga auf seinem Deck trieb. Wenn er nicht gerade Wein soff. Wenn er es nicht gerade bei offenem Badezimmerfenster mit seiner Freundin trieb, die auf dem Hoehepunkt quietschte wie eine Gummiente.
"Howdie! Na, wie fuehlt man sich als Neugeborener? Schon laenger zurueck?"
Er schob den dicken Bauch hinter seinem uralten verrosteten Saab hervor, wo er auf mich gelauert hatte.
Keiner in der Gegend wusste, wovon Horace eigentlich lebte. Und nach dem ungeschriebenen amerikanischen Nachbarschaftskodex fragte ihn auch keiner danach. Vor Jahren hatte er mal ein Maedel aus der Junior High zwei Bloecke weiter unten vor einem Gruppenstich gerettet. Das war ziemlich mutig gewesen, und er hat Glueck gehabt, dass ihm nicht einer der drei Halbstarken einfach ein Klappmesser in den dicken Bauch gerammt hatte. Er hatte sie hinter den Bueschen am Tennisplatz ueberrascht, als sie dem Maedel gerade die Jeans heruntergefetzt hatten.
Zwei hielten sie an Armen und Beinen fest und der dritte wollte gerade aufsteigen. Das Maedel hatte sich kaum gewehrt. Sie war ziemlich stoned. Horace hat im Reflex die Koepfe der zwei vorderen Burschen so
heftig zusammengeknallt, dass sie ein paar Sekunden weg waren. Der dritte, der die Beine des Maedels unter Kontrolle hielt, war ueber Horace ploetzliches und massiges Erscheinen so ueberrascht, dass er Fersengeld gab. Horace war nicht so dumm, ihn zu verfolgen oder sonstwie herumzutroedeln. Er zog den bewusstlosen Burschen herunter, packte sich das schlaffe Maedel ueber die Schulter und rannte hinunter zur
Oxford Street. Zwei Cops auf Mountain Bikes haben ihn dort aufgegriffen und seine Story zum Glueck akzeptiert. Das Maedel war erst vierzehn. Irgendeine bloede Bekannte oder Verwandte von ihrer Mutter hat die Sache dann spaeter ausgeschlachtet und an die Presse verhoeckert.
Der arme Horace wusste sich zum Schluss nicht mehr anders zu helfen, als fuer ein paar Wochen mit unbekannter Adresse zu verschwinden. In seiner Abwesenheit wurden die Fensterscheiben seines Hauses zur Arch Street herauf eingeschmissen.
"Horace! Du weisst, was fuer eine Sch.... es ist, in die Pressemuehle zu geraten."
Er nickte froehlich grinsend und funkelte mich mit seinen strahlend blauen Augen an.
"Zwei waren schon hier", sagte er genuesslich, "in voller Kampfausruestung. Waren maechtig enttaeuscht, als sie dich nicht mal hinter dem Haus oder im Keller aufstoebern konnten. Ich habe ihnen gesagt, dass ich ihre gesamte verdammte Studiotechnik unter Wasser setzen wuerde, wenn sie nur einen Fuss auf mein Grundstueck setzen wuerden."
Er deutete auf den Feuerloeschschlauch, der in die Wand seines Hauses eingebaut war. Horace hatte, wie viele unserer Nachbarn nach dem grossen Brand von 1991 vorgesorgt.
"Horace, versprich mir eins: Du hast mich heute nicht gesehen und du hast keine Ahnung, ob ich ueberhaupt jemals wieder zurueckkomme, ok?
Sag einfach, ich sei in Europa geblieben, ok?"
"Ist gebongt! Ich werde ihnen NICHT sagen, dass du bei Janet steckst."
Ich schaute ihn verzweifelt an, und sein Laecheln wurde breiter.
Er winkte mit der Hand.
"So long, kid. Ich verpasse den zweiten Teil der Simpsons. Mach dir keine Sorgen. Eine Woche wuerde ich mindestens wegbleiben."
Damit verschwand er in seinem flachen weissen Holzhaus gegenueber.
Ich knallte Nelsons Kofferraum zu und betete, dass er nach einer Woche Ferien anstandslos anspringen wuerde. Er tat es.
Janet stand auf der obersten Stufe zu ihrer Veranda und gab sich alle Muehe, genervt dreinzuschauen. Ich lud meine Sachen ab und naeherte mich ihr ungefaehr so vorsichtig, wie man sich einer schlafenden Tigerin
naehert. Sie funkelte mich mit ihren gruenen Augen an. Ich schaute ihr ueber die Schulter, rief:
"Wow!" und deutete mit der Hand.
Sie schaute lange genug zur Seite, dass ich ihr einen dicken Kuss auf die Wange druecken konnte. Zur Strafe bekam ich eine schallende Ohrfeige.
"Immer die gleichen bloeden Tricks!" schimpfte sie und zauste mir liebevoll das Haar. "Wirst du denn nie erwachsen, Georgiboy?"
"Pardon?"
"Vergiss es. Komm rein."
Janet und ich waren Sandkastenfreunde. Wir wuchsen in derselben Strasse auf, gingen auf dieselbe Elementary School und Junior High.
Wir lernten zusammen, was Sex ist. Dann trennten sich unsere Wege fuer lange Zeit. Keinerlei Kontakt fuer fast zehn Jahre. Ich hatte schon laengst mein Grundstudium an der UCB absolviert und arbeitete an meinem PhD, als ich eines Tages in der Center Street einem hochgewachsenem, schlanken Maedchen mit pink-blau getoenten Haaren und entsprechend schrillen Klamotten begegnete. Wir sahen uns beide einen kurzen Augenblick laenger an, als es der normale Blickkontakt mit unbekannten Passanten erforderte - und gingen aneinander vorbei, ohne uns zu erkennen. Sie war nicht gerade das, was man sexy nannte, eher etwas herb und kuehl. Ausserdem war sie zu gross fuer mich. Ihrem Aussehen nach haette ich auf lesbisch getippt. Andererseits bewegte sich sie mit der Anmut einer Taenzerin. Sie ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Und als ich das Maedchen eine Woche spaeter am Eingang des YMCA wiedertraf, stutzten wir beide und sprachen uns gleichzeitig an.
"Janet?"
"Thomas?"
Natuerlich konnte sie nicht wissen, dass ich nicht mehr Thomas hiess.
Einerseits war es mir unangenehm, dass es nun jemanden in Berkeley gab, der ueber meine Vergangenheit Bescheid wusste. Andererseits hatte ich nie ernsthaft damit gerechnet, fuer immer unerkannt zu bleiben. Um
ehrlich zu sein, freute es mich sogar ein bisschen, mal wieder mit Jemandem zusammen sein zu koennen, in dessen Gesellschaft man nicht immer auf der Hut sein musste.
Janet hatte ihr College schneller als ich absolviert und dankend darauf verzichtet, weiter zu studieren. Obwohl ihr Abschluss so gut war, dass sie jeder dazu gedraengt hatte. Sie nahm eine ausgeschriebene Stelle als
Sozialarbeiterin bei der Stadt Berkeley an. Ihre Aufgabe war etwas ungewoehnlich: Sie kuemmerte sich um die Hypochondrie-Beratungsstelle. Diese Institution war einmalig und gab es nur in Berkeley. Sie war eingerichtet worden, nachdem es in der Bay Area immer haeufiger zu Selbstmordversuchen gekommen war, die durch hypochondrische Anfaelle ausgeloest wurden. Die Betroffenen glaubten fest daran, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden. Von dieser fixen Idee getrieben, begingen sie Selbstmord, um sich selbst Leiden zu ersparen, um ihren Angehoerigen nicht zur Last zu fallen, ja, sogar, um in ihren Augen sinnlose Behandlungskosten zu sparen. Da sich die oeffentlichen Krankenhaeuser fuer nicht zustaendig erklaerten,
andererseits viele der Betroffenen sich keine Behandlung beim Psychiater leisten konnten oder wollten, wurde vor drei Jahren, zunaechst probeweise, die Beratungsstelle fuer Hypochondrie eingerichtet.
Sie war ein Bombenerfolg.
Von Anfang an waren die beiden 1-800 Nummern rund um die Uhr belegt. Die Stadt Berkeley entschloss sich daraufhin, zwei weitere Sozialarbeiter mit der Aufgabe zu betrauen. Eine Stelle wurde mit Janet besetzt, die andere - mit ihrem Mann.
Janet hatte Carl schon auf dem College geheiratet. Ich hatte nie davon erfahren. Schon ein Jahr, nachdem sie sich in South Berkeley niedergelassen hatten, ging die Ehe in die Brueche. Rein statistisch gesehen der Normalfall. Ueber achtzig Prozent der Ehen in der Bay Area ueberdauerten die ersten fuenf Jahre nicht.
Janet kaempfte um das alte Haus, im dem sie lebten und das sie ueber alles liebte, und gewann. Carl verliess die Gegend und lebte jetzt, soviel ich wusste, irgendwo in der Naehe des Mount Shasta. Nach ihrer
Trennung hatte Janet sich geschworen, nie wieder ein 'Maennchen' in ihr Haus zu lassen, und dieses Prinzip mit bewundernswerter Konsequenz durchgehalten. Was aber nicht bedeutete, dass sie jetzt in kloesterlicher Abstinenz lebte. Im Gegenteil. Aber statt der sonst ueblichen Frage:
"Gehen wir zu mir oder zu dir?" hiess bei ihr nur noch:
"Unter einer Bedingung: Nur bei dir!"
Daher sah ich es auch als grosses Zugestaendnis an, dass sie mir gestattete, ein paar Tage auf ihrer Veranda zu naechtigen.
"Wenn ich dir schon Asyl vor den Geiern gewaehre, moechte wenigstens ich die Geschichte haarklein serviert bekommen, Georgiboy."
Wir sassen in ihrer Kuschelecke, ganz oben unterm Dachgiebel des alten Holzhauses und schluerften vorsichtig den frisch gebruehten Kaffee.
Endlich wieder Kaffee, von dem man ungestraft zwei, drei Tassen trinken konnte, ohne dass einem das Herz durch die Kehle bumperte.
Die Europaeer konnten einen umbringen mit ihrem Kaffee.
Ich gab ihr einen knappen Bericht meiner Erlebnisse, wobei ich gewisse Details diskret ueberging. Nicht, dass es Janet wirklich etwas ausgemacht haette, zu erfahren, dass ich mit Francoise geschlafen hatte.
Wir waren schliesslich kein Liebespaar, sondern allenfalls ehemalige TBB. Aber es waere mir peinlich gewesen, zu erzaehlen, wie ich schon am naechsten Morgen ohne ein Abschiedswort sang- und klanglos
verschwunden war. Ich hatte, schlichtweg gesagt, wegen Francoise ein schlechtes Gewissen.
Janet konzentrierte ihr Interesse begreiflicherweise mehr auf das Attentat. Sie konnte nicht glauben, dass es gar keine Hinweise oder Spuren auf den oder die Taeter gebe.
"Woher weisst du, ob die Cops euch alles erzaehlt haben? Vielleicht haben sie einen Verdacht und wollen den Taeter in Sicherheit wiegen?"
Kein sehr angenehmer Gedanke. Mein ueberstuerzter Aufbruch konnte, in diesem Lichte betrachtet, Anlass zu Spekulationen geben.
Ich zuckte mit den Schultern.
"Und wenn, kann ich jetzt auch nichts mehr dagegen machen. Lass uns von was anderem sprechen. Die Geschichte geht mir auf's Gemuet. Was machen deine Hypos?"
Janet zuckte mit den Schultern.
"Nichts Besonderes, ausser dass das Interesse allmaehlich abflacht. Wahrscheinlich haben wir jetzt den ersten Berg von aufgestauten Hypochondern in der Gegend verarbeitet. Neue kommen nur noch selten dazu. Wenn, dann eher aus den weiteren Umkreis, San Fran, Walnut Creek und vor allem Oakland. Die gehoeren zwar nicht zu unserer Gemeinde, aber wir haben Anweisung, niemanden abzuweisen."
Janets Job beschraenkte sich nicht allein auf Ratschlaege am Telefon.
Auf Wunsch machten sie oder ihre Kollegen auch Hausbesuche. Manchmal erlebte sie dabei erstaunliche Einblicke in die verschiedenen Schichten der Gesellschaft. Von ganz unten bis ganz oben. Manchmal war nicht ganz klar, an welchem Ende es schlimmer aussah. Am besten kam noch die nicht zu arme Mittelschicht weg. Ab und zu wurde sie auch in Haeuser gerufen, wo gar kein Hypochonder, sondern nur ein einsames Herz nach zwischenmenschlichem Kontakt lechzte. Einige wenige Male war sie auch schon sexuell belaestigt worden. Seitdem ging Janet nie mehr ohne ihre Lady Smith and Wesson auf Tour. Sie konnte - im Gegensatz zu den meisten anderen unserer bewaffneten Mitbuerger - auch tatsaechlich damit umgehen. Wir hatten beide vor einem Jahr einen Kurs im Pistolenschiessen belegt. Ich schoss mit einer deutschen Waffe, einer Walther, Modell 38.
Janet blickte auf die Uhr und sprang auf.
"Ich muss weg. Telefondienst von zwei bis sieben. Wir sehen uns dann beim Dinner. Du stehst doch zu deinem Versprechen, oder?"
Ich nickte duester.
"Peperoni oder Salami?"
Janet schnitt eine Grimasse, waehrend sie in ihre Jeans schluepfte.
"Und ich hatte gehofft, du wuerdest die Erwaehnung von Pizza als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen."
Sie zog ihren beruehmten alten Schlabberpullover direkt ueber den knappen Bra. Seit sie sich von Carl getrennt hatte, trug sie ihr braunes Haar wieder auf konventionelle Weise. Zwar relativ kurz, aber flott und praktisch.
"Nur aus beruflichen Gruenden", wie sie nicht muede wurde, immer wieder zu betonen.
"Bis heute abend, Georgiboy!"
Ein Kuss auf die Wange, und weg war sie. Kurze Zeit sah ich sie mit ihrem roten Flitzer aus der Einfahrt sausen. Ich lehnte mich wieder zurueck, trank meinen Kaffee aus. Komisch, wie entspannt und geborgen ich mich fuehlte, seit ich hier bei Janet war. Heimatgefuehle?
Ich schloss die Augen und entschlummerte friedlich, bis es Zeit war, fuers Abendessen zu sorgen.
Am naechsten Morgen ruettelte Janet mich aus der Haengematte. Der Jetlag hatte wieder zugeschlagen. Kopfweh und scheusslicher Geschmack im Mund. Sie drueckte mir eine Tasse heissen Kaffee in die Hand und verschwand wieder im Haus. Ich blinzelte in den grauen Himmel. Der 'Pacific Layer', die Nebelschicht, die fast staendig ueber den kuehlen Pacifik vor dem Golden Gate lauerte, hatte sich, wie haeufig um diese Jahreszeit, bis in die Bay und an die Berkeley Hills ausgebreitet.
Nachmittags wuerde es dann wieder schoen sein, wenn der Layer sich aufgeloest hatte. Aber jetzt war es kalt und ungemuetlich. Ich schaelte mich aus dem Schlafsack und tappte barfuss in die warme Kueche. Janet sass mit wippenden Fuessen an der Theke und ass getoastete English Muffins.
Im Hintergrund dudelte das Radio. KQED National Public Radio San Francisco, die einzige vernuenftige Radiostation in der Bay. Sie schob mir Muffins und Peanutbutter herueber, und wir fruehstueckten eintraechtig, ohne die gemuetliche Atmosphaere durch ein unnoetiges Wort zu verderben. Danach verschwand Janet in der winzigen Dusche, und ich bruehte noch eine weitere Ladung Amaretto-Kaffee auf und goss ihn in die Thermoskanne.
"Bleibst du den ganzen Tag hier?" fragte sie beilaeufig, schon in der Tuere.
Ich schuettelte den Kopf.
"Ich werde bei Frank vorbeischauen. Und ... aeh ... mein Therapeut erwartet mich heute."
Ich hatte gestern abend angerufen, ob ich kommen koennte.
Janet nickte sachlich.
"Dann treffen wir uns um halb sechs hier, wie ueblich?"
Ich nickte.
"Ich werde mich nach Hause schleichen und meine Schuhe holen", versprach ich.
Janet laechelte erfreut. Dann kam sie doch noch einmal zurueck an den Kuechentisch und beugte sich ueber mich.
"Weisst du, ich freue mich, dass du wieder hier bist - und nicht in Einzelteilen zerlegt in einem Zinksarg zurueckgeliefert wurdest."
Ich zuckte zusammen. Sie kuesste mich lange und genuesslich auf den Mund. Also, ich meine, sie kuesste mich WIRKLICH. Nicht so wie sonst unter Freunden.
"Und ich freue mich wahnsinnig auf heute abend. Seit du weg bist, habe ich kein einziges Mal ..."
Und weg war sie. Ich strich mir nachdenklich mein unrasiertes Kinn.
Janet? Unmoeglich.
Copyright Florian Schiel 1996