Ich lehnte mich fester an die Tuere und merkte, wie mir die
Knie zu zittern begannen. Erst jetzt schossen mir tausend
Gedanken durch den Kopf. Was war da drin passiert? Oder war ich
das Opfer einer Halluzination? Sollte ich noch einmal ...?
Nein, lieber machte ich mich laecherlich. Ich wollte nicht noch
einmal sehen, dass DER GANZE SAAL ANGEFUeLLT WAR MIT LEBLOSEN,
IN SICH ZUSAMMENGESUNKENEN KOeRPERN. Ich hatte noch nicht viele
Tote in meinem Leben gesehen, dem Himmel sei Dank, aber
irgendwie wusste ich, dass in diesem Saal niemand nur schlief
oder bewusstlos war. Der Tod sickerte aus jeder Ritze des
Tuerrahmens.


Die Kaffeemaus kam im Laufschritt zurueck, einen kleinen dicklichen Herrn im Schlepptau, der fuer die aeussere Organisation des Workshops verantwortlich war. Ich hatte ihn vorgestern Nachmittag fluechtig bei
der Registration gesehen. Er sah ziemlich wuetend aus und fragte mich aufgebracht in tadellosem Englisch, was ich mir einbilden wuerde und so weiter.
Ich machte ihm mit allem Ernst in der Stimme, dessen ich noch faehig war, klar, was ich im Saal hinter meinem Ruecken gesehen hatte. Die Maus, die ploetzlich genug Englisch verstand, um meinen Ausfuehrungen muehelos zu folgen, quiekte entsetzt und wurde von dem kleinen Mann automatisch zurechtgewiesen.
Er starrte mich einen Augenblick lang stumm an und wurde zusehend bleicher. Dann schob er mich zur Seite - die Klinke behielt ich in der Hand - , hielt vorsichtig seinen pomadisierten Scheitel an die Saaltuere und lauschte. Er gab der Maus ein paar kurze Befehle, worauf diese sofort abzischte, holte einen Schluessel aus der Jackentasche, der an einer langen Uhrkette hing, und schloss langsam die Tuere zweimal ab. Dann winkte er mir mit dem Kopf und ging rasch hinueber zum anderen Zugang, wo sich die andere Maus vor Angst fast nass machte. Er scheuchte sie mit einem Auftrag weg und schloss ebenfalls ab. Dann lauschten wir beiden erneut an der Tuerfuellung. Nichts. Kein Laut.
Der kleine Mann - an seinem Revers hing ein silberner Batch mit dem Namen P. Schlosser - wischte sich mit einem dunkelblauen Seidentaschentuch den Schweiss von der hohen Stirne. Er ueberlegte kurz, wobei er den Kopf in den Nacken legte und mit gerunzelter Stirne den Kristallluester betrachtete. Dann winkte er mir wieder und eilte zu einer in die Holztaefelung eingelassenen Tuere, die in einen Regieraum fuehrte.
"Mein Gott!" aechzte Schlosser. Ich verstand, obwohl er die Worte auf Deutsch sprach. Durch die dunkel getoente Trennscheibe konnten wir den ganzen Plenarsaal ueberblicken. Einige waren in ihren Sitzen zusammengesunken, als ob sie nur kurz eingenickt waeren; andere lagen in seltsam verdrehter Haltung zwischen den Stuhlreihen eingeklemmt, teilweise uebereinander. Im Gang zwischen den beiden Dreiecken der Bestuhlung lagen mehrere Personen durcheinander auf dem blauen Teppichboden. Ich erkannte Hohlbein, der ueber den Rednerpult zusammengesunken war. Seine rechte Hand hielt noch den Schwanenhals des Mikrophons. Ich sah Gruensteins grauen Haarschopf. Er hatte wie immer bescheiden in der letzten Reihe Platz genommen.
"Wir muessen etwas unternehmen. Vielleicht sind sie nur bewusstlos. Wir muessen da hinein!" stotterte Schlosser kreidebleich hervor und stolperte zur Tuere. Ich packte ihn an beiden Armen und wartete, bis der Schock bei ihm nachliess.

"Hoeren Sie!"
Er hoerte nicht, brabbelte weiter unzusammenhaengendes deutsches Zeug, schloss die Augen und begann zu wimmern.
"Hoeren Sie mir zu!" wiederholte ich und schuettelte ihn ein paar Mal. Seine Augen wurden wieder einigermassen vernuenftig.
"Reissen Sie sich zusammen! Also, von alleine sind diese Leute da drin nicht umgekippt, das ist Ihnen doch klar!"
Er glotzte mich verstaendnislos an.
"Oder? Irgend etwas muss in dem Raum sein, das bewusstlos macht! Herrgottnochmal! Verstehen Sie mich!"
Er nickte schwach.
"Also! Wenn Sie jetzt da 'reingehen, riskieren Sie, dass noch mehr Menschen zu Schaden kommen! Wir muessen auf die Feuerwehr warten. Die haben Atemschutzgeraete."
Er nickte wieder und hoerte gar nicht mehr auf zu nicken. Ich liess ihn los und wandte mich wieder der schrecklichen Szene hinter der Sichtscheibe zu. Niemand hatte sich bewegt. Ich wusste irgendwie, dass diese reglosen Koerper nicht nur bewusstlos waren. Ich wusste es!
Meine Augen irrten verzweifelt ueber die vielen Reihen. Francoise, wo ... da drueben, das war Hesterfield, bei dem ich mal eine Summer School mitgemacht hatte ... Peekock sass in der ersten Reihe, den grauen,
straehnigen Kopf nur leicht auf die Seite gesunken ... wo war Francoise?
Ich musste mich zwingen, den Blick abzuwenden. Von dem Bild hinter der Scheibe ging eine geradezu hypnotische Wirkung aus. Schlosser neben mir ging es ebenso.
An der rechten Wand des Regieraums befanden sich die ueblichen Reihen Schalter und Hebel fuer Licht, Verdunkelung usw. Die Schalter waren beschriftet, aber ich konnte nur die Beleuchtung einigermassen entziffern.
"Kann man von hier aus die Entlueftung beeinflussen?"
Ich drehte mich um. Schlosser stand ganz dicht an der Scheibe und starrte gebannt hindurch. Ich zerrte ihn am Arm von der Scheibe weg.
"Sagen Sie, kann man von hier aus die Entlueftung beeinflussen?"
Er schaute mich verstaendnislos an. Ich versuchte es anders:
"Koennen wir etwas tun, damit die Luft in dem Raum schneller abzieht?"
Er schaute zweifelnd auf die vielen Laempchen und Schalter. Dann ging ein Ruck durch seinen kleinen korpulenten Koerper. Er stuerzte zur Tuere und schrie etwas hinaus. Nach kurzer Zeit kam ein aelterer Mann in grauem Kittel angerannt. Schlosser redete hastig. Der Mann - wohl der Haustechniker - warf einen Blick durch die Trennscheibe und gab einen erstickten Laut von sich. Schlosser zerrte ihn zur Schalttafel. Mit
zitternden Haenden holte der Techniker eine Lesebrille aus seiner Brusttasche und spaehte angestrengt auf die Armaturen. Dann betaetigte er ein paar Schalter, bueckte sich und spaehte durch die Trennscheibe in den Saal hinauf. Ich folgte seinem Blick und sah, dass sich die Oberlichter langsam oeffneten. Er sagte etwas zu Schlosser.
"Die Entlueftung laeuft bereits auf maximaler Stufe, aber er hat nun die Oberlichter geoeffnet", uebersetzte dieser.
Eine kraeftige Stimme liess ihn herumfahren. In der Tuer stand ein deutscher Cop, ganz in Gruen. Von da an begann ich den Ueberblick zu verlieren. Immer mehr Leute trafen ein und draengten sich in den engen
Regieraum. Cops, Feuerwehrleute, ein paar orange-rot gekleidete Typen - vielleicht Sanitaerer? - noch mehr Cops und Leute in Zivil. Alle schrien erregt durcheinander. Ich wurde immer mehr in eine Ecke abgedraengt und beobachtete von dort das Chaos.
Schliesslich traf wohl ein Vertreter der lokalen Behoerden ein, der eine gewisse Autoritaet ausstrahlte und die anderen dazu brachte, sich ruhig zu verhalten. Dieser - ich werde ihn der Einfachheit halber den Mayor nennen - war in Begleitung eines Arztes, ganz in gruener OP-Kleidung. Der Arzt wandte sich nach kurzer Debatte an mich und fragte mich in gebrochenem Englisch, wie lange ich die Tuere geoeffnet habe, wie ich mich fuehlte, etc.
"Und was glauben Sie ..."
Ein gedaempfter Knall liess uns alle herumfahren. Unter dem Rednerpult quoll weisser Rauch hervor und verfluechtigte sich rasch. Einer der Feuerwehrleute redete erregt auf den Mayor ein, aber der schuettelte nur den Kopf. Der Arzt stand neben mir und starrte in den Konferenzsaal.
"Warum geht die Feuerwehr nicht mit Atemschutzgeraeten in den Saal?" fragte ich ihn. Er blickte mich verstaendnislos an. War wohl etwas zu kompliziert. Ich versuchte den Begriff 'Atemschutzgeraet' zu umschreiben. Diesmal verstand er.
"Oh, die Leitung befuerchtet, dass beim Oeffnen der Tueren schaedliche Gase austreten, die ungeschuetzte Personen gefaehrden koennten. Sie wollen warten, bis das Gebaeude evakuiert ist. Ausserdem", fuegte er hinzu, "wer sagt, dass es ueber die Atemwege wirkt?"
Er richtete seinen Blick wieder in den Saal.
"So etwas habe ich noch nie erlebt. Was kann einen ganzen Saal voller Menschen mit einen Schlag ausloeschen?"
"Gas."
"Sie meinen Giftgas? Und keiner schafft es bis zur Tuere? Keiner schafft es, den ... den ... wie sagt man .. Alarmknopf zu druecken?"
"Den Feuermelder. Wenn Sie kein Feuer sehen, sondern nur ploetzlich heftige Atembeschwerden verspueren oder, was weiss ich, vielleicht nur immer mueder werden, wuerden Sie dann den Feuermelder druecken? Die Sache kam einfach zu unerwartet. Bevor jemand kapierte, dass es nicht nur ihm so schlecht ging, war es schon zu spaet. Sehen Sie dort."
Ich deutete zur linken Saaltuere hinueber. Etwa ein Meter davon entfernt lag ein mir unbekannter Kollege auf dem Gesicht, wie wenn ihm ein Sturmwind dorthin geworfen haette.
"Der hat noch versucht zu entkommen. Vielleicht hat er schneller kapiert als die anderen, dass mit diesem Saal etwas nicht stimmte."
Hinter uns brach erneut eine hitzige Diskussion zwischen den Feuerwehrleuten und dem Mayor aus.
"Sagen Sie den Leuten, sie koennen die Tueren oeffnen", sagte ich zu dem gruenbekittelten Arzt.
"Was? Wieso?"
Ich deutete in den Saal. Ganz in der Naehe der Sichtscheibe, direkt an der Fussbodenleiste bewegte sich etwas. Zwei graue Nagetiere, wahrscheinlich Maeuse, huschten von Saeule zu Saeule. Die lange Stille im Saal hatte sie aus ihren Schlupfloechern gelockt. Sie schienen quicklebendig.
Der Arzt stuerzte davon. Kurze Zeit spaeter waren sie im Saal. Ich beobachtete sie durch die Scheibe vom Regieraum aus. Ich wollte nicht im Foyer herumstehen, mit ansehen wie meine Kollegen heraus getragen wurden, Gesichter erkennen, Francoise ...
Schuldgefuehl flutete in mir hoch, das Schuldgefuehl ueberlebt zu haben. Warum gerade ich? Genaugenommen verdankte ich Peekock mein Leben ... Peekock, der jetzt da drinnen lag. Gerade beugte sich ein Feuerwehrmann zu ihm herab ...
"Kommen Sie, wir brauchen jede Hand!"
Eine behandschuhte Pranke legte sich schwer auf meine Schulter und drehte mich halb herum. Der Mayor blickte mich ernst an.
"Wir haben nicht genuegend Leute. Bitte helfen Sie uns, die Menschen zu bergen", sagte er in fast akzentfreien Englisch.
"Sind alle .. ich meine ... gibt es ... Ueberlebende?"
Er schuettelte langsam den Kopf.
"Wir wissen es noch nicht. Es sind so viele. Kommen Sie!"
Es dauerte Stunden, ein stundenlanger, nicht enden wollender Albtraum. Ich wurde dem gruenbekittelten Arzt zugeteilt, weil dieser noch am besten Englisch sprach. Ich versuchte, meinen Blick nicht durch den Saal schweifen zu lassen. Die Angst, Francoise schlanker Koerper koennte in der naechsten Stuhlreihe auftauchen, setzte mir Scheuklappen auf.
Schliesslich war es vorbei. Die Toten lagen in zwei langen, saeuberlichen Reihen in den angrenzenden Fluren, verhuellt in Papierlaken, die Konferenz-Batches am Laken befestigt. Keiner der Anwesenden im Saal
hatte ueberlebt.
Francoise war nicht dabei.
Ich stand auf dem Vorplatz des Kongress-Zentrums und blinzelte in die helle Mittagssonne. Das Wetter kam mir pervers vor. Strahlender, blauer Himmel, warme Sonne. An der Zugspitze hing ein schneeweisser, dekorativer Wolkenfetzen, der sich sicher bald aufloesen wuerde. Pervers. Keine naechtliche Szene, in der die Blaulichter zuckende Schlagschatten auf duestere Fassaden warfen, kein Nebel, keine Scheinwerfer.
Die grandiose Natur im Verein mit dem Koenigswetter schien dem tragischen Unglueck zu spotten. Die Ambulanzen, Feuerwehren und Polizeiwagen mit ihren rotierenden Blaulichtern, die herum eilenden Sanitaeter und Cops, ja selbst die schweigend gaffende Menschenmenge hinter den rotweissen
Absperrstreifen mit der unleserlichen Aufschrift, alles schien klein, unwichtig, grotesk-laecherlich. Ein Schauspielchen, eine Tragoedie inszeniert von Ameisen. Die Berge laechelten gnaedig ueber das momentane Gewusel zu ihren Fuessen. Pervers!
Ich holte tief Luft. Das Gefuehl Noch-einmal-davon-gekommen-zu-sein schuettelte meinen Koerper. Die Nebennieren gaben ihr Bestes. Ich lehnte mich erschoepft an eines der Aluminiumgelaender, die zum Eingang hinauf fuehrten.
"Schorsch?"
Ich drehte mich um. Grosse erschreckte Augen, bleiches Gesicht, ein klammernder Griff an meinem linken Arm.
"Mon dieux! Schorsch!"
Ich hielt sie fest, bis das Schlimmste heraus war.
"Jean ist ... ist ... isch 'abe ihn gerade gefunden ..."
Ich streichelte ihre zuckenden Schultern.
"Wo bist du gewesen?"
Sie loeste sich von mir, schniefte und putzte sich die Nase, bevor sie antwortete.
"Isch war im Reisebuero. In der Stadt. Isch musste meinen Rueckflug nach Lyon umbuchen. Isch habe... isch wollte die Eroeffnungssitzung ausfallen lassen, weil isch spaeter keine Zeit mehr ge'abt 'aette ..Mon dieux,
wenn isch nischt gegangen waere .."
Sie verstummte und starrte durch die Glastueren ins Foyer.
"Jean ist ver'eiratet. Er 'at eine Baby ..."
Erst sehr viel spaeter begann die offizielle Untersuchung des Ungluecks. Gegen halb acht Uhr Abends meldete sich Schlosser per Telefon und bat uns herunterzukommen. In einem der kleineren Konferenzraeume in ersten Stock hatten sie ein provisorisches Buero eingerichtet. Wir warteten zusammen mit einem weiteren Kollegen, Juhanna Kasurinnen, aus Finnland. Er war ausser Francoise und mir der einzige Ueberlebende des Workshops. Seit gestern Mittag hatte er mit einer akuten Angina im Bett gelegen. Auch jetzt sah er immer noch ziemlich krank aus. Seine Augen glaenzten fiebrig und er schwitzte. In dem improvisierten Buero war viel Kommen und Gehen. Niemand kuemmerte sich um uns.
Schliesslich - es ging schon auf neun Uhr zu - erschien ein junger Cop in Zivil, um unsere Aussagen zu Protokoll zu nehmen. Er stellte sich mit Becker, Kriminalassistent Hermann Becker vom Polizeipraesidium Muenchen vor. Nach kurzer Debatte entschied er, dass er sich zuerst die Aussage von Kasurinnen anhoeren werde, damit dieser zurueck ins Bett gehen koenne. Die beiden verschwanden im angrenzenden Zimmer.
"Scheiss Cop", knurrte ich leise zwischen den Zaehnen. Francoise blickte mich erstaunt an.
"Du kennst ihn doch gar nischt ..."
"Fuer mich sind alle Cops Scheiss Cops", sagte ich heftig.
Francoise wollte etwas erwidern, verzichtete aber darauf und zuckte mit den Achseln.
Sie hatte ja keine Ahnung, wie diese Typen wirklich sind! Kleine, miese Existenzen, die ihr verpfuschtes Leben damit kompensierten, dass sie ihre Mini-Macht ueber die Buerger ruecksichtslos und sadistisch auslebten. Wer wurde schon freiwillig Cop? Ich kannte nur Versager, Schlaeger, Sadisten, ehemalige Dauerhaeftlinge. LA hatte mich gelehrt, niemals einem Cop zu trauen. Die Schwachen treten, vor den Maechtigen im Staub kriechen. Ich wusste genau, wie uns die Cops behandelt haetten, wenn wir nicht Gaeste dieses Hotels waeren, wenn wir nicht - in den Augen der Cops zumindest - ungewisse Beziehungen zu den Maechtigen haben koennten, denen sie normalerweise die Stiefel leckten. Wenn sie uns ohne Grund auch nur in der Naehe des Kongresszentrums aufgegriffen haetten, ohne Anzug und Krawatte, ohne Batch, dann hiesse es jetzt 'Sing, oder sammle dir deine Vorderzaehne selber ein'. Ich hatte es erlebt; mir erzaehlte keiner mehr etwas vom 'Freund und Helfer', 'Beschuetzer der Gesellschaft'. dass ich nicht lache! Die ganze Gesellschaft ist erst durch die Cops kaputtgemacht worden!
Ich lehnte mich zurueck und holte tief Luft. Ich durfte mich da jetzt nicht so hineinsteigern. Das konnte ins Auge gehen. Die Cops sind nicht dumm. Sie haben ein feines Gespuer fuer Ablehnung und Feindseligkeit
entwickelt. Kein Wunder, wenn man staendig die ganze Bevoelkerung gegen sich hat...
Schon zehn Minuten spaeter verliess Kasurinnen den Raum und eilte mit einem gemurmelten 'Bis spaeter' an uns vorbei. Er sah nicht gut aus. Der junge Cop in Zivil bat Francoise hereinzukommen und schloss wieder die Tuere. Diesmal dauerte es laenger. Als Francoise wieder erschien, sah sie verstoert und besorgt aus.
"Im Restaurant? Isch warte dort auf disch", fluesterte sie und verschwand.
Der Cop namens Becker sass hinter einem weissen Notebook an einem einfachen Tisch mit PVC-Platte und tippte.
"Bitte nehmen Sie Platz, Mister ...", er guckte auf meinen Batch, den ich immer noch am Revers trug, "... Moltke. Sind Sie zufaellig verwandt mit dem Grafen Moltke..."
"Nicht dass ich wuesste!" sagte ich eine Spur zu heftig.
Er guckte mich eine Sekunde lang an.
"War nur eine Frage. Ich schreib noch ein paar Zeilen. Dann beginnen wir, ok?"
Ich antwortete nicht.
"OK?" wiederholte er in schaerferem Ton.
"Ja, doch."
Das fing ja gut an. Waehrend der Cop seine 'paar Zeilen' tippte, versuchte ich mich abzuregen. In meinem Magen krampfte es schon wieder.
Ich schaetzte den Cop auf Anfang dreissig. Dichtes braunes Haar mit ein paar grauen Straehnen, die nicht beabsichtigt aussahen. Kurzhaarschnitt, wie es sich fuer einen Cop gehoert, allerdings nicht so kurz, wie es die Cops bei uns trugen. Braune, wachsame Augen. Lachfaeltchen. Kleiner Mund mit duennen Lippen. Er trug einen hellgrauen Rollkragenpullover unter einem dunkelgrauen, langweiligen Jackett. Er war nicht bewaffnet, soweit ich das beurteilen konnte. Vielleicht trug er aber einen Huefthalfter. Das Notebook war eine veraltete Intel-Kiste, 386 oder allenfalls 486. Sein Englisch war ungewoehnlich gut. Mit britischem Akzent.
"Ok", wandte er ich mir zu und schloss das Notebook. "Ich will Sie nicht laenger als noetig in Anspruch nehmen, und so weiter. Ich kann mir denken, dass dies ein scheusslicher Tag fuer Sie alle war. Ich schlage vor, Sie erzaehlen mir mit eigenen Worten kurz, was Sie heute erlebt haben, und ich fasse das Ganze in einem Vorabprotokoll zusammen. In den naechsten Tagen wird es sowieso eine umfassende Untersuchung geben. Ich kann mir vorstellen, dass Sie auch bald ins Bett moechten."
Der Cop Becker laechelte. Ich laechelte nicht. Er hoerte schnell wieder auf damit.
"Na gut. Vorab muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass ich nicht der Mordkommission angehoere. Normalerweise arbeite ich im Bereich Computerkriminalitaet. Zu diesem Fall bin ich nur abkommandiert worden, weil nicht genuegend Leute zur Verfuegung stehen ... und weil einige bei der MK meinten, es waere nicht schlecht, jemanden dabei zu haben, der was vom Thema der Konferenz verstehen koennte."
Ich sagte nichts. Der Cop zuckte mit den Achseln und klappte sein Notebook wieder auf.
"Also fangen wir an..."
Ich berichtete ihm in knappen Worten, was ich seit dem Aufstehen heute frueh erlebt hatte. Nach jeweils drei bis vier Saetzen unterbrach er mich, formulierte den Inhalt in eine komprimierte Fassung um und fragte mich dann, ob das so okay sei. Wenn ich nickte, tippte er den Satz in sein Notebook ein. Wenn nicht, formulierte er ihn solange um, bis ich ihm zustimmte. Er arbeitete schnell und mit Routine. Schon nach einer halben Stunde waren wir im Prinzip fertig. Waehrend der Text auf einem sehr langsamen Tintenstrahldrucker ausgegeben wurde, kamen ganz beilaeufig die wirklich wichtigen Fragen ans Tageslicht:
"Haben Sie irgendeinen Verdacht, und wenn er noch soweit hergeholt sein mag, wer fuer eine solche Tat ein Motiv haben koennte?"
Ich starrte ihn mit offenem Mund an.
"Sie meinen, es war kein Unfall?" fragte ich entgeistert.
Er schuettelte den Kopf.
"Wir wissen zwar noch fast gar nichts, aber das wissen wir ziemlich sicher. Der Tod Ihrer Kollegen wurde durch ein Kontaktgift verursacht, das ueber die Haut aufgenommen wird. Ausserdem haben wir unter dem Rednerpult eine verschmorte Apparatur entdeckt, die hoechstwahrscheinlich das Gift freigesetzt hat. Von einem Unfall kann also keine Rede sein."
Ich konnte nur stumm den Kopf schuetteln. Der Cop Becker wechselte das Thema.
"Kennen Sie Francoise Leduc?"
"Nein .. ja ... ich meine, sie ist eine Kollegin, aber wir kennen uns sonst kaum ..."
"Aber Sie sind gestern fast den ganzen Tag zusammen in den Bergen gewesen und sind Abends zusammen Essen gegangen ..."
Ich spuerte, wie meine Nebennieren ihre Taetigkeit aufnahmen.
"Das war reiner Zufall. Ich habe sie auf der Alpspitze getroffen und wir sind zusammen weitergegangen. Sie war allein, ich war allein, was liegt da naeher ..."
"Aber sie war nicht allein hier ..."
"Nein."
Der Gedanke an den toten Jean ernuechterte mich wieder etwas.
"Nein. Sie kam mit Jean Pascale hierher. Ich kenne auch ihn von frueheren Konferenzen und von einigen Veroeffentlichungen, aber ..."
"War Jean Pascale oder sonst irgend jemand mit Ihnen beiden zusammen beim Abendessen?"
"Nein, wir waren allein."
"Kommt Ihnen das nicht merkwuerdig vor? Eine junge Frau laesst ihren Kollegen, mit dem sie normalerweise eng zusammenarbeitet und mit dem sie zusammen im Auto bis hierher gekommen ist, einfach so sitzen und geht mit dem ersten besten Bekannten, den sie auf einer Bergwanderung trifft, zum Abendessen ..."
Ich schwieg. Ehrlich gesagt, war es mir auch etwas seltsam vorgekommen. In meiner Eitelkeit hatte ich mir wohl damit geschmeichelt, sie wuerde meine Gesellschaft der Jean Pascales vorziehen.
Der Cop Becker jonglierte einhaendig mit seinem Parker-Kugelschreiber und blickte mich nicht an.
"Haben Sie mit ihr geschlafen?" fragte er ploetzlich.

Fortsetzung folgt

Copyright Florian Schiel 1996